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Wider den Gehorsam!

Wider den Gehorsam!

Die streikenden Schülerinnen und Schüler brauchen unsere Unterstützung, Erfahrung und Ermutigung in ihrem Kampf für eine bessere Welt, der auch unser Kampf ist.

Liebe Alt-68er und Gewerkschafter,
liebe Bildungsbürger, Linksintellektuelle, Quer- und Andersdenkende,
liebe Arrivierten und Karrieregemachten,
liebe Hippster und Hippies, die ihr euch in Nischen etwas aufgebaut habt,
liebe Künstler und Kreative,
liebe Altgewordene, doch jung Gebliebene,

erinnert ihr euch noch an die Hoffnungen und Utopien, an die Schönheit und Wildheit eurer Jugend, an euren Tatendrang? Daran, wie ihr einst eure Schulen und Hochschulen bestreikt habt?

Wo ist er geblieben, dieser Mensch? Wo blieben seine Wildheit und Wut? Das Wissen darum, dass all die Ungerechtigkeit auf dieser Welt dringend einen Gegenpol braucht?

Auf Deutschlands Straßen sind wieder einmal junge Menschen aktiv. Wie so oft in den letzten Jahrzehnten, ja, Jahrhunderten, werden wieder einmal die Schulen bestreikt. Und wie noch jedes Mal, bei jedem dieser Versuche, werden nun alsbald die Herrschenden in die Offensive gegen diese „Abweichler“ gehen und die jungen Menschen die Macht der oberen Zehntausend und deren Herrschaftstechniken zu spüren bekommen, wie beispielsweise:

Wollt ihr noch immer eine bessere Welt? Wenn nicht für Euch, dann wenigstens für Eure Enkel? Verwendet ihr zwischen Kindern, Latte Macchiato und Karriere noch gelegentlich einen Gedanken hieran? An eine Welt, die wirklich anders und daher besser, nicht nur eine Fortschreibung und Optimierung der bestehenden Ungerechtigkeit ist?

Dann ist es höchste Zeit. Zeit, den streikenden Schülerinnen und Schülern mit eurer Erfahrung beizustehen, sie zu unterstützen, dass ihr Kampf erfolgreich verläuft. In ihrem Sinne, nicht in jenem von Merkel, Lindner und dem des Systems.

Die Drohungen, Manipulationen und Diffamierungen durch die Herrschenden und ihre Wasserträger haben bereits begonnen. Und Kanzlerin Merkel (1) präsentiert die Streiks bereits als Streiks für die herrschende Politik — dabei sind sie das genaue Gegenteil.

Wie sollen die streikenden Schülerinnen und Schüler nun damit umgehen? Wie sollten sie das können? Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 19 Jahren? Wie sollen sie, die zum ersten Mal in soziale Kämpfe involviert sind, wissen, wie man sich wehren kann? Wissen, dass und wie man versuchen wird, sie zu manipulieren, belügen und instrumentalisieren?

Woher sollen sie wissen, dass es bereits Erfahrungswerte ähnlicher Kämpfe in der Vergangenheit gibt, niedergeschrieben zum Beispiel in „Proben für den großen Krach“, dem Handbuch zur studentischen Protestorganisation von Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke?

In diesem heißt es unter anderem:

„Politisches Handeln emanzipatorisch-solidarischer Art liegt dann vor, wenn sich einzelne oder mehrere einerseits um ein verstehendes Begreifen der gesamten gesellschaftlichen Wirklichkeit bemühen und dieses Ansinnen andererseits mit dem immer wieder praktisch verwirklichten Anspruch verknüpfen, die gesellschaftliche Realität — und damit auch sich selbst — so zu verändern, dass irgendwann einmal umfassende Herrschaftsfreiheit verwirklicht werden kann. Dabei sollte es sich von selbst verstehen, dass vor allem das verstehende Begreifen immer mit dem kontroversen Austausch von Argumenten, Einschätzungen und Erfahrungen einhergehen muss. Aus dieser Definition kann holzschnittartig das Folgende geschlussfolgert werden: Dort wo irgendwelche Menschen sich nur zum verstehenden Begreifen zusammenschließen, existiert lediglich eine Seminargruppe. Wo jene Seminargruppe sich auch um Veränderung bemüht, diese jedoch nur auf die eigene Person beschränkt (und weitergehende Ansprüche auf gesellschaftsverändernde Maßnahmen gar nicht erst formuliert) handelt es sich um so etwas wie eine seminaristische Selbsthilfegruppe. Liegt der Akzent dagegen auf dem Bestreben, Gesellschaft zu verstehen und zu verändern, allerdings nur so, dass die ureigensten Interessen berücksichtigt werden, (...) hat mensch es mit Lobby-Politik zu tun. Und schließlich: Wo der widerständige Veränderungswille zwar herrschaftsfreien Idealen verpflichtet ist, dabei jedoch die eigene Person mehr oder weniger stark aus den Veränderungsbestrebungen herausgenommen wird, (...) kann wohl von solidarischer Politik gesprochen werden, nicht aber von emanzipatorisch-solidarischer Politik, denn diese setzt, wie oben bestimmt, das Verstehen und Verändern auf allen Ebenen voraus.

