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Wege der Befreiung

Wege der Befreiung

„Wo liegt die Hoffnung?“, fragt Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke — und Erich Fromm antwortet.

„Die humanistische Ethik vertritt den Standpunkt: Wenn der Mensch lebendig ist, dann weiß er, was erlaubt ist. Lebendig sein heißt produktiv sein und die Kräfte nicht für einen den Menschen transzendierenden Zweck, sondern für sich selbst einsetzen, dem Dasein einen Sinn geben, Mensch sein. Solange jemand glaubt, sein Ideal und Daseinszweck liege außerhalb seiner selbst, sei es über den Wolken, in der Vergangenheit oder Zukunft, lebt er außerhalb seiner selbst und wird dort Erfüllung suchen, wo sie nie gefunden werden kann. Er wird überall Lösungen und Antworten suchen, nur nicht dort, wo sie gefunden werden können — in ihm selbst.“

Psychoanalyse und Ethik, Seite 156

„Der Mensch hat — je mehr er aus seinem ursprünglichen Einssein mit seinen Mitmenschen und der Natur heraustritt und zum ‚Individuum‘ wird — keine andere Wahl, als sich entweder mit der Welt in spontaner Liebe und produktiver Arbeit zu vereinen oder aber auf irgendeine Weise dadurch Sicherheit zu finden, dass er Bindungen an die Welt eingeht, die seine Freiheit und die Integrität seines individuellen Selbst zerstören.“

Die Furcht vor der Freiheit, Seite 230

„Oberflächlich gesehen funktionieren die Menschen im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben recht gut. Aber es wäre gefährlich zu übersehen, wie tief unglücklich sie unter dieser beunruhigenden Tünche sind. Wenn das Leben seine Bedeutung verliert, weil es nicht mehr selbst gelebt wird, gerät der Mensch in Verzweiflung. Die Menschen sterben nicht ruhig den körperlichen Hungertod, und sie sterben auch nicht ruhig den seelischen Hungertod. Wenn wir uns um die wirtschaftlichen Bedürfnisse nur soweit kümmern, wie sie den ‚Normalbürger‘ betreffen, wenn wir das unbewusste Leiden des automatisierten Durchschnittsbürgers nicht sehen, dann erkennen wir die Gefahr nicht, die unserer Kultur von der menschlichen Basis her droht: die Bereitschaft, jede Ideologie und jeden Führer zu akzeptieren, wenn er nur etwas Aufregendes verspricht und die politische Struktur und Symbole anbietet, die dem Leben des einzelnen angeblich einen Sinn geben und wieder Ordnung hineinbringen.“

Die Furcht vor der Freiheit, Seite 366

„Die Mehrzahl der Menschen verbringt ein Arbeitsleben, bei dem nur wenig Intelligenz, Vorstellungsvermögen und Konzentrationsfähigkeit verlangt wird. Die physischen Wirkungen und Ergebnisse stehen in keinem Verhältnis zur menschlichen Anstrengung dabei. Diese Kluft zwischen Anstrengung (und Können) und Ergebnis (Wirkung) ist eines der wichtigsten krank machenden Merkmale der modernen Gesellschaft, weil sie dazu verleitet, die eigene Anstrengung zu entwerten und ihre Bedeutung zu verkleinern.“

Vom Haben zum Sein, Seite 125

„Wenn ein Mensch nicht fähig ist, seine Gesellschaft zu transzendieren und zu erkennen, inwiefern sie die Entwicklung der menschlichen Möglichkeiten fördert oder behindert, kann er keinen wirklichen Bezug zu seiner eigenen Menschlichkeit haben.“

Jenseits der Illusionen, Seite 123

„Was weiß ich schon von mir, wenn ich nicht weiß, dass das Bild, das ich von mir selbst habe, zum größten Teil ein künstliches Produkt ist und dass die meisten Menschen — ich schließe mich nicht aus — lügen, ohne es zu wissen? Was weiß ich, solange ich nicht weiß, dass ‚Verteidigung‘ Krieg bedeutet, ‚Pflicht‘ Unterwerfung, ‚Tugend‘ Gehorsam und ‚Sünde‘ Ungehorsam? Was weiß ich, solange ich nicht weiß, dass die Vorstellung, dass Eltern ihre Kinder instinktiv lieben, ein Mythos ist? Dass Ruhm nur selten auf bewundernswerte menschliche Qualitäten und häufig nicht auf echte Leistungen gründet? Dass die Geschichtsschreibung verzerrt ist, weil sie von den Siegern geschrieben wird? Dass betonte Bescheidenheit nicht unbedingt ein Beweis für fehlende Eitelkeit ist? Dass Liebe das Gegenteil von heftiger Sehnsucht und Gier ist? Was weiß ich schon von mir, wenn ich nicht weiß, dass jeder versucht, schlechte Absichten und Handlungen zu rationalisieren, um sie edel und wohltätig erscheinen zu lassen? Dass das Streben nach Macht bedeutet, Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe mit Füßen zu treten? Dass die heutige Industrie-Gesellschaft vom Prinzip der Selbstsucht, des Habens und des Konsumierens bestimmt ist und nicht von den Prinzipien der Liebe und Achtung vor dem Leben, die sie predigt? Wenn ich nicht fähig bin, die unbewussten Aspekte der Gesellschaft, in der ich lebe, zu analysieren, kann ich nicht wissen, wer ich bin, weil ich nicht weiß, in welcher Hinsicht ich nicht ich bin.“

Vom Haben zum Sein, Seite 103

„Gewahrwerden, Wille zur Veränderung, Übung, das Zulassen von Angst und neue Erfahrungen sind vonnöten, wenn die Verwandlung des Individuums gelingen soll. An einem gewissen Punkt ändert sich die Energie und Richtung der inneren Kraft derart, dass sich auch das eigene Identitätserleben ändert. Solange ich am Haben orientiert bin, heißt das Motto: ‚Ich bin, was ich habe.‘ Nach dem Durchbruch heißt es: ‚Ich bin, was ich bewirke‘ (im Sinne von nicht-entfremdetem Tätigsein) oder einfach: ‚Ich bin, was ich bin.‘“

Vom Haben zum Sein, Seite 157

„Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, Schmerz und Angst zu durchleben, kann niemand wachsen.“

Vom Haben zum Sein, Seite 83

„Was zählt, ist das, was die Menschen miteinander gemeinsam haben, nicht das, was sie voneinander unterscheidet. Je mehr wir in unser eigenes Unbewusstes eindringen, desto mehr entdecken wir, dass wir uns in quantitativer Hinsicht beachtlich unterscheiden, dass wir aber hinsichtlich der Qualität unserer Strebungen gleich sind. Die gründliche Erforschung des Unbewussten stellt einen Weg dar, die Menschheit in sich selbst und in jedem anderen menschlichen Wesen zu entdecken. Diese Entdeckung geschieht nicht durch theoretisches Denken, sondern durch affektives Erleben.“

Vom Haben zum Sein, Seite 110f.

„In einer menschlich gewordenen Gesellschaft wird die Gesellschaft selbst zur bedeutendsten Angelegenheit des Menschen neben seinem eigenen Leben — und beide haben das gleiche Ziel.“

Vom Haben zum Sein, Seite 50

„Die Haltung dem ‚Fremden‘ gegenüber ist von der Haltung sich selbst gegenüber nicht zu trennen. Solange ich einen Mitmenschen als grundsätzlich verschieden zu mir erfahre, solange er für mich ein Fremder ist, bleibe ich auch mir selber ein Fremder.“

Jenseits der Illusion, Seite 149


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