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Zurück in die Steinzeit

Zurück in die Steinzeit

Das Vorbild einer friedlichen Urgesellschaft zeigt, dass eine bessere Zukunft durchaus möglich ist.

Alle kennen wir sie, die Linie, die vom affenähnlichen, gebeugten Australopithecus zum Homo sapiens sapiens führt. Jeder hat sie vor sich, die Bilder, wie aus platten Schädeln, wulstigen Augenbrauen und hervorstehenden Kiefern der wohlproportionierte Schädel des weißen Mannes wird. Jedem Kind wird erzählt, wie aus primitiven zivilisierte Menschen wurden und was der Fortschritt uns gebracht hat. Selbst in Zeiten, in denen dem Letzten klar sein dürfte, dass es so nicht weitergeht, werden Visionäre gern mit der Behauptung abgebügelt, dass man ja wohl nicht in die Steinzeit zurückwolle.

Ich bin keine Expertin in Sachen Urgeschichte. Doch ich kann lesen. Wie üblich ploppt als Erstes die Wikipedia auf, als ich den Suchbegriff Steinzeit eingebe — „das Internetportal mit Informationen zu allen Wissensgebieten, die allgemein zugänglich sind und von den Nutzern selbst erweitert und verändert werden können“. Ich lasse die Frage beiseite, welche Menschen sich eigentlich dazu befugt fühlten, etwa den Eintrag zum Thema Rubikon mit dem Wort „Verschwörungstheorie“ zu fluten, und wer eigentlich den Inhalt der Artikel kontrolliert. Ich interessiere mich dafür, wie die Allgemeinheit denken soll.

Primitiv

Die ältesten Funde zur Existenz des Menschen, so erfahre ich, sind ungefähr 2,6 Millionen Jahre alt. Die Entdeckung des Feuers liegt etwa 1,7 Millionen Jahre zurück. Eine Menge Zeit bis heute. Da konnte viel passieren. Das meiste davon wissen wir nicht. Unser Allgemeinwissen beschränkt sich auf wenige tausend Jahre und ein paar Eckdaten. Von Jägern und Sammlern ist die Rede, von der Entwicklung von Geräten und Waffen, Faustkeilen, Klingen und Messern, von der Entdeckung der Metalle und Ötzis Kupferbeil. „Die Menschen lebten in kleinen Sippen, die mit ihrer Jagdbeute im jahreszeitlichen Wechsel herumzogen“, heißt es.

„Moderne Untersuchungen haben ergeben, dass die steinzeitlichen Menschen etwa zwei Drittel ihrer Energie aus tierischer Nahrung bezogen und nur ein Drittel aus pflanzlicher Quelle.“

Ich frage mich jetzt ebenfalls nicht, von wem die „modernen Untersuchungen“ finanziert wurden. Mich interessiert die Beschreibung der Frauen in dieser scheinbar so harschen, von Jagd, Kampf und Eroberungsdrang geprägten Welt. Ich lese von starken Oberarmknochen, die es heute mit jeder Ruderin aufnehmen könnten, und von Venussen. Mehr als 250.000 Jahre alt ist die „Venus von Berekhat Ram“, eines der ersten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte, das auf den Golanhöhen in Israel entdeckt wurde. 200.000 Jahre jünger ist die „Venus von Willendorf“, von der Zeitschrift Der Spiegel wenig respektvoll „Pummel aus dem Eis“ genannt.

Laut Wikipedia handele es sich bei diesen Figurinen nicht, wie man zeitweise annahm, um Fruchtbarkeitsgöttinnen und Hinweise auf ein Matriarchat. „Die Wissenschaft“ vertrete heute diese These nicht mehr. Verwunderlich seien allerdings die Formen der Statuetten. An einer ungeschickten Darstellung könne es nicht liegen, da Tiere in Fluchthaltung oder im Augenblick des tödlichen Treffers oft mit einem „erstaunlichen Naturalismus“ dargestellt wurden. Man könne aber davon ausgehen, so wird eingelenkt, dass durchschnittliche Steinzeitfrauen nicht in der Lage waren, derartige ausgreifende Formen anzunehmen.

Am Anfang war die Frau

Dem Bild vom jagenden, kämpfenden, erobernden Steinzeitmenschen setzt die Historikerin Doris Wolf ein ganz anderes Wissen entgegen. Ausgangspunkt ihres Buches „Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit“ (1) ist die Sehnsucht der Menschen nach einer friedlichen Welt. Das sei, so die gängige Meinung, naives Wunschdenken. Haben wir nicht alle in der Schule gelernt, dass es „schon immer“ Krieg gegeben hat? Mussten wir nicht alle die Daten der Schlachten auswendig herunterbeten?

