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Zivilisation im Korsett

Zivilisation im Korsett

Gerade jene Kräfte, die angetreten waren, die Macht zu kritisieren, sind aus Angst zu treuen Jagdhunden im Dienst globaler Herren geworden. Teil 4/4.

Die Kapitelzählung erfolgt über alle vier Folgen ― dieser letzte Teil setzt mit Kapitel XV. ein (Teil 1 bis 3 finden Sie hier und hier und hier).
Teil 4: Vom Tod der Bildung durchs Geschäft und vom Ende des Geheimnisses.

XV.

Mit Anwendungswissen, mit Kompetenzen, mit Abendkursen und lebenslangem Lernen wird Wissen vom Raum der zweckfreien Neugier abgetrennt. Nicht nur, dass es in dieser Weise Dienstleistungs- und Produktionsketten zudient, vielmehr vollzieht sich Wissen selbst nur noch in solchen Ketten, die keinen anderen Zweck haben als die Profitsteigerung. Im Dunkeln bleibt dabei alles, was als Erkenntnis dem Kapital schadet. „Bilden“ so verstanden heißt: Abdunkeln des Machtbereichs und Ausleuchten aufseiten der Ohnmacht. Reinemachen, Sortieren, Einordnen. Dabei schwindet jede Autonomie aufseiten der Menschen, jedes Versteck, jedes Geheimnis. Erkenntnis ist gestrichen. Zero Knowledge. In einer Bildung, die in einer Folgezivilisation neu oder wieder zu finden wäre, bliebe das Geheimnis bestehen ― nicht das Geheimnis des Kapitals, sondern dasjenige der Freiheit.

Innerhalb der Zivilisation muss es neuralgische Stellen geben, entscheidende Weichenstellungen, die den erkenntnistheoretischen Zusammenbruch ermöglicht haben beziehungsweise erklären. Die Sprache ist hierbei ganz wesentlich. Der Niedergang, der durch syntaktische und semantische Verödungsmechanismen herbeigeführt worden ist ― Werbung, Branding und alle Zwecke, für die die Sprache im Auftrag des Geschäfts vergewaltigt wird ―, ist eindrücklich. Allerdings setzt dieser Niedergang eine aktive Hemmung bei der Bildung voraus, ein Töten von Kritikfähigkeit.

Sonst hätte sich eine Zivilisation die totale Geistesverödung durch Werbung und Co nicht gefallen lassen, selbst dann nicht, wenn der Hang zur Bequemlichkeit vieles erklären mag. Werbung ist Bestandteil des Geschäfts. Das Geschäft aber ist nicht erst in ihr wirksam, vielmehr zielt es grundlegend gegen Bildung im Sinne von Erkenntnis. Aus diesem Grund ist die Bildung an die Wand zu fahren. Und wenn in diesen Tagen unter kritischen Menschen eher solche anzutreffen sind, die weniger lang, weniger systematisch Bildungsprozessen ausgesetzt gewesen sind, so bestätigt das die These.

Was ist mit der Bildung im Laufe des 20. Jahrhunderts geschehen? Auch da spielt die politische Linke eine Rolle, eine Linke, welche die „Reformen“ hin zu Effizienz, zu Optimierung (1), zum marktwirtschaftlichen Anwenderwissen nach dem Mauerfall wesentlich mit angetrieben hat. Dass sie prominent dabei war und keineswegs als Bremsklotz fungierte ― Beispiel Digitalisierung der Schulen ―, hat mit der Unbeholfenheit und der daraus hervorgehenden Staatsgläubigkeit zu tun, die ich in den vorangehenden Teilen als Merkmal herausgestellt habe.

XVI.

Guido Giacomo Preparata ist einer der nicht allzu vielen Dissidenten im heutigen „Intellektuellen-Betrieb“ des Westens (2). In seinem Buch „The Ideology of Tyranny“ aus dem Jahre 2007 ― die deutsche Übersetzung „Die Ideologie der Tyrannei“ folgte 2015 ― stellt er „geistige Linien“ heraus, die dazu geführt haben, dass Machtkritik in der westlichen Hemisphäre zum Erliegen gekommen ist und die Ideologie der Neocons gerade auch über Instrumente wie Political Correctness und Genderismus freie Bahn bekommen hat.

Die Ideologie der Neocons ist es, die wir ― sozusagen im Spiegel der Reaktion von Medien, Wissenschaftlern, Politikern und natürlich auch der Massen ― angesichts der ausgerollten Pandemie wiedererkennen. Die paradoxe Konstellation, die darin besteht, dass die „erwünschte“ Reaktion wesentlich und forciert auch aus linken Kreisen stammt, habe ich in Folge 2 und 3 erläutert. Über die (Sehn-)Sucht nach Kontrolle ― hier spätestens schließt der Begriff der Planung und somit auch der Planwirtschaft an ― verschränken sich scheinbar linke Positionen mit den feudalkapitalistischen Zielen der Neocons, zuweilen auch als Philanthropen angeschrieben.

Auch Preparata bezieht sich auf die Linke. Seiner Herleitung der zivilisatorischen Verheerung als Heimsuchung einer emanzipatorischen Linken durch „rechte Positionen“ eines Martin Heidegger, Ernst Jünger und auch Friedrich Nietzsche, vermittelt über die Postmoderne, muss zwar widersprochen werden (3). Erhellend ist aber sein Hinweis auf das Geschäft im Zusammenhang mit Bildung ― und zwar in dem Sinne erhellend, als dass nicht nur die Zerstörung der Bildung als solche, sondern vielmehr die Zerstörung als erkenntnistheoretische Vorbedingung für das Greifen des finalen Virentheaters erkannt wird. Denn in dieser Zerstörung steckt tatsächlich ein, wenn nicht gar der Schlüssel zur Implementierung einer globalen Machtverschleierung.

