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Pilcrow Es kommt immer anders, wenn man denkt. Daher gibt es vom Rubikon jetzt auch Bücher.
Wie könnt ihr es wagen?!

Wie könnt ihr es wagen?!

Greta Thunbergs „How you dare?!“ ist Frage und Anklage zugleich — und wird wohl in die Geschichte eingehen.

Im Zeitalter des Positionierungswahns habe ich lange darüber nachgedacht, ob ich mich in der Frage des Klimawandels und seinen Auswirkungen für die eine oder andere Seite entscheide. Setze ich nun Scheuklappen auf und verteufle und diffamiere ich all jene, die nicht so denken wie ich? Bewaffne ich mich mit im Internet angeeignetem Halbwissen und ziehe in einen der Kreuzzüge des 21. Jahrhunderts? Nein und nochmals nein! Ich tue mir selbst den Gefallen und höre auf mein Bauchgefühl — und Ja, auch auf das, was ich unter gesundem Menschenverstand verstehe.

Jedes lebende Wesen auf unserem Planeten bewirkt durch sein simples Dasein etwas. Ob es die Mikroorganismen waren, die vor circa 3,7 Milliarden Jahren damit begannen, durch Photosynthese Sauerstoff zu produzieren, oder die Wölfe, die durch ihre Anwesenheit ganze Ökosysteme veränderten. Ja, und da ist dann noch der Mensch. Ausgestattet mit Intelligenz hat er — seit seinem Erscheinen — unseren Planeten in vielerlei Hinsicht beeinflusst und ist ständig dabei, markante Spuren zu hinterlassen.

Das ist nicht wertend, sondern einfach nur eine Feststellung. Wir sind, also bewirken wir.

Niemand wird das bestreiten können.

Ob der Klimawandel nun durch den Menschen beschleunigt oder gar verursacht worden ist, spielt in meinen Augen überhaupt keine Rolle. Diese Fragen und der daraus resultierende Streit, sind irrelevant. Zumindest für diejenigen, die davon überzeugt sind, dass es einen Klimawandel gibt. Städte, die — wie Jakarta — verlegt werden müssen, weil sie sonst im Meer versinken, langanhaltende Dürren und damit verbundene Waldbrände und Hungersnöte, abschmelzende Polkappen, auftauender Permafrost, eine steigende Zahl an Erdrutschen in Gebirgen — das sind Dinge, die man nicht leugnen kann.

Über die Ursachen streitet man sich nun immer erbitterter. Es gibt Menschen, die — wie man weiß — einen anthropogenen Klimawandel negieren. Nun, mögen sie es tun, denn es gibt auch Wissenschaftler, die die Meinung vertreten, dass es ihn nicht gibt — zumindest das Phänomen, das aktuell so bezeichnet wird.

Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass sich zwei Fronten in einem wissenschaftlichen Streit erbittert gegenüberstehen. Man denke da nur an Zeiten zurück, als man noch auf dem Scheiterhaufen landete, wenn die Antwort auf die Frage, ob die Erde flach oder eine Kugel sei, letztere war. Oder ein anderes bekanntes Beispiel: Darwins Evolutionstheorie hatte seinerzeit in einem hohen Maß die Gemüter erhitzt.

Nun ist es der Klimawandel. Aber jetzt ist ein Player auf dem Spielfeld, den wir, die Alten, nicht auf der Rechnung hatten — nicht nur in einem Land, nein, sondern weltweit: Es ist die Jugend.
Wir Alten reagieren echauffiert, arrogant und empört darüber, dass ein „Zwergenaufstand“ im Gange ist.

Es wird sich darüber erzürnt, dass die junge Generation — der nachgesagt wird, sie sei unpolitisch, degeneriert und würde hauptsächlich mit einem über einem Smartphone gesenkten Haupt durch das Leben wandeln — nun auf die Straße geht.

Ihr wird vorgeworfen, sie würde die Schule schwänzen. Ja, richtig, das tut sie auch. Was soll sie denn sonst bitteschön tun, wenn sie sieht, dass die Politik — die ja selbstverständlich die Domäne der Erwachsenen ist — seit Jahren dabei ist, ihre Zukunft gegen die Wand zu fahren. Sie sieht eine Generation vor sich, die sich fast ausschließlich nur über Reichtum und Macht definiert. Eine Generation, die sämtliche Warnungen und Mahnungen seit zig Jahren ignoriert oder ins Lächerliche zieht. Eine Generation, die aus vergangenen Kriegen und Katastrophen offensichtlich nichts — aber auch rein gar nichts — gelernt hat, offensichtlich nichts hatte lernen wollen und immer noch nicht zum Lernen bereit ist.

Ja, wir sind, also bewirken wir. Das haben die jungen Menschen auf der Straße erkannt und haben ein Fazit aus unserem Wirken gezogen, wollen das, was unter dem Strich herauskommt, ändern. Sie wollen uns Alten das Zepter des (Nicht-)Handelns nicht mehr überlassen — und ich finde zu Recht.

Da wird sich an einer Greta Thunberg hochgezogen. Sie sei krank und instrumentalisiert. Ja, mag sein. Aer was ist mit dem Rest der jungen Menschen, die rund um ganzen Globus auf die Straße gehen? Leiden sie alle unter einer Massenpsychose? Sind sie tatsächlich alle dumm oder faul oder vielleicht beides?

