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Wenn Arbeit psychisch krank macht

Wenn Arbeit psychisch krank macht

Sozialpsychologische Aspekte des Burnout.

1. Die hier gewählte sozial-psychoanalytische Perspektive

Innerlich angetrieben und motiviert wird der Mensch nach Fromm in erster Linie von der Notwendigkeit, bezogen sein zu müssen. Dies wurde von der Bindungsforschung seit John Bowlby (2) inzwischen auch empirisch eindrücklich bestätigt. Gemäß diesem bezogenheitstheoretischen (statt triebtheoretischen) Ansatz verinnerlicht der Mensch vor allem jene für das gesellschaftliche Zusammenleben erforderlichen Bezogenheitsmuster, die er wiederholt erfährt und als funktional, normal oder gefordert wahrnimmt.

Der von Erich Fromm entwickelte Ansatz (3) ermöglicht als psychoanalytischer darüber hinaus noch einen anderen Zugang zu sozialpsychologisch relevanten Phänomenen wie dem Burnout. Das psychodynamische Konzept des Charakters aufgreifend, erklärt Fromm nicht nur das Verhalten Einzelner, sondern auch das Verhalten der Vielen als von bewussten und unbewussten Strebungen disponiert und determiniert. Dabei wird der Sozial-Charakter als eine eigene psychische Strukturbildung verstanden, bei der wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Erfordernisse und Bezogenheitsmuster internalisiert werden, so dass Menschen leidenschaftlich nach dem streben, was sie an psychischen Anpassungsleistungen für das Gelingen von Wirtschaft und Gesellschaft zu erbringen haben.

Im Blick auf das Phänomen „Burnout“ lässt sich mit dem von Fromm entwickelten sozialcharakterologischen Ansatz einerseits stringenter begründen, welche pathogenen Effekte die gegenwärtigen Erfordernisse der Produktion und Arbeitsorganisation haben; andererseits lassen sich mit ihm gerade auch jene Fälle von Burnout verstehen, bei denen hoch motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Burnout erkranken – nämlich auf Grund einer pathologischen (Sozial-)Charakterbildung.

Im Folgenden möchte ich deshalb mit dem charakterlichen Streben nach Entgrenzung und nach Grenzenlosigkeit ein neu entstandenes Bezogenheitsmuster in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur beschreiben und aufzeigen (4), wie dieses charakterliche Streben nach Entgrenzung zu einem Burnout führen kann.

2. Die digitale Revolution und das Bezogenheitsmuster der Entgrenzung

Es wird immer offensichtlicher, dass es 200 Jahre nach der industriellen Revolution zu einer neuen Umwälzung bei der Produktionsweise gekommen ist, die eine ähnliche Auswirkung auf die Organisation der Arbeit und die Formen des Miteinanders und der Selbstverwirklichung hat wie die industrielle Revolution. Digitale Technik, Vernetzungstechnik und elektronische Medien haben eine digitale Revolution ermöglicht, durch die heute Dinge möglich sind, die bisher reine Utopie waren. Wo der Mensch bisher in seinem Drang zu forschen, zu produzieren, zu gestalten und zu erleben an seine Grenzen kam, ergeben sich völlig neue, ja grenzenlos scheinende Möglichkeiten.

Der Mensch hat schon immer versucht, sein körperliches Begrenztsein vor allem mit Hilfe von technischen Innovationen zu überwinden, angefangen beim Faustkeil bis hin zu komplizierten motorbetriebenen Maschinen und Produktionsbändern. Er hat auch mit Hilfe von Imagination, Kunst, Religion, psychotropen Substanzen usw. schon immer versucht, eine andere Wirklichkeit zu inszenieren oder in Erfahrung zu bringen, um so seine psychische und geistig-intellektuelle Begrenztheit zu erweitern oder außer Kraft zu setzen.