Diese Erkenntnis sieht Preparata im Werk des US-amerikanischen Soziologen, Ökonomen und Philosophen Thorstein Veblen dargelegt: „Geschäftssinn ist unvereinbar mit dem Geist der höheren Bildung“ (4). Preparata kommentiert:

„Veblen hatte schon (am Ende des Ersten Weltkriegs, Anmerkung des Autors) geahnt, wie eine anhaltende Gewöhnung an ‚die geldbezogene Förderung der Geschäfte‘ verbunden mit dem ‚mechanischen Stress‘ der ‚industriellen Gewerbe‘, die traditionelle Haltung des Wissenserwerbs aus einer Art ‚reiner Neugier‘ einschränkt, wenn nicht sogar völlig aufhebt.“

Und weiter:

„Der Antrieb Geld zu verdienen, hat die Institution Universität, wie Veblen schon vor einem Jahrhundert bezeugt, durch eine Vielzahl von Unternehmungen ‚überschwemmt‘ (5). Diese sind mit dem Bereich der Wirtschaft verbunden und haben das Umfeld der Forschung zerstört. An ihrer Stelle sind ‚Quasi-Universitäten der groben Anwendbarkeit‘ getreten, die von Geschäftsleuten eingerichtet wurden.“

Und das Überschwemmen, das sich gerne auch als Wuchern zeigt, hat konkrete Formen angenommen:

„Es sind dies (die Institutionen der groben Anwendbarkeit, Anmerkung des Autors) die zeitgenössischen Konglomerate, die akademische Katechismen in massenhaft besuchten Wahlfächern dosiert verkaufen, nämlich ‚Ausbildung der Gymnasiallehrer‘, ‚Aufbaustudium für Nichtausgebildete‘, an ‚Nebenstellen der Universitäten‘ und durch Fernstudium ‚per Post‘“ (6).

Die Folge ist, wie sie Veblen bereits 1918 beschreibt:

„Die Universität wird als ein Kaufhaus konzipiert, das mit handelsüblichem Wissen handelt. Es untersteht der leitenden Hand eines Chefs der Gelehrsamkeit, dessen Amt es ist, bei der Mittelvergabe den größtmöglichen Ertrag zu berücksichtigen“ (7).

Damit ist die Usurpation der Bildung und folglich auch der Erkenntnis durch das Kapital als Voraussetzung für die Machtverschleierung gefasst. Über ein System der Konkurrenz der Schulen um Zugänge, Publizität und Gewinn wird die Bildung den angepeilten Machtverhältnissen, die sie eigentlich durchleuchten sollte, eingefügt. Veblen schreibt:

„Ein solches System der autoritären (8) Kontrolle, Standardisierung, Graduierung, des Berichtswesens (Bürokratie!, Anmerkung des Autors), der Klassifizierung (Rankings!, Anmerkung des Autors), des Belohnens und Bestrafens, wird notwendigerweise an umso kürzeren Zügeln gehalten, je mehr die Schule den Charakter einer Kontroll- und Strafanstalt annimmt, in der die unfreiwilligen Insassen einer Reihe geschmackloser Aufgaben (9) zugeführt (...) werden“ (10).

Wird in diesem Zitat „Schule“ durch „Gesellschaft“ ersetzt, so ist die Lage gezeichnet, in der wir uns heute befinden. Veblen zeigt auf, was das Fehlen von Autonomie, also Freiheit, auf dem Gebiet der Bildung konkret bedeutet. Der Mechanismus, den er herausstellt, ist nichts anderes als der neoliberale Mechanismus samt seiner verdrehten Semantik, den wir als finale Figur heute in seiner ganzen Perversion erkennen, ein totalitäres Monster.

Kontrolle, Standardisierung, Graduierung von Verhalten, Bürokratie ins Endlose ― eines der wirksamsten Mittel, Denken vorzubeugen ―, Klassifizierung, Belohnen, Strafen: So funktioniert Gesellschaft, wenn Unbeholfenheit die Menschen daran hindert, gegen das Korsett anzugehen.

Die Mechanismen, die uns vollständig eingeschnürt haben, sind bereits vor hundert Jahren formuliert worden. Ist das nicht verblüffend? Und doch hat dies sie nicht daran gehindert, das Werk zu tun. Auch mir sind sie erst allmählich in den 1990ern und verstärkt im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends bewusst geworden. Reformen und Evaluationen haben jede wirksame Erkenntnis mit Formularen, Modulen und ganz vielen globalen Wörtern geflutet ― stets unter dem Vorwand, Stau abzubauen. „Reformstau“ ist eines der Schlüsselwörter in Bildungsinstitutionen. Solche Reformen und Evaluationen ergossen sich endlos als Weiterbildungen über die Lehrkörper. Zertifikate und Portfolios wurden geschaffen, zu Hunderten. Sie ebneten der Karriere den Weg. Und wer sie nicht hatte, weil er vielleicht aus Neugier irgendwo stehen blieb, wurde abgestraft.

Heutzutage lernen Studenten längst nicht mehr, um Zusammenhänge zu begreifen, sie lernen, um ein nächstes Modul abzuhaken. Die Anbiederung ans Kapital ist tief und damit unkenntlich verankert. Drittmittel finanzieren Forschung, deren Verwertbarkeit fürs Kapital wiederum die Forschung bestimmt, die anschließt. Mit Glanz in den Augen und Stolz in der Stimme ― Kitsch ist stets dabei ― haben Rektoren und Direktoren jede neue Kooperation ihres Instituts mit irgendeiner Firma, einer Company und überhaupt mit der Wirtschaft als Fortschritt angekündigt. Lehrpersonen bewegen sich in einer sonderbaren, tranceähnlichen Mischung aus kindischem Stolz und hündischer Unterwürfigkeit, taucht ein Wirtschaftsvertreter im Gebäude auf. Endlich fürs Leben lernen, endlich Anwendung, endlich Kompetenz! So keimt keine Ketzerei.