Ehrlich gesagt, ich finde es billig, den Zorn der jungen Menschen auf diese Weise abzutun, um lediglich von eigenen Fehlern und eigener Untätigkeit abzulenken. Es wird außer Acht gelassen, dass es noch nie eine Generation in der Geschichte der Menschheit gegeben hat, die solch einen umfassenden Zugriff auf Informationen hatte wie die jetzige.

Natürlich auch mit all den negativen Seiten. Und es ist ja nicht so, als ob Greta Thunberg der erste Teenager gewesen wäre, der ein Umdenken gefordert hätte. 1992 hielt Severn Suzuki eine Rede bei der UN-Klimakonferenz in Rio de Janeiro, die beeindruckend war.

Ja, man hatte Severn Suzuki applaudiert und gelobt. Ein grundlegendes Umdenken im Umgang mit Natur und Mensch ist bis jetzt aber utopisch geblieben. „Business as usual“ war die oberste Direktive. Die anschließenden Konflikte, die zunehmende Zerstörung der Umwelt und die nicht nachlassende Ausbeutung von Menschen beweisen es.

Was haben all die Gretas und Severns und all die unbekannten jugendlichen Aktivisten denn getan, dass sie sich den Unmut und die Häme der Erwachsenenwelt zuziehen?

Sie haben uns Alten den Spiegel vor das Gesicht gehalten, sie haben von den Informationen, auf die sie leichter als wir zugreifen können, Gebrauch gemacht, ihre eigenen Schlüsse gezogen und voller Zorn gesagt, dass es so nicht mehr weiter gehe.

So handeln nun mal mündige und verantwortungsvolle Menschen. Denn wir können nicht weiter einfach „sein und bewirken“, zumindest nicht so wie bisher.

Man stelle sich vor, wir säßen in einem Auto, welches vom Fahrer auf einen Abgrund gelenkt wird. Was würden wir tun? Die Antwort erübrigt sich wohl — und nichts anderes tun die jungen Menschen jetzt.

Wir, die Alten haben die meisten unserer Brötchen gegessen. Wir sind gereist, wir haben tatkräftig vom „Geiz ist geil“ Gebrauch gemacht und haben unseren Spaß gehabt. Aber was ist mit den Jungen und denen, die nach ihnen kommen?

Ich kann und will nicht glauben, dass uns das, was mit ihnen in Zukunft passiert, egal ist. Und es wird auch niemandem ein Zacken aus der Krone brechen, indem man ihre zu Recht gestellten Forderungen ernst nimmt. Die Tatsache, dass sie jung sind, schließt nicht aus, dass sie — genau wie wir — Rechte haben. Der Blankocheck, den frühere Generationen bekamen, wenn sie Kinder in die Welt setzten, beinhaltete, dass man als Erwachsener über sie bestimmen konnte, wie man wollte. Wir müssen zur Kenntnis nehmen und respektieren, dass diese Zeiten vorbei sind.

Hören wir also auf, uns darüber zu streiten, ob der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist oder nicht. Der Karren steckt schon seit geraumer Zeit tief im Dreck und wird noch weiter sinken, wenn dieser sinnfreie Streit weitergeht. Paaren wir lieber jugendlichen Idealismus und Tatendrang mit dem Know-how älterer Generationen und dem Wissen von Experten, entziehen Politikern und all jenen — die meinen, nicht dabei mitmachen zu müssen — unsere Achtung und Beachtung und packen wir es endlich wirklich an!

Hören wir auf, den Menschen über die Natur zu stellen und ihm eine Wichtigkeit beizumessen, die er innerhalb der Natur nicht hat und bisher auch nicht verdient.

Der Mensch ist nur ein Bruchteil eines Staubkorns. Er kann nur sich selbst und einige andere Spezies zerstören — die Natur aber nicht. Sie war von Anbeginn des uns bekannten Universums da und wird noch da sein, wenn die Spuren unseres Wirkens schon längst verwischt sind.

Wir als Spezies können nur das machen, was wir gemacht haben, seitdem wir auf diesem Planeten weilen. Wir können versuchen, das Beste aus unserer Situation zu machen, uns an die Gegebenheiten anpassen. Darin sind wir Experten, sonst wären wir schon längst von der Weltbühne verschwunden. Das wiederum kann nur durch Kooperation erreicht werden.

Dieses Wort und dessen Sinn hat aber leider begonnen, bei vielen seine Bedeutung zu verlieren, und deshalb sind wir genau da, wo wir jetzt sind.

Der Jugend möchte ich sagen, dass sie meine Unterstützung und meine Bewunderung hat. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass wir als Gesamtheit eine riesige Masse sind, die sehr schwerfällig ist und deswegen nicht leicht auf einen anderen Kurs gebracht werden kann — die Massenträgheit halt.

Die Entwicklungen können nicht von jetzt auf gleich vollzogen werden, anderenfalls würde ein Chaos ausbrechen, das sich niemand wünschen kann. Gebt uns Alten keine Ruhe! Lasst aber ja nicht locker in Euren Forderungen! Denn sie sind mehr als nur berechtigt.


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