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Zeilen aus Barcelona

Zeilen aus Barcelona

Wortmeldung einer Aktivistin aus dem Zentrum der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung.

Wenn es nach der Überzeugung und dem Herzen geht, führt kein Weg an ihr vorbei - der katalanischen Republik.

Das Volk der Katalanen hat die Geschichte und das Empfinden einer Nation. Und ein Gedächtnis voll von Auseinandersetzungen, Massakern und Niederlagen.

Dieses Volk mobilisieren wir, um unser Wahlrecht wahrnehmen zu können, um zu entscheiden, welche Zukunft wir für unsere Region wollen. Angesichts der Drohungen, Verhaftungen und Verfolgungen durch eine Justiz, die sich als direktes Instrument des spanischen Staates erwiesen hat, der polizeilichen Repression, der Attacken durch Großunternehmen und Banken und so weiter sind am Monatsersten mehr als 2 Millionen ausgezogen, um das Referendum zu garantieren.

Und was jene Wahlurnen, Stimmzettel, Listen der Wähler und Wahlkommissionen angeht, die die Regierung Rajoy in der lächerlichen Annahme aufzuspüren suchte, dass man ohne sie nicht wählen könne, so stellten wir am 1. Oktober mit Freude fest, dass sie sich in den Wahllokalen befanden. Die “piolines” konnten es nicht verhindern. (Gemeint sind die Polizeihundertschaften, die zur Unterdrückung von Aufständen in einem Schiff nach Barcelona entsandt wurden, auf dem zur allgemeinen Erheiterung die Comicfigur Tweety, spanisch Pato Piolín, prangte.)

Die organización popular, Nachbarschaftskomitees, Vereinigungen von Familien an Schulzentren und so weiter besetzten die meisten der Wahllokale mit spielerischen Aktionen und wir blieben in der Nacht vor dem Referendum zum Schlafen da, um zu verhindern, dass man die Wahllokale versiegelte. Und ab fünf Uhr morgens bildeten lange Reihen von alten Menschen, Familien und so weiter im Regen, in der Dunkelheit der Nacht, die vorbeifahrenden nationalen Polizeiautos vor Augen, Menschenketten, um die Polizei am Eindringen zu hindern.

Studenten von Colleges und Universitäten hielten Versammlungen ab, riefen Streiks aus und besetzten Universitäten für mehrere Tage. Demonstrationen und Massenansammlungen. Ein Generalstreik, der am 3. Oktober Katalonien lähmte.

Und angesichts der Gelassenheit und Schlagkraft der Antwort der Bevölkerung sah sich das spanische Regime gezwungen, das Staatsoberhaupt auf die Bühne zu bringen. Die von Drohungen erfüllte Rede des Königs, die weder auf die mehr als 800 Opfer von Polizeigewalt einging noch irgendein Dialogangebot unterbreitete, versuchte uns weiszumachen, dass nicht die PP-Regierung das Problem sei, sondern das 78er-Regime, dass Franco nach eigener Aussage "gebunden und gut gebunden" habe.

Das Ergebnis des Referendums ist unter den Bedingungen, unter denen es abgehalten wurde, noch wertvoller als bei normaler Durchführung, die unter dem derzeitigen Regime aber gar nicht möglich wäre.

Und es gilt nun, es zu verteidigen und dem Volkswillen Achtung zu verschaffen.

Wir wollten nicht dieselbe Erfahrung machen wie Griechenland, wo das Volk betrogen wurde, nachdem es in einem Referedum seinen Willen artikuliert hatte. Und wir verstanden, dass, wie im Fall des griechischen Volkes, das unter dem übelsten Austeritätsplan zu leiden hatte, die von der EU und den USA geschützte spanische Regierung Katalonien stärkeren Repressionen aussetzen würde, wenn wir die Ausrufung der katalanischen Republik nicht vorantrieben.

Nachzugeben heißt, die Unterdrückung zu erleichtern.

Mediation hat keinen Sinn, denn die Staatsgewalt will sie nicht, und wenn sie sie wollte, so nur, um das katalanische Volk ruhigzustellen. Die EU hat sehr deutlich gemacht, dass sie ein Klub von Staaten und multinationalen Konzernen ist. Es gibt darin keinen Platz für Arbeiter und das gemeine Volk.

Der spanische Staat geriert sich als Garant für die Unterwerfung unter die Interessen des Kapitals, für Kontinuität und für das Elend der Arbeiter und Arbeiterinnen. Die katalanische Republik müssen wir auch im Kampf gegen die eigene Bourgeoisie errichten, indem wir Maßnahmen wie die Schaffung einer öffentlichen katalanischen Bank vorantreiben.

In Katalonien entscheidet sich die unmittelbare Zukunft der Monarchie in Spanien. Deshalb finden Proteste und Kundgebungen statt, die sich mit unserem Kampf im Baskenland, in Madrid, Andalusien und so weiter solidarisieren.

Der Präsident hat die Unabhängigkeit Kataloniens erklärt, und die Mehrheit des katalanischen Parlaments hat unterzeichnet. Aber die tatsächliche Umsetzung hat sich verzögert. Es war wie eine kalte Dusche für viele von uns, die während seiner Rede verstanden, dass die wirkungsvolle Verkündigung zum Greifen nah war. Er aber sagte, er werde der Sache ein paar Wochen Zeit geben...

Obwohl ich nie das geringste Vertrauen in sie hatte, ist die Rolle, die die sozialistische Partei zusammen mit der muffigen Rechten Spaniens spielt, beschämend.

Die Bevölkerung muss die Komitees der Nachbarschaftsverteidigung pflegen, konsolidieren und ausbauen. Die Gewerkschaften müssen den Generalstreik fortsetzen. Und wir müssen den Weg hin zu unserer Republik antreten und, wenn nötig, den Dialog hier beginnen.

Alles geht sehr schnell und innerhalb von Stunden wird jeder Artikel, jeder Flyer, jeder Brief obsolet. Möglicherweise vergehen nur wenige Stunden, ehe neue Verhaftungen erfolgen, neue Interventionen, ...der berühmte Artikel 155.

Wir lassen uns nicht so leicht unterkriegen. Wie lautet ein Slogan, der bei Demonstrationen und Aktionen im Chor gesungen wird: "Die Straßen werden immer uns gehören."

Und wir werden, aus einer freien Beziehung zwischen den Völkern Spaniens heraus, eine Föderation der Republiken der Arbeiter und Arbeiterinnen aufbauen.


Maria Bei wurde in Argentinien geboren und lebt seit 1977 in Katalonien. Bis zu ihrer Pensionierung war sie Lehrerin an einer öffentlichen Schule. Sie ist Aktivistin bei Marea Pensionista (zu Deutsch: Rentnerflut – eine Vereinigung, die für den Erhalt und die Verbesserung des spanischen Rentensystems kämpft), Gewerkschaftsmitglied der CGT und Aktivistin bei Lluita Internacionalista (katalanisch für „Internationalistischer Kampf).

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