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Es ist höchste Zeit, dass sich die Kirchen im Jahr 1 nach Corona auf die Seite der Leidenden und Betrogenen stellen.

Nein, sie durften ihre alte Mutter nicht im Pflegeheim besuchen, auch nicht als nächste Angehörige. Sie war zwar todkrank, aber sie lag ja „noch nicht im Sterben“. Zwei Tage später dann der Anruf: „Oh, es tut uns leid. Heute Morgen ist sie überraschend gestorben.“ — So geschehen vor einigen Wochen im Kanton Aargau. Kein Aufschrei einer Kirchenleitung angesichts solcher Ereignisse und Maßnahmen, keine Anklage gegen diejenigen, die sie erlassen haben und aufrechterhalten. Reihum nur himmelschreiendes Schweigen zu einer Menschenverachtung im Namen der „Gesundheit“ und eiserne Duldsamkeit auf „Teufel komm raus“.

Man folgte und folgt unkritisch den Empfehlungen und Verordnungen einiger weniger Experten und Politiker. Keine Fakten wurden geprüft, keine Zusammenhänge betrachtet, keine Folgerungen abgewogen, nicht die leiseste Kritik wurde laut vonseiten der Kirchen. Einsam Sterbende in den Heimen und Krankenhäusern, depressive Kinder zuhause, arbeitslose Männer und Frauen, Tausende Tote wegen abgesagter Operationen, nach UN-Schätzungen eine zusätzliche Million Hungertote in der Dritten Welt durch eine provozierte Rezession im reicheren Teil der Welt — alles das liegt offenbar weit unter jeglicher klerikaler Wahrnehmungsschwelle.

Für den Chefkommentator der Welt sind jedoch abgesagte Oster-Gottesdienste und anderes kein Zeichen von „Duckmäusertum“, sondern eine „berührende zivile Modernität“ (1). In einem gewissen Sinne mag der Mann sogar recht haben: Maulkörbe, auch selber umgeschnallte, werden wieder modern.

Bitte genauer hinschauen

„Zustände wie in Italien“ habe man vermeiden wollen. — Aha. Worin bestanden und bestehen die, wenn man von effektheischenden und zum Teil bewusst manipulierten Bildern und Berichten absieht? Die bestehen darin, dass Italien die im Durchschnitt älteste Bevölkerung von ganz Europa aufweist, dass 99 Prozent der „Corona-Toten“ eine oder mehrere schwere Vorerkrankungen hatten, dass jeder Tote mit Corona-Viren als an diesen Viren verstorben gilt (so auch die Zählweise in den anderen Ländern!), dass das Land einen Bruchteil an Spital- und Intensivbetten hat im Vergleich zu seinen nördlichen Nachbarn, dass in der Lombardei bis kurz vor jenen Bildern eine umstrittene Impfung gegen Hirnhautentzündung durchgeführt wurde, dass ...

Man führe sich einige weitere Fakten vor Augen:

Je mehr Menschen getestet werden, desto mehr Infizierte findet man — aber deren Prozentsatz, die Infektionsrate, kann dabei sinken. — Schau einer an!

Ohnehin habe sich herausgestellt, dass diese Mehrzahl der zunächst „positiven“ Tests nachweislich falsche Ergebnisse geliefert hatte. Corona-Viren gibt es seit vielen Jahren, und dass Asiaten und Europäer auf ähnliche Erreger unterschiedlich reagieren, das ist ebenfalls eine Binsenweisheit. Das relativiert zum Beispiel jeden Vergleich mit China oder dem Iran.

Alle diese Informationen sind nicht neu. Sie kursierten schon Anfang März in den Nachrichten, und wenig später wurde offenkundig, dass die Sterberate der Infizierten im unteren Durchschnitt einer normalen Grippe liegt. Dutzende nicht politisch gebundener Mediziner werden nicht müde, auf diese und weitere Zusammenhänge hinzuweisen. All dies war und ist also bekannt, jedenfalls für die, die es wissen wollen. Die Kirchenleute wollten es offenbar nicht wissen. — Warum nicht?

