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Werkzeug des Friedens

Werkzeug des Friedens

Besuch in einer alchimistischen Metallwerkstatt, wo die Herstellung von Schwertern der inneren Harmonie dient.

Metallica — hinter den einfachen Lettern steht ein wegweisendes Projekt im Süden Frankreichs, nicht weit von der Katharerstadt Albi entfernt (1). Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für ein Ausbildungszentrum in metallverarbeitenden Berufen stießen Mayn Séry und Christian Moretti vor 20 Jahren auf ein besonders erzhaltiges Gelände in der abgeschiedenen Hügellandschaft des Tarn. Sie erstanden die leerstehenden Gebäude einer alten Schafzucht und gründeten ein Zentrum, in dem es um weit mehr als die Herstellung und Verarbeitung von Metall geht. Hier wird vor allem Autonomie gelehrt (2).

Ich weiß nicht, was mich erwartet, als ich unter der mächtigen, schwungvoll geschmiedeten und dicht von Glyzinien und Kiwiranken bewachsenen Pergola vor den meterdicken Mauern des alten Gutshauses sitze und in die weite und weiche Hügellandschaft blicke. Und obwohl ich mit einem Goldschmied zusammenlebe, weiß ich so gut wie nichts über die Bearbeitung von Metall.

Damit bin ich nicht allein. Heute ist kaum noch jemand dazu in der Lage, autonom Mineralien zu Metall zu verarbeiten. Schon im Mittelalter wurden die kleinen handwerklichen Rennöfen, die es in jedem Weiler gab, von zunehmend industriell funktionierenden Hochöfen verdrängt. Das Wissen um die Herstellung und Verarbeitung von Metall entglitt der breiten Masse und konzentrierte sich in den Händen einiger weniger. Den besitzenden Klassen ging es weniger um Werkzeug und Gefäße als vielmehr um die Kontrolle über die Produktion von Waffen und Kriegsgerät.

Abgleiten in die Abhängigkeit

Was in den Geschichtsbüchern als Fortschritt dargestellt wird, ist für Christian Moretti die gezielte Enteignung kollektiven Gutes. So wie die Metallverarbeitung gaben wir nach und nach auch alles andere handwerkliche Können aus der Hand. Heute sind wir, die Bewohner der Industriestaaten, in keinem einzigen Lebensbereich mehr autonom. Wir hängen vollständig von Produkten und Dienstleistungen ab, die wir kaufen müssen.

Wer von uns weiß noch, wie man eigenhändig etwas herstellt? Viele sind nicht mehr dazu in der Lage, ein Feuer zu entfachen, ein Huhn zu schlachten, geschweige denn ein Messer herzustellen. Wer weiß noch, wie man einen Nutzgarten anlegt?

Wer kennt sich noch mit Heilkräutern aus? Alles ist darauf ausgerichtet, uns vom Know-How einiger weniger Global Player abhängig zu machen und die Erfüllung unserer Bedürfnisse und Wünsche an Spezialisten abzugeben.

Dafür, dass wir unser Können aus der Hand gegeben haben, bezahlen wir einen hohen Preis. Wir können nur noch als Konsumenten mitreden. Unsere Geschicke werden von anderen kontrolliert und gelenkt, die uns die sukzessive Machtübernahme als Modernität verkaufen. So steht der Homo Industrialis dem Höhlenmenschen in Vielem nach. Er kann nur die Kreditkarte herausholen, auf einen Knopf drücken und sich bedienen lassen.

Verdrehte Vorstellungen

Das Projekt Metallica gibt dem Einzelnen die Möglichkeit zurück, sein Werkzeug selbst herzustellen und erneut autonom zu werden. Die für die Produktion notwendigen Mineralien und Erze werden weitgehend dem Boden des Geländes entnommen. Die Rennöfen aus Lehm, in denen Temperaturen bis zu 1500 Grad entfacht werden können, sowie viele der benötigten Arbeitsgeräte werden selbst hergestellt. Das Einheitsmodell des heute erhältlichen Hammers etwa taugt nicht für die hier praktizierten Arbeitsprozesse.