Dass letzte Reste autonomer Denkspuren zwischen Ethikanträgen, Rücksprachen mit unzähligen Gremien, Gender- und Gleichstellungsbeauftragten implodieren, ist Absicht. Die Bildungslandschaft ist längst schon zum Prototyp einer Termitenstruktur geworden, die sich mittels Coronainszenierung nun über die ganze Gesellschaft legen soll und legen wird. Von einer neoliberalen Bildung auch nur den allergeringsten Widerstand gegen die Maßnahmen und den mit diesem verklumpten Irrsinn erwarten hieße, Bildung nicht verstanden zu haben (11).

Veblens Einwurf darf nicht mit einem elitären Bildungsverständnis gleichgesetzt werden, obgleich die Begrifflichkeit der „höheren Bildung“, aus heutiger Sicht zweifelsohne unglücklich gewählt, dies nahelegen könnte. Wenn er Geschäft und Bildung trennt, geht es ihm gerade nicht um Titel und Karriere, die über diese Bildung zu erreichen wäre. Seine Sicht auf Elite und Repräsentation ist vollkommen kritisch. Ihm geht es um eine Erkenntnis, die einzig ohne Not und äußere Zweckmäßigkeit Erkenntnis sein kann. Sind ihr Zwecke eingeschrieben, die in einer kapitalistischen Gesellschaft die Zwecke des Kapitals sein müssen, verkommt sie zur Anwendung, zur Kompetenz. Das Fehlen von Neugier wird in einer Kompetenzlandschaft ausgeglichen durch Aktionismus. Preparata schreibt:

„Diese konzertierte Bemühungen um die Disziplinierung der Massen im Wettbewerb ist die grausame Routine des akademischen Personals, welche ‚Bildungsbüros ― gemeinhin Fachbereiche genannt‘ leiten, deren Richtlinien von einer glänzenden Konformität und einem ‚streitsüchtigen Quietismus‘ (= Verbindung von Intrigantentum mit erkenntnistheoretischer Passivität, Anmerkung des Autors) überschattet werden, die als ‚Zeichen der wissenschaftlichen Reife‘ durchgehen. All diese institutionellen Katastrophen verschwören sich unter dem ‚Regime der graduierten Sterilität‘, um den ‚gekonnt geplanten Tod des Geistes‘ zum Abschluss zu bringen“ (12).

Dem, was im Jahre 2020 geschehen ist, liegt exakt dieser „Tod des Geistes“ zugrunde.

Erkenntnis entsteht aus Neugier. Neugier braucht den offenen Raum, weil Neugier die Ergebnisoffenheit voraus*setzt. Das aber ist nichts anderes als die *voraus*gesetzte Freiheit, die *Liberté der Französischen Revolution, als Erkenntnisfigur auftretend. Neugier ist die Zwillingsschwester der Freiheit. Geschäft dagegen und Neugier schließen sich aus, denn der Zweck ― das „Geschäftemachen“ eben, das Erzeugen von Mehrwert ― geht voraus, determiniert den Raum. Im Gegensatz zum Erkennen, das nicht *voraus*gehen kann und also sich nicht einschränkt, weil es die Sache selbst ist, geht dem Wissen, das keine Erkenntnis ist, sondern Kompetenz, der Zweck voran und bestimmt es. Das lässt die Neugier von Anfang an ins Leere laufen. Und so ist es das Geld, das bestimmt, denn das Geld ist der Zweck jedweder Interaktion in einer Gesellschaft des Geschäftemachens.

Will ich etwas verkaufen, so steht dem nichts so sehr im Weg wie Bildung zweckfrei begriffen. Nicht dass Neugier auf der Seite des Gegenübers zu störendem Wissen über ein Produkt führen könnte, ist dabei das Problem ― das lässt sich in einem System konsumierender „Apparate“ durchaus profitorientiert lösen ―, vielmehr stört Neugier und die ihr eingeschriebene Autonomie die Effizienz ― Kostensenkung, Profitmaximierung ― grundsätzlich. Die Größen entstammen verschiedener Welten. Effizienz zielt auf den Ausschluss von Handlungen, die nichts mit dem Geschäft zu tun haben (13). Deshalb ist die Bildung auf den Anwendungs- und also den Effizienzbegriff hin verstümmelt worden. Als zweckfrei begriffen, wären ihr, ausgehend von den Ideen der Aufklärung, Tendenzen zur Entfaltung von autonomen Subjekten und also zum „Aufblühen“ (Marx) von Freiheit eingeschrieben, Tendenzen, welche effizienten Produktionsketten zuwiderlaufen (14).

Ich füge zusammen:

Nichts schließt sich radikaler aus denn Bildung und Geschäft.

Der Aufstieg des Geschäfts zum Bezugspunkt von Bildung leitete den erkenntnistheoretischen Super-GAU, den die Menschheit mit der Vireninszenierung vollzog, nicht nur ein, er zeigt auch, dass ein solcher Super-GAU das Ziel war. Kompetenzen zeichnen sich dadurch aus, dass Fertigkeiten geschult werden, die auf Anwendung zielen. Die Anwendung findet ausnahmslos im Rahmen der gegebenen Produktions- und Dienstleistungsketten statt. Eine Kompetenzdidaktik mit utopischem Charakter gibt es nicht. Erkenntnis dagegen spielt sich außerhalb des Nutzens ab. Das eröffnet Räume für Abwägungen, für Zusammenhänge, für Kritik und Hinterfragen, Räume mit einer Zeitstruktur, die mit der eindimensionalen, auf Optimierung angelegten Zeitstruktur der Kompetenz nicht kompatibel sind.

