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Wir sind der Wald!

Wir sind der Wald!

Zwei Berliner haben, um ihn zu retten, den peruanischen Regenwald zu ihrem Zuhause erklärt.

Wie kommen zwei Berliner auf die Idee, nach Peru in den Regenwald zu ziehen?

Das entstand aus unserer Leidenschaft für die tropische Frucht Durian und unserer Müdigkeit der industrialisierten Welt gegenüber. Wir beschlossen herauszufinden, was Freiheit wirklich bedeutet und was wir außer Freisein außerdem von unserem Leben erwarten. Wir haben dann alles verkauft, was wir besaßen, alle Studienschulden getilgt, und uns gute Campingausrüstung sowie zwei stabile Fahrräder geholt und sind einfach in die Welt geradelt, um sie und uns zu spüren und kennenzulernen.

Wir wollten von Berlin nach Thailand radeln. Dort wächst die Durian nämlich. Aber auf unserem Weg dorthin haben wir viel gelernt und die Sehnsucht nach einem festen Lebensort in einem tropischen Land wuchs. Zum Auswandern schien uns Thailand bürokratisch zu problematisch zu sein und man empfahl uns Mittelamerika. Wir verkauften unsere Räder in Spanien und konnten uns so Tickets nach Costa Rica leisten. Von dort aus tingelten wir dann runter bis nach Peru und unsere Herzen haben sich sofort in diesen Flecken Erde verliebt.

Dass es hier in Peru gar keine Durian gibt, ist zwar ein bisschen ironisch, aber das ist es wert — denn dass wir in einem Wald im warmen Klima leben wollen, war schon immer klar. Wir sind sehr glücklich und dankbar dafür, hier den Regenwald schützen zu dürfen und auf dem jahrelangen Reiseweg genug gelernt zu haben, um dafür bestens gerüstet zu sein. Das Leben hat manchmal so seine Pläne für einen.

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Die Dschungel-Tiere um uns sind atemberaubend und verdienen es geschützt zu werden.

Wart ihr schon immer umweltbewusst und habt danach gelebt?

Nein, überhaupt nicht. Unsere Mütter haben sich zwar schon immer für alternative Lebensweise, Bio und Spiritualität interessiert und haben sicher einige Samen in uns gesetzt, aber wir selbst haben eher ein typisches Berliner Atzen-Leben geführt — mit Pizza, Party und Alkohol und allem, was dazu gehört. Beide haben wir durch eine Ernährungsumstellung vor ungefähr fünf Jahren unser Inneres komplett überarbeitet … Da kommt dann eins zum anderen: Neue Interessengebiete, wie Zero Waste, Food Saving und selbst Essen anzubauen, kommen ins Leben. Auch neue Menschen. So haben wir uns auch kennengelernt — über einen gemeinsamen Freund, der Wildkräuter-Wanderungen anbot.

Und gab es für die Ernährungsumstellung einen bestimmten Auslöser?

Meine Mutter und ich haben gemeinsam eine Ausbildung für Ernährungsberatung gemacht, dort durch die Zubereitungskurse automatisch frisch und gut gegessen und es danach einfach beibehalten, weil wir uns damit so dermaßen wohl gefühlt haben.

Can und seine Mutter haben gemeinsam Bücher über das Thema gelesen und sich Stück für Stück eine immer gesündere und einfachere Ernährung angeeignet. Auch sie sind dabei geblieben, weil es sich fantastisch anfühlt.

Was habt ihr in all der Zeit seitdem gelernt?

Fünf Jahre Gelerntes zusammenfassen? Puh ... Ich versuche es.

Was unseren Weg besonders geebnet hat, war das tiefe Verständnis für das natürliche Gärtnern. Die sogenannte Permakultur kann einem den Einstieg unglaublich erleichtern und das Vertrauen zurückgeben, dass die Natur uns wirklich nährt, dass „Bauer sein“ nicht nur buckeln bedeutet. Ich kann nur stark empfehlen, sich einmal anzusehen, wie man mit guter Planung auf kleinem Raum und auf lange Sicht mit überraschend wenig Einsatz massig Nahrung produzieren kann. Das füttert dich, deine ganze Truppe und es bleibt Überschuss, um mit gutem Bio-Zeug zu handeln!