Auch die typische Form des Ambosses mit seinen auf beiden Seiten langgezogenen Spitzen ist laut Christian eine bewusste Fehlkonstruktion. Im Gegensatz zum einfachen rechteckigen Amboss vibriert und klingt auf ihm jeder Hammerschlag so laut, dass er auch von Weitem gut gehört werden kann. Eine Qual für die Ohren der Arbeitenden und eine praktische Kontrollmöglichkeit für die Autoritäten. Bis heute haben sich zum Teil absurde Vorgänge und Vorstellungen gehalten, wie das Beschlagen der Hufe von Tieren mit Eisen. Die schmerzhafte und verstümmelnde Prozedur diente vor allem den kriegerischen Ambitionen der herrschenden Klassen.

Aus einer anderen Zeit

Ich staune mich durch die verschiedenen Werkstätten, durch die ich geführt werde, und werde um einige Illusionen leichter. Hier wird nicht nur gelehrt, wie man Werkzeug, Gefäße und Klangkörper schmiedet. Hier wird auch produziert, was den genossenschaftlichen Betrieben untersagt und der Industrie vorbehalten ist: schneidende Werkzeuge wie Messer und Schwerter. Besondere Schwerter, einmalig und wie aus einer lange vergessenen Zeit.

In geduldiger und sorgfältiger Arbeit werden sie von Mayn und Christian gemeinsam angefertigt. Etwa eineinhalb Jahre dauert die Herstellung eines einzigen Schwertes, ein Prozess, der in der heutigen, schnelllebigen Zeit kaum vorstellbar ist. Mayn beschreibt ihn in ihrem Buch „Arthus et le Blanc Chevalier“ (Arthus und der weiße Ritter) (2).

Ihr erstes Schwert trägt den Namen Keltoïa — der Name, den die Griechen den Kelten gaben. Es erinnert an das in Vergessenheit geratene Können dieser hochentwickelten europäischen Volksgruppen, die lange vor den Japanern die Kunst des Schmiedens feinster Klingen beherrschten. Doch sie hinterließen ihr Wissen nicht in schriftlicher Form. Es brauchte Menschen wie Mayn und Christian, die es in die heutige Zeit bringen.

Alchimistischer Prozess

Alle Elemente sind am Wirken, wenn ein solches Schwert gefertigt wird. Sorgfältig wird das passende Erz ausgesucht. Ein spezielles Holz für die Kohleherstellung wird geschlagen. Das für den Prozess benötigte Wasser muss kristallklar sein. Die Bewegungen des Blasebalgs werden von Gesängen und Mantren begleitet, während sich das Metall freibrennt. Der harmonische, kooperative und mit viel Respekt ausgeführte Prozess wird von Mayn so beschrieben, dass es den Beobachtenden nicht verwundern würde, wenn er tatsächlich Elfen, Gnome und Feen zu Gesicht bekäme.

Langsam formt sich, wie ein vom Himmel gefallener Stern, eine schwere Eisenluppe. Immer wieder wird das Metall erhitzt, geschlagen, gestreckt, gedreht und gefaltet wie ein Blätterteig, bis die Basis für eine Klinge entsteht, die so scharf ist, dass die leichteste Berührung zertrennt. Aus Tausenden von Stahlplättchen setzt sie sich zusammen, so fein wie Insektenflügel, die sich gegenseitig verstärken und die Verbindung unzerstörbar machen.

In einem letzten Schritt, der in Sekundenschnelle alle vorangegangenen zunichtemachen kann, wird die Klinge gehärtet. In ihrer ganzen Länge wird sie erhitzt und in ein Wasserbad getaucht. So erhält das Schwert seine Seele. In ihr spiegelt sich die Absicht der Person, die es geschaffen hat. So ist nicht nur ein Werkzeug entstanden. In einem alchimistischen Akt haben sich Schöpfer und Geschöpf miteinander vermählt.

