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„Wer bin ich denn?“

„Wer bin ich denn?“

Eine Schülerin fordert NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer auf, endlich ihre Hausaufgaben zu machen.

Sehr geehrte Frau Gebauer,

ich bin eine 17-jährige Schülerin aus NRW. Nächstes Jahr mache ich mein Abitur. Ich schreibe Ihnen in der verzweifelten Hoffnung, dass vielleicht Sie mir einige meiner Fragen beantworten können. Meine Eltern können mir nicht wirklich weiterhelfen, meine Lehrer halten mich für quengelig und meine Freunde zucken nur mit den Schultern. Sie sind die Ministerin für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen. Sie müssen es doch wissen, oder?

Also, ich bin in der Q2 (1) und befasse mich in Bio gerade detailliert mit dem Aufbau einer höheren Landpflanze und dem eines Laubblattes. In Mathe berechnen wir windschiefe Geraden und deren Winkel zueinander im dreidimensionalen Raum, um danach mit Integralen die Fläche unter dem Graphen bestimmen zu können. In Deutsch hecheln wir, weil das Schuljahr so kurz ist, durch Die Marquise von O.... Die ist abiturrelevant — neben Faust, dem Haus in der Dorotheenstraße und dem Sandmann.

Hallo!?!? Ich habe noch sechs Monate bis zum Abitur und setze mich mit Sumpfdotterblumen und dem Flugverhalten von Leuchtkugeln auseinander!? Könnten Sie mir bitte erklären, warum ich mir das alles in den Kopf prügeln muss? Als hätte ich gar keine anderen Dinge, über die ich mir Gedanken machen müsste. Und sagen Sie mir nicht, ich lerne für mich oder fürs Leben.

Das Leben findet irgendwo statt, aber ganz sicher nicht in der Schule!

Für mich? Wer bin ich denn? Jemand, der sich das Bulimielernen antrainiert hat, der dem Lehrer nicht die Tasche trägt und dadurch Notenpunkte riskiert. Jemand, der nebenbei versucht, herauszufinden, wo seine Stärken liegen könnten, damit er sein Leben nach der Schule in Angriff nehmen kann. Mittlerweile weiß ich auch nicht mehr, was ich nach der Schule mit mir anfangen soll, aber dazu später mehr.

Wussten Sie, nur mal so nebenbei, dass die Wochenenden und auch die Ferien von den Lehrern wie selbstverständlich als Lern- und Hausaufgabenzeit angesehen werden? Ich kann die Sprüche nicht mehr hören: Dazu haben Sie doch das ganze Wochenende Zeit! / Nächsten Donnerstag ist doch Feiertag, das können Sie ja prima dann erledigen. / Also, die Lektüre für das nächste
Schuljahr, die lesen Sie in den Ferien durch. / Und das Referat geben Sie in Schriftform am ersten Schultag nach den Ferien ab.

Ich hab da mal gegoogelt in den Bestimmungen des Schulgesetzes für NRW. Aber Sie wissen ja, was da drin steht. Es ist nicht so, dass ich den Sinn von Hausaufgaben nicht verstehen würde. Aber diese totale Überheblichkeit und Ignoranz, was mein Privatleben angeht ... na ja, ich bin halt nur Schülerin — ohne Abi, ohne Führerschein, ohne außerschulisches Leben.

Mit Mathe will ich übrigens nie wieder was zu tun haben! Mit meinem Vater habe ich vor den Klausuren jeweils mindestens drei bis vier Wochenenden geübt, jede erdenkliche Aufgabe aus den Büchern und dem Internet rausgesucht, immer wieder. Dann kam die Klausur, und mein Lehrer hatte Aufgaben gestellt, die zum Teil fehlerhaft waren — was er während der Klausur auch zugegeben hatte — und solche, die nicht mal mein Vater zu Hause in Ruhe nachvollziehen konnte. Also, Mathe: 8 Punkte auf dem Zeugnis.

Dazu sollten Sie wissen, seit ich etwa 13 Jahre war, wollte ich Medizin studieren. Ich hab in der Schule alles drangegeben, spätestens in der EF (2) und der Q1 wirklich alles gegeben, damit ich einen möglichst guten Abischnitt habe, um den NC (3) zu schaffen. Ihnen brauche ich nicht erklären, was die 8 Punkte in Mathe für mich bedeuten.

Ich kann übrigens auch nicht gut Volleyball spielen. Der Sportkurs, den ich gewählt habe, besteht aus Volleyball und Schwimmen. Da ich DLRG-Rettungsschwimmerin bin, dachte ich, da könnte ich vielleicht ein paar Punkte für das Abi sammeln. Leider spiele ich unter den Augen meiner Sportlehrerin mittlerweile so katastrophal schlecht (O-Ton), dass auch meine Schwimmnote das nicht wird ausgleichen können. Dafür bin ich sehr gut in Leichtathletik, aber das wurde nur in Kombination mit Fußball (total ätzend) angeboten.