Mit der digitalen Technik, den elektronischen Medien und der Vernetzungstechnik ist es jedoch noch einmal zu einem qualitativen Sprung bei seinen Entgrenzungsmöglichkeiten gekommen. Sie bilden die Voraussetzung für die gegenwärtige Entgrenzung von Raum und Zeit, für einen sekundenschnellen Wissens- und Informationstransfer, für bildgebende Verfahren, die völlig neue Erkenntnismöglichkeiten etwa in der Hirnforschung oder Diagnostik eröffnen, für nie möglich gehaltene Messverfahren, die zum Beispiel das Tor zur Nanotechnik öffneten, für eine raum- und zeitunabhängige Kommunikation, Wissensaneignung oder Unterhaltung; für die Mobilisierung, Globalisierung und Flexibilisierung fast aller Produktionsprozesse und der an ihnen Beteiligten; für die Entschlüsselung der genetischen Codes oder für die Erforschung des Weltraums. Mit den heutigen Wunderwerken der Technik – etwa einem Smartlet – hat man nicht nur von fast jedem Ort der Welt und zu jeder Zeit Zugang zum Wissen der Menschheit, man muss sich auch nie mehr allein und isoliert fühlen; vielmehr kann man an jeder Art von Unterhaltung teilhaben.

Elektronische Medien erlauben eine Simulation von Wirklichkeit, bei der sich die faktische Realität kaum noch von der simulierten virtuellen Realität unterscheiden lässt. Simulationstechniken machen nicht nur Flugsimulatoren und medizinische Operationssimulationen möglich, sondern auch virtuelle Welten, in denen man sich heimischer und wohler fühlen kann als in der vorgegebenen Wirklichkeit, die nur zu oft mühsam und frustrierend ist. Dabei versteht man unter „virtueller Realität“ etwas, das in Wirklichkeit nicht in der Form existiert, in der es zu existieren scheint, aber dennoch alle Funktionen und Wirkungen einer solchen Realität zeigt. Der Gegenbegriff zu „virtuell“ ist deshalb nicht „real“, sondern „physisch“: Das Virtuelle gibt es „in Wirklichkeit“ nicht, hat aber (nach Möglichkeit) in der Wahrnehmung durch den Menschen alle Anzeichen und Erkennungsmerkmale der Realität (5).

Die Virtualisierung erlaubt es dem Menschen heute, immer dann die Wirklichkeit neu zu erfinden, wenn er an seine eigenen oder an die Grenzen des Möglichen stößt. Wird man mit Widerständen, Grenzen, Beschränktheiten und Gebundenheiten konfrontiert, erfindet man per Simulation – und unter Einsatz entsprechender, meist suggestiver Psycho- und Sozialtechniken – die Wirklichkeit neu. So scheinen sich alle Probleme dadurch lösen zu lassen, dass man Begrenzungen, Beschränkungen, Bindungen und Abhängigkeiten einfach beseitigt.

Tatsächlich meint das deutsche Wort Ent-grenzung genau dies: In der Auseinandersetzung mit einer Grenze wird diese nicht dadurch überwunden, dass man sich mit ihr auseinandersetzt, um sie nach Möglichkeit irgendwann zu überwinden und hinter sich zu lassen, sondern dass man die Grenze einfach beseitigt. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten der Beseitigung: Entweder wird eine Grenze real beseitigt und weggeräumt oder die Wahrnehmung der Grenze oder des Gebundenseins wird ausgeblendet – durch Verdrängen und Verleugnen bzw. durch das Eintauchen in eine neue virtuelle Realität, die keine solche Bindungen und Grenzen mehr kennt.

Was im kognitiven und handlungsorientierten Umgang mit der Wirklichkeit Grenzen sind, an die man stößt und die es deshalb zu beseitigen oder zu de-regulieren gilt, ist im Bereich des emotionalen Bezogenseins die Bindung. Wo immer Menschen sich heute an andere oder an sich selbst gebunden fühlen, versuchen sie sich zu ent-binden, um von allen Bindungen frei zu sein. Nur das bindungslose und unverbindliche Verbundensein verspricht heute wirkliche Freiheit und Autonomie.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass von den heutigen Entgrenzungsmöglichkeiten eine ungeheure Faszination ausgeht. Sie führt dazu, dass Entgrenzung, Entbindung und Deregulierung nicht nur zu Schlüsselworten einer neoliberalen Wirtschaftsphilosophie wurden, sondern dass Entgrenzungstechniken in den Rang von Universalheilmitteln für alle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und menschlichen Probleme erhoben werden. Wo immer man hinblickt, begegnet man dem Bezogenheitsmuster der Entgrenzung und Entbindung, so dass es nicht überrascht, dass die heutigen Entgrenzungsmöglichkeiten bei immer mehr Menschen ihre Widerspiegelung in einem charakterlichen Entgrenzungsstreben finden.