Werkzeug des Friedens

Als ich das Schwert vor mir sehe, verharre ich in Bewunderung. Niemals habe ich eine so erhabene Arbeit gesehen. Präzision, Harmonie und Schönheit zeugen von einer unendlichen Achtung der Elemente und natürlichen Rhythmen und Gegebenheiten, sowie von einem Können, das heute ganz und gar außergewöhnlich ist. Im Bewusstsein für das richtige Maß und den geeigneten Augenblick ist es gelungen, mehr zu schaffen als eine bemerkenswerte Klinge. Es ist wie ein verkörpertes Band zwischen Himmel und Erde.

Vor mir befindet sich kein Kampfwerkzeug. Dazu ist es nicht geeignet. Zu schwer, zu lang, zu empfindlich. Schlachtszenen mit Schwertern, so erzählt Christian, gibt es nur im Kino. Mit einer einzigen deplatzierten Geste riskiert der Benutzer, sich selbst außer Gefecht zu setzen. Ein einziger Stein könnte der Klinge die Schärfe nehmen. Das Schwert, das ich hier vor mir habe, ist für den Frieden gemacht.

In seiner Form erinnert es an einen aufgerichteten Menschen. „Sei, der du bist, sei wie die Klinge, die du schmiedest“ ist sein Appell.

„Scheue die Arbeit nicht und werde selbst zum Schwert. Bringe dich innerlich zum Brennen und löse die Unreinheiten in dir auf. Befreie dich von dem, was schwer auf dir lastet. Sorge für dein inneres Feuer und lasse dein Licht in die Welt hinaus strahlen.“

Verbindung von Materie und Geist

Als ich die menschenarme Hügellandschaft des Tarn hinter mir lasse, habe ich viel gelernt. Vor allem aber habe ich neue Hoffnung geschöpft. Die Welt, diese Welt, die auf den Abgrund zuzutaumeln scheint, ist voller Lösungen, sagt Christian. Es ist alles da. Wir haben das Wissen, ins Handeln zu kommen und auf verantwortungsvolle Weise autonom zu werden. Wir müssen es nur tun und dürfen dabei die Anstrengung nicht scheuen, ganz so, wie es die Arbeit des Schmiedens lehrt.

Die Begegnung mit Mayn gibt mir Mut, weiter auf schmalem Grat zu wandern. Die Grenze zwischen den Gegensätzen ist bisweilen so hauchdünn wie eine scharfe Klinge. Doch der schwierigste Schritt ist gemacht: der erste. Konzentriere dich auf das Aufrechte und Leuchtende in dir, sagt sie. Nähre nicht die dunklen, chaotischen Kräfte, in welcher Form sie auch auftreten. Verliere dich nicht in schlechten Nachrichten, banalen Streitigkeiten und dunklen Gedanken. Gib ihnen deine Energie nicht. Werde selbst zum Schwert einer friedlichen und befreienden Bewegung.

So ist der Bogen geschlagen zwischen grob- und feinstofflicher Schmiedearbeit. Der äußere Weg ist vom inneren nicht zu trennen. Keiner ist dem anderen übergeordnet, der Gedanke nicht der Tat, der Geist nicht dem Körper. Wie die feinen Eisenplättchen der Klinge sind sie miteinander verbunden. Geistiges und Materielles sind nicht durch ein Entweder-oder voneinander getrennt, sondern umarmen sich gegenseitig.

Pflege das Greifbare wie das Subtile, die äußere Welt wie das innere Leben, sagt Keltoïa. Dann besteht Hoffnung. Das Schwert ist nicht allein geblieben. Neben mehreren japanischen Katanas sind zwei weitere Schwerter geschmiedet worden: Radieuse und Luniris. Radieuse ermutigt dazu, Frieden in sein inneres Königreich zu tragen und Luniris, auch im Außen die Einheit zu wagen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) http://www.metallurgie-forge-coutellerie.fr
(2) Mayn Séry, Christian Moretti: La métallurgie artisanale, éditions Henri Vial 2014
(3) Mayn Séry : Arthus et le Blanc Chevalier, Les Editions Persée 2013

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