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Wer ist der neue Teilzeit-Hitler?

Wer ist der neue Teilzeit-Hitler?

Warum es immer noch Feindbilder gibt und wie wir uns gegen sie wehren können.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist unser Denken flexibler geworden. Fünfundvierzig Jahre lang waren blockbedingt die „bösen Russen“ oder die „bösen Amerikaner“ Feindbild genug, um die endlose Aufrüstungsspirale der jeweiligen Regierung zu rechtfertigen. So könnte man spekulieren, dass der eine oder andere der siebenundzwanzig-tausend PR-Berater des Pentagons (Stand 2009) sich über den Zusammenbruch der UdSSR regelrecht geärgert haben dürfte. Ein so stabiles und langwieriges Feindbild zu kreieren, ist keiner der beiden Atommächte seitdem wieder gelungen.

Insbesondere nach dem 11. September 2001 unternahmen die USA immer wieder Versuche, neue Interventionskriege durch neue Feindbilder zu rechtfertigen, was erschreckender weise sogar funktionierte. Es handelte sich dann meist um die Staatschefs anderer Länder mit größtenteils ähnlichen Merkmalen. Sowohl Saddam Hussein, Gaddafi oder Assad waren arabisch aussehende Männer mit dunklen Haaren und dunklen Augen, eckigem Gesicht, meist in arabische Gewänder gehüllt. Also bloß nichts, was die einfachen Leute auf der Straße kennen. Kontakt ist ganz schlecht, wenn es um das Etablieren von Feindbildern geht. Und wenn, dann sollte der ,,normale“ Amerikaner nicht von seinem irakischen Nachbarn auf Saddam Hussein schlussfolgern, sondern anders herum: von Saddam Hussein auf alle Muslime im eigenen Umfeld. Der Vergleich mit Hitler war in dem Zusammenhang immer dienlich, denn in Bezug auf ihn sind die meisten Menschen sowieso schon so konditioniert, dass die Bereitschaft, einen Krieg hinzunehmen, egal, ob der Vergleich nun angebracht war oder nicht, automatisch steigt.

Diese Feindbilder der neueren Geschichte hielten immerhin im Schnitt zwei bis fünf Jahre. Doch seit einigen Monaten scheint ein Feindbild nicht mehr auszureichen.

Der amerikanische Präsident Donald Trump hielt am 19. September eine Rede vor der UN-Generalversammlung in New York, bei der man den Eindruck gewinnen konnte, Trump könne sich nicht entscheiden, welcher Staatschef denn nun für die nächste Zeit der neue Hitler sein sollte, beziehungsweise gegen welches Land die USA den nächsten Krieg führen wollen. Kim Jong-un, der unberechenbare Staatschef Nordkoreas, dürfte ein heißer Kandidat für diesen Titel sein.

Immerhin nannte Trump, der Mann mit den fast 7.000 Atomraketen, Kim Jong-un, den Mann mit den 10 bis 20 Atomraketen, „Rocket Man“.

Des Weiteren brachte er das Argument an, um die Welt vor der atomaren Bedrohung, die von Nordkorea ausginge, zu schützen, müsse man es im Zweifelsfall „vollständig“ zerstören. An der Sinnhaftigkeit dieses Argumentes darf gezweifelt werden, denn wenn die USA mit der „vollständigen Zerstörung“ Nordkoreas beginnen würden, würde die Wahrscheinlichkeit, dass eine nordkoreanische Atomrakete die Vereinigten Staaten treffen könnte, nicht gerade sinken. Es würde für die USA, die übrigens die einzige Nation sind, die jemals in der Geschichte der Menschheit Atomraketen eingesetzt hat, keinen Sinn ergeben, das ,,Regime“ des Rocket Man anzugreifen.