Betäubt von Magie und Moralin

Fühlt man sich fachlich nicht hinreichend qualifiziert, um mitzureden oder auch nur kritische Fragen zu stellen? Aber wie war das dann beim Thema Umweltschutz oder gar beim „Klimaschutz“? Da war der Mut zum eigenen Wort doch da! War man denn hier ausreichend kompetent? Oder eher doch nicht? Virologen tragen immerhin einen weißen Kittel — und der wirkt. Allgemein kann man wohl sagen, dass, „wenn immer die Naturwissenschaft sich an ein rechtmäßiges, aber nichtwissenschaftliches Publikum wendet, die Verwandtschaft von Naturwissenschaft und Magie augenscheinlich hervortritt“, Eugen Rosenstock-Huessy 1951 (2). „Der Mann aus dem Volke (...) wirft sich dem Wissenschaftler in die Arme, dem einzigen Priester der modernen Gesellschaft“, Georges Bernanos 1931 (3). Der Glaube an die eigene Vernunft, geschweige denn an den sie gewährenden Gott, verflüchtigt sich.

Noch weitreichender und scheußlicher wirkt ein anderer Automatismus: der moralistische. „Vom Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“ lautet der Untertitel des Büchleins Politischer Moralismus, verfasst bereits in den 1980er-Jahren vom Zürcher Philosophen Hermann Lübbe (4). Feminismus, Klimaschutz, Corona-Gebote: „Wir retten die Frauen!“ „Wir retten den Planeten!“ „Wir retten die Menschheit!“ Eine Kirche, der das Wort vom Glauben, gar vom „richtigen“, im Halse stecken bleibt, weiß sich bedeutsam, anerkannt, unhinterfragt, wenn sie an edle Gesinnungen appelliert und diese selber dienstfertig zur Schau stellt.

Nichts mehr mit selbständigem klaren Denken. Der Impfstoff dagegen heißt Moralin. Je reichlicher er gespritzt wird, desto folgsamer werden die Kirchen. Dass dieses Mittel zu Lähmungserscheinungen führt, ist keineswegs eine unerwünschte Nebenwirkung, sondern dürfte eher seiner beabsichtigten Wirkung entsprechen. Der gute Zweck hat schon immer seine Mittel geheiligt und jede Willfährigkeit legitimiert. Der Teufel kommt daher als Engel des Lichts. Eigentlich nichts Neues, aber immer wieder blendend schön.

Nieder mit dem Verstand!

Doch „ein vernünftiger Bürger, wäre ihm auch jedes religiöse Dogma absolut fremd, kann nicht unbeteiligt zuschauen, wie eine gewisse Art Menschen durch weitgehende Kontrolle, die sie über den Wortschatz der Moral haben, fast auf das Gewissen der ganzen Menschheit einen Einfluss ausüben“. Denn „bei einem gewissen Grad der Verfälschung richten gute Prinzipien die Welt weit unfehlbarer zugrunde als böse“, schrieb der Franzose Georges Bernanos 1942 (5), und der Amerikaner Henry David Thoreau wollte „ebenso gern ein guter Nachbar wie ein schlechter Untertan“ sein. Er legte Wert darauf, zu wissen, „welche Auswirkungen meine Loyalität hat“ (6).

Wer hingegen dem offiziellen Diktum von der „lebensbedrohenden Pandemie“ folgt, wer also weder die 2009 zweckdienlich geänderte Definition von Pandemie genauer betrachtet noch die Sponsoren und Amtsträger einer „Weltgesundheitsorganisation“ und wer eine Impfung samt Nano-Chip als Rückfahrschein in eine vermeintliche Normalität hinnimmt, der darf sich als Gefolgsmann im Dienste einer guten Sache wähnen, für die nun halt jeder seinen Preis zu bezahlen habe: an Rechten und an Freiheiten und an Leib und Leben. Und der darf auch salbungsvolle Appelle an die gegenseitige Solidarität erlassen, nette Bibelstellen zum allgemeinen Trost zücken und hingebungsvoll zur Besinnung auf Gott aufrufen.