Wir hatten tief verinnerlicht, dass ein Bauer schuftet wie ein Gaul, dass Landleben beknackt ist, dass es als Städter viel „aufregender“ ist … Aber wenn man sich mit alternativen Lebensentwürfen und der Permakultur befasst, bröckelt einem der Industrie-Plack von den Augen. Ich kann jedem Menschen auf der Welt empfehlen im Internet aufzusaugen, was es über Permakultur zu lesen und zu sehen gibt. Wir selbst haben daraus unsere eigenen Lebensmodelle geschaffen, sie an unsere besonderen Ansprüche für ein veganes, plastikfreies und naturforschendes Waldleben angepasst.

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Alles ist so groß, dass man sich wie eine Ameise fühlt.

Wir wollen herausfinden, wie wir Menschen nicht sofort alles, was wir hoffentlich einmal aufgeforstet haben, mit unserem „Ich will, ich will“-Hintern wieder einreißen. Wie schaffen wir es, mit und in Wäldern zu leben, die die Erde eigentlich bedecken sollten? Müssen wir alles wieder kurz und klein hacken?

So schaut unser Lebensmodell aus: Unter und bei den Kronen der höchsten Bäume entnehmen wir nur kleinstämmige Bäumchen und Bambus, welche wir mit Werkzeugen wie Axt oder Machete ohne Motorlärm ernten können. Daraus bauen wir sehr simple Hütten mit Palmdächern, welche, wenn man sie gut knüpft und in Stand hält, über 15 Jahre gut halten können. Uns persönlich gefällt es, wenn wir die Behausungen auch wieder kompostieren können. Wir nutzen keine Nägel, sondern binden mit Lianen. Die Häuser bestehen zu 100 Prozent aus den Materialien, die es auf dem Land zu finden gibt.

Wir lernen dabei von den indigenen Regenwaldnachbarn um uns herum und binden unsere eigenen Vorstellungen von Komfort und Ästhetik mit ein. Die nachfolgenden Generationen können sehr davon profitieren, immer wieder solche Hütten mit uns zu bauen, dann werden sie nicht vergessen, wie man als Mensch auf diesem Planeten lebt, so wie es ja leider uns erstmal passiert ist.

Um die Hütten kommen ringförmige Gartenwege. Nah an den Wohnhäuschen werden die Gemüsesorten, Kräuter und zarten Pflanzen angebaut, die besondere Aufmerksamkeit brauchen. Und in den weiteren Ringen pflanzen wir Fruchtwaldkombinationen, die von Bodendecker-Pflanzen bis zu hochwachsenden Fruchtspendern reichen. Dabei kombinieren wir die Pflanzen so, dass sie sich gegenseitig helfen. Eine Pflanze verjagt mit ihrem Geruch die Insekten, welche die andere Pflanze anfressen würden. Sie tauschen im Boden Mineralien aus und vieles mehr. Küchenreste-Management, Wasserleitungen aus Bambus, Komposttoiletten und vieles mehr sind im Wohn- und Gartensystem integriert.

Eine autarke Selbstversorgung ist das Herzstück unseres Projektes. Wir lernen hier wieder mit und bei dem Wald zu leben. Dazu gehört für uns auch, keine Chemikalien in die delikaten Wasserläufe des hohen Amazonas-Gebietes fließen zu lassen. Das beinhaltet auch so Sachen wie Cremes oder Shampoo. Deshalb haben wir uns seit Jahren ausführlich mit der natürlichen Hygiene befasst. Wie kommt es zum Beispiel, dass eine Katze nie stinkt und kein fettiges Fell hat, obwohl sie ohne Seife lebt? Dazu haben wir einen umfassenden Artikel geschrieben, falls das manch einen Rubikon-Leser interessiert.

