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Lenin und Engels auf Rädern

Lenin und Engels auf Rädern

Wie die Konzepte sich gleichen.

Erst kürzlich hat der Film „Der junge Karl Marx“ unter der Regie von Raul Peck, dieses Kapitel empathisch im Kino behandelt.

Das Konzept von Phil Collins ist sympathisch und begrüßenswert und bietet neben der Generierung interessanter Bilder von der reisenden Skulptur auch die Gelegenheit zur Konfrontation mit dem Klassiker des Kommunismus, womit eine kritische Reflexion über das gescheiterte sozialistische Experiment, den weltweit herrschenden Kapitalismus, und die dringende Notwendigkeit einer kommunistischen Utopie in Gang gesetzt werden kann. So war es von Collins auch beabsichtigt, denn die Reise der Friedrich-Engels-Skulptur diente ihm auch als Katalysator für das Publikum und ausgewählte Personen wie den Berliner Kultursenator Klaus Lederer, vor laufender Kamera zu Marxismus, DDR-Erfahrungen und Kapitalismuskritik zu räsonieren. Am Ende der Route wird ein Videofilm stehen, den Collins, wie seine anderen Filmarbeiten auch, als Werk in den Kunstbetrieb einführen wird. Das ist eine Konzeptkunst, die von der einschlägigen Idee lebt, Geschichte zu rekapitulieren, und durch eine Rahmensetzung neue Erzählungen über Erinnerung, Gegenwart und auch Utopie anzuregen.

Bereits dreizehn Jahre zuvor ließ der deutsche Künstler Rudolf Herz Lenin durch viele Staaten Europas fahren, um Begegnungen mit Publikum, Politikern und Intellektuellen zu ermöglichen. Herz plante die Reise Lenins unter dem Motto „Meinen Zeitgenossen zeige ich Lenin. Und Lenin das 21. Jahrhundert. Wer erklärt es ihm?“ Das ursprünglich aus Dresden stammende Denkmal des sowjetischen Bildhauers Grigorij Jastrebenetzkij, das Lenin zusammen mit einem Arbeiter und einem Rotfrontkämpfer zeigt, war in den 1990er-Jahren gestürzt und von Josef Kurz, einem schwäbischen Grabsteinfabrikanten und Sammler sozialistischer Denkmäler in Bayern, für einen symbolischen Preis von 1 DM übernommen worden mit der Auflage, es in seinem zugänglichen Skulpturenpark zu präsentieren. Entgegen dieser Vereinbarung wird die Skulptur derzeit von den Erben in einer Auktion zu einem Aufrufpreis von 150.000 Euro angeboten.

Dazu erklärt der Fraktionsvorsitzende der Fraktion DIE LINKE. im Dresdner Stadtrat, André Schollbach: Das Dresdner Lenin-Denkmal ist zweifelsohne ein Kulturgut und von großem historischen Wert. Eine Kunst- und Kulturstadt sollte Kunstwerke bewahren und damit auch zeitgeschichtliche Entwicklungen dokumentieren. Daher plädiere ich dafür, kurzfristig eine Teilnahme der Stadt Dresden an der bevorstehenden Versteigerung zu prüfen.

Rudolf Herz, der sich schon seit den 1970er-Jahren künstlerisch mit politischer Kultur und Ikonoklasmus im weitesten Sinne befasst, hatte der Stadt Dresden Anfang der 1990er-Jahre vorgeschlagen, das Denkmal unter dem Titel „Lenins Lager“ demontiert stehen zu lassen, anstatt es völlig abzuräumen. Obgleich die Beigeordneten der Stadt für Herz’ Entwurf votiert hatten, wurde der Plan nicht umgesetzt. Die Ironie des Schicksals, die Nichtrealisierung seines Entwurfs schuf die Voraussetzung für „Lenin on Tour“ 2004, wofür Herz den neuen Eigner als Leihgeber gewinnen konnte.