Ich sage: Wenn die Besinnung auf Gott zwei andere Arten der Besinnung ersetzen soll, nämlich jene auf die eigene Vernunft und jene auf den eigenen Auftrag, dann wird dieser Name Gottes gelästert; dann wird er missbraucht für eine institutionalisierte Spiritualität des gepflegten Biedermeier.

Die Reihenfolge der Fragen muss lauten:

  1. Worum geht es gerade?
  2. Für wen bin ich, sind wir da?
  3. Was bedeutet das jetzt?

Derzeit erleben wir eine Umkehrung dieser Reihenfolge:

  1. Die „Bedeutung“ geben einige wenige weiße Kittel und eine Handvoll grauer — beziehungsweise gefärbter — Damen und Herren vor, die ihrerseits keine Diskussionen fördern.
  2. Die Kirchen helfen mit, diese Wertungen in der ihnen eigenen herb-galanten Mischung ins Volk zu tragen.
  3. Sachkritische Fragen kommen gar nicht erst auf.

„Es besteht die Gefahr, (...) dass man die Rückgraterweichung des aufrechten Mannes mit christlicher Demut und christlichem Gehorsam zu entschuldigen sucht“, Emmanuel Mounier 1943/44 (7).

Freie Rede für freie Christen

Ich frage mich, ob „unsere“ Kirchen überhaupt je in der Demokratie angekommen sind. Den Lutheranern steckt die gütige Hand von Luthers Kurfürsten noch in den Knochen; sie degenerierte im Lauf der Zeit zu einer allgemeinen Folgsamkeit nach oben. „Zwei-Reiche-Lehre“? Wenn es drauf ankommt, ist es immer nur ein Reich. Den Reformierten ist das Konsensstreben dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, dass die Anpassung ans Mittelmaß als eine „transzendente Auffassung der Bürgerpflicht“ erscheint, Bernanos 1931 (8).

Katholische Leiter erkaufen mit dem Deckmantel staatlichen Gehorsams Anerkennung und Geltung. Ihre Bischöfe leisten seit Adolfs Zeiten unverändert ihren Eid auf die Landesherren, was ihnen selbst auch Ansehen, Gehalt und Einfluss sichert. Selbstkastration nenne ich das.

Und die Freikirchen, die „freien Kirchen“? Wie frei sind ihre Leiter von den Meinungen und Stimmungen der zahlenden Mitglieder? Sie mögen das selber beantworten.
„Ich weiß nicht, ob sie (diese Lehren) an Häresie grenzen, wie es manchmal scheint. Jedenfalls versuchen sie, aus Christenmenschen große Tröpfe zu machen. Und das genügt, sie zu verurteilen“, Emmanuel Mounier (9).

Der Überdruck an Fakten und Stimmungen musste schon gewaltig anwachsen, bis es zu jener dankbar frischen Mahnung einiger katholischer Kardinäle, Bischöfe und Priester vor einem weltweiten Missbrauch der „Pandemie“ vom 7. Mai 2020 hat kommen können (10).

Die Geschwindigkeit, mit der nun einige Übergetreue im Handumdrehen das schöne Wort von der V-Theorie ins Feld führen, wächst umgekehrt proportional zu deren Bereitschaft, die eigenen Augen aufzumachen und den eigenen Verstand einzuschalten. Man verschwört sich also gegen dieselbe Aufklärung, die nicht hoch genug gepriesen werden kann, wenn sie sich gegen das Christentum anführen lässt. Wer ablenkt ins Schimpfen, der hat nichts zu sagen, und „wer die Augen verschließt, der denkt verkehrt“, steht in der Bibel (11).

Gefangene Untertanen

Aber jetzt soll ja alles wieder besser werden, hört man. Mit etwas Verspätung kehrt doch noch der Merkel- und Berset-Frühling ein, jedenfalls mit ersten Knospen und frei von „Orgien“ (O-Ton Angela Merkel). Während die Schweiz auf diesen Gnadenerlass noch etwas länger warten muss, dürfen in Deutschland — oh Wunder — wieder Gottesdienste abgehalten werden.