Aus der Position der selbstversorgenden Autarkie heraus, sehen wir befriedigte Grundbedürfnisse und damit den Nährboden für kreatives Menschsein: Alternatives Lernen, neue Beziehungen zu den nachfolgenden Generationen und zu technologischen Fortschritten — Neugier im Bereich der Wissenschaften und Künste.

Unsere Arbeit als GaiAma-Organisation in Peru umfasst die Inspiration vor Ort und die Verbreitung unserer Konzepte über das Internet, um die Welt anzuregen, ebenfalls solche Zero-Waste-Waldgarten-Systeme zu bauen und innere und äußere Sicherheit sowie Freiheit zu fühlen. Dafür ist es wichtig zu verstehen, wie gut Wald-Permakultur funktioniert, sodass man nicht denkt, man hätte dann kein „normales Leben“ mehr. Und das wollen wir gern zeigen durch unser Beispiel — wie schön und lustig es sich in so einem Lebensentwurf lebt. Und vielleicht rütteln wir auch daran, was ein „normales Leben“ sein sollte, wenn wir diesen Planeten und unsere Gesundheit noch ein bisschen behalten wollen. Die Wasserquellen und Wälder dieser Welt werden es uns allen danken.

Auf all unseren Social-Media-Plattformen Facebook, Instagram und YouTube kann man unser Leben in Video-Clips, Bildern und kleinen Kurzartikeln mitverfolgen und noch viele weitere Gedankengänge von uns tiefer verstehen, die ich hier nicht „kurz“ erklären kann.

Eins noch — auf unserer Weltreise und durch unsere Einblicke in den Amazonas-Regenwald haben wir vor allem eines gelernt:

Es ist kurz nach Zwölf!

Ein unberührter Ort, der tatsächlich bewohnbar ist, wo niemand ist, den gibt es nicht mehr. Chemikalien fließen durch jedes Rinnsal, Kettensägen sind bis tief in die Wälder gekommen, alte Traktorspuren findest du an den entlegensten Orten.

Du kannst drei Wochen in ein Nationalparkgebiet latschen und hoffen, keinen Pfeil in den Arsch zu bekommen, aber eigentlich gibt es keine „perfekten Orte“ mehr. Wir müssen die Ärmel hochkrempeln und anpacken, Leute. Es ist soweit. Keine Entschuldigungen mehr.

Und ja, die Nachfrage der Industrieländer, die Nachfrage von jedem Ballungszentrum, wo ein Mensch nicht mehr direkt aus einem Garten lebt, verheizen die Welt. Das will man nicht wahrhaben, das ist doof und so, aber verdammt, so ist es nun einmal. Raus aus der städtischen, kompletten Abhängigkeit von Landmenschen, die einen füttern, ist eine der effektivsten Maßnahmen für einen echten Wandel der Welt.

Wenn jeder auf dem Müll sitzen müsste, den er produziert, in den Chemikalien der Minen baden müsste, die für all die Metalle, die man im täglichen Leben nutzt, die Erde aufreißen, wenn jeder in der Hitze der gerodeten Regenwaldflächen stehen würde, die für sein Essen oder Holz vernichtet wurden, dann würde die Welt anders aussehen.

Die Industrieländer sind echt gut darin zu verstecken, was aus ihrem Auspuff des westlichen Lebensstils herauskommt. Im eigenen Land sind das schicke Recycling-Anlagen, aber das ist winzig. Der Impact fängt schon beim Beschaffen der Rohstoffe an! Die Welt, liebe Freunde, ist Wellblechdach und Plastikmüll. Und jeder Einzelne, keine Regierung, nicht nur Gesetze, muss dafür sorgen, dass er nicht mehr dazu beiträgt. Wie man das macht, bleibt einem selbst überlassen. Herz und Kopf an. Es muss losgehen!

In vielen Medien wird uns die baldige Apokalypse prophezeit. Glaubt ihr, dass die Menschheit noch die Kurve kriegt?

