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Zwischen Fliehen und Verstecken

Zwischen Fliehen und Verstecken

Das Schicksal von Anne Frank ist die Geschichte einer gescheiterten Ausreise.

Otto Frank entschloss sich 1933, samt Ehefrau und den Töchtern Margot und Anne von Deutschland nach Holland auszuwandern. Doch als sich auch dort die Situation zuspitzte, blieb er, wo er war, obwohl er Freunde in den USA hatte und damit gute Aussichten, dort Fuß zu fassen. Eine Kusine, die bereits nach England gegangen war, bot ebenfalls Hilfe an. Als sich die Lage weiter verschlechterte, begann ein Rennen gegen die Zeit.

Die Studentenfreundschaft von Otto Frank mit Nathan Straus junior hätte alles ändern können. Familie Straus stammte ursprünglich aus Otterberg in der Pfalz und gehörte zu den vielen Auswanderern, die im Nachgang der 1848er-Revolution und angesichts fehlender wirtschaftlicher Perspektiven ihr Heil in den Vereinigten Staaten suchten. Aus ärmlichsten Anfängen bauten sie ein Handelsimperium auf, zu dem große Kaufhäuser gehörten, wie das heute noch existierende Macy's. Für ihre gehobene Kundschaft brauchten sie einen steten Nachschub an europäischen Luxusgütern, den sie bei häufigen Reisen nach Deutschland und Frankreich besorgten. 1912 reiste das Familienmitglied Isidor Straus standesgemäß mit der Titanic und ging mit ihr unter. Er und seine Frau verzichteten auf Plätze im Rettungsboot, um sie Jüngeren zu überlassen (1).

Nathan Straus junior ergänzte sein Studium an der renommierten Princeton-Universität durch drei Semester in Heidelberg, aus alter Verbundenheit mit Deutschland. Dort lernte er den zukünftigen Vater von Anne kennen: Otto Frank (1889 bis 1980), mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Die Tatsache, dass sie als Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg offiziell zu Feinden wurden, änderte ebenso wenig daran wie die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges.

Sie waren beide im selben Jahr und Monat geboren und schrieben sich 1908 gleichzeitig an der Universität Heidelberg ein (2). Dort waren sie Zimmergenossen. Nathan verbrachte viele Wochenenden im Kreise der Familie Frank.

Die Eltern Straus, die den Sohn in Heidelberg auf einer ihrer Europareisen besuchten, waren ebenfalls von Otto angetan (3). Otto Franks Vater stammte wie Familie Straus aus der Pfalz; man hatte gemeinsame Bekannte (4). So erhielt Otto das Angebot, bei Familie Straus in New York sein Berufsleben zu starten. Nathan und Otto begannen 1909 zusammen ihre Ausbildung bei Macy's. Otto war häufiger Gast in der eleganten Residenz der Familie Straus, 27 West Seventysecond Street.

Nathan Straus junior — eigentlich: Charles Webster Straus (1889 bis 1961) — ließ die väterlichen Geschäfte bald hinter sich; zuerst als Reporter und Herausgeber, seit den 1920er-Jahren als Behördenleiter und Abgeordneter. Bis 1942 war er Direktor der United States Housing Authority und konnte bei Bedarf Präsident Roosevelt und insbesondere dessen Frau Eleanor direkt ansprechen. Danach führte er bis zu seinem Tod den Radiosender WMCA, der ihm ab 1943 gehörte. Sein Sohn Ronald Peter Straus (1917 bis 2012) übernahm diese Aufgabe von seinem Vater. Er war es, der 1998 die Mutter der später berühmt-berüchtigten Monica Lewinsky heiratete.

Otto Frank entschied sich 1911 endgültig, nach Deutschland zurückzukehren. Dabei mag der plötzliche Tod seines Vaters eine Rolle gespielt haben. Familie Frank lebte in Frankfurt, wo man ein Bankhaus gleichen Namens besaß. Nachdem er im Bankgeschäft gescheitert war, heiratete Otto Frank 1925 Edith Holländer, die mit ihrer Mitgift seine Finanzprobleme lösen konnte (5). Mit ihr sollte er zwei Töchter haben: Margot und Anne.

Wegen der Nazi-Herrschaft zog die Familie 1933 nach Amsterdam, wo Otto die Niederlassung der Firma Opekta leitete (6). In deren Hinterhaus konnte sich die Familie von 1942 bis 1944 verstecken, bis sie verraten und verhaftet wurde. Noch kurz bevor die Deutschen die Niederlande besetzten, lehnte Otto das Angebot einer englischen Kusine ab, seine beiden Töchter nach London zu schicken (7). Die Eltern wollten sich nicht von ihren Kindern trennen.