An ausgewählten Orten sprachen von Herz eingeladene Gäste wie Bazon Brock in Wien, Harald Szeemann am Monte Veritá über Geschichte und Gegenwart, Dystropie und Utopie. Alles wurde fotografisch und in einem Film festgehalten, und war in diversen Ausstellungen, u. a. 2009 im Museum Ludwig in Köln, 2010 auf der Biennale in Poznan und 2016 in der YA Gallery in der Ukraine zu sehen und erhielt eine beachtliche Medienresonanz. Außerdem erschien 2009 eine umfangreiche Dokumentation im Steidl-Verlag.

In Berlin parkte Herz 2004 mit Lenin und Genossen nicht nur vor der Akademie der Künste, wo Volker Braun zum Thema sprach, sondern auch bei der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo Guillaume Paoli über die aktuellen Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit referierte.
Die Reise, das Thema, das Szenario gleichen sich bis auf die Farbe der Transportbänder: bei Collins blau, bei Herz rot. Der Unterschied: Collins installiert die Statue dauerhaft in Manchester. Die enorme Parallelität macht stutzig und lässt Fragen aufkommen. Kann es wirklich sein, dass ein Künstler in der heutigen digitalen Welt ein ähnlich partizipatives und performatives Projekt überhaupt nicht zur Kenntnis nimmt? Es nicht gekannt zu haben, wäre ebenso fragwürdig, wie es ignoriert zu haben.

In einem Brief an Herz räumt Collins „thematische Übereinstimmungen“ ein, er habe aber erst kürzlich von dessen Arbeit erfahren, außerdem sei die Tour mit Engels nur ein Teil seines seit acht Jahren betriebenen Projektes „Marxism Today“. Es unterscheide sich jedoch grundsätzlich im Fokus und im Konzept. Dass die persönlichen Beweggründe und Anlässe sehr unterschiedlich sind, bei Collins die Lektüre des Buches Manchester, England: The Story of the Pop Cult City, 1999 von Dave Haslam, und bei Herz die langjährige Auseinandersetzung mit Revolutionsästhetik und Ikonoklasmus, spielt in Bezug auf die ästhetische Ausgestaltung letztlich keine Rolle.

Natürlich ist ein Transport für Collins die Voraussetzung, um die Skulptur in Manchester aufstellen zu können, doch es bleibt die große ästhetische Übereinstimmung der Tour und den dabei entstehenden Bildern sowie das Procedere bei den Stationen. Verletzt eine solche künstlerische Praxis nicht grundlegende Prinzipien wie Solidarität und Kollegialität, die gerade bei linken Künstlern Beachtung finden sollte? Ein kleiner Nebensatz mit Referenz zu Herzʼ Lenin-Projekt wäre eine adäquate Lösung gewesen.

Leider ist eine solche Politik völliger Unwissenheit oder Ignoranz kein Einzelfall, wie auch der Konzeptkünstler Timm Ulrichs aus leidvollen Erfahrungen bestätigen kann. Immer wieder aufs Neue wird er mit ähnlichen Arbeiten oder gar Plagiaten seiner Werke konfrontiert.
Während der ökonomische Kampf um die Verwertung geistigen Eigentums als legitim anerkannt ist, so z.B. in der Musikindustrie oder auch wenn fremde Texte in Promotionsarbeiten als eigene ausgegeben werden, gilt im Gegensatz dazu das Reklamieren von Urheberschaft einer künstlerischen Idee im Kunstbetrieb als engstirnig, uncool und peinlich.

Foto: Matthias ReicheltCeremony, Phil Collins, 2017, Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) macht ein Selfie von sich und Engels, Foto: Matthias Reichelt

Foto: Matthias ReicheltLenin on Tour, Rudolf Herz, 2004, Rom, Renato Nicolini und Achille Bonito Oliva, Foto: Reinhard Matz

Foto: Matthias ReicheltCeremony, Phil Collins, 2017, bei der Volksbühne in Berlin, Foto: Matthias Reichelt

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