Im Rahmen von Kompetenzen werden Bedingungen, die nicht dem Nutzen, das heißt, dem Zweck des Geschäfts dienen, obsolet. Zusammenhänge werden nicht nur nicht erkannt, sie sind geradezu störend und deshalb aktiv abzustoßen (15). Geschäfte müssen effizient sein. Als Prinzip der Bildung eingeführt, wird Effizienz zum Sargnagel der Zivilisation.

Ein Lothar Wieler, Direktor des Robert Koch-Institutes (RKI), ein Christian Drosten, Virologe an der Charité, sind Beispiele für Kompetenzprodukte, Beispiele, die verdeutlichen, wohin es führt, wenn erkenntnistheoretisches Denken in Zusammenhängen auf der Strecke bleibt. Ihre Kompetenz sind Sitze in Gremien und Teilhabe an kommerziellen Verhältnissen. Das Geschäftemachen ist nicht an Nutzlosigkeiten interessiert, es leidet darunter, wenn Erkenntnisse vorliegen, die den Deal hemmen. Das Ende des Deals (16) wäre das Ende einer Gesellschaft, die in den Tod rast ― in den Tod des Geistes, dem der Tod des Körpers folgen muss. Indes, ein Cyborg hat die Existenz nicht in sich selbst: Er hat grundsätzlich keine Autonomie und ist schon tot, bevor er stirbt.

XVII.

Und nun die Linke: Von einem Bewusstsein, das Macht denkt und nicht verschleiert, und damit Kapital hinterfragt, hätte man erwarten müssen, dass es exakt auf diese Zusammenhänge aufmerksam macht. Dass es sich auf der Seite der zweckfreien Bildung positioniert, die nicht das Geschäft ― den Profit, nicht den Nutzen, die Anwendung, welche zur Sklaverei führt ― im Auge hat, sondern Bildung im Sinne von Reflexion außerhalb von „Not und Zweckmäßigkeit“ (Marx), aus welcher die Fähigkeit hervorginge, Verhältnisse, also auch Machtverhältnisse innerhalb von Not und Zweckmäßigkeit zu denken und anzuzeigen beziehungsweise kritisch herauszustellen.

Bildung in diesem Sinne stärkt die Autonomie gegenüber der Welt, der man exakt mittels des Vorgangs des Bildens nicht als Anwender im Dienste des Kapitals unterworfen wäre wie bei der Kompetenzbildung, oder stellt diese überhaupt erst her. Sie wäre eine erste Maßnahme zur Überwindung der Unbeholfenheit, während Kompetenz Autonomie untergräbt und die Unbeholfenheit endlos weitergeneriert. Mit einem Korsett in entsprechendem Design ― deshalb diese immense, barocke Bedeutung von Designs heute ― lässt sich leicht über die Unbeholfenheit hinweg kompetent auftreten. In der Systempresse wurden coole Masken angepriesen: ein Beispiel für diese Praxis.

Die Linke hat, zurückhaltend geurteilt, sich nicht auf die Seite der Bildung gestellt und spätestens seit den 1990ern sogar massiv Reformen vorangetrieben ― zumal sich Reformen als Gleichheits- beziehungsweise Gerechtigkeitsprojekte vermarkten ließen und lassen, so auch das Zustellen der Schulräume mit digitalen Geräten. Sie hat den Freiraum für freies Denken mit kleingemacht und also auch in diesem Bereich Freiheit beschnitten beziehungsweise Freiheit zugunsten von Geschäft und Kapital verraten ― zum Beispiel über den Einschub von Stiftungen wie Bertelsmann in Bildungsprozesse ― oder zumindest den Verrat mitgetragen. Die Tatsache, dass dabei von Linken ― mit sedativer, aber auch konfrontativer Funktion, sind gesellschaftliche Gruppen doch gegeneinander auszuspielen zwecks Machtstabilisierung ― forciert stets auch Gender- und Identitätsinhalte im Sinne eines Verhaltenskodex in den Unterricht eingeschleust wurden und werden, schließt den Kreis.

Im Grunde lässt die bei der politischen Linken diagnostizierte Unbeholfenheit im Umgang mit Liberté nichts anderes in Bezug auf Bildung erwarten. Ihre Teilnahme an der systematischen Vernichtung von zweckfreier Erkenntnis geht direkt aus der Unbeholfenheit hervor, denn die Linke braucht das Korsett der Macht für den aufrechten Gang.

Am Ende erntet das Kapital nicht allein die Totaldiktatur des Profits, es erntet gleichzeitig auch die Totalverstümmelung des kritischen Bewusstseins, eine Verstümmelung, die zur Stabilität vonnöten ist. Die beiden Aspekte sind verschränkt. Und während in konservativen Kreisen zuweilen doch Vorbehalte gegen den Bildungskahlschlag auszumachen waren und vielleicht noch sind, so geht die Linke voran.

XVIII.

Wenn ich mich recht entsinne, so ist es seit den Tagen meiner Jugend stets die gleiche Parole, der gleiche Schlachtruf, der die Dinge antreibt. Es ist der Ruf nach Sicherheit, Kontrolle, Transparenz. Oder umgedreht: der Wille, das Geheimnis zu tilgen ― aus unser aller Leben. Missbräuche und Bedrohungen zu finden, welche die Herde nach dieser Sicherheit rufen lässt, war und ist niemals ein Kunststück. Die paradoxe Konstellation: Das Leben der Menschen hat alle Geheimnisse verloren, ist gläsern geworden. Da aber, wo die Macht ist, das Kapital, ist es dunkel geblieben oder gar noch dunkler geworden. Schwarz. Die Gesetzesverschärfungen gegen unten ― und seit den 1980ern wird in einem fort verschärft: bei Korruption im Kleinen, Steuervergehen, Sexualstrafrecht und vielem mehr, der Strafkatalog gegen Coronavergehen stellt einen neuen, an Irrsinn nicht zu übertreffenden Höhepunkt dar ― waren in der Tat Figuren der Machtverschleierung gegen oben.