Na, du stellst Fragen. Ich hoffe doch. Dafür kämpfen wir hier jeden Tag!

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Die sanften Tropen sind herrlich zum Leben.

Hat sich euer Welt- oder Menschheitsbild geändert, seitdem ihr GaiAma verwirklicht und lebt?

Ja, und zwar ganz drastisch. Wir erschaffen ja in Miniatur eine Lebensmodell-Alternative. An was man da alles denken muss, ist unglaublich komplex. In vielen unserer jahrelangen Überlegungen haben wir immer mal wieder aufgeblickt und uns angesehen. Aha! Deshalb macht „das System“ das so. Die sind gar nicht „böse“ — das ist einfach nur alles viel zu groß und unübersichtlich geworden und die Menschen haben größtenteils versäumt, sich selbst, die Menschlichkeit, das Herz mit einzubeziehen in der Planung des Weltgeschehens, der Ökonomie.

Es rollt einfach immer alles so schnell, es überschlägt sich fast und nur jeder Einzelne kann es stoppen, sich selbst stoppen, sich selbst heilen, sich selbst dazu animieren, freundlich zu handeln, mal das Ego wegzustecken, Ängste und Traumata nicht so stark ins Außen zu tragen, sodass man ein machtgeiler Boss wird oder eine prügelnde Mutter. Es sind immer wir selbst.

„Von oben“, ja, wir denken es gibt auch mal gute Entscheidungen zum Gemeinwohl, aber wir glauben, dass da immer ganz viel von unten passieren muss. Das war zwar schon immer so. Aber unser Weltbild hat sich in dem Sinne geändert, dass wir gar nicht mehr mit dem Finger auf irgendjemanden, geschweige denn einen Schatten wie das „System“, zeigen können und denken „DAS ist schuld“, DAS muss sich ändern.

Das System, das besteht aus vielen kleinen Individuen. Mit Wünschen, Ängsten, Gefühlen. Innenschau, charakterliches Wachstum, Mitgefühl, liebevolle und ehrliche Kommunikation — das sind Werte, die ich in der Welt gerne mehr sehen würde und versuche selbst umzusetzen, so gut es eben als Mensch geht.

Mir gefiel ein Instagram-Post von euch, in dem ihr westlichen Menschen erklärt, warum viele Peruaner Plastikflaschen in die Natur schmeißen. Darin schreibt ihr:

„Kennt ihr den Geruch von verbranntem Plastik? Will man nicht kennen! Nachdem die Industrieländer ihren Plastikkult überall hingetragen haben, schauen sie herab auf alle, die ihre Natur vermüllen. (…) Ein Freund von uns erzählt von einer älteren Dame, die ihn fragte, wie es sein kann, dass die Plastikflasche, die sie vor schon SECHS Wochen ans Wasser warf, IMMER NOCH da ist ...

Leute ... normalerweise vergeht eben „Müll/Kompost“ in der Natur ... das ist für viele Menschen noch ganz neu, dass der Mensch Material erschaffen hat, das nicht in der eigenen Lebenszeit vergeht, geschweige denn giftig ist. Warum sollte man sowas auch erfinden und herstellen?

Und es macht hier auch gar keinen SINN, es in den Mülleimer zu werfen, denn dann kommt manchmal vielleicht ein Müllwagen, der nimmt es mit und kippt es woanders wieder in die Natur. Eine Müllverbrennungsanlage schießt nicht magisch aus dem Boden.