Drei — drei — drei, bei Issos Keilerei? Jedes Kind weiß, wie blutrünstig wir sind, wenn wir nicht vom Herrgott oder von Vater Staat gezügelt und domestiziert werden.

Doris Wolf hat etwas anderes herausgefunden. „Schon immer“ bezieht sich nur auf die letzten 5.000 Jahre unserer Geschichte. Bis in die Bronzezeit hinein war die Welt friedlich. Die Menschen führten keine Kriege. Es wurde auch nicht gejagt, und deshalb brauchte es keine Waffen. Gejagt haben erst die indoeuropäischen Eroberer, die zunächst in Alt-Europa eindrangen und an der Wende vom 3. ins 4. Jahrtausend in Mesopotamien und Ägypten die Macht der friedlichen matriarchalen Frauenkulturen an sich rissen. Die neuen Tyrannen erhoben sich selbst zu Göttern und ersetzten die alten Sonnenkulte durch Kriege, Eroberungen, Sklaverei und Unterdrückung.

Die Barbarei dieser „Hochkulturen“ wird heute in den Museen der ganzen Welt bewundert. Was davor war, wurde nicht in den Katalog des Allgemeinwissens aufgenommen. So wissen die wenigsten, was Urmenschenforscher heute eindeutig nachweisen können: Die Welt war vor allem weiblich geprägt. Unsere Vorfahren lebten hauptsächlich von Körnern, Früchten, Nüssen und Wassertieren. Die angestammte Nahrung des Menschen sind Pflanzen und nicht Tiere. Entsprechend verbrachten wir unsere Zeit nicht mit der Jagd auf andere Lebewesen, sondern damit, miteinander zu kooperieren, im Rhythmus der Jahreszeiten und im Einklang mit der Natur zu leben und das Lebendige zu ehren und zu feiern.

Bis Kleopatra von 69 bis 30 vor Christus, die letzte Pharaonin Ägyptens, wurde der königliche Thron über die weibliche Linie weitergegeben. Auch die Throngöttin Isis war weiblich. Ob in Kunst, Religion, Medizin oder Nahrungsbeschaffung — es war das Wirken der Frauen, das maßgeblich war. Die Mutter übermittelte die Sprache, den Umgang mit der Natur, das Sammeln und Zubereiten von Nahrung, das Anfertigen von Kleidung, von Unterkünften, Werkzeugen, Schmuck. Die paläolithischen Gruppen basierten auf Mutterverwandtschaft, und die Stämme bestanden aus Ahnfrauen und ihren Kindern.

Die Steinzeit, die um 2.000 vor Christus mit der Bronzezeit endete, kannte keine Tyrannei, keine Unterdrückung, keine Kriege.

Neolithische Siedlungen besaßen keine Waffen, keine Mauern und keine Verteidigungsanlagen. Man fand keine Anzeichen von menschlichem Streit oder menschlichen Gewalttätigkeiten. Für Doris Wolf ist es eine bewiesene Tatsache: 98 Prozent unserer Geschichte verliefen friedlich. Doch davon will die männerdominierte Forschung nichts wissen. Denn das würde bedeuten, dass sie sich mit dem Matriarchat auseinandersetzen müsste.

5.000 Jahre Unterdrückung

Die Wissenschaft beschäftigt sich vor allem mit den Kulturen, in denen die Frauen nichts zu sagen hatten. Den männlichen Pharaonen dienten sie als Sklavinnen oder als „Hand Gottes“ — als Masturbationshilfe. Das Leben war Männersache, der weibliche Schoß nicht mehr als ein Gefäß. In der griechischen Antike glaubte man, die Väter seien die eigentlichen und alleinigen Erzeuger neuen Lebens. Frauen wurden zu Brutöfen degradiert, die die männliche Frucht zur Reife brachten. In der Tragödie des Dichters Aischylos wird Orest, des Mordes an seiner Mutter angeklagt, von Apollo unschuldig gesprochen: „Nicht die Mutter ist eines Kindes Zeugerin. Sie hegt und trägt den eingesäten Samen nur.“

Auch die stark männlich ausgeprägten Imperien des antiken und des neuzeitlichen Roms drängten die Frau in eine Nebenrolle, aus der sie sich bis heute nicht wirklich befreit hat. Wir haben uns damit zufriedengegeben, schmückendes Beiwerk zu sein und in Ruhe gelassen zu werden. Im letzten Jahrhundert mag es vielen als ein Segen erschienen sein, wählen und abtreiben zu dürfen und über ein eigenes Bankkonto zu verfügen. Wer so lange am Boden gehalten wurde, ist daran gewöhnt, sich mit Krümeln abspeisen zu lassen. Doch wirklich befreit und zu unserer vollen Größe entfaltet haben wir uns lange nicht.