Eine feudale-totalitäre Gesellschaft besteht einerseits aus Macht, die nicht sichtbar ist und für deren Unsichtbarkeit sich Medien und Intellektuelle ins Zeug legen, und andererseits aus einer transparenten Herde der 99 Prozent ohne Recht auf Geheimnis, das heißt, ohne Recht auf einen Raum, welcher der Ordnungsmacht versperrt bliebe. In diesen Tagen ist ein letztes Tabu, nämlich die Unversehrtheit der Wohnung gefallen. Sind Gefahren da, haben Ordnungskräfte jederzeit Zugang, es könnte sich ja welche verstecken. Hitler reloaded. Die grüne Idee der „Smart City“ löst das bald alles technologisch und sauber.

Ein Holocaust stellt die größtmögliche Hierarchie zwischen Täter und Opfer in allen Hinsichten dar, eine Hierarchie, die zwangsläufig in der Vernichtung der Opfer endet beziehungsweise von Anfang an diese Vernichtung sprachlich fasst („Unkraut“). Die Vorbedingung für jeden Holocaust ist der Entzug des Rechts auf Geheimnisse auf Opferseite. Was dagegen hat unser Leben am meisten erleuchtet, was belebte unsere Kindheit, in ihren freisten, dichtesten Augenblicken, so ungemein: Es waren Geheimnisse, denen wir durch weite Räume nachsprangen. In solchen Augenblicken fehlte jede Hierarchie.

Imre Kertész wie Primo Levi in ihren Texten aus den Konzentrationslagern zeigen Räume ohne Würde. Es sind Räume mit bis auf die Knochen transparenten Figuren. Wer das Geheimnis nimmt, nimmt alles. Räume ohne Geheimnis sind Lager. In Lagern Menschen vernichten: Das ist ein Job. Ein Beamtenjob. Mit Rente. Ein Beamter tötet nicht. Ein Beamter kommt seiner Pflicht nach. Im Raum ohne Geheimnis wird nicht getötet, es wird nur etwas zur Ordnung gebracht ― Reinemachen, Säubern, Zucht. Eine Ordnung, die gilt, bevor es getan ist. Sie gilt mit dem Ende des autonomen Raums. Mit dem Ende der Liberté. Mit dem Ende des Geheimnisses. Lagerhäftlinge haben kein Recht auf Neugier, auf Erkenntnis schon gar nicht.

Erkenntnis, wie dieser Essay sie fordert und in der er, fehlt sie, den neuralgischen Punkte erkennt, von dem aus der Super-GAU startet, dekonstruiert Machtverhältnisse bei gleichzeitiger Wahrung des Geheimnisses als autonomem Raum, in welchem die Neugier ― und damit die voraussetzungslose, uneingeschränkte Erkenntnis als Figur der Liberté ― zu sich kommt. Die Erkenntnis leuchtet das Dunkel der Macht aus, ohne die Freiheit des Erkennenden zu verletzen. Sie ist also gleichsam die Gegenfigur zum technizistischen Kompetenzwissen, welches das Geheimnis des Individuums ― so auch seine Fantasie ― tötet und materialistische Abläufe auf ihre Machtbedingungen hin verschleiert.

Erkenntnis im würdigen Sinne legt einerseits offen und bewahrt andererseits das Geheimnis für jeden weiteren Erkenntnisvorgang.

Im Rahmen einer so begriffenen und vom Geschäft getöteten Bildung geht es niemals um abschließende Antworten, keine Schubladen, sondern um autonome Subjekte, die über das Denken und Erkennen in die Lage versetzt werden, stets aufs Neue aus Neugier und geschützt von einem Recht auf Geheimnis Fragen zu stellen und Dinge in Beziehung zu setzen, frei von Not und Zwecken. Dass aus einer solchen Bildung auch „Ergebnisse“ hervorgehen, die sich in Handlung umsetzen lassen, stellt keinen Widerspruch dar. Vielmehr wäre ― es ist längst Zeit, in den Konjunktiv zu wechseln ― solchen Handlungen die Bedingtheit von Wissen eingeschrieben, ein Bewusstsein für Bedingtheit, das sich in diesen Tagen allein schon darin gezeigt hätte, dass nicht eine ganze Gesellschaft, mehr noch: eine ganze (westliche) Menschheit ― Mediziner eingeschlossen ― auf primitivste Weise Fall- und Todeszahlen zu billigsten Propagandazwecken gestapelt hätte.

Die „Hymnen an die Nacht“ von Novalis geben dem Raum des Geheimnisses einen kolossalen poetischen Widerschein. Das erstaunt nicht: Novalis war der radikalste Romantiker (17). Mehr verblüfft es, dass auch Jacques Derrida das Recht auf das Geheimnis ganz entschieden einfordert, auf die Maschinerie verweisend, die uns, ohne den Zufluchtsort des Geheimnisses, zermalmt:

„Ist das Geheimnis bedroht, dann droht der Totalitarismus. Der Totalitarismus ist das zerstörte Geheimnis“ (18).

Transparenz aus der Sicht des Kapitals bedeutet: freier Zugriff auf die Subjekte, die sich dem Zugriff nicht entziehen können, weil ihnen das Versteck, also der geheime Ort, fehlt.