Die Peruaner lieben und ehren ihre Natur sehr. Es ist aber auch echt hart mit dem Plastikmüll. Und man schaut zu Nationen wie Deutschland usw. auf … Da gibt’s halt Plastik. BITTE BITTE seid da drüben ein gutes Vorbild. Recycling fängt hier gerade an interessant zu werden. Bitte bleibt am Ball mit dem Zero Waste und Alternativen finden. Seid LAUT über alles, was ihr rausfindet, wie es geht ... Wir können auf diesem Planeten nicht mehr rückgängig machen, was passiert ist, aber ihr könnt jetzt VIELE Menschen inspirieren, wie es die ‚heiligen entwickelten‘ Länder tun ...“

Mir fällt auf, dass ihr auf sehr friedliche Weise, ohne Vorwürfe und Aggressionen, dafür oft mit einer Prise Humor auf Missstände aufmerksam macht. Fällt euch das schwer? Glaubt ihr, jeder Mensch könnte das lernen und wenn ja, wie?

Das ist ja lieb von dir. Ich weiß nicht so recht. So fließt es mir aus den Fingern. Das ist ein bisschen wie Songs schreiben. Oft fließt das eher so „durch einen durch“... Ist vielleicht eine Grundeinstellung dazu, freundlich sein zu wollen. Warum auch nicht? Und einfach aufzuklären, richtigzustellen, neugierig zu philosophieren, solche Dinge mag ich.

Das kommt sicher auch auf den Charakter der Menschen an, deshalb glaube ich nicht, dass ein jeder das lernen kann oder sollte. Wir sind doch alle so unterschiedlich und der eine liest gern einen freundlichen, aber bestimmten Weckruf, und jemand anderes braucht immer einen richtig dicken, verbalen Arschtritt oder sogar noch viel sanftere Worte, um sich weiterzuentwickeln und etwas aus dem Geschriebenen mitzunehmen.

Abgesehen davon habe ich mich auch selbst in meinem Herantreten an eine Leserschaft entwickelt und bin immer noch mein eigener größter Kritiker. Da geht noch einiges.

Allgemein kann ich zum Thema Kommunizieren empfehlen sich mit der „gewaltfreien Kommunikation“ von Marschall Rosenberg zu beschäftigen. Sie als Werkzeug zu nutzen und dann organisch ins Leben einfließen zu lassen, also nicht so steif anzuwenden.

Ich habe mich auch mit gewaltfreier Kommunikation beschäftigt und das hat mir im Alltag viel geholfen, gerade weil ich sie auch nicht so streng angewendet habe. Lustigerweise reagieren viele schon bei dem Wort „gewaltfrei“ leicht aggressiv. Das bringt mich inzwischen oft zum Lachen. Ein guter Tipp!

Ja, das geht vielen so, mir auch. Ich glaube, dass liegt daran, dass es eben doch immer wieder steif angewendet wird und nicht aus der Position heraus genutzt wird, für alle das Beste zu wollen, sondern eher, um endlich das zu bekommen, was man will. Und das spüren andere. Wir haben doch alle einen Bullshit-Radar.

Bewegende, gewaltfreie Kommunikation fängt bei einem selbst an, bei der Sicht auf sich und die Welt und geht viel tiefer als reines Gequatsche. Sie ist nur ein Werkzeug. Es kommt darauf an, wer es in der Hand hat und wie es genutzt wird.

Apropos Kommunikation. Wie habt ihr überhaupt Spanisch gelernt?

Wir haben es auf der Reise beim Interagieren mit den Menschen in Spanien, Mittel- und Südamerika gelernt. Spanisch „to go“ quasi. Aber wenn man vorher nicht gereist ist und dann auswandern möchte, ist es sehr ratsam, sich zuvor in die Sprache einzufinden, um sich in der Bürokratie halbwegs zurechtzufinden.

So habe ich es in Spanien auch erlebt. Bürokratie mit Sprachkenntnissen ist schon kein Zuckerschlecken, aber ohne Sprachkenntnisse ... unvorstellbar.

Ich hatte glücklicherweise Spanisch und Französisch studiert, bevor ich überhaupt ahnte, dass ich einmal auswandern würde. Aber erst durch das Sprechen mit den Menschen und über die Jahre lernte ich die Sprachen so, dass ich mich wirklich verständigen kann und ein gewisses Sprachgefühl habe. Um eine Sprache so zu lernen wie ihr, allein durch das Sprechen, braucht man schon viel Mut, Geduld und Offenheit. Hut ab!

