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#WirSindMehr 2.0

#WirSindMehr 2.0

Das zweite #WirSindMehr-Konzert wird in Kiew stattfinden. Kann das funktionieren?

Wir sitzen bei kaltem Neonröhrenlicht im ebenso kalten Backstage-Bereich hinter der großen Bühne, die auf dem Maidan errichtet wurde. Die Stimmung ist äußerst angespannt. Die Künstler sitzen Kippe rauchend auf den Sofas und gehen ihre Texte nochmal durch. Ihre Gesichter sind aschfahl. In 30 Minuten ist Stagetime.

Campino von den Toten Hosen geht wie ein eingesperrtes Tier unruhig auf und ab. Dabei blickt er auf ein Blatt Papier, das er mit zitternder Hand hält. Auf unsere Frage, was das sei, antwortet er, er arbeite an seiner neuen Moralpredigt.

Auch die Jungs von Kraftklub sitzen über ihren Text gebeugt. Wir wollen wissen, was sie an ihren Texten ändern. Wir schleimen uns ein wenig ein und sagen, wir fänden diese Texte doch gut so, wie sie sind. Felix Brummer quittiert unser Kompliment mit einem milden Lächeln und einem „Dankeschön“. Er legt den Stift beiseite. „Wir bereiten uns auf die Eventualität vor, dass die Verhältnisse in der Ukraine doch etwas anders sind als bei uns in Deutschland. Dass es den Menschen hier nicht mehr so gut geht und sie nicht bereit sind, weiterhin den Status Quo zu zelebrieren und die offensichtlichen Missstände im Moshpit zu verdrängen. Für diesen Fall wollen wir den Refrain des Songs Fenster von ‚Spring aus dem Fester‘ zu ‚Springt aus dem Fenster!‘ abändern.“

„Hier in Kiew müssen wir generell viel flexibler sein“, fügt Gitarrist Karl Schumann hinzu. „Für den Fall der Fälle haben wir auch #WirSindWeniger-Banner dabei, damit es bei 30 Besuchern nicht merkwürdig rüberkommt.“

Kiew ist nicht Chemnitz!

„Oh Gott! Leute!“ Monchi, der Frontsänger von Feine-Sahne-Fischfilet, kommt soeben mit käsebleichen Wangen ins Backstage-Abteil gelaufen. „Wir sind komplett im Arsch!“ Die anderen blicken ihn verständnislos an. Da kommt Gitarrist und Zweitsänger Christoph hinzu. „Wir haben hinter dem Vorhang auf die Bühne geblickt. Kiew ist eine ganz andere Hausnummer als Chemnitz!“ Casper erhebt sich mit besorgter Miene vom Sofa. „Wie meinst du das?“

„Naja, seien wir doch mal ehrlich“, antwortet ihm Monchi, „wir haben uns in Chemnitz doch etwas arg reingesteigert. Pogrome kennen wir ja nur aus verwackelten Handyvideos. Die Beweise dafür waren ja doch nicht wirklich valide und unter den Leuten, die wir pauschal als Nazis beschimpft haben, fallen bei Licht besehen die meisten nicht so wirklich in dieses Raster des rechtsradikalen Neonazis.“

„Aber der Mob da draußen“ – Christoph deutet mit zitternder Hand in Richtung Bühne – „die sind echt! Also echt echt! Richtige Faschos! Und das im fünfstelligen Bereich. Wenn die anfangen, unsere Bühne zu stürmen, können wir uns nicht mehr darauf verlassen, dass deren Frauen sie mit den Worten ‚Hase, du bleibst hier!‘ zurückhalten!“

Casper runzelt die Stirn: „Aber wenn dem so ist, Monchi, dann musst du auf jeden Fall den Originaltext von ‚Gefällt mir‘ singen. Stell dir mal vor, was mit uns passiert, wenn du auf der Bühne zu grölen anfängst:

Ukraine verrecke, das wäre wunderbar!/
Heute wird geteilt was das Zeug hält/
Ukraine ist Scheiße, Ukraine ist Dreck!/
Gib mir ein „like“ gegen Ukraine/
Ukraine ist Scheiße, Ukraine ist Dreck!“

Monchi blickt verlegen drein. „Aber meinst du nicht“, fragt er an Casper gewandt, „dass, wenn es in Deutschland Anti-Deutsche gibt, dass es dann in der Ukraine nicht auch Anti-Ukrainer gibt?“ Das Lachen des Buffet-Kochs unterbricht die angespannte Lage. „Anti-Ukrainer? Nee, Jungs! Menschen, die kategorisch gegen ihr eigenes Land sind, gibt es weltweit nur in Deutschland. Ihr seid echt ein lustiges Völkchen!“

