Zum Inhalt:
Weihnachtsgeschichte 2.0

Weihnachtsgeschichte 2.0

Für den Weihnachtsmann dürfte 2020 mit Abstand das frustrierendste Fest werden.

„Hey Weihnachtsmann, Besuch für Sie. Aber setzen Sie die verdammte Maske auf! Die haben wir Ihnen nicht zum Spaß gegeben“, sagte der Polizist.

„Wer ist es?“, fragte ich.

„Irgendein Typ von Coca-Cola.“

Ich erhob mich von der Pritsche und zupfte meinen roten Mantel zurecht, während ein Mann in Slim-Fit-Anzug und Gel in den Haaren meine Zelle betrat.

„Mein Name tut nichts zur Sache“, hob er an. „Nur so viel: Ich bin von der Coca-Cola-Rechtsabteilung, und wir hauen Sie hier raus. Sie können gleich mit mir kommen, aber vorher möchte ich eines doch sehr gerne wissen, nämlich: Was haben Sie sich bloß dabei gedacht?“

„Wobei?“

„Na, hier wie ein verfluchter Hausierer durch die Straßen zu ziehen und den Leuten Pakete aufzudrängen. Und dazu noch in diesem lächerlichen Aufzug.“

„Aber ich komme doch jedes Jahr. Und sehe immer so aus.“

„Mag sein, doch jetzt ist alles anders!“

„Wie anders?“

„Na, wir leben jetzt in der neuen Normalität, und was das bedeutet, haben Sie ja erlebt.“

In der Tat. Ich war angekommen wie sonst auch und fuhr durch die Straßen, um meine Liste abzuarbeiten und die Geschenke loszuwerden. Doch überall, wo ich läutete, sahen mich erschrockene Gesichter hinter OP-Masken an — in vielen Farben: Hellblau, Rosa, Türkis, Weiß.

Wenn ich mich näherte, wurde hysterisch „Abstand! Abstand!“ gekreischt. Und wenn ich trotzdem meine Pakete überreichen wollte, schleuderte man mir entgegen: „Wohl wahnsinnig geworden! Weg damit! Denken Sie, ich will mir eine Schmierinfektion zuziehen?! Und überdies sind Sie auch noch Maskenverweigerer! Aber in Ihrem unhygienischen weißen Bart wäre die ja sowieso nicht dicht! Und jetzt schauen Sie, dass Sie Land gewinnen, oder ich lasse den Hund raus!“ Darauf von innen eine weibliche Stimme: „Schatz, bist du wahnsinnig, am Ende beißt unser Arco ihn noch und infiziert sich dabei!“

So verhielt es sich von Tür zu Tür. Einmal stürmte sogar ein Mann aus seinem Haus und wollte mir einen langen Tupfer in den Mund stecken. Ich schlug das Stäbchen mit meiner Rute weg, schwang mich rasch in meinen Schlitten und trieb die Rentiere an. Und an einer weiteren Haustür sagte eine Frau mit Weihnachtsschürze und überdimensionaler Maske: „Sie trauen sich was! In Ihrem Alter gehören Sie doch zur Risikogruppe!“

So resignierte ich bald und saß in meinem mit Geschenken vollgepackten Schlitten am Straßenrand. Ich frage mich gerade, was ich nun tun sollte, als plötzlich ein Polizeiwagen neben mir hielt.

Was ich um diese Zeit noch auf der Straße zu suchen hätte, bellte mich ein Uniformierter an. Mehr Vorwurf als Frage. Schließlich ginge es schon auf zehn, also herrsche seit fast einer Stunde Ausgangssperre. Und was sich in den Paketen auf meinem Schlitten befinde?

„Geschenke für die braven Kinder“, antwortete ich.

„Sehr witzig!“, entgegnete der Polizist. „Da sind doch bestimmt geklaute FFP-2-Masken und Desinfektionsmittel drin! Sie folgen uns jetzt zur Wache und keine Sperenzchen, sonst beregnen wir Sie mit unserem integrierten Wasserwerfer.“

„Tja, und so bin ich hier gelandet“, endete ich mit meiner Geschichte.

„Ach so, verstehe“, sagte der Coca-Cola-Jurist, „die Polizisten haben die Pakete ausgepackt. Deshalb die vielen Legosteine, Barbie-Puppen und Bob-der-Baumeister-Figuren auf ihren Schreibtischen.

Er schüttelte den Kopf. Einige Gel-Bröckchen flogen mir ins Gesicht.

„Sie sind mir schon einer. Papiere haben Sie auch keine dabei, wurde mir gesagt, und dazu auch noch ohne festen Wohnsitz und ohne Maske — da kommt einiges zusammen. Ich musste ganz schön meine Beziehungen spielen lassen, um Sie hier rauszuholen und das Ganze geräuschlos aus der Welt zu schaffen. Aber wir sind ja nicht irgendwer. Und wir können es nicht riskieren, wegen Ihnen eine schlechte Presse zu bekommen, wo doch viele Menschen glauben, der Weihnachtsmann sei eine Erfindung von Coca-Cola. Mein Gott, Coca-Cola als Superspreader — das brächte uns den Shitstorm des Grauens ein. Und am Ende trinken alle Pepsi.“

Er war noch nicht fertig mit seinen Vorhaltungen.

„Ach, übrigens, für die Reinigung der Straßen müssen wir auch aufkommen! Ihre Rentiere haben alles vollgesch…, alles verschmutzt.“

Wir verließen Zelle und Wache, vor der mein Schlitten stand, vollgepackt mit den ausgepackten und nun kreuz und quer liegenden Geschenken. Ernie aus der Sesamstraße und eine Barbie-Beachpuppe starrten mich an.

„Wo ist es denn noch normal, damit ich meine Geschenke loswerden kann?“, fragte ich.

„Nirgendwo. Es ist jetzt überall so“, erwiderte der Coca-Cola-Jurist.

Ich schaute ihn fassungslos an.

„Obwohl … doch. Es gibt eine Ausnahme: Belarus.“

„Ist das ein Verwandter von Lazarus?“

„Äh, nein — ein Land: Weißrussland.“

„Das ist doch eine Diktatur, soviel ich weiß. Und da ist es noch normal?“

„Ja, eine ganz normale Diktatur.“

Ich bestieg meinen Schlitten, griff nach Zügeln und Peitsche, und schon ging es los. Während wir schnell an Tempo und Höhe gewannen und man bald meine Silhouette vor dem leuchtenden Mond erkennen würde, sah ich nochmals nach unten. Und dort im Rinnstein eine rosa Maske liegen.

Spenden per SMS
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann senden Sie einfach eine SMS mit dem Stichwort Rubikon10 an die 81190 und mit Ihrer nächsten Handyrechnung werden Ihnen 10 Euro in Rechnung gestellt, die abzüglich einer Gebühr von 17 Cent unmittelbar unserer Arbeit zugutekommen.
Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

Weiterlesen

Geprägte Freiheit
Thematisch verwandter Artikel

Geprägte Freiheit

Bargeld bewahrt uns einen Rest von Autonomie und Privatsphäre — wir sollten es uns nicht nehmen lassen.

Klare Diagnose
Aktueller Artikel

Klare Diagnose

Ärzte und Gesundheitsfachleute aus Belgien fordern ein Ende der Corona-Politik und warnen vor den Folgen, wenn diese fortgesetzt wird.