Aber zurück zum Waldprojekt: Glaubt ihr, man kann auch in Deutschland so ein ähnliches Projekt wie eures aufziehen? Zum Beispiel in den großen Waldflächen Brandenburgs, den Wäldern meiner Kindheit, die ich so liebe?

Ich glaube, „ähnlich“ trifft es dann vielleicht gerade noch so. Ich erkläre einmal warum: Man müsste schon eine Menge Gesetze ändern, um das so durchzuziehen. In Deutschland hast du ja allein schon wahnsinnige Summen, um überhaupt Land zu erwerben. Grundstückssteuern. Du musst ans Netz angeschlossen sein, du hast Bauauflagen und brauchst für jeden Pups eine Genehmigung. Bleiben wir nur bei diesen Beispielen. Das kostet so viel Kohle. Alle, die mitmachen, würden mit Sicherheit sehr viel Zeit für eine Lohnarbeit aufbringen müssen, anstatt an ihrem Selbstversorgergarten werkeln zu können, denn allein die Erhaltungskosten sind schon so immens.

Naja, und dann kommt eben der Winter. Ein Palmendach und eine Bambuswand werden da nichts bringen. Wie sieht es aus mit der Nahrung im Winter? Da muss viel eingelegt und vorbereitet werden. Wir haben uns ein warmes Land ausgesucht und auch eines, wo der Papierkram weniger dicht ist, damit wir uns den Beginn für solche Lebensprojekte nicht extra schwer machen.

Aber entgegen all dem gibt es sicher einige, für mich unglaublich starke Leute, die so etwas auch in deutschem Klima — Wetter sowie politisch — angehen. Ich muss das hier schon wirklich wollen. Ich muss ein bisschen verrückt sein für so etwas. Und in Deutschland vielleicht sogar ein bisschen verrückter, mit noch dickeren Nerven als wir sie schon wirklich brauchen.

Ach, die deutsche Bürokratie. Da spiegelt das politische Klima das Wetter ja doch ganz gut wieder. Vielleicht bringt der Klimawandel auch ein wärmeres politisches Klima mit sich, das endlich wieder mehr auf Menschlichkeit und Einklang mit der Natur setzt als auf Wirtschaftswachstum.

Haben die Menschen in eurem Umfeld, eure Freunde und Familien euch immer unterstützt oder seid ihr auf Ungläubige gestoßen, die für unmöglich hielten, was ihr heute tatsächlich lebt?

Unsere Familien sind sehr klein. Unsere Väter haben uns sechs Wochen beziehungsweise ein paar Monate gegeben, bis wir von unserem „Fahrrad-Ausflug“ wiederkommen. Daraus sind jetzt über fünf Jahre geworden, die wir weg sind. Mittlerweile ist den beiden klar, wie ernst wir das meinten.

Auch unser Freundeskreis war immer überschaubar. Sie haben uns liebevoll verabschiedet und uns freudig verfolgt.

Unsere Mütter sind Feuer und Flamme. Meine eigene Mutter lebt auch hier bei uns. Und Cans Mutter kam uns bisher einmal besuchen und liebt es auch sehr.

„Skeptiker“ gibt es im wilden, weiten Internet aber natürlich zu finden. Die melden sich aber nicht wieder, um zu sagen: „Hey, ihr kommt ja immer weiter und weiter, ihr labert ja gar nicht nur ... Sorry, ich habe mich getäuscht.“ Die sind dann einfach still.

Wie habt ihr es geschafft, euch nicht entmutigen zu lassen und das alles tatsächlich durchzuziehen?