Die seit mehr als 100 Jahren raffiniert angepeilte und in diesen Tagen vollendete Figur sieht so aus: Einerseits die Verschleierung der Machtmaschinerie, die mittels Flutungen des Herdenbewusstseins ― Informationen, Bürokratisierungen, Komplexionsanhäufung mittels Nebensächlichem ― sich der Wahrnehmung entzieht, andererseits das algorithmische Totalscanning der Herde. In der Transparenz kommt die Überwachung zu sich selbst. Sie ist die Figur des Totalitarismus schlechthin. Und bald nicht einmal mehr als Utopie dagegen ist denkbar: der autonome Raum, wo die Macht ― Staat, Konzern ― keinen Zutritt hat. Das Versteck. Es ist der Raum der Freiheit, in der meine Erzählung gilt und ich AutorIn bin ― Raum des Geheimnisses, ein romantischer Raum, wo der Staat den Code nicht kennt.

Dieses von Derrida präzise gefasste Geheimnis ist in diesen Tagen ausgelöscht worden. Und mit und in ihm das autonome Subjekt, dem es zugehörte. Das Geheimnis ist das, was der Technokrat fürchtet und der Revolutionär braucht, wie es Gilles Deleuze 1969 schreibt. Big Data, Smart Data ― das sind die Vergasungsöfen des digitalen Zeitalters, die sowohl der Erkenntnis wie dem Geheimnis gelten. Und die Linke ist dabei. Bei Bau und Wartung der Öfen, bei Betrieb und Einweisungen. Datenpflege. Vielleicht nicht mehr bei der Beseitigung der Hardware. Wenn die Impfung greift.

XIX.

Das Geheimnis zu bewahren, setzt die Freiheit des Einzelnen voraus. Ein unfreier Mensch hat kein Geheimnis. Eine Gesellschaft in Virenangst will die Geheimnisse löschen. Jeder Winkel muss gesäubert sein. Es könnten sich welche verstecken. Viren, Juden, Menschen. Zero: Das ist das Losungswort. In einem „linken Etwas“, das die Liberté vergisst ― Marx hat sie nicht vergessen, es sei immer wieder betont ― gibt es dieses Geheimnis nicht mal im Geheimen, so lichterloh ist linke Angst. Und deshalb sind links regierte Gesellschaften ― die Räterepubliken sind davon abzutrennen, sie waren, so muss man nun sagen, viel zu heterogen, um links zu sein ― immer totalitär gewesen.

Und wenn der Jubel in meinem damaligen linken Gesprächskreis über die Niederlage einer Beate Bahner vor Gericht und am Ende über ihre Psychiatrisierung aufkommt, so ist das der Jubel über die Zerstörung ihres Geheimnisses. Es ist der totalitäre Jubel, der mehr noch erschreckt, als wenn der gleiche Jubel von einem Jens Spahn, einem Markus Söder oder einem Systemarzt wie einem Christian Drosten heute oder einem Josef Mengele damals stammt.

XX.

Das Geschäft prägt nicht die Bildung allein, es prägt alle Bereiche der Gesellschaft. Für diese Prägung war Bildung ein, vielleicht der Ausgangspunkt. In alle Bereiche des Lebens, bis hinein in Freundschaften, Sexualität und Todesverdrängung, haben Effizienz und Optimierung Einzug gehalten, zulasten von Neugier, zulasten des Heterogenen überhaupt. Dieses hat lediglich in Form von produktionskettenkompatiblen Ersatzfiguren „überlebt“. Gänzlich im Dunkeln ― geschützt von immensen Flutungen ― liegt das Kapital selbst. Auf der Subjektseite dagegen ist alles Geheime ausgemerzt, also auch Verstecke, autonome (Rückzugs-)Orte, Orte des „Aufblühens der Freiheit“.

Dieser Verlust geht einher mit einer durchgreifenden, allgemeinen Entsinnlichung beziehungsweise Sterilisierung. Hygiene ist das Heil. Die Sinnlichkeit der geheimen Plätze, der versteckten Orte ― die Sinnlichkeit einer versunkenen Kindheit ― dagegen schwindet am Ende aus dem kollektiven Gedächtnis beziehungsweise aus dem Gedächtnis von Cyborgs. Effizienz und Sinnlichkeit schließen sich aus. Dass Sehnsucht dennoch irgendwie überlebt, ist meines Erachtens die konkrete politische Hoffnung, die verbleibt. Sie wird genährt, wenn ich Kinder sehe auf dem Weg zum kleinen wilden Teil in der Nähe unserer Wohnung. Sie haben da ihre geheimen Orte. Es handelt sich, verglichen mit den Wäldern meiner Kindheit, zwar lediglich um Ansätze von Undurchschaubarkeit, die da vorzufinden sind, aber immerhin. Zumindest die Kinder, die sich von den IT-Geräten lösen können, drängt es dahin ― ins Verborgene, ins Geheime.

Die neue Zivilisation müsste eine sein, die das Geschäftemachen überwindet und in der das Geheimnis uneingeschränkt gilt.

Eine linke Zivilisation ist das nicht. Aber einiges aus dem linken Etwas, das „wir“ da hinein fantasiert haben über Jahrzehnte, könnte vielleicht doch verwendet werden.