Im Grunde ist das aber auch irrelevant: denn wahrscheinlich geht es in dem momentan so eskalierenden Konflikt gar nicht um Nordkorea. Solange eine – wenn auch nur simulierte – Bedrohung von Nordkorea ausgeht, ist eine Stationierung amerikanischer Raketenabwehrsysteme in Südkorea offensichtlich absolut öffentlich tolerier- und etablierbar. Südkorea ist nahezu der perfekte Luftwaffenstützpunkt in der Region. Man kommt mit einer Mittelstreckenrakete sowohl problemlos nach China als auch nach Russland. Es liegt im strategischen Interesse der USA, die militärische Präsenz Russlands zu zerstreuen, damit sie sich nicht an der russisch-europäischen Grenze, an der bereits seit geraumer Zeit NATO-Truppen stationiert sind, konzentriert. China, das ebenfalls Ansprüche auf eine imperiale Vormachtstellung erhebt, kann damit gut in Schach gehalten werden. Der ehemalige Chefstratege des Weißen Hauses, Steve Bannon, hatte bereits gesagt, dass, wenn man sich nicht auf den Handelskrieg mit China konzentriere, die USA in zehn Jahren an einen Wendepunkt kommen würden, von dem sie sich nicht wieder erholen. Nordkorea sei nur ein Nebenschauplatz. Damit dürfte es als nächstes Konfliktszenario für die USA wegfallen.

Das Feindbild hat trotzdem seine Wirkung erzielt. Vorurteile wie zum Beispiel, dass die Nordkoreaner alle total gehirngewaschen seien und ihrem verrückten Führer blind nachliefen, sind gesellschaftlich etabliert. Alle, die einem solchem Satz Glauben schenken, sollten sich allerdings für einen kurzen Moment einmal die Frage stellen: „Mit wie vielen Nordkoreanern habe ich persönlich über dieses Thema gesprochen?“

Die Liste der von Donald Trump angeführten „bösen Buben“ ist weitaus länger. Nicolas Maduro, der Präsident Venezuelas, hat seinen Platz auf dieser Liste auf jeden Fall sicher. Ein Mann, der dafür verantwortlich sei, dass die Demokratie und die politischen Freiheiten in Venezuela zerstört seien. Trump wurde dabei nicht müde zu beteuern, wie sehr die USA an der Seite der venezolanischen Menschen stünden, die ihre Freiheit zurückerobern müssten.

Wenn man sich vor Augen führt, dass die USA seit 1945 offiziell fünfunddreißig Regime Changes durchgeführt haben, einen davon bereits in Venezuela, könnte man annehmen, dass dies die Ankündigung für einen weiteren Staatsstreich in diesem Land ist, wobei die aufständischen Venezolaner eventuell etwas mit den USA zu tun hätten. Aber das gehört natürlich in die Kategorie „Verschwörungstheorie“.

Am Beispiel Venezuela konnte Trump ein Feindbild wieder aufwärmen, was bei den Älteren noch auf alte Konditionierungen trifft: Der Sozialismus! Dieser ist natürlich immer ein gutes Argument für die Missbilligung oder Veränderung einer anderen Regierung, das keiner Begründung bedarf. Vielmehr dürfte der Grund unter dem Boden Venezuelas liegen, denn es ist das erdölreichste Land der Welt. Allerdings hat es eine relativ geringe Öl-Förderquote, ganz im Gegengensatz zu den USA, die das meiste Erdöl fördern, aber durch den hohen Eigenbedarf nur wenig exportieren können. Venezuela könnte mit einer bereitwilligen Regierung der ideale Partner der Vereinigten Staaten sein. Genau deshalb versuchten die USA bereits 2002, die damalige Regierung Chavez zu stürzen, was allerdings durch die Bevölkerung Venezuelas verhindert wurde, die Hugo Chavez zurück ins Amt brachte. Ein weiterer wichtiger Grund, Venezuela auf seiner Seite haben zu wollen, ist die Unabhängigkeit vom Nahen Osten, in dem die politische Lage immer wieder in verschiedenen Gebieten eskaliert, was zur Folge hat, dass der Erdölpreis nicht stabil bleibt.

Und das führt uns direkt zu dem dritten Kandidaten auf Trumps Liste für den perfekten Feind und den nächsten Krieg: dem Iran mit seinem Staatsoberhaupt Hassan Rohani. Auch der Iran widersetzt sich den Rohstoffinteressen der US-Regierung. Er ist nämlich Beitrittskandidat der EAWU, der Eurasischen Wirtschaftsunion. Sollte der Iran dieser tatsächlich beitreten, hätte er neben den eigenen Erdölreserven zollfreien Zugang zu großen Mengen von russischem Gas, womöglich sogar an der Monopolwährung Dollar vorbei in Rubel und Rial.