Hm. Weißt du, für uns gibt es keine andere Option …

Ich habe das Leben im Wald geschmeckt, ich weiß, dass Permakultur funktioniert und eine fette Lösung für viele, viele Probleme ist, ich habe gesehen, wie außerordentlich intelligent freilernende Kinder sind, wie gesunde Körper durch Obst und Gemüse strahlen. Ich kenne den Kontrast vom Stadt- und Jobleben zu fast völliger Freiheit und Unabhängigkeit. Für uns gibt es kein Zurück, nur ein Weiter. Weiter in die Richtung, alle unsere Erkenntnisse zu verbinden und es uns und noch viel mehr Menschen zu ermöglichen, sich selbst, die Natur und die Mitwesen auf eine Art zu heilen oder all dem einfach endlich gut zu tun.

Mut bekommen wir auch durch unsere Leser und manchmal auch durch traurige Ereignisse. Jedes Mal, wenn hier jemand wieder einen Hektar niederbrennt, entfacht er in mir das Feuer, die Alternative zu leben und als Beispiel zu dienen.

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So sieht es aus, wenn Regenwald stirbt.

Reden geht schon auch, aber das ist nicht so effektiv. Wenn ich den Bauern, der das gemacht hat, zu mir einlade, er meinen Garten sieht, mein Gemüse kostet, sieht, wie gut wir leben, dann will er das auch … und dann brennt der Wald nicht mehr, weil er gerade mit mir einen Teil meines Gartens gemulcht und jetzt eine viel geilere Alternative hat (1).

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Schrebergarten auf peruanisch.

Er musste es nicht selbst auf Risiko probieren und dabei seine Ernte riskieren, die ihm ohnehin einen lächerlichen Betrag einspielt, um sein Kind in eine relativ schlechte Schule zu schicken. Nein, er konnte es sich sicher bei mir ansehen und dann selbst entscheiden, ob er das vielleicht auch so machen will, weil es letztlich viel besser und ertragreicher ist. Und dann bleibt wieder ein weiterer Hektar Wald stehen. Wie könnte ich mich von diesem Plan abbringen lassen? Das muss einfach. Das ist einfach in unserem Blut.

Was waren die größten Hürden?

Die Bürokratie, die ja nicht verschwunden ist in Peru. Vor allem für die permanenten Visa und die Gründung der Naturschutz-Organisation. Gleichzeitig sind wir auch darüber sehr froh. Wir haben solche Prozesse jetzt schon achtmal durchgezogen und all unser Wissen und die Erfahrung geben wir an jeden unserer Neuankömmlinge weiter.

Die zweite große Hürde war den richtigen Ort zu finden, wo ich als Mensch leben möchte und gleichzeitig die Chance habe einen positiven Einfluss zu geben. Es gibt Minengebiete, da krepelst du nach ein paar Wochen ab, wenn du das mit Quecksilber verseuchte Wasser säufst. Klar gibt es da Dinge zu tun, aber du kannst da nicht effektiv sein.

Es gibt Orte, die sind ein Paradies, da kann man sich verstecken vor der Welt und nix bewegen. Und es gibt Orte wie hier. Hier können wir leben UND effektiven Schutz für den Wald und das Wildleben gewährleisten, weil die Bedrohung hier nicht von allzu großen Konzernen kommt, deren Mafia dir einfach die Rübe wegpustet, wenn du dich vor den Baum stellst. Hier sind es nicht immer, aber oft genug, Bauern, die roden, Holz verkaufen wollen, Geld mit geschossenen Tieren machen, für großflächige Monokulturen abbrennen, zu viel Chemikalien benutzen und noch so ein paar unschöne Dinge wie Koka-Business.

Auch war und ist es sehr hart für uns, als Initiator die eine oder andere Entscheidung zu treffen, „nein“ zu sagen … Das muss man können. Nicht einfach alle Menschen sofort aufnehmen zu können, sondern sie Schritt für Schritt einen nach dem anderen durch die nötigen Papierangelegenheiten zu begleiten, das ist ein echter Berg an Verantwortung. Da muss man erst einmal hineinwachsen in die Rolle. Da könnte ich ganze Bücher drüber schreiben.

Wie soll es mit GaiAma weiter gehen? Habt ihr weitere Visionen und Ziele?