Burnout als Folge eines hemmungslosen Entgrenzungsstrebens lässt sich aber nicht einfach nur aus der Faszination für heutige Entgrenzungstechniken erklären. Erst deren zweckgerichtete Anwendung in der Wirtschaft und in der Organisation von Arbeit macht plausibel, warum Burnout in den meisten Fällen eine berufsbedingte Erkrankung ist. Deshalb soll in einem dritten Abschnitt von der Entgrenzungsdynamik in Wirtschaft und Arbeitsorganisation die Rede sein.

3. Die Entgrenzungsdynamik in Wirtschaft und Arbeitsorganisation

Mit dem inzwischen stark strapazierten Begriff der Globalisierung wird gleich eine ganze Reihe von ökonomischen Entgrenzungsvorgängen erfasst, vor allem die Entgrenzung der Märkte und der Produktion. Dabei ist mit Entgrenzung der Produktion nicht nur deren Verlagerung in Billiglohnländer gemeint, sondern auch das Outsourcen von Produktionsteilen oder die globale Entgrenzung der Herstellung, der Entwicklung, Finanzierung, des Marketings und des Vertriebs eines Produkts. Globalisierte Produktion und ebensolche Märkte sind nur möglich, wenn es zu einem Abbau von Handelsbeschränkungen und nationalen Subventionen kommt und gleichzeitig die Mobilität der am Produktionsprozess beteiligten Menschen und Waren gefördert wird.

Ein kaum zu bändigender Entgrenzungsschub wurde durch die Liberalisierung der Finanzmärkte und die dadurch ermöglichte Globalisierung des Finanzsektors in Gang gebracht – mit all den inzwischen unheilvoll erlebten Folgen. Bereits in den Siebziger Jahren wurde auch die Zinspolitik liberalisiert und dem Markt überlassen. Die Finanzmärkte nutzten die Möglichkeiten und forcierten eine weitere Entgrenzung: die Abkoppelung der Finanzmärkte von der so genannten Realwirtschaft, so dass die Käufe und Verkäufe auf den Finanzmärkten inzwischen mit der Produktion von Waren und Dienstleistungen kaum noch etwas zu tun haben.

Solche nicht nur segensreichen Auswirkungen der Entgrenzung lassen sich auch in der Arbeitswelt beobachten. War nämlich die Arbeitswelt bisher durch langlebige Berufe und dauerhafte Anstellungsverhältnisse bei stabilen Verdienstmöglichkeiten und sozialen Sicherungssystemen geprägt, brechen diese schützenden Außenhalte und Bindungen zunehmend weg. Dass die Beschäftigungsverhältnisse nicht nur flexibilisiert, sondern zunehmend auch instabil werden, ist ein wichtiger Aspekt der Entgrenzung in der Arbeitswelt. Hatten 1970 von 100 Erwerbstätigen noch 84 eine unbefristete Vollzeitstelle, so waren es bereits 1995 nur noch 68 und sind es gegenwärtig weniger als 60.

Auch bei der Arbeitsorganisation werden Grenzen beseitigt. Mit der Flexibilisierung der Arbeit kommt es zu einer raumzeitlichen Entgrenzung der Arbeit und zur verstärkten Auflösung der Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit, beruflich und familiär bzw. privat. Bei der Ausweitung der Teilzeitarbeit und der Einführung von Kernarbeitszeiten lassen sich auch Vorteile der Entgrenzung der Arbeitszeit für die Erwerbstätigen geltend machen: Je nach Alter, familiären Verpflichtungen oder anderen Interessen und Betätigungsfeldern können Beruf, Familie und persönliche Wünsche besser koordiniert werden.

Solche Vorteile sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entgrenzungsvorgänge in der Arbeitswelt immer im Dienste der Steigerung der ökonomischen Produktivität stehen. Um eine höhere Produktivität zu erzielen und die hohen Investitionen in Automatisierung und Rationalisierung zu kompensieren, aber auch, um den Kundenwünschen rund um die Uhr gerecht zu werden, nimmt die Schichtarbeit, nehmen Nacht-, Wochenend- und Sonntagsarbeit auf breiter Front zu – trotz der erdrückenden Daten über die gesundheitlichen Folgeschäden und über familiäre und soziale Konfliktpotenziale, die mit diesen Flexibilisierungen einhergehen. So wuchs – ich stütze mich auch hier auf Zahlen aus Deutschland – die Sonntagsarbeitszeit zwischen 1991 und 2007 von 17 auf fast 26 Prozent, die Nachtschichtarbeitszeit im gleichen Zeitraum von 13,4 auf 15,6 Prozent.