Meine Frage hierzu: Wie kann es sein, dass mein Mathelehrer und meine Sportlehrerin darüber entscheiden, ob ich Medizin, Psychologie oder Jura studieren kann oder nicht? Und bitte, liebe Frau Gebauer, erklären Sie mir nicht, dass es ja noch so viele andere Möglichkeiten gibt, einen Studienplatz für Medizin zu bekommen. Ich kenne alle gängigen Varianten.

Aus einem YouTube-Video habe ich erfahren, dass ein Nationaler Bildungsrat gegründet werden soll, der aber vielleicht doch nicht zustande kommt, weil es bei der Sitzverteilung Uneinigkeiten gibt. Ihr Ernst!? Sie wollen etwas bewirken und bekommen es nicht mal auf die Kette, sich zu treffen?

Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Also, wenn bei uns Gruppenarbeit ansteht und wir würden schon im Vorfeld rumjammern, wer mit wem zusammen arbeiten darf oder möchte, dann ... — na, Sie erinnern sich vielleicht auch noch an Ihre Schulzeit. Haben Sie denn nirgends gelernt, wie man ein funktionierendes Team bildet, sich selbst und andere motiviert, um Dinge kritisch und zum Wohl aller zu beleuchten und eine Sache sinnvoll voranzutreiben?

Tja, ich auch nicht.

Sehen Sie denn nicht, dass wir uns mit den heutigen und künftigen Schülern ständig Eigentore schießen? Sie lernen nicht das, was wichtig ist für uns, für unsere Gesellschaft. Sie werden erzogen zu Hirnakrobaten, die am Ende nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Sie werden behandelt wie Haustiere, die man dressieren und denen man verletzende Worte entgegenschleudern kann, wenn einem als Herrchen oder Frauchen danach ist. Zum Gassigehen werden sie alle 45 Minuten auf den Hof gelassen, unerwünschtes Verhalten wie Bellen und Knurren wird bestraft, man erwartet, dass sie nach erfolgter Abrichtung fliegen können — egal, ob Hund oder Hamster.

In einem Punkt kann man sie jedoch nicht mit Haustieren vergleichen: Ihnen streicht man nicht mal liebevoll über den Kopf, mit ihnen wird nicht gespielt oder rumgetollt, sie bekommen keine Leckerlies, wenn sie etwas gut gemacht haben. Oder spüren Sie, wie eine Eins auf der Zunge zergeht?

Sie finden das jetzt sehr überzogen und einseitig betrachtet? Kann sein, dass es anderen an anderen Schulen anders geht. Aber wussten Sie, dass in Deutschland jeden zweiten Tag ein Jugendlicher durch seine eigene Hand stirbt, also Selbstmord begeht? Ja, was geht denn da ab? Wie kann das sein?

Vielleicht noch eins: Können Sie mir erklären, warum in unserer Schule nun in jedem Raum Smartboards hängen, mit denen weder wir noch unsere Lehrer umgehen können? Dank dieser neuen Dekoration sitzen wir weiterhin auf schiefen und kaputten Stühlen, in Räumen mit kaputten Fenstern, die sich nicht öffnen lassen, und starren auf die Projektion des OHPs (4) an der Wand. Über den Besuch der Toiletten, den jeder, wenn es irgendwie geht, vermeidet, will ich gar nicht anfangen zu sprechen.

Und warum trägt der Großteil meiner Lehrer den Lehrstoff derart kompliziert, monoton und langweilig vor, dass ich mir für die Klausuren sowieso alles mit Hilfe von YouTube-Videos allein zu Hause beibringen muss? Ich kann Ihnen die Namen von genau zwei Lehrern nennen, die mir wirklich etwas Sinnvolles mitgegeben haben. Einer davon ist Mathelehrer (offensichtlich nicht mein aktueller) und er hat ein T-Shirt, auf dem steht: „Inspire someone today!“.

Ich gebe niemandem die Schuld! Es liegt in der Natur der Sache, dass wir uns selber als Gesellschaft keinen Gefallen damit tun, wenn Kinder durch ein Schulsystem geschleift werden, das nicht den Menschen in den Vordergrund stellt, sondern ein System aus längst vergangenen Zeiten! Wer soll denn all die aktuellen und künftigen Probleme lösen? Und vor allem — mit welchen Mitteln?

Ich musste das jetzt mal loswerden an jemanden, der sich beruflich damit beschäftigt und Ahnung hat. Vielleicht bekomme ich ja wirklich die ein oder andere Antwort auf meine Fragen.

Mit freundlichen Grüßen
L.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Die Q2 ist das zweite Jahr der sog. Qualifikationsphase, also der Oberstufe, an bayerischen Gymnasien.
(2) EF steht für die einjährige Einführungsphase vor der Qualifikationsphase.
(3) Der NC (Numerus Clausus) ist ein vorausgesetzter Notenschnitt, der erreicht sein muss, damit bestimmte Fächer universitär studiert werden dürfen.
(4) OHPs sind Overhead-Projektoren, mit denen sich Folien an Wände projizieren lassen — recht alte Technik.

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