Unser großes Ziel ist es, die ersten Grundstücke so gut wie 100 Prozent autark zu bekommen. Das wird noch einige Jahre dauern. Bäume brauchen ja ein wenig Zeit, um üppig Obst zu geben. Mit Baumwolle für Klamotten und allem Drum und Dran. Unsere kurzfristigen Ziele sind vor allem der Erwerb von weiteren Flächen, um die Wasserläufe, die ja durchs Land ziehen, von den Quellen bis weit in ihre breiteren Bereiche hin zu schützen.

Dafür starten wir immer wieder einzelne Crowdfundings pro Grundstück und freuen uns über jede Spende, um diese Projekte zu realisieren und am Laufen zu halten.

Jeder Spender wird von uns online und in den Papieren namentlich als Gründungshelfer für das kommende GaiAma Naturschutzgebiet erwähnt. Mit nur einem Euro Spende schützen wir schon 10 Quadratmeter Regenwald mit Herz und Seele!

In Zukunft möchten wir einen Großteil dieser Grundstücksgruppen zu einem neuen Natur-Reservat zusammenfassen und dieses mit den Siedlungsgrundstücken, die wir davor platzieren, automatisch vor Eindringlingen schützen.

Wir kaufen ausschließlich Grundstücke, die verlassen sind, oder integrieren die Menschen, wenn sie dort weiter leben möchten, aber auch gern das Geld vom Verkauf wollen oder brauchen. Auch ist es unser Ziel, so viel wie möglich von unseren Regenwaldstammnachbarn zu lernen und zu verstehen. Mehr dazu kann man in unseren Beiträgen online erfahren.

Fehlt euch manchmal die Zivilisation oder die deutsche Kultur?

Nein. Vieles ist anders und auch wenn mal etwas ungewohnt oder blöd ist, wiegt es nicht mehr als die unangenehmen Dinge, wegen denen wir aus Deutschland weggegangen sind.

Was fehlt, ist manchmal „Qualität“, zum Beispiel von Kleidung, Schuhen und so. Alles ist aus billigem Plastik hier in den Dritte-Welt-Ländern. Die schönen Holzschalen, die man im Naturkaufhaus in Deutschland kauft, so etwas gibt es hier nicht! Vielleicht noch in alten Häusern, aber nicht zum neu kaufen. Die Erste-Welt-Länder und China laden hier ihren billigsten Mist am Hafen ab und fluten das Land mit nutzlosem Kram, der nicht hält. Es ist zum Heulen. Das ist natürlich in unseren Selbstversorger-Einheiten egal, aber bis dahin ist es echt nervig.

Ein Wort zum Schluss:

Ich danke dir für die Möglichkeit, uns und unsere Projekte hier vorzustellen und freue mich über deine Neugier.

An alle Leser — auch Ihre Offenheit berührt mich und ich sende herzliche Grüße aus dem peruanischen Dschungel. Mir ist bewusst, dass die meisten von Ihnen schon sehr viel dafür tun, ein grüneres Leben zu führen und dafür ein großes Danke von den Wassertropfen und Fröschlein und Jaguaren dieser Wälder!
Alles Liebe um die Welt.

Danke für das Interview!

Gerne, danke dir auch.


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Can & Jen von GaiAma.

Can und Jen, 1988 (Can) und 1987 (Jen), sind 2013 aus ihrem Berliner Leben mit Fahrrädern in die Welt aufgebrochen um zu erfahren, was es bedeutet frei zu sein. Als Naturliebhaber und Roh-Veganer arbeiten sie nun an einer Waldgarten-Siedlung im tropischen Peru und setzen die grünen Projekte ihrer Naturschutzorganisation GaiAma mit Herz und Seele um. Dafür können sie jede Unterstützung in Form von Spenden dringend gebrauchen.


Quellen und Anmerkungen:
(1) Mulchen: den Boden mit „Mulch“ bedecken, einer Bodenbedeckung aus Stroh, Gras oder Ähnlichem, zur Förderung der Bodengare und zum Schutz.

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