Der folgenreichste Entgrenzungsvorgang in der Arbeitswelt ist die Entgrenzung der Arbeitskraft durch die Etablierung des „Arbeitskraftunternehmers“ oder „Selbstunternehmers“. Diese unter dem Namen „Subjektivierung der Arbeit“ diskutierte Entwicklung hat eine ähnlich große Tragweite wie die Globalisierung in der Wirtschaftswelt als Ganzer und trägt meines Erachtens am meisten zur Entwicklung von Burnout als berufsbedingter Erkrankung bei.

Der Begriff „Arbeitskraftunternehmer“ (6) veranschaulicht, wie die Verantwortung für Arbeitsaufträge, Arbeitsformen sowie für die Organisation und Kontrolle von Arbeit immer mehr dem unternehmerischen Geschick der einzelnen Arbeitnehmerin und des einzelnen Arbeitnehmers zugemutet wird, so dass sie immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer ihrer eigenen Arbeitskraft werden müssen. Ein Phänomen, das überall in Gesellschaft und Alltag zu beobachten ist, nämlich dass etwas, das bisher in Anspruch genommen werden konnte, nun selbst zu erbringen ist, wird hier in Bezug auf die Arbeit sichtbar: Für den „Selbstunternehmer“ wird Arbeit von etwas Vorgegebenem zu etwas, das er selbst zu „geben“, zu steuern und zu kontrollieren hat. Statt in den Genuss der Vorsorge, Fürsorge, Vorleistung und Weisung eines Arbeitgebers zu kommen und in einer unbefristeten Anstellung und durch betriebliche Strukturen und kollektive Vertretungsformen abgesichert arbeiten zu können, sind die unternehmerischen Leistungen von der Arbeitskraft selbst zu erbringen.

In psychologischer Perspektive stellt der Arbeitskraftunternehmer einen neuen Persönlichkeitstypus dar, der sich mit den Erfordernissen der Entgrenzung im ökonomischen Bereich identifiziert und sie sich zueigen gemacht hat. Er entwickelt in sich selbst den Wunsch, gemäß den heute geltenden unternehmerischen Entgrenzungstechniken zu handeln:

Mit der Verinnerlichung der Methoden der Entgrenzung werden Rationalisierung, Wirtschaftlichkeit, Effizienz, Effektivität und Controlling nicht mehr als etwas Fremdes wahrgenommen, sondern als etwas Eigenes bzw. selbst Erstrebtes. Aus der Ausbeutung des Arbeitnehmers ist die Selbstausbeutung des Selbstunternehmers geworden.

Erreicht wird diese „Subjektivierung der Arbeit“ vor allem dadurch, dass die Arbeitsorganisation flexibilisiert und die Arbeitsverhältnisse destabilisiert werden, und dies bei einer betrieblichen und allgemeinen Rückführung der sozialen Sicherungssysteme (wie Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung). Dem Einzelnen bleibt dann nur die Wahl, entweder die mit der Entgrenzung einhergehende Unsicherheit als Herausforderung anzunehmen und sich und seine Arbeitskraft zu entgrenzen, das heißt, sich selbst körperlich und seelisch auszubeuten, oder als ein ökonomisch wenig produktiver Selbstunternehmer früher oder später ohne Projekt und Erwerbstätigkeit dazustehen.

An dieser Stelle ist es hilfreich, genauer hinzusehen, wie es zur Verinnerlichung der Entgrenzungsforderungen und ihre Umwandlung in ein eigenes Entgrenzungsstreben kommt. Die Klärung der Frage, wie eine solche Internalisierung konkret vor sich geht, gibt nämlich wichtige Hinweise, wie es heute zum beruflich bedingten Burnout kommen kann.