Wir halten uns für emanzipiert, wenn wir die Pille schlucken, unsere Kinder abgeben und uns in der Arbeitswelt ausbeuten lassen. Wir meinen, mit den Männern auf Augenhöhe zu stehen, wenn eine Handvoll Frauen staatsführend wirkt und bei Waffenhandel und Weltfinanz mitmischt. Tatsächlich ist das, was wir heute erleben, der Gipfel frauen- und lebensfeindlicher Herr-schaft: In allen Strukturen, in allen Institutionen dominiert das Streben nach Macht und Kontrolle. Dem Weiblich-Mütterlichen zugeordnete Eigenschaften wie Fürsorge und Pflege zum Wohle aller kommen so gut wie nicht zum Tragen.

Durch den Machbarkeitswahn erleben Überwachung und Erniedrigung heute weltweit einen Höhepunkt, wie es ihn noch nie gegeben hat. Kaum ein Grashalm darf noch unbewacht gedeihen.

Alles ist unter Kontrolle und wird von oben beaufsichtigt. Leben entsteht im Reagenzglas und macht die Frau als Gebärende überflüssig. Alles haben wir uns nehmen lassen: die Magie, die Heilkräfte, die Würde, die Rolle der Lebensschenkenden. Nichts mehr haben wir mit denen gemein, die wir einmal waren: Menschen, die dafür geachtet und geehrt wurden, dass aus ihnen das Leben entspringt.

Die Verehrung der Großen Mutter

Vor dem Hintergrund des Transhumanismus und dem Griff nach der kompletten Kontrolle über das Lebendige bekommt die Matriarchatsforschung eine Bedeutung, bei der es um weit mehr geht als um Folklore. Es geht um das Überleben der Menschheit. Denn mit der jahrtausendealten Dominanz der männlichen Prinzipien sind wir als Ganzes so sehr aus dem Gleichgewicht gefallen, dass wir unsere Existenz riskieren.

Wenn wir als Menschen weiterleben wollen, müssen wir gemeinsame Sache machen, um in ein neues Gleichgewicht zu finden. Hierfür ist es hilfreich und unterstützend, sich darauf zu besinnen, wer wir waren, bevor wir uns gegeneinander aufbringen ließen. Spuren hierfür gibt es viele. Das Problem ist, dass die Funde von den meisten Männern und Frauen nach männlichen Kriterien interpretiert werden. Die Rolle des Weiblichen bei der Entwicklung der Kulturen bleibt weitestgehend unberücksichtigt. Um das zu ändern, braucht es den Blick von Frauen und Männern, die den Zugang zu ihrer eigenen Weiblichkeit nicht verloren haben.

„Die urgeschichtliche Zeit wird meist unterschätzt, einseitig interpretiert, fast immer als unwichtig abgetan; doch die urgeschichtliche Kultur könnte in vielen Belangen ein Wegweiser in eine bessere Zukunft sein“, schreibt Doris Wolf. In akribischer Feinarbeit erforscht sie die Orte, an denen alles begann, und erkennt in den Höhlen der Steinzeit Stätten des Ausdrucks einer hochentwickelten Kultur.

An den ältesten sakralen Orten der Erde stand eindeutig die Weiblichkeit im Zentrum der göttlichen Verehrung. Denn es ist der Leib der Frau, in dem das Leben entsteht und heranreift. Aus ihr entspringt die schöpfende Kraft, der neue Mensch. Die Frau ist es, die das Leben in sich trägt und die Dinge zusammenhält. Hierfür wurde sie geachtet. Unzählige Felsgravuren zeugen davon, Malereien, Statuetten und Gebilde. Alle sind der Verehrung der großen Mutter gewidmet, der Leben schenkenden Göttin.