Ein paar Reminiszenzen an die Atmosphäre der Bedrohung — durch die Viren natürlich — müssen aber eingebaut bleiben. Auf 10 Quadratmeter 1 Person, heißt es im Nordosten Deutschlands. Und Singen erhöht natürlich die Ansteckungsgefahr. Die Lieder mitsummen, das muss reichen. Ja, und die Teilnehmerlisten nicht vergessen! Man will ja eine Infektion zurückverfolgen können; was denn sonst!

In Bayern läuft das Ganze nur mit dem berüchtigten Mundschutz. Es soll Leute geben, bei denen sich die Bedeckung bis über die Augen und das Hirn zieht. Es hat sich ja herumgesprochen, was statthaft ist und welchen Äußerungen nicht stattgegeben wird. „Man muss sich klar sein, dass der Gottesdienst nicht der gleiche sein wird wie vor der Krise“, meint ein Herr Bedford-Strohm. So hört sich Defaitismus an, Variante fein-herb.

Im „Schutzkonzept für Gottesdienste“ der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz vom 15. Mai 2020 liest sich diese Haltung folgendermaßen: „In diesem Engagement zeigen sich die sozialintegrative Kraft der Kirchen und ihr vorrangiger Einsatz zum Wohl der Gemeinschaft.“ Dieses geschehe aber „schon gar nicht mit der Intention, gegenüber den Behörden auf eine möglichst baldige Öffnung des Veranstaltungsverbots für Gottesdienste hinzuwirken“, wie die Verfasser eigens betonen.

Die Antwort auf diesen Bankrott gab Georges Bernanos neunzig Jahre im Voraus: „Die Erfahrung zeigt, dass der Teufel es für weitaus schwieriger erachtet, uns durch den Geist der Empörung zu verderben als uns durch den Geist der Knechtsgesinnung zu schänden.“ — „Der Freie allein kann lieben“ (12).

Befreit zum Recht

„Ihr müsst nur vor dem Kaiser niederfallen, dann könnt ihr ungestört eure Versammlungen abhalten!“, hieß es vor 1.800 Jahren. „Nur den Rahmen akzeptieren; den Rest könnt ihr selber bestimmen“, heißt es sinngemäß heute.

Mit welchem Recht verlangt ein Staat von seinen Bürgern und „seinen“ (?) Kirchen Loyalität gegen irrationale Verordnungen, wenn er diese Loyalität seinem eigenen Recht verweigert? Grundlegende Menschenrechte werden willkürlich mit Füßen getreten. Aber Maskensummen soll der neue Chorgesang und Abstand das neue Miteinander sein?

Man schaut gerne aufs Dritte Reich, um aus dieser Zeit Lehren zu ziehen. Wie waren damals die Offiziere im Widerstand mit ihrem Führereid umgegangen? Waren sie nicht trotz allem an ihn gebunden? Die Lösung, ihre Loslösung, bestand in der Einsicht: Wenn der „Führer“ nicht mehr zum Wohle des Volkes handelt, dann hat er selber diesen Eid bereits gebrochen. Also mussten auch sie ihm nicht mehr Folge leisten. Das Recht steht über dem Eid, über dem Gesetz, über der Verordnung. Diese Rangfolge müssen wir uns wieder vor Augen führen.

Beide Sphären, Recht und Gesetz, in eins zu setzen, bedeutet das Ende jeglicher Gewissensfreiheit und jeglicher Rechtssicherheit. Es ist vollzogene Diktatur.

Nichts und niemand bleibt zum Appellieren übrig; Unrecht wird per Gesetz zur Notwendigkeit umbenannt. Die Begründungen dafür sind ebenso willkürlich wie vielfältig. Nur eines haben sie gemeinsam: Man kann und darf sie nicht mehr hinterfragen, weil ihre Schöpfer zugleich deren übergeordnete Instanz sind.