Erich Fromm: Krank sind die Angepassten


4. Zur Genese des eigenen Entgrenzungsstrebens und zur Pathogenese des Burnout

Weil die heutigen Entgrenzungsmöglichkeiten mit Hilfe digitaler Technik, elektronischer Medien und Vernetzungstechnik einerseits als faszinierend erlebt werden, andererseits aber als Entgrenzungsforderungen – vor allem in der Berufswelt – auch als bedrohlich erlebt werden, weil alles Verlässliche, Beständige, Wertbesetzte, Bindung und Sicherheit Gebende abgeschafft wird, lassen sich psychologisch auch grundsätzlich zwei Wege der Internalisierung ausmachen: zum einen eine Identifizierung mit den Entgrenzungsmöglichkeiten, zum anderen eine Identifizierung mit den Entgrenzungsforderungen.

Das Streben nach Entgrenzung als Identifizierung mit den Entgrenzungsmöglichkeiten

Eine Verinnerlichung per Identifizierung mit den heutigen Entgrenzungsmöglichkeiten ist schnell erklärt: Man identifiziert sich mit der Faszination, die von den technischen Möglichkeiten ausgeht und definiert sich hinsichtlich seines eigenen Vermögens mehr oder weniger stark vom Vermögen dieser technischen Wunderwerke her. Man findet alles faszinierend, wo sich Grenzen und Bindungen beseitigen lassen und womit man seine eigenen Beschränktheiten und Gebundenheiten aus der Welt schaffen kann und sich etwas technisch lösen lässt.

Problematisch ist eine solche Identifizierung dann, wenn die Faszination für die technischen Wunderwerke dazu führt, dass das eigene menschliche Vermögen – zu denken, zu fühlen, zu wollen, zu entscheiden und zu handeln – immer mehr durch den Einsatz des technischen Vermögens ersetzt wird. Dann kommt es nämlich zu einer existenziellen Abhängigkeit beim Icherleben und beim Selbstwerterleben der Betreffenden: Je vermögender das Smartphone, die Software, das Programm zur sozialen Neuorganisation, das Manual für die Psychotechnik und das Persönlichkeitstraining sind, über die ich verfügen kann, desto potenter, erfolgreicher und wertvoller erlebe ich mich. Ohne sie aber, bin ich nichts, unvermögend, wirkungslos, isoliert und unverbunden.

Verliert man das Handy oder wird das iPad geklaut oder gibt die Festplatte ihren Geist auf, dann zeigt sich momentan, wie sehr das technische Vermögen den Gebrauch der eigenen menschlichen Fähigkeiten bereits „de-aktiviert“ und ersetzt hat und man sich in einer solchen Situation ganz elend und hilflos fühlt. In der Regel bleibt es bei einem „momentanen“ Gefühl der Verlorenheit und Ohnmacht, denn der Mangel an technischem Vermögen lässt sich meist schnell beseitigen, so dass man den Mangel an menschlichem Vermögen nicht mehr spüren muss.

Will man herausfinden, wie sehr man durch den Gebrauch der heutigen technischen Entgrenzungsmöglichkeiten bereits die eigenen menschlichen Fähigkeiten, von innen heraus aktiv und interessiert sein zu können, eingebüßt hat, muss man sich nur fragen, wie es einem ergeht, wenn man ein Wochenende ganz ohne Elektrizität, auch ohne Akku-Elektrizität verbringen müsste, so dass keine elektronische Animation und Unterhaltung, kein Fernsehen, kein Video, kein Mail, kein Handy, kein Internet möglich ist. Wer dann noch mit sich und mit anderen etwas anzufangen weiß, kann getrost weiterhin auf die technischen Wunderwerke setzen.

Die zweite Möglichkeit, wie es zu einem eigenen Streben nach Entgrenzung kommt, zeigt sich vor allem dort, wo Menschen aus beruflichen Gründen mit Entgrenzungsforderungen konfrontiert sind. Die Strebung, sich und alles entgrenzen und entbinden zu wollen, ist hier meist das Ergebnis einer Identifikation mit dem, was einen bedroht. Gerade wenn im Beruflichen die Entgrenzung als Forderung entgegentritt, auf alles Bewährte, Gesicherte, Orientierung und Halt Gebende zu verzichten, und sich als „Selbstunternehmer“ neu zu erfinden, wenn der Schutz von unbefristeten Arbeitsverträgen und von Tariflöhnen wegfällt, der Arbeitsplatz gefährdet ist, die Alterssicherung „privatisiert“ wird und auf den Sozialstaat kein Verlass mehr ist, wird Entgrenzung vor allem als Bedrohung erlebt und führt zunächst zu Angst, Unsicherheit, Widerständigkeit und Anpassungsverweigerung.