Männerneid schafft Frauenleid

In über 20 Millionen Werken auf allen Kontinenten wurden während 40.000 Jahren ausschließlich Frauenkörper und als Regenerationssymbole geltende Vulven repräsentiert. Das Dreieck, die symbolhafte Darstellung des Schoßes der Frau, ist in den ersten menschlichen Kulturen omnipräsent. Hinweise auf die Verehrung männlicher Gottheiten gibt es hingegen nicht. Bis vor 5.000 Jahren gab es keinen einzigen männlichen Gott. Europaweit wurden nicht einmal zehn vorgeschichtliche Phalli gefunden.

Der Anteil des Mannes an der Fortpflanzung war lange nicht bekannt. Es gab kein bewusstes Verständnis vom Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und Empfängnis, Koitus und Geburt. Zwischen beiden liegt eine lange Zeitspanne. Geburt war ein Geheimnis, ein Mysterium des Lebens. Die Vaterschaft wurde erst viel später erkannt. Entsprechend war in den matriarchal geprägten Gemeinschaften der Steinzeit der biologische Vater irrelevant. Geschlechtsverkehr wurde mit wechselnden Partnern praktiziert und die Familien und Clans durch die Mütter zusammengehalten. Erst seit Erfindung der Gentests kann die biologische Vaterschaft ermittelt werden. Ansonsten liegt das geheime Wissen bis heute bei den Müttern.

Die geringe Bedeutung des Männlichen während der frühesten und längsten Epoche der Menschheitsgeschichte war den überwiegend männlichen Geschichtsschreibern der Neuzeit ein Dorn im Auge.

Sie sahen in den feinen tropfenförmigen Amuletten Speerspitzen und in den ersten von Menschenhand geschaffenen Artefakten bloße Werkzeuge wie Hammer, Schneider, Schaber, Kratzer und Bohrer. Die symbolische Darstellung des Leben spendenden weiblichen Schoßes konnten und wollten sie nicht erkennen.

Es gibt, so Doris Wolf, kein Artefakt aus der Altsteinzeit, das von der patriarchalen Wissenschaft nicht als Waffe interpretiert wurde. So konnte in den Köpfen der männlichen Forscher die Idee vom großen Jäger der Urzeit wachsen und gedeihen. Dies sei, so meint auch die Archäologin Gerda Weiler, eine populäre Fehleinschätzung, die nicht den Tatsachen entspricht. Sie entspränge romantischen Männerfantasien von einem gefahrenumwitterten Busch, beutereichen Wasserstellen, endlosen Savannen, lebenslanger Kameradschaft und Abenteuern von früh bis spät.

Unterdrückt, gejagt, ausgelöscht

Die Fülle der Funde lässt nicht auf Jagd, Kampf und Eroberung schließen, sondern auf kreative Talente und eine große Freude an künstlerischer Tätigkeit. Hier, so Doris Wolf, waren nicht primitive Machtmenschen am Werk, aggressive Barbaren, kriegsbegeisterte Waffennarren und tötungslustige Jäger, sondern Menschen, die in Frieden, Freiheit und innerer Ausgeglichenheit gelebt haben und deren tiefe Spiritualität der Mittelpunkt ihres Lebens war. Doch was nicht sein sollte, das durfte nicht sein. Systematisch wurde die weibliche Schöpferkraft heruntergespielt, so sehr, dass wir heute kurz davorstehen, sie uns ganz nehmen zu lassen.

Die christliche Lehre und die monotheistischen Religionen der Neuzeit degradierten die Frau zum Ursprung allen Übels, zur Hexe, zum Sexualobjekt. Die Psychologie Freuds unterstützte und förderte eine paternalistische Sicht auf die Dinge, die das Weibliche diskriminierte und ausschloss. In den Göttinnen der Steinzeit erkannte man bestenfalls die Venus, die die männliche Lust anregte, oder Fruchtbarkeitssymbole, um den materiellen Wohlstand anzukurbeln. Nie darf es etwas anderes gegeben haben, das göttlich verehrt wurde, als das Männliche.

Systematisch wurde jede weibliche Symbolik unterdrückt. Das ägyptische Udjat-Auge, das für Schutz, Kraft, Gesundheit, Leben und Glück stehende alles sehende Auge der Göttin Isis, wurde von der Priesterkaste usurpiert und zum „Auge des Horus“, des erobernden Gottes. Der altägyptische Pharao Echnaton machte aus dem ursprünglich weiblichen Ankh-Kreuz, Symbol des Lebens, das Zeichen einer neuen Vaterreligion. Später wurde es zu einem Symbol des Androgynen, bis es schließlich zum Zeichen der biologischen Weiblichkeit stilisiert wurde, das wir heute kennen.