** Quellen und Anmerkungen:**

(1) Effizienz und Optimierung sind Gegenbegriffe zu Freiheit und Würde beziehungsweise Neugier. Das eine Begriffspaar zielt auf eine herbeigeführte Verknappung in allen Bereichen ― ohne Einschränkung und Effizienz leben nur die wenigen, welchen die Effizienz zudient: eine feudal-globale Schicht und zu Ende gedacht das Kapital allein. Das andere Begriffspaar steht für Räume ohne Not und Zweckmäßigkeit. Effizienz und Optimierung, so lässt sich auch Auschwitz verstehen, verkehren das rationale Prinzip zum Wahn und enden in Auslöschung und Vergasung.
(2) Nach dem Erscheinen des Buches „Conjuring Hitler“ im Jahre 2005, in dem Guido Giacomo Preparata den gezielt geförderten Aufstieg Hitlers durch US-amerikanische und britische Finanzquellen darlegt und den Nationalsozialismus als durch global-ökonomische Motivationen ausgelöst herausstellt, wurde ihm an der University of Washington in Tacoma eine anstehende Beförderung von einer Assistenz- zu einer ordentlichen Professur entgegen dem üblichen Verfahren verweigert.
(3) Ich habe diesen Widerspruch mit den Verweisen auf Derrida, Deleuze und Foucault bereits ausgeführt; für Preparata sind es im Wesentlichen Georges Bataille und Michel Foucault, welche verdeckt rechte Muster der Stärke (versus Solidarität) in linke Ideologien einbringen, dabei nicht nur der Machtverschleierung Vorschub leistend, sondern stellenweise gar der Machtverherrlichung das Wort redend. Das Missverständnis Preparatas, das dieser Deutung zu Grunde liegt, ist indes dies, dass er das „Hetergone“, dem Bataille und auch Foucault sich zuwenden (Irrationales, Verschwenderisches, Nicht-Zähmbares, Lust, Liberté) mit rechten Positionen beziehungsweise Faschismus verknüpft, übersehend, dass gerade die Antwortlosigkeit linker „Theorien“ hinsichtlich Liberté rechten, faschistischen (Schein-)Antworten Zulauf verschaffen. Bataille und andere Linksnietzscheaner dagegen wollten dieses Feld nicht den Rechten überlassen, vergleiche dazu auch Teil 3 dieses Essays.
(4) Vergleiche Thorstein Veblen, The Higher Learning in America, New York 1918, Seite 75; deutsche Übersetzung zitiert nach Preparata 2015. Thorstein Veblen (1857 bis 1929) war ein amerikanischer Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler norwegischer Abstammung. Die Linke hätte gut daran getan, sich an seinen Thesen zu orientieren, so Preparata. Auch andere Forscher unterstreichen die Diskrepanz zwischen der fehlenden Bekanntheit und der Bedeutung seiner Schriften, nicht zuletzt etwa im Hinblick auf Pierre Bourdieu, bei dem Konzepte Veblens deutlich mit anklingen.
(5) Bemerkenswert ist der Terminus „Überschwemmen“, bereits von Veblen 1918 für die Ausbreitung des Geschäfts benutzt. Im Event 201, der Pandemieprobe im Herbst 2019, wird ebenso eine Überschwemmung gefordert, eine Flutung mit Informationen. Fluten und Überschwemmen sind Konstanten des Kapitalismus beziehungsweise Prinzipien seiner Ausbreitung. Vielleicht begreift er sich deshalb selbst als Naturereignis. Kann man so sehen, nur wäre er dann qua Überschwemmung eine Naturkatastrophe.

(6) Für die zitierten Stellen vergleiche Preparata 2015, Seite 165, mit Bezug auf Veblen 1918.
(7) Vergleiche Veblen 2018 Seite 221, zitiert nach Preparata 2015.
(8) Der Begriff des „Autoritären“ spätestens stellt den Zusammenhang zwischen der kapitalistischen Usurpation der Bildung und dem Gehorsam her, wie er in diesen Coronatagen eingefordert wird. Es ist ein frappanter Zusammenhang, der ein grelles Licht auf die systemische Bedingtheit des Wunsches nach Schutz und darüber hinaus nach Zero Covid wirft.
(9) Was in diesen Tagen des „Homeschoolings“ an Serienware über Padlet Kindern serienmäßig zum stumpfsinnigen Lösen vorgeworfen wird, fungiert durchaus als ein Paradigma dieser Geschmacklosigkeit.
(10) Vergleiche Veblen 1918, Seite 221, zitiert nach Preparata 2015; diese Stelle aus Veblens Werk weist auch daraufhin, wie die systematische Zerstörung der Bildung gänzlich über die Mechanismen von Disziplinar- und Kontrollgesellschaften (qua unterschiedliche, aber in der Zielsetzung übereinstimmende Formen der Gehorsamsherstellung) verläuft und schlägt damit, diese vorbereitend, den weiteren Bogen zu Arbeiten, in denen Foucault und Deleuze eben solche Mechanismen herausstellen.
(11) Schulen sind seit Längerem schon die Institutionen, die stets zuerst auf philanthropische Propaganda anspringen. Rassismus- und Klimakampagnen (kein Wort über die Vergiftung der Böden, die Vernichtung der Biodiversität und sowieso kein Wort über NATO-Kriege!) qua sedative Ablenkungsstrategien stoßen in Bildungsinstitutionen auf beste Resonanz. Keine Website ohne Antirassismus-Fähnchen (der tiefergehende Rassismus, der sich nicht mittels toller Parolen fassadenrestaurieren lässt, bleibt davon übrigens stets unberührt).
(12) Vergleiche Preparata, 2017, Seite 166, wiederum mit Bezug zu Veblen 1918; den Zusammenhang von zivilisatorischem Super-GAU und „Sterilität“ werde ich am Ende des Essays kurz aufgreifen.
(13) Auf notwendigen Zwischenetappen hin zur totalitären Macht des Kapitals ― die soziale Marktwirtschaft etwa in den 1970ern wäre da zu erwähnen ―, aber auch in Geschäftsverhältnissen, die von nicht-westlichen Kulturen geprägt sind und in die der globale Kapitalismus Eingang gefunden hat ― arabische Teekultur als Teil eines Geschäftsprozesses, georgische Tafeln wie ich sie Ende der 1990er erlebt habe, an denen Geschäftsleute aus dem Westen saßen ―, in solchen Verhältnissen also mag man Teile erkennen, die vom Geschäft nicht sogleich überschrieben werden, zweckfreie Anteile sozusagen, wie das Singen eines Liedes. Man sollte sich indes nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass selbst da, wo im Augenblick die Sphäre des Zweckfreien noch aufschimmert(e), an der Tafel nach dem Geschäft etwa, wenn das gesungene Lied nicht mehr in ein direktes Verhältnis zum Geschäft treten kann, niemals etwas anderes denn die Überschreibung ebendieser Sphäre durch das Geschäft angedacht war und ist. Allein, dass die Tafel ohne Geschäft nicht stattgefunden hätte, schreibt ihr deren Zweck ein. Das gesungene Lied an der georgischen Tafel kann in einer Übergangsphase zwar augenblicklich als losgelöst vom Geschäft empfunden werden, wird aber alsbald vom Geschäfts, seiner Effizienz und seiner Sterilität überschrieben. Ich konnte diesen Prozess der Überschreibung als Gast an georgischen Tafeln zwischen 1997 und 2008 plastisch mitverfolgen: die Abnahme der Sinnlichkeit, das Ersticken des Feuers an geschäftlichen Zwecken, die an die Tafel geführt haben, den Sieg der Sterilität. 1997 noch eine Emanation, waren Tafeln 2008 im besten Fall bunte Anlässe der Oberfläche ― screentauglich.