Solche Reaktionen dürfen freilich nicht zugegeben und ausgelebt werden, weil sie als Schwäche, mangelnde Belastbarkeit und als fehlende Motiviertheit ausgelegt werden und einen noch mehr in die Verliererposition drücken würden. In dieser psychisch unerträglichen Situation gibt es psychologisch zwei Auswege: Der eine führt zur Symptombildung, der andere zur Identifizierung mit dem, was einen bedroht.

Entgrenzungsforderungen und Symptombildung

Bei der Symptombildung entwickeln die Betreffenden typische Stresssymptome wie Schlaflosigkeit oder Schweißausbrüche, Bluthochdruck oder Magengeschwüre, und/oder es kommt zu neurotischen Symptombildungen, zu Angsterkrankungen, depressiven Verstimmungen und Depressionen samt ihren somatoformen Äquivalenten wie Rückenschmerzen oder Herzbeschwerden. Diese berufsbedingten Symptombildungen wirken sich natürlich im ökonomischen Sinne in hohem Maße kontraproduktiv aus und kosten den Krankenversicherungen und den Unternehmen viel Geld. Die Betroffenen selbst sind einem hohen psychischen und körperlichen Leidensdruck ausgesetzt.

Aus der Perspektive der nach Entgrenzung strebenden Unternehmen sind solche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter psychisch nicht in dem Maße anpassungsfähig, wie es auf Grund der Entgrenzungsdynamik erforderlich wäre. Die erforderliche Reziprozität kann nicht hergestellt werden. Deshalb wollen sie sie entweder entgrenzungsfähiger machen oder loswerden. Bisweilen werden auch Lösungen gesucht, bei denen solche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Abteilungen weiterbeschäftigt werden, in denen die Entgrenzungsanforderungen geringer sind.

Im Blick auf die betroffenen Erkrankten geht es darum, dass diese den ursächlichen Zusammenhang mit der Berufssituation und den Entgrenzungsanforderungen, denen sie nicht gewachsen sind, zu sehen imstande sind. Dieses „Nicht-gewachsen-Sein“ kann unterschiedlich gewertet und gedeutet werden. In psychologischer und psychohygienischer Perspektive lässt sich eine psychische und psychogene Symptombildung auch als Ausdruck eines besseren Wissens um das, was einen Menschen gelingen und misslingen lässt, begriffen werden. Mit der Symptombildung signalisiert der betreffende Mensch, dass die Entgrenzungsanforderungen ihn psychisch ausbeuten und zugrunde richten, so dass die Erkrankung Ausdruck eines besseren Wissens um sich und seine seelische Gesundheit ist. Viele Menschen schaffen den Schritt aus einer pathogenen Situation – etwa einer heillosen Ehe oder einer überfordernden beruflichen Situation – erst, wenn eine Symptombildung und eine entsprechende therapeutische Klärung sie zu einer solchen Einsicht bringt. Insofern sind neurotische Symptombildung – zumindest für diese Menschen – auch ein deutliches Zeichen, dass es „so“ nicht geht.

Die beschriebene Symptombildung erklärt meines Erachtens noch nicht hinreichend, warum gerade besonders motivierte und beruflich erfolgreiche Menschen an Burnout erkranken und warum das Burnout diese Menschen oft wie aus heiterem Himmel zur Strecke bringt. Beide Auffälligkeiten werden gerne mit dem Zusammenbruch einer narzisstischen Größenvorstellung der Betreffenden erklärt. Eine solche Ätiologie mag im Einzelfall dann begründet sein, wenn es noch andere Hinweise für eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen Leistungsfähigkeit gibt. Darüber hinaus muss für die Diagnose eines Burnout auf Grund einer narzisstischen Störung die Neigung zur Idealisierung des eigenen Selbst und zur Entwertung von allem Nicht-Eigenen indiziert und eine massive Kränkung nachweisbar sein, die die narzisstische Dekompensation ausgelöst hat. Schauen wir uns deshalb noch eine andere Möglichkeit an, wie Menschen auf die beruflichen Entgrenzungsanforderungen reagieren können.