Seine Schwäger Otto und Julius Holländer hingegen nutzten amerikanische Kontakte, um 1939 dorthin auszuwandern (8). Dabei stand schon 1939 einer Einreisequote von etwa 6.000 deutschen Immigranten in die USA ein Rückstau von 300.000 Anträgen auf der Warteliste gegenüber (9). Otto Frank hatte sich aus wirtschaftlichen Erwägungen lange nicht dazu entschließen können, alles aufzugeben und seiner Familie ein Leben in Armut zuzumuten. Als die Deutschen die Niederlande im Mai 1940 besetzten und ab 1941 sich alle Juden registrieren mussten, unterlagen diese zahlreichen Einschränkungen und wurden aus dem öffentlichen Leben gedrängt.

Am 30. April 1941 schrieb Otto Frank an Nathan Straus: „Ich bin gezwungen, mich um eine Emigration zu kümmern, (…) Du bist der einzige Mensch, den ich fragen kann. Wäre es Dir möglich, eine Kaution zu meinen Gunsten zu hinterlegen? (…) Wir sorgen uns vor allem um das Schicksal unserer Kinder“ (10).

Familie Straus ließ sich beraten und erfuhr, dass die Papiere durch die Brüder Holländer eingereicht werden sollten und dass man sich eventuell die Kaution von immerhin 5.000 Dollar pro Person sparen könne. Außerdem sollten die Franks Geld überweisen, das für ihre zukünftigen Belange genützt werden könnte. Julius Holländer nahm seinerseits direkten Kontakt mit Nathan auf, um die Angelegenheit zu beschleunigen (11).

Julius und Otto Holländer schlugen sich mit einfachen Jobs durch. Jeder für sich konnte jedoch seinen Arbeitgeber dazu bewegen, 1941 jeweils einen Bürgschaftsbrief für Anne beziehungsweise Margot Frank zu unterzeichnen und damit ihre Einreise in die USA zu ermöglichen (12). Aber woher das Geld nehmen für Gebühren, Reisekosten und so weiter?

Im Juni wurde entschieden, dass die Gebrüder Holländer das Geld für ihre Mutter hinterlegen würden, die bei den Franks in Amsterdam lebte. Nathan zahlte für Otto und dessen Frau, die jeweiligen Arbeitgeber für die Mädchen. Die Einreichung der Dokumente verzögerte sich jedoch. Im Juni 1941 schlossen die Konsulate im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten (13).

Am 30. Juni schrieb Otto an Nathan, dass das Konsulat in Rotterdam geschlossen sei und er nun kein Visum mehr beantragen könne. Er besaß auch nicht die vorgeschriebenen Schiffstickets. Im Herbst ließ Otto den Freund wissen, dass er nun nicht mehr arbeiten könne. Die Lage spitzte sich zu.

Julius Holländer bemühte sich nun um ein Visum für Kuba. Zeitweilig hatte sich Familie Straus von finanziellen Zusagen für Familie Frank distanziert, da die Summen verfielen, wenn nicht rechtzeitig ein Visum vorlag (14). Obwohl sich Schreiben zu seiner Rettung hektisch kreuzten, verblüffte Otto Frank alle Beteiligten mit der Aussage, vielleicht brauche er gar kein Visum nach Kuba (15). Er wolle allenfalls ein Visum für sich, die Familie könne er später nachholen. Am 1. Dezember 1941 wurde ein Visum für Otto Frank nach Kuba ausgestellt. Es ist unklar, ob es ihn je erreichte. Mit der Kriegserklärung Deutschlands an die USA zehn Tage später verlor dieses Visum wieder seine Gültigkeit (16). Der Kontakt mit den USA brach ab. Die Familie verschwand in ihrem Versteck.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Renate Reuther: Nathan und Isidor Straus — Die Begründer der New York & Rudolstadt Pottery Company. Rudolstädter Heimathefte 2012, Seiten 24 bis 26.
(2) Näheres dazu auf der Webseite der Universität Heidelberg.
(3) Carol Ann Lee: The Hidden Life of Otto Frank. New York 2003. Seite 10.
(4) Lee, Seite 10.
(5) Joan Adler: For the Sake of the Children. Smithton, NY, USA 2013, Seite 25.
(6) Joan Adler: For the Sake of the Children. Seite 30.
(7) Lee, Seite 63.
(8) Lee, Seite 59.
(9) Joan Adler: For the Sake of the Children, Seite VII.
(10) Katia Iken: Asyl abgelehnt, Fluchtplan gescheitert. Spiegel online, 27. Januar 2016.
(11) Vergleiche dazu auch: Melissa Müller: Das Mädchen Anne Frank. Überarbeitete Auflage, Fischer Taschenbuch 2013.
(12) Joan Adler: For the Sake of the Children, Seite 40.
(13) Joan Adler: For the Sake of the Children, Seite VIII.
(14) Joan Adler: For the Sake of the Children, Seite 84.
(15) Joan Adler: For the Sake of the Children, Seite 86.
(16) Katia Iken: Asyl abgelehnt, Fluchtplan gescheitert. Spiegel online, 27. Januar 2016.

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