„Ich erkannte, dass der Staat einfältig ist, ängstlich wie eine Jungfer mit ihren silbernen Löffeln, und dass er seine Freunde nicht von seinen Feinden unterscheiden kann, und ich verlor noch die letzte Achtung vor ihm und bedauerte ihn“, Henry David Thoreau 1849 (13). Umgekehrt kann einem Staat nichts Besseres passieren, als dass er immer wieder auf ein Gegenüber trifft, das ihn zur Besinnung ruft, und das heißt: zurück zum Recht. Die Staatsform der Demokratie würde genau hierfür den Rahmen liefern. Ja, „warum ermutigt die Regierung ihre Bürger nicht, sie wachsam auf Fehler hinzuweisen und damit selbst besser zu handeln, als sie es bislang von ihnen verlangt hat?“ „Wenn das Gesetz aber so beschaffen ist, dass es dich dazu braucht, um einem anderen Unrecht zu tun, dann, sage ich, brich das Gesetz“, Henry David Thoreau (14). Dazu gehört auch das Erste Gebot guter Kirchlichkeit, das da lautet:

„Du sollst keine andere Meinung haben neben der genehmen.“

Falsches und richtiges Stillhalten

„Was hindert’s, dass ich getauft werde?“ fragte der Kämmerer den Philippus in Apostelgeschichte, Kapitel 8.

Was hindert’s, diesen Weg der Freiheit aus Verantwortung — der Verantwortung aus Freiheit — zu beschreiten? In erster Linie wohl das Gesetz der Trägheit, oder netter gesagt: das Beharrungsvermögen.

Die meisten Menschen stehen in Lohn und Brot, und die anderen wagen Schritte ins Ungewisse umso weniger.

Die Beispiele für Repressionen häufen sich. Auch alte Menschen sind an friedlichen Demonstrationen nicht mehr dagegen gefeit, von Uniformierten weggeschleppt zu werden: Bestrafe einen, erziehe tausend!

Wo bleibt der Aufschrei aus den Kirchen? Wurde er im Voraus erstickt von einer Theologie, die „in würdigen Formen den Glauben der Vergangenheit“ begräbt statt auf neue Glaubenstaten vorbereitet? „Geist, der nicht die Zukunft hervorruft, ist kein Geist, sondern Intellekt“ (15).

Der Druck steigt, und wenn jetzt „meine Jünger schweigen“, dann werden bald tatsächlich „die Steine schreien“ samt der Menschen (Lukas 19,40).

Dies alles „hindert’s“. Und „was fördert’s“? Wie kommen wir in den Kirchen oder als nicht institutionalisierte Christen zu einem Aufbruch aus und in der, ja vielleicht gerade durch diese Krise? „Durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein“, sagt der bedrängte Prophet Jeremia (in 30,15).

„Der Glaube kann nicht leben, wenn er nicht unterbrochen wird“; dieses Widerfahrnis führt oft ins Stillhalten, Eugen Rosenstock-Huessy 1954 (16).

„Zeitweilig müssen die Gedanken versiegt sein, vorübergehend muss uns die Sprache versagt haben, ehe der Geist aufbrechen kann“ (17).

Man lasse sich seine allzu fromme Seele dadurch läutern, dass man ihr Anteil gibt an den Erschütterungen der Zeit: „Ich weiß es erst einmal auch nicht! Wir als Kirche sind zunächst ratlos!“ Aber nicht hilflos. Wir fliehen darum nicht in die Geborgenheit des Mittelmaßes oder in unbedachte Dienstfertigkeit, sondern wir wollen die Frage hinter und in der Not wahrnehmen. „Darum geht es also“, schrieb der junge Jesuitenpater Alfred Delp „Im Angesicht des Todes“ 1944/45, „dass in jedem Geschlecht eine gewisse Anzahl von Menschen sich finden, die fähig sind, das allgemeine Anliegen zu sehen und immer neu zu sagen. (...)“ Ich meine, hier wäre aus vielen Gründen eine geschichtliche Möglichkeit und Aufgabe der Christen, nicht seine Hauptaufgabe, aber eine Funktion, zu der er kraft seines Wissens um das übergeschichtliche Thema der Geschichte befähigt ist, wenn er sich selbst ernst nimmt (18).

Der Christenmensch findet sich also wieder zwischen alter Ordnung und neuer Frage; und es gibt Zeiten, in denen man nicht beiden Herren dienen kann, sondern wo man sich genötigt weiß, einen von beiden zu verleugnen.