Entgrenzungsstreben als Identifizierung mit dem Aggressor: Zur Pathogenese eines charakterbedingten Burnout

Neben der Symptombildung gibt es noch den Ausweg, sich mit dem, was einen bedroht, also mit dem Aggressor, zu identifizieren. Das Ergebnis ist, dass sie schließlich selbst alles attraktiv und erstrebenswert finden, was ihnen bisher Angst machte. Sie spüren also keine Angst mehr vor der Entgrenzung, sondern Begeisterung für sie; auch leiden sie nicht mehr an der Entgrenzung, sondern suchen sie und sind voll und ganz mit dem beruflichen Entgrenzungserfordernissen eins.

Zu einer solchen Identifizierung mit dem Aggressor kommt es im Leben des Menschen bevorzugt dann, wenn man sich von anderen abhängig erlebt und keine andere Lösung möglich zu sein scheint, als sich mit dem, was existenzbedrohend erlebt wird, zu identifizieren. Man nimmt das Bedrohliche sozusagen in sich hinein, damit es einen nicht mehr von außen bedrohen kann. Tatsächlich verliert es aber nur seine bedrohliche Qualität, wenn man wie der Löwe, der einen mit seinem Brüllen bedrohte, selbst zu brüllen anfängt.

Nun geht es bei der beruflichen Entgrenzung nicht um das Brüllen eines Löwen, sondern um das Beseitigen von Grenzen und Bindungen, die zwar ökonomische Kostenfaktoren sind, aber auch Halt, Schutz und Sicherheit geben und einen davor bewahren, körperlich und psychisch ausgebeutet zu werden. Wer sich mit den beruflichen Entgrenzungsanforderungen identifiziert, wird selbst zum Ausbeuter – und zwar nicht nur anderer, sondern auch seiner eigenen körperlichen und seelischen Kräfte.

Derart entgrenzte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hoch motiviert und äußerst leistungsorientiert; vor allem zeichnen sie sich dadurch aus, dass sich ihr Entgrenzungsstreben auch jenseits des beruflichen Rahmens manifestiert – in ihrer Art Freizeit zu leben, Urlaub zu machen, Sport zu treiben, die Partnerbeziehung zu gestalten, Kinder zu erziehen oder den Lebensabend zu planen. Sie können nicht genug davon bekommen, alles, was binden, einschränken, die Effizienz begrenzen könnte, zu entgrenzen.

Psychodynamisch betrachtet, versuchen sie mit allem, was sie tun, das internalisierte Bedrohliche zu beschwichtigen und in Schach zu halten. Je rücksichtloser sie mit sich und ihren eigenen Bedürfnissen, Ressourcen und Kräften umgehen, desto weniger müssen sie sich vom internalisierten Aggressor bedroht fühlen und desto erfolgreicher sind sie zugleich beruflich. Da dem Menschen nicht nur körperlich Grenzen gesetzt sind, sondern auch psychisch, kommt es schließlich zu einer Art Dekompensation, die als Burnout in Erscheinung tritt.

Der Begriff selbst – das Ausgebranntsein – passt durchaus zum Erscheinungsbild eines Zusammenbruchs der körperlichen und seelischen Energien, eines „erschöpften Selbst“ (7) oder eines Kollabierens. Man könnte in Analogie zum Hirn- oder Herzinfarkt auch von einem „seelischen Infarkt“ sprechen, um das plötzliche Hereinbrechen und um das Bedrohliche eines Burnout metaphorisch zu kennzeichnen, von dem das seelische Leben heimgesucht wird.

Im Vergleich zu den zuvor aufgezeigten Symptombildungen, zu denen es bei Konflikten mit den beruflichen Entgrenzungsforderungen kommen kann, muss man angesichts des Burnout mit Fromm sagen: „Glücklich der, der ein Symptom hat. (...) Das Symptom ist ja wie der Schmerz nur ein Anzeichen, dass etwas nicht stimmt“ (8). Auch wenn durch solche Symptombildungen massive Leidensdrücke entstehen, so sind sie doch eine auch konstruktive Reaktion der Seele. Dem Burnout auf Grund einer pathogenen Charakterbildung liegt eine andere Psychodynamik zugrunde, die auch einen anderen therapeutischen Umgang erforderlich macht.