Campino versucht, die Lage etwas aufzulockern. „Jungs, beruhigt euch! Ich habe vorhin mit meinem Bruder telefoniert. Falls die Lage völlig eskaliert, hat er uns hinter der Bühne ein paar Hummer-Limousinen als Fluchtwagen zur Verfügung gestellt, die uns in Windeseile zum Flughafen Boryspil bringen, wo bereits sein Privatjet auf uns wartet.“

Monchi atmet erleichtert auf. „Ach Campino, ich bin so dankbar, mit einem Punkrocker aus einer Hochadelsfamilie befreundet zu sein.“ Wie von der Tarantel gestochen, zuckt Campino zusammen und stößt Monchi in seine wuchtigen Rippen. „Pssst! Nicht so laut!“ Er deutet auf uns von der Satire-Quickie-Jugendredaktion. „Du siehst doch, dass hier überall Presse ist! Meinen familiären Hintergrund muss ja nicht jeder kennen. Das ist schlecht für mein rebellisches Punker-Image!“

Gute Nazis, böse Nazis

Plötzlich ertönt vom Gang ein lautes Poltern. Mit schnellen, schweren Schritten nähert sich jemand der Türe des Backstage-Bereichs. Alle halten gebannt den Atem an. Wer kommt da jetzt? Die Tür geht auf. Im fahlen Licht schält sich aus dem Rauchschleier aus Kippen und Joints mit langsamen Schritten eine Silhouette hervor. Und plötzlich steht Frank-Walter Steinmeier mit Zornesröte im Gesicht vor uns.

„Herr Bundespräsident!“ Marteria fällt vor lauter Schrecken der Joint aus dem Mund. Gleichzeitig muss er sich räuspern und husten, da er durch den Schock mit der Stimme von Marsimoto gesprochen hat. „Was machen Sie denn hier?“ fragt er verdutzt, aber diesmal mit seiner normalen Stimme.

„Dasselbe könnte ich Sie fragen!“ schnauzt ihn Steinmeier an. „Jungs! Was zur Hölle treibt ihr hier in Kiew?“ „Na, wir machen ein zweites #WirSindMehr-Konzert. Genau wie vor ein paar Wochen in Chemnitz. Sie hatten unser Konzert doch damals sogar empfohlen!“, entgegnet ihm Felix Brummer von Kraftklub. „Im Grunde genommen machen wir das Gleiche wie in Chemnitz, nur eben hier, Herr Bundespräsident“, entgegnet ihm Casper. „Und hier sind auch nochmal deutlich mehr Nazis als in Chemnitz“, pflichtet ihm Monchi bei.

Steinmeier blickt verlegen zu Boden. „Hm! Ja! Sie haben da schon irgendwie Recht… aber diese Nazis hier in Kiew… das sind halt etwas andere Nazis mit etwas anderen Sichtweisen. Da muss man etwas differenzieren. Verstehen Sie, was ich meine?“ Alle blicken den Bundespräsidenten mit halb geöffneten Mündern an und schütteln den Kopf.

„Okay“, Steinmeier hebt beschwichtigend die Hände, „lasst mich versuchen, es euch zu erklären. Es ist so…“ In dem Moment klingelt sein Handy. Auf seinem Gesicht deutet sich ein erleichtertes Aufatmen an, als er sein iPhone aus der Anzugtasche zieht. „Hallo Oleh, grüß dich, mein Lieber! Du, warte bitte einen Augenblick. Ich muss hier noch eine kurze Angelegenheit mit ein paar ideologisch verwirrten Musikern aus meinem Land klären, die hier mit der Political Correctness etwas durcheinandergebracht haben. Gib mir kurz ‘ne Sekunde.”

Er hält das Handy von seinem Ohr weg: „Jungs, ich spendier‘ euch von Steuergeldern die Präsidentensuite in einem schicken Hotel in der Innenstadt Kiews und lass euch zum Vergnügen ein paar barbusige Pussy-Riots-Aktivistinen aufs Zimmer kommen. Aber diese ‚Piep-Piep-Piep-Wir-haben-uns-alle-lieb-Party‘ ist hiermit offiziell beendet! Also schleicht euch! Husch! Husch!“

Und wir sind uns ganz sicher, dass Steinmeier in diesem Augenblick dachte: „Verflucht! Wieso habe ich Steffen Seibert nicht mitgenommen? Der hat das mit den faulen Ausreden viel besser drauf als ich!“

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