Das ist, wenn man so will, die theologische Begründung der schmissigen Aufforderung Thoreaus zum Gesetzesbruch. „Es muss jemand sein Amt (...) vergessen können (...) um einer neuen Fragenot willen“ (19). „Denn der Fortschritt hängt ab von denen, die sich auf etwas festnageln lassen, ziemlich oft an ein Kreuz“, Eugen Rosenstock-Huessy 1952 (20). Dieses Kreuz der Entschiedenheit markiert den Frontverlauf.

Tapferes um Gottes willen

Ich rufe dazu auf, von unten her Zeichen zu setzen. Keine gefühligen Alibi-Übungen wie in die Fenster gestellte Kerzen und anderer „pastoraler Budenzauber“ (21), sondern neue Formen nach außen und nach innen.

Nach außen werden es Worte und Taten des Protestes sein: Aufklären über Zusammenhänge, unbedingtes Ernstnehmen der provozierten Nöte, Benennen des Unrechts, Bezeugen gläubiger Freiheit. Nach innen finden wir unter Gleichgesinnten zusammen, ob im Freien oder in den Häusern, als „die angemessene Antwort auf die erzwungene Reduktion ins Private“ (22). Das wird eine anteilgebende Gemeinschaft sein, in der die aktuellen Fragen und Nöte weder ausgespart werden noch fremdbeantwortet bleiben und die den Bogen spannt hin zum Beten und zum neuen Hören.

Diese Treffen können klassisch-gottesdienstlichen Charakter haben oder angesichts der vorgerückten Unzeit stärker gesellschaftlich oder politisch ausgerichtet sein. Die Übergänge werden fließend sein; dass sie fließen, darin liegt die Verheißung. Dies ermöglicht es, „souverän in diese Gesellschaft einzudringen und damit die Widerstandsbewegung (...) bis in die niedrigsten, ungreifbarsten Bereiche dieser Zwangsordnung hineinzuführen“ (23), schrieb Werner von Trott zu Solz 1958 in seinem Buch „Widerstand heute oder Das Abenteuer der Freiheit“.

Sein praktischer Rat für die Umsetzung ist dieser:

„Um sich heute im Politischen wirklich verständigen zu können, muss man sich zuerst persönlich begegnet sein, muss man sich zuerst im Privaten gemeinsam der Gefährlichkeit und Ausgesetztheit unserer Lage gestellt haben, muss zuerst im persönlich-verbindlichen Zusammenleben eine ursprüngliche Unabhängigkeit gegenüber dem öffentlichen Räsonnement erreicht worden sein“ (24).

Von Trotts eigene Lehrzeit war der Widerstand im Dritten Reich.

In dieselbe Richtung weist eine Begegnung des Schweizer Pfarrers Walter Lüthi. Im Jahr 1946 reiste er im Auftrag eines neugegründeten Schweizer Hilfswerks durch das kriegsversehrte Deutschland. In seinem Bericht „Deutschland zwischen gestern und morgen“, zitiert er den Rat eines Baufachmanns: „Die zerstörten Kirchen dürften eigentlich nicht wieder aufgebaut werden, denn die Gestalt der kommenden Kirche wird verborgener sein“ (25).

„Die Luft wird klar werden“

Es ist dies eine Kirche, die die „Freiheit eines Christenmenschen“ (Luther), eines kollektiven, wahrnimmt und auf Ansprüche und Selbstdarstellung verzichtet. Sie hat sich freigemacht von der schalen Freude eines „Jetzt dürfen wir wieder Gottesdienste feiern“; freigemacht von dem treuherzigen Blick eines Bettlers, der seinem Gönner von unten herauf für die milde Gabe dankt.

Die Würde dieser „kommenden Kirche“ braucht nicht die Stützen hehrer Gebäude oder prunkvoller „Center“ und auch keine staatliche Erlaubnis, um zusammenzukommen. Sie lebt und webt frei in den Häusern und auf den Plätzen, wo Not und Hoffnung eine Sprache finden, wo man Umstände heilig verwünscht und Änderung sehnlich erfleht; wo man dem Elend ins Auge schaut, weil der Glaube dafür den Mut gibt, und wo eine Welt, die ihr eigenes Ende nicht schnell genug herbeiführen kann, wieder eine Blaupause dessen ahnt, was Menschsein und Miteinander heißen können.