Auch das in die Felswände gravierte matriarchale Kreuz wurde usurpiert und von den christlichen Staatskirchen zum Marterpfahl stilisiert, zum patriarchalen Symbol des Leidens und des Todes. Aus dem einstigen Symbol des Lebens, dem tragenden Prinzip des Kosmos, wurde, so Doris Wolf, die voyeuristische Veranschaulichung einer sadistischen Freude am Quälen und Leiden, ein Kennzeichen patriarchaler Nekrophilie.

Steuerung durch Bildung

Durch die Zerstörung des Matriarchats wurde nicht nur die Mütterlichkeit kaputtgemacht. Wir stürzten in Leere und Depression, verloren unser natürliches Einfühlungsvermögen, wurden herzlos und hart. Unsere Kinder konnten nicht mehr in dem Gefühl bedingungsloser und umfassender Liebe aufwachsen und gaben ihren Schmerz an ihre Kinder weiter. Von Generation zu Generation setzte sich das Leid fort. In aller Welt verursachten patriarchale Regierungen Elend, Not, Verzweiflung, Angst, Schrecken und Hoffnungslosigkeit durch Gewalt, Krieg, Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Habgier, Korruption, Vorschriften und unmenschliche Gesetze.

Die Hierarchien und Machtstrukturen des Patriarchats haben die Menschen verdummt, verroht, entrechtet, desensibilisiert, manipuliert, hirngewaschen.

Die eigene Wahrnehmung wurde vergiftet und verseucht. Das ist die eigentliche Krankheit, unter der wir heute leiden. Nicht irgendein Virus ist die wirkliche Gefahr, sondern unsere Entfremdung vom Ursprünglichen, Wesentlichen, Mütterlichen. So weit haben wir uns heute davon entfernt, dass wir nicht mehr wissen, wem wir überhaupt noch glauben können.

Anstatt uns eigenständig auf die Suche zu machen, plappern wir dem nach, der die raffinierteste Marketingstrategie fährt und über die besten Sendezeiten verfügt. Das selbstständige Denken und Recherchieren, klagt Doris Wolf, ist auch der Wissenschaft abhandengekommen. Echte und unabhängige Forschung und Bildung gibt es so gut wie nicht. Durch das bis heute gültige Reichskonkordat vom 20. Juli 1933 regelt und kontrolliert der Vatikan — also die Institution, die 2.000 Jahre Frauenfeindlichkeit geprägt und gefördert hat — Bildung, Kultur, Schule und Universitäten. In allen staatlich abhängigen Bildungseinrichtungen wird ausschließlich patriarchales Wissen vermittelt. Der ständig zunehmende Examensdruck lässt keine Zeit für eigene Gedankengänge. So werden wir zu Fachidioten herangezogen, blind für die Vorgänge des Lebens. Ein Entkommen ist nicht möglich. Wer Karriere machen will, muss sich dem Mainstream unterwerfen.

Dem Kampf patriarchaler WissenschaftlerInnen gegen die Anerkennung der weiblich dominierten Urzeit widmet Doris Wolf ein ganzes Kapitel. Forschung ist unerwünscht, wenn sie die gesellschaftlich verordneten Denknormen sprengt. So kommen die wichtigsten Beiträge zum Matriarchat und zur Religion der Göttin nicht durch Institute und religiös gebundene Forschung, sondern durch freie, kreative, intuitive außenstehende Frauen und aufgeschlossene Männer.

Das Ende der Herrschaft

Es ist höchste Zeit, uns daran zu erinnern, wer wir eigentlich sind und welcher Quelle wir entspringen. Ein Leben in Frieden, Harmonie und mäßigem Wohlstand ist möglich! Wir haben uns das Gegenteil einreden lassen. Machen wir uns frei davon und nehmen wir uns das eigenständige Denken zurück! Bringen wir das Mütterliche, das Lebenschöpfende, das Nährende, Pflegende, Allumfassende wieder in das Zentrum unserer Gesellschaft. Hören wir auf, „unseren Mann zu stehen“, und entwickeln wir, Frauen und Männer zusammen, den Mut, das Weibliche in uns zu befreien.

Machen wir uns klar, dass es in einer Gesellschaft, in der das Mütterliche im Zentrum steht, keine überforderten Mütter gibt, keine ungewünschten, ungeliebten oder ausgesetzten Kinder, keine Überbevölkerung, keinen Hunger, keine Unterernährung, keine Armut.