Die Etablierung des Feindbildes Iran sollte mittlerweile kein Problem mehr für die amerikanischen Geheimdienste und Medien sein, sondern eher routinemäßig verlaufen. Die Länder im Nahen Osten sind sowieso schon durch „Teilzeit-Hitler“ wie Hussein oder Assad belastet, sodass sich der Normalbürger höchstens noch fragen muss: ,,Iran? Irak? Ist das dasselbe Land? Sind wir da nicht bereits?“ Wie bei jedem muslimisch geprägten Land kann man unter dem Vorwand, die totalitären und nicht freiheitlichen Machenschaften der Regierung abzulehnen, auch gut den eigenen Rassismus gegen Menschen aus der Region, die sich seit der Flüchtlingskrise auch vermehrt in unserem Straßenbild finden, kultivieren.

Jemand, über den man sich stellen kann, gibt dem eigenen Leben dann doch mehr Struktur als man denkt. Wir werden durch unsere Leistungsgesellschaft dazu gezwungen, die Teile unserer Persönlichkeit, die nicht dem kapitalistischen Ideal entsprechen, dem Kämpfer, der an den richtigen Stellen das Kämpfen für kurze Zeit einstellt, um dann an der richtigen Stelle wieder damit zu beginnen, zu unterdrücken. Die Eigenschaften, Gefühle und Anteilnahmen, die wir seit unserer frühesten Kindheit verdrängen müssen, können wir nicht wahrnehmen. Auch unser luxuriöses Leben, dessen Bequemlichkeiten auf der Ausbeutung sogenannter Entwicklungsländer basieren, blenden wir ebenso wie unsere Mitschuld daran aus. Gegebenenfalls würden wir wahrscheinlich vor lauter Selbsthass verrückt werden. Demzufolge brauchen wir jemand Anderen, um an ihm diese Eigenschaften ablehnen und abwerten zu können.

So wird der eigentlich rein ökonomische Bedarf nach einem Feindbild, der vor allem die Kapitaleigner und Aktionäre der Rüstungsindustrie reich macht, auf die einfache Bevölkerung übertragen und anschließend unhinterfragt von ihr hingenommen.

Ganz grundlegend sieht diese Ereigniskette also wie folgt aus: Eliten zetteln Kriege, beispielsweise aus wirtschaftlichem Kalkül (sh. Ölkriege), an => Die Bevölkerung muss mit der Mitschuld leben => Diese will sie verdrängen, um nicht im Selbsthass zu ertrinken => Zur Verdrängung halten Feindbilder her => Die Akzeptanz dieser Feindbilder in der Bevölkerung erlaubt es den Eliten, Kriege zu beginnen, sich daran zu bereichern und die ganze Kette von vorn zu starten. Die kapitalistische Leistungs- und Ellbogengesellschaft, in der wir leben, ist hierfür das perfekte Betriebssystem.

Aber egal ob Iraner, Venezolaner oder Nordkoreaner, eigentlich sollten wir doch in der Lage sein, zu abstrahieren, dass die Liebe, die diese Menschen zu ihren Familien empfinden, nicht geringer sein kann als unsere und eigentlich wären wir doch im Stande zu verstehen, wer ein Interesse daran hat, uns zu spalten und uns kämpfen zu lassen. Und eigentlich sollten wir dann auch im Stande sein, uns zu widersetzen und uns zu weigern, Feinde zu sein.


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Quellen:


Madita Hampe wurde 2002 in Leipzig geboren und ist aktuell noch Schülerin. Ihr Interesse für Politik, Wirtschaft, Philosophie und Literatur wurde schon früh geweckt; später kam dann auch das Bedürfnis, diesen Interessen journalistischen Ausdruck zu verleihen, hinzu. Sie ist eine neugierige und aktivistisch veranlagte Person, die ihre Zukunft und die ihrer Mitmenschen gerne nicht nur passiv mit ansehen, sondern selbst mitgestalten möchte.

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