Sprengkraft also für jede Beklommenheit des Herzens und des Verstandes. In den Ländern, in denen Kirche verfolgt wird, nehmen die Regierenden eben dies wahr. Sie fühlen sich davon infrage gestellt; denn hier klagt und lobt und lebt eine Schar, die innerlich offenbar jedem System entwachsen ist. Sie weiß sich ihrem Umfeld dienst-lich verbunden, aber nicht wesent-lich zugehörig. Die Polizeieinheit, die als erste eine solche Versammlung auflöst, darf für sich reklamieren, Geburtshelfer einer neuen Untergrundkirche geworden zu sein.

Sein Leben „mitten im Anwachsen des Welt-Zwanges“ werde „den Glaubenden fähig machen, im Ortlosen und Ungeschützten zu stehen und Richtung zu wissen“, schreibt Romano Guardini im „Ende der Neuzeit“ (1951), wie denn „Vertrauen und Tapferkeit überhaupt den Charakter der Endzeit bilden“ (26). — „Die Luft wird klar werden. Voll Feindschaft und Gefahr, aber sauber und offen“ (27).


Quellen und Anmerkungen:

(1) Artikel vom 24. April auf welt.de.
(2) Eugen Rosenstock-Huessy, Der Atem des Geistes, Frankfurt 1951, Seite 176.
(3) Georges Bernanos, Die große Furcht der Wohlanständigen, 1931, in: Vorhut der Christenheit, Düsseldorf 1950, Seite 91.
(4) Hermann Lübbe, Politischer Moralismus. Vom Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft, Berlin 1989.
(5) Georges Bernanos, Brief an die Engländer, 1942, in: Vorhut der Christenheit, Düsseldorf 1950, Seite 75.
(6) Henry David Thoreau, Vom Ungehorsam gegen den Staat, Köln 2010 (amerikanisches Original 1849), Seite 54.
(7) Emmanuel Mounier, Der Christ stellt sich, Frankfurt 1954, verfasst 1943/44, Seite 74.
(8) Georges Bernanos 1931, Vorhut der Christenheit, 1950, Seite 96.
(9) Emmanuel Mounier, Seite 94.
(10) „Appeal for the Church and the World“, 7. Mai 2020.
(11) Die Bibel, Sprüche 16,30; Schlachter-Übersetzung.
(12) Georges Bernanos, Brief an die Engländer, 1942, in: Vorhut der Christenheit, Düsseldorf 1950, Seite 152.
(13) Thoreau, Seite 45.
(14) Thoreau, Seite 31.
(15) Eugen Rosenstock-Huessy, Heilkraft und Wahrheit. Konkordanz der politischen und der kosmischen Zeit, Stuttgart 1952, Seite 48.
(16) Eugen Rosenstock-Huessy, Des Christen Zukunft oder Wir überholen die Moderne, München 1955 (amerikanisches Original 1946), Seite 113.
(17) Eugen Rosenstock-Huessy, Heilkraft und Wahrheit, Seite 45.
(18) Alfred Delp, Im Angesicht des Todes, Frankfurt am Main 1954 (verfasst 1944/55), Seite 126.
(19) Eugen Rosenstock-Huessy, Heilkraft und Wahrheit, Seite 57.
(20) Ebenda, Seite 61.
(21) Prof. Daniel Bogner, CH-Fribourg, 26. März 2020: „Diese Krise wird auch die Kirche verändern„,
(22) Ebenda.
(23) Werner von Trott zu Solz, Widerstand heute oder Das Abenteuer der Freiheit, Düsseldorf 1958, Seite 16.
(24) Ebenda, Seite 33.
(25) Walter Lüthi, Deutschland zwischen gestern und morgen. Ein Reisebericht, Basel 1947.
(26) Romano Guardini, Das Ende der Neuzeit. Ein Versuch zur Orientierung, Würzburg 1951, Seite 124.
(27) Ebenda, 121.

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