Die heute noch existierenden Matriarchate zeigen, dass es bei ihnen keine „schwere Kindheit“ gibt und keine „schwierigen Familienverhältnisse“, keine Frauenmorde durch Partner, keine Familiendramen, bei denen Männer ganze Familien auslöschen, keine dramatischen Scheidungen, keine Alkoholsucht, keine Vergewaltigungen, keine Bedrohung und keinen Terror.

Das Matriarchat kennt keine Abwertung, keine Diskriminierung, keine Verteufelung, kein Fernhalten von Bildung, keine sexuelle Kontrolle, keine Verstümmelung der Sexualorgane, kein Einsperren, keine Gewalt, keinen Mord, keine Hexenverbrennung. Erst mit dem Patriarchat ging der liebe- und respektvolle Umgang mit Frauen, Müttern und Kindern verloren. Die von ihm ausgehenden schwerwiegenden seelischen Störungen und nachhaltigen charakterlichen Veränderungen haben, so Doris Wolf, aus einer Kultur von Mitmenschlichkeit und gegenseitigem Respekt eine verrohte und neurotische Unkultur gemacht.

Den Neid überwinden

Nur wenn wir erkennen, dass wir uns geirrt haben, können wir den Kurs ändern. Wenn wir nicht als Zombies und Roboter in einer transhumanistischen Technokratie enden wollen, müssen wir uns jetzt entscheiden. Morgen ist es zu spät. Alles hängt davon ab, welchen Platz wir dem Weiblichen in unserem Leben geben. Es geht hier nicht darum, wer über wen herrscht, sondern um das Ende der Herrschaft. Nicht die Frau soll über dem Mann stehen und der Mann nicht über der Frau. Beide zusammen sollen dem Leben dienen und nicht dem Tod.

Um dies zu ermöglichen, müssen wir uns von etwas trennen, was uns seit Jahrtausenden von innen heraus zernagt: Neid und Missgunst. Wir konnten es nicht ertragen, dass andere für etwas geachtet wurden, was wir selbst nicht geben können. Anstatt uns darauf zu besinnen, was wir an Besonderem zu geben haben, verglichen wir uns und konzentrierten uns auf das, was wir nicht können. So sind wir der Illusion von Mangel und Minderwertigkeit zum Opfer gefallen. Ohne die daraus resultierende Angst wäre die Welt eine andere geworden.

Wenn wir das erkennen, können wir es anders machen. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Doch indem wir uns darauf besinnen, was wir an Einzigartigem in uns tragen, können wir zusammen eine neue Geschichte schreiben. Es geht nur in einem gemeinsamen Geben und Nehmen, Aussenden und Empfangen. Wenn eines überhandnimmt, bricht das Ganze zusammen. Es ist an uns, das nicht geschehen zu lassen. Werden wir gemeinsam Eltern und schicken wir eine neue Generation in die Welt, in der Frieden keine Utopie, sondern eine Realität ist.

In Ordnung

Lösen wir die Knoten in unseren Köpfen und in unseren Körpern. Befreien wir uns von dem Krebs, der die Gesellschaft zerfrisst. Öffnen wir erneut unsere Herzen füreinander. Wir sind nicht schlecht.

Über Hunderttausende von Jahren haben Frauen und Männer gezeigt, dass sie in Harmonie miteinander leben können. Wir haben uns verdrehen lassen, kapern, besetzen. Befreien wir uns von den Besetzern, von den Gedanken an Mangel und Minderwertigkeit und den Dämonen, die über sie in die Welt kamen: Neid, Eifersucht, Gier, Kontrolle, Überwachung, vor allem aber die Angst, nicht richtig zu sein.

Wir sind in Ordnung. Hinter den sich in Jahrtausenden aufgebauten Verdrehungen und Verzerrungen brennt ein Feuer, an dem wir uns niederlassen können. Setzen wir uns einander gegenüber und schauen uns in die Augen. Halten wir dem Blick stand und erkennen wir einander. Frauen und Männer — jeder von uns hat eine besondere Gabe, die der andere nicht hat. Es ist an uns, sie zu finden und zum Erblühen zu bringen. Wir können sie nicht erjagen, nicht erobern, nicht mit Gewalt an uns reißen. Sie offenbart sich uns nur im Frieden und in der gegenseitigen Achtung.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Doris Wolf: Das wunderbare Vermächtnis der Steinzeit und was daraus geworden ist..., BoD 2017 und https://www.doriswolf.com/wp/

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