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Wir sind nicht Weltmeister!

Wir sind nicht Weltmeister!

Der Fußballtraum ist geplatzt.

Fußball ist quasi der Nationalsport der Deutschen. Alle paar Jahre findet das gleiche Schauspiel wieder statt. Der Deutsche trifft sich dort, wo das TV-Gerät am größten erscheint und zieht sich eine 90minütige Dokumentation (manchmal sogar in Überlänge) über hochspannende Leibesübungen in seiner Lieblingssportart rein.

Schon die Spielvorbereitung zu solch einem Wissensfilm hat es in sich: Der gemeine Deutschland-Fan erkauft sich massig an nutzlosen und umweltschädigenden Fan-Artikeln (zumeist in dreifarbiger Ausführung) und er hamstert zusätzlich auch noch Bier und Bratwurst, um selbst bei einem Atomkrieg die Weltmeisterschaft noch schauen zu können. Anschließend werden jede Wohnung und jedes Haus mit diesem hochdekorativen Fan-Krempel ausgeschmückt, wie es sonst selbst an Weihnachten nicht passieren würde.

Des Weiteren gehört es für den gemeinen Deutschland-Fan zum guten Ton, sich schon die Vorberichterstattung für jedes WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft anzusehen. Während eine der beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten mit mehreren Fachexperten den ganzen Dokumentarfilm bereits in seiner Schönheit ankündigt, kippt sich der gemeine Schländer schon ein bis fünf Fässer göttlichen Gerstensaft hinter die Birne. Schließlich ist die Spielvorbereitung für ihn ein wahrhaftiges Ritual, wobei die Vernachlässigung des alten, traditionsreichen Brauchtums ansonsten schwere Folgen für den Ausgang des Spiels haben könnte.

Der Turnierverlauf

Mit ihrem fußballerischen Können konnte „Die Mannschaft“ so sehr beeindrucken, dass sie bereits nach drei Spielen die Heimreise antreten durfte. Sie spielten eben außer Konkurrenz.

„Die Mannschaft“ war es also, die schon das Auftaktspiel gegen die Kollegen aus Mexiko mit 0:1 verlor. Große Trauer durchdrang eine ganze Nation. Woran lag es?

War möglicherweise das Treffen von einigen deutschen Nationalspielern mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft zu kurz gewesen, um sich von seiner Hoheit erklären zu lassen, wie autokratische Abwehrarbeit richtig funktioniert?

Vielleicht hätte „Die Mannschaft“ sich auch ein wenig von den Mexikanern inspirieren lassen sollen. Die taktische Marschroute mit 30 Escort-Damen zu besprechen, bewirkte gewissermaßen schon immer Wunder.

Im zweiten Gruppenspiel warteten dann die Schweden auf. Bereits in der ersten Halbzeit merkte der gemeine Deutschland-Fan aber, dass sich „Die Mannschaft“ noch nicht mit den schwedischen Literaturmeisterwerken wie Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach und Ronja Räubertochter auseinandergesetzt hatte. Es hätte sicherlich geholfen.

Die zweite Halbzeit begann dann mit dem ersten Tor bei der Weltmeisterschaft im Jahre 2018. Unfassbar, „Die Mannschaft“ schoss ein. Jedoch schritt das Drama mit fortlaufender Zeit unaufhaltsam nur in eine Richtung. Ein Unentschieden hätte den Traum vom nochmaligen Fußballweltmeistertitel fast zum Platzen gebracht. Immerhin hatte die Dokumentation fünf Minuten Überlänge und der erste Sieg für „Die Mannschaft“ war perfekt.

Als Erlösung Deutschlands wurde dieses Tor betitelt.*

Und wir dachten immer, die deutsche Nation wurde zuletzt erlöst, als die Alliierten das deutsche Volk im Jahre 1945 von der Diktatur des Nationalsozialismus befreiten. Aber intellektuelle Vergleiche wie diesen ist man aus dem Milieu des selbstproklamierten Qualitätsjournalismus ja gewohnt.

Zurück zum Thema. Im letzten Gruppenspiel war es dann soweit: „Die Mannschaft“ schied gegen Südkorea aus.

Das Unvorstellbare ist eingetreten. Es hätte sich auch nie ein gemeiner Deutschland-Fan vorstellen können, dass einmal eine deutsche Fußballnationalmannschaft nicht die Vorrunde einer Fußballweltmeisterschaft übersteht. So wie es auch unvorstellbar war, dass einmal Millionen vor Krieg hilflos Flüchtende nach Schutz in Europa suchen.

Russische Hacker?

Für das Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft sollten nun aber auch nicht die russischen Hacker-Angriffe zu unterschätzen sein. So wurden schon bei der Fußballweltmeisterschaft 1930 in Uruguay die argentinischen Spieler im Finale durch damals noch sowjetische Hacker so umprogrammiert, dass schlussendlich Uruguay das Finale gewann.

84 Jahre später könnte nun der russische Präsident Wladimir Putin befohlen haben, dass die Nationalelf nicht noch einmal Fußballweltmeister werden soll und zu diesem Zweck die besten Cyber-Spezialisten seines Landes darauf angesetzt haben, dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Für den ein oder anderen Deutschland-Fan bleibt also ein deutscher (End)sieg auf russischem Boden wieder einmal nur ein Traum.

Und nun?

In Krisenzeiten ist es ja immer ratsam, dass nun die Politik eingreift.

Ein Untersuchungsausschuss im Bundestag ist immerzu das richtige Mittel, um dem deutschen Volk die Wahrheit näherzubringen, hier: Die wahren Ursachen des Scheiterns einer deutschen Fußballnationalmannschaft.

Außerdem sind hierzu nun genügend Beweise vorhanden. Die unzähligen Stunden an Fernsehmaterial lassen die Beweislage zwar womöglich als eindeutig erscheinen, jedoch dürften auch Zeugenbefragungen nicht ausgeschlossen werden.

Besonders in der Verantwortung steht als Zeugin natürlich die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hatte die deutsche Fußballnationalmannschaft schon im Trainingslager in Südtirol besucht und hätte dort schon erkennen können, in welchem Zustand sich „Die Mannschaft“ in das Zarenreich begibt. Da hat wohl auch die Politik wieder einmal versagt.

Was bleibt zu sagen?

Als Ergebnis der WM lässt sich nun schlussendlich zusammenfassen:

Endlich packt der geneigte Bratwurst-nebst-Bier-Schlucker seine unsäglichen Deutschland-Devotionalien peinlich berührt in die Schameskiste und schließt diese so fest wie sein patriotisches Großmaul, das nach dieser lächerlichen Farce den Dämpfer verpasst bekommen hat, der dem deutschen Identitätsgefühl nach den National-Eskapaden von 2014 gerade recht kam.


Wilhelm Tarnow, Jahrgang 1997, unterstützt als Funktionär und Unparteiischer seit frühester Jugend seine sportliche Heimat. Er ist sportbegeisterter Aktivist und beschäftigt sich mit dem Fair-Play des Menschen. Nebenher vertritt er derzeit sein Vaterland als pflichtbewusster Staatsdiener.


Aaron Richter, Jahrgang 1998, ist Student und Freigeist. Er war nie Schülersprecher und mied auch die Schülerzeitung akribischst, um nicht über zufälligen Unfug berichten zu müssen. Er ist ein neugieriger Zeitgenosse, der sich ungern einschränken lässt und mitunter auch jugendlich-persiflierend daherkommt. Trotzdem hat er noch einiges zu lernen, denn das, was vor ihm liegt, ist nichts geringeres als ein Leben in einem Zeitalter existenzieller Brisanz.

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