Und weiter:

„Auf der Ebene praktischer Realisierung sind wir der Meinung, dass (…) Proteste zukünftig vor allem folgende Ansprüche an sich selbst formulieren und umsetzen sollten:
Sie müssen erstens provokativer und vor allem streitbarer und subversiver werden.
Sie müssen zweitens ihre sehr verschiedenen Aktionsformen gezielter und geschickter kombinieren und vernetzen.
Sie müssen drittens davon Abstand nehmen, ihre Ziele nur kurzatmig zu verfolgen. Stattdessen bedarf es langfristiger und kampagnen-förmig angelegter Praxis- und Konzeptpakete, mittels derer eigene Problemfelder systematisch bearbeitet werden können.
Sie müssen viertens von der Überzeugung abrücken, nur die ‚große Politik’ oder ‚die da oben’ zu bekämpfen. Vielmehr muss die gesamte Bevölkerung in konfrontative Auseinandersetzungen hereingezogen werden. Ihr Augenmerk sollte auf dem alltäglichen Wahnsinn liegen, der Tatsache also, dass Kapitalismus, patriarchale Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexismus, Rassismus etc. keine von oben aufgepfropften Gewaltverhältnisse sind, sondern vielmehr solche, die sich erst durch die ganz normalen Alltagshandlungen vieler Millionen Menschen aufbauen bzw. verwirklichen können.
Sie müssen fünftens die Gewinnung und Politisierung neuer MitstreiterInnen sehr viel ausdrücklicher als eine zentral zu verfolgende Zielsetzung ihrer politischen Handlungsstrategien betrachten. Hierzu müssen sie sich selbst einer permanenten Reflexion und Kritik unterziehen, um auch und womöglich zuerst an sich zu ändern, was sie an ‚der Gesellschaft’ kritisieren.“

Woher sollen sie wissen, dass Schulen aus guten Gründen seit langer Zeit als Unterdrückungseinrichtungen, ja, sogar „Untertanenfabriken“ kritisiert werden?

Dass Noten nicht Können, Leistung oder „Begabung“ bewerten, sondern vergeben werden, um soziale Ungleichheit zu produzieren, reproduzieren und legitimieren?

Woher sollen sie wissen, dass das, was man ihnen wie uns beibrachte und weiter beibringt, was man uns anerzieht und als „gesunden Menschenverstand“ verkauft, bis ins Mark von Macht und Herrschaft kontaminiert ist und ohne Infragestellung dafür sorgt, dass, egal, wie wir uns wehren und was wir auch tun, dies stets nur das Bestehende fortschreibt und modernisiert?

Dass die Welt nur besser werden kann, wenn wir alles und dabei auch und vor allem uns selbst infrage stellen?

Sie können es nicht wissen, nur erleben und erfahren. Können an ihrem Protest wachsen und, wenn wir dies möglich machen, auch erleben, dass es immer und zu jeder Zeit Menschen wie sie und Proteste wie die ihren gegeben hat. Dass man von Älteren nicht nur bevormundet, benotet und unterdrückt wird, sondern von diesen auch etwas zu lernen vermag, wo sie einem auf Augenhöhe begegnen und nicht von oben herab. Wo sie einen ermutigen statt erziehen. Liebevoll sind statt manipulativ.

Wir aber wissen:

„Es ist hohe Zeit, nicht nur von den großen Kriegen zu sprechen, sondern auch von dem kleinen Krieg, der den Alltag verwüstet und der keinen Waffenstillstand kennt: von dem Krieg im Frieden, seinen Waffen, Folterinstrumenten und Verbrechen, der uns langsam dazu bringt, Gewalt und Grausamkeit als Normalzustand zu akzeptieren. Krankenhäuser, Gefängnisse, Irrenhäuser, Fabriken und Schulen sind die bevorzugten Orte, an denen dieser Krieg geführt wird, wo seine lautlosen Massaker stattfinden, seine Strategien sich fortpflanzen — im Namen der Ordnung. Das große Schlachtfeld ist der gesellschaftliche Alltag.“

Für uns von Rubikon gilt daher:

Es ist gut und richtig, dass sich die Schülerinnen und Schüler dem Zwang der erzieherischen Gehirnwäsche entziehen und diesem ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche entgegenstellen.

Und es ist sinnvoll und notwendig, sie in diesem Widerstand zu unterstützen. Damit sie ihren Weg finden und gehen, nicht unseren — und ganz sicher nicht jenen der Macht. Dazu brauchen Sie das Wissen darum, was Macht ist, wie sie wirkt und durch welche Mechanismen es ihr seit Jahrhunderten gelingt, jede Veränderung wider ihre Interessen wirksam im Keim zu ersticken.

Bekunden wir den jungen Menschen unsere Solidarität. Unterstützen wir sie!

Wann, wenn nicht jetzt, liebe Leserinnen und Leser? Und wer, wenn nicht wir?

(Und das gilt ganz unabhängig davon, ob die Bewegungs-Ikone Greta Thunberg nun womöglich, wie so viele andere zuvor, ein PR-Produkt ist oder nicht. Denn selbst wenn Teile (sic!) der Eliten diesen Widerstand gewollt haben sollten, um ihn in ihrem Sinne zu beeinflussen und steuern, heißt das noch lange nicht, dass zehn- oder hunderttausende Schüler, die nun beginnen, sich selbst im Widerstand zu entdecken, auf Dauer auch kontrollierbar sind. Eine gute Replik auf die Instrumentalisierungsvorwürfe findet sich übrigens hier.)


Rio Reiser: Wann?


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Kurz zuvor hatte die Kanzlerin die Schülerstreiks übrigens zu Maßnahmen heimlicher russischer Kriegsführung in und gegen Deutschland erklärt.


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