(14) Dass in diesem autonomen Sinne Bildung für viele Gesellschaftsgruppen nie „erreichbar“ beziehungsweise gegeben war, dass Bildung in diesem Sinne überhaupt nur in einigen reformpädagogischen Schulen je vermittelt wurde (etwa in den Jahren zwischen den Weltkriegen; Thomas Manns Kinder Erika und Klaus, also Wohlhabende, kamen zum Beispiel in deren Genuss) ändert an der Tatsache nichts, dass Bildung in diesem Sinne eine ideengeschichtliche Wirklichkeit war, die, hätte sie sich durchgesetzt, eine Gesellschaft des Geschäftemachens, des Deals und all der damit verbundenen Begleiterscheinungen verhindert beziehungsweise zurückgedrängt hätte. Dass Stiftungen, die den Autonomiegedanken mit Anwenderprogrammen totschlugen, diesen Totschlag unter dem Motto „Bildung für alle“, also auch für Schichten mit wenig Einkommen, in die Schulen hineintragen konnten (zuletzt wurden Bildungsanstalten in Deutschland mit digitalen Hard- und Software geflutet), entbehrt nicht einer zynischen Ironie, sind es doch in der Tat Versklavungsprogramme, begleitet von schönen Vokabeln wie „flexible Bildung“, „lebenslanges Lernen“ und eben „Tablets für alle“, die nicht nur über Schulen, sondern über die ganze Gesellschaft ausgekippt wurden und werden. Umgekehrt war es ebenso eine zynische Ironie, ein willkommener „Zufall“ eben, dass sich letzte reformpädagogische Projekte wie die Odenwaldschule unter dem Schlachtruf des sexuellen Missbrauchs begraben ließen. Gerade in diesem Missbrauchsnarrativ finden fast alle zusammen, selbst Coronagläubige und Coronaketzer übrigens, kein Wunder, ist in ihm doch an Eindeutigkeit und folglich Undifferenziertheit alles enthalten, was mit dem Ende der Erkenntnis beziehungsweise dem Tod des Geistes angepeilt ist. Eine Steilvorlage auf dem Weg hin zur Sterilität.
(15) Das hat sich in den Coronatagen eindrücklich bestätigt: Wer die Dinge zusammen hängte, wurde mit Begriffen wie „Leugner“, und „Nazi“ entschärft.
(16) Damit bezüglich „Deal“ keine Missverständnisse aufkommen: Trump war der Mann des Deals. Es gibt Leute, welche die Vireninszenierung kritisch betrachten und gleichzeitig mit dem Mann des Deals, eben Donald Trump, eine Erkenntnis verbinden, die dieser nicht hatte. Trump war ― aus mehreren Gründen ― eine Störung und als solche erheblich besser als eine Nicht-Störung der Abläufe wie Joe Biden. Er bot aber über die Störung hinaus keinen Ansatz, der irgendwohin geführt hätte, und zwar deshalb nicht, weil auch er eine Figur des Geschäfts, des Deals war.
(17) Novalis (1772 bis 1801) war Dichter, Philosoph und Naturwissenschaftler und gilt als derjenige unter den deutschen Dichtern, der Romantik am radikalsten gedacht hat. Der Gedichtzyklus „Hymnen an die Nacht“ ist inhaltlich kaum zusammenzufassen, sein Ausgangspunkt ist der frühe Tod von Novalis‘ Verlobten, der fünfzehnjährigen Sophie von Kühn. Es stellt den Versuch dar, diesen Tod zu überwinden und in Zeiten und Räume weit jenseits der irdischen Existenz zu gelangen, Geheimnisse aufspürend, erfüllend und belassend.
(18) Vergleiche Klaus Englert, Ein doppelter Außenseiter – zum 85. Geburtstag von Jacques Derrida, https://www.deutschlandfunkkultur.de/85-geburtstag-von-jacques-derrida-ein-doppelter-aussenseiter.1079.de.html?dram:article_id=325069, aufgerufen am 3. Februar 2021.
(19) Was ist in wenigen Jahrzehnten geschehen: Bonnie und Clyde brauchen in den frühen 1930ern nur die Grenze zu Oklahoma zu überqueren und schon geht ein neuer Geheimnisraum auf und die staatlichen Verfolger drehen ab. Heute ist nicht einmal mehr der eigene Körper dieser autonome Raum, wird in diesen Tagen doch gerade er der Macht eingeschrieben. Wohl niemals in der Menschheitsgeschichte war das Geheimnis heimatloser. Logisch: Die Losung der Effizient hat den Menschen zur Ware gemacht. Und Ware hat kein Geheimnis.

Für Interessierte eine Auswahl an Literatur, die direkt oder „geheim“ Eingang in den Essay gefunden:

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