Auch hinsichtlich der Konsequenzen, die sich für die Betreffenden aus einem solchen Burnout ergeben, ist der Vergleich mit einem Infarkt sinnvoll, denn es gilt, jene Dynamik, die zu einer seelischen Selbstausbeutung geführt hat, außer Kraft zu setzen und zu einem Leben mit Grenzen und Rücksichtnahmen auf die eigenen Begrenztheiten zurückzufinden. Aus dem Gesagten ergibt sich auch, dass ein solcher „seelischer Infarkt“ nur überwunden und präventiv vermieden werden kann, wenn von Unternehmerseite verlässliche soziale und berufsbezogene Sicherungssysteme das Wahrnehmen und Erleben der eigenen Begrenztheit erlauben und wenn vom Betroffenen (von Neuem) gelernt wird, dass ein Leben mit Grenzen lebens- und liebenswerter ist als ein nur an Wirtschaftlichkeit und Effizienz orientiertes Berufsleben.


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Anmerkungen:

(1) Vgl. hierzu etwa die Habilitationsschrift von Klaus Hoffmann, Migranten als Patienten im Maßregelvollzug. Therapeutische Ansätze und versorgungsepidemiologische Erhebung aus dem OLG-Bezirk Karlsruhe. Habilitationsschrift Medizinische Fakultät der Universität Ulm für das Fach Forensische Psychotherapie, Reichenau 2004; sowie ders., „Migranten im Maßregelvollzug“, in: Recht und Psychiatrie, 27 (Nr. 2, 2009), S. 67-74.
(2) John Bowlby John: Attachment and Loss. London (Hogarth) 1969. Vol. 1: Attachment; deutsch: Bindung. Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung. München (Kindler) 1975. Vol. 2: Separation. Anxiety and Anger; deutsch; Trennung. Psychische Schäden als Folge der Trennung von Mutter und Kind. München (Kindler) 1976. Vol. 3: Sadness and Depression; deutsch: Verlust. Trauer und Depression,. Frankfurt (Fischer) 1991.
(3) Vgl. hierzu vor allem den Anhang „Charakter und Gesellschaftsprozess“ in Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, Erich Fromm-Gesamtausgabe in 12 Bänden (GA), München (DVA und dtv) 1999, Band I, S. 379-392, sowie Erich Fromm, Jenseits der Illusionen, GA IX, S. 85-124. Vgl. auch Rainer Funk, „Mehr als Intersubjektivität. Der sozialpsychoanalytische Ansatz von Erich Fromm“, in: Forum der Psychoanalyse, Vol. 27 (No. 2, 2011), S. 151-163.
(4) Ich greife hierbei auf Erkenntnisse zurück, die ich in Ich und Wir. Psychoanalyse des postmodernen, Menschen, München (dtv 24444) 2005, sowie in Der entgrenzte Mensch. Warum ein Leben ohne Grenzen nicht frei sondern abhängig macht, Gütersloh (Güterloher Verlagshaus) 2011, ausgeführt habe.
(5) Diese klare Definition bringt es mit sich, dass andere Möglichkeiten der Entgrenzung von Realität wie die „erweiterte Realität“ („augmented reality“ und „enhanced reality“) zwar eine Erweiterung der Realitätswahrnehmung durch Computerunterstützung oder mit Hilfe von „cognitive enhancers“ wie Modafenil („Gehirndoping“) bewirken, aber keine Phänomene virtueller Realität sind. (Dagegen scheinen die Begriffe der „Hyperrealität“ und „surplus-reality“ auch auf virtuelle Entgrenzungen anwendbar zu sein, während der Begriff „Fiktion“ sowohl inszenierter Wirklichkeit als auch virtueller Realität zugeordnet werden kann.)
(6) Vgl. hierzu: Hans-J. Pongratz und G. Günter Voß, Arbeitskraftunternehmer. Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen. Berlin (Edition Sigma) 2003, sowie: Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt (Suhrkamp Verlag) 2007.
(7) Der Begriff wurde von Alain Ehrenberg (Das erschöpfte Selbst, Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt a. M. 2008) öffentlich gemacht, wird bei ihm aber anders begründet.
(8) Fomm, Interview with Micaela Lämmle and Jürgen Lodemann: „Die Kranken sind die Gesündesten“ (1977), in: Die Zeit, Hamburg (21.3.1980).

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