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War es Völkermord?

War es Völkermord?

Fallstudien dreier Indianervölker ermöglichen die Neubewertung eines Menschheitsverbrechens.

In klassischen Western-Filmen kommt die Kavallerie meist als ersehnte Rettung in der Not, vertreibt die brutalen Bösewichte (oft Indianer) und schützt die Hilflosen und Unschuldigen. Doch in der Realität war das häufig nicht so – im Gegenteil:

„Ich sah, wie die Soldaten über den Hügel kamen“, erinnert sich die 29-jährige Piegan-Indianerin Good Bear Woman. Am Morgen des 23. Januar 1870 umzingeln 200 Soldaten der 2. US-Kavallerie unter Befehl von Major Eugene Baker ein Lager der Piegan am Marias River in Montana. Häuptling Heavy Runner wundert sich, denn bislang waren seine Beziehungen zu US-Amerikanern friedlich. Das US-Indianerbüro hat ihm sogar schriftlich Schutz garantiert. Der Anführer holt den Geleitbrief aus seinem Wigwam und bringt ihn dem Kommandeur. Kavallerieoffizier Baker liest das Dokument, doch dann zerreißt er es und wirft es weg, berichtet Good Bear Woman. „Als Heavy Runner sich umdrehte, feuerten die Soldaten auf ihn und töteten ihn.“

Dann legten sie jede Hemmung ab: „Die Soldaten stürmten in das Dorf, schossen nach links und rechts (…) machten alle in ihrer Nähe nieder (…) und massakrierten alle Männer, Frauen und Kinder.“ An diesem Tag sind die meisten Piegan-Krieger unterwegs auf der Jagd. Gerade mal 15 von ihnen sind im Dorf, nur einer schießt überhaupt zurück. Am Ende liegen mindestens 173 Indianer tot auf der winterlichen Erde. Der Scout Joe Kipp zählte sogar 213 Leichen. „Nur wenige entkamen“, sagte Hauptmann Lewis Thompson später. „Die Wälder und Flüsse waren voll von den Toten.“

Das Verbrechen ist eines von vielen Dutzend Massakern der US-Armee oder von Siedlermilizen an Indianern, die sich nicht das Geringste zuschulden kommen ließen. Später sprechen Verantwortliche von einem Versehen, eigentlich sollte ein anderes Lager der Blackfeet angegriffen werden. Doch tötet man 200 wehrlose Menschen aus Versehen? Oder geschahen Massaker wie das an den Piegan vorsätzlich und sogar als Teil eines noch größeren Verbrechens?

Großverbrechen in verschiedenen Weltregionen

Völkermord war im Sommer 2016 großes Thema in der deutschen Öffentlichkeit und besonders im Bundestag. Zum einen der Mord deutscher Kolonialtruppen an den südwestafrikanischen Völkern der Herero und Nama von 1904 bis 1908. Zum anderen die genozidalen Todesmärsche und Massaker an Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16. Spätestens aus diesem Anlass könnten nun auch andere vergleichbare Großverbrechen aus der historischen Phase des „langen 19. Jahrhunderts“ diskutiert werden. Dazu zählt etwa die physische Vernichtung eines Großteils der Indianer auf dem heutigen Staatsgebiet der USA. Von US-Staatsführungen wurden diese Verbrechen nie als Genozide bezeichnet. Erst 2009 passierte den Kongress im vierten Anlauf eine mehrmals abgeschwächte Entschuldigung an Indianer für die Gewalt durch US-Bürger.

Kein Zweifel besteht daran, dass die große Mehrheit der Indianer durch Seuchen getötet wurde, die die europäischen Eroberer eingeschleppt hatten. Doch soweit bekannt, wurden die Opfer bis auf wenige Ausnahmen nicht absichtlich mit den Krankheiten angesteckt. Trotz der verheerenden Epidemien blieben aber auch danach noch hunderttausende Indianer, die von der Mehrheit der US-Verantwortlichen mindestens als Hindernisse, oft einfach als barbarische Feinde gesehen wurden.

Viele dieser Indianer wurden durch Kriege, Massaker, Kopfgeldjagden, ethnische Säuberungen und durch die gezielte Zerstörung ihrer ökologischen, landwirtschaftlichen und kulturellen Lebensgrundlagen umgebracht. Wie viele es in den USA genau waren, ist heute unklar, die Zahl geht aber weit in die Hunderttausende (siehe Exkurs 1).

Fachdebatte mit drei Positionen

Zahlreiche Indianer, Menschrechtsaktivisten und Wissenschaftler sind der Ansicht, dass es sich um einen riesigen Völkermord handelte. Doch ebenso gibt es in der Fachdebatte Gegner dieser Position (siehe Exkurs 2). Beide Seiten werfen sich gegenseitig Pauschalisierungen und ideologisch bedingte Fehlschlüsse vor. Doch seit knapp einem Jahrzehnt erhält eine dritte Herangehensweise immer stärker Auftrieb. Wissenschaftler plädieren hierbei für regionale Fallstudien zu jedem einzelnen Stamm, der von Massenverbrechen betroffen war. Denn tatsächlich sind die Indianer Nordamerikas keine homogene Einheit, sondern hunderte verschiedene Völker und ihre Leidensgeschichten unterscheiden sich in Ursachen und Auswirkungen teils beträchtlich voneinander.

Der Historiker Benjamin Madley von der University of California in Los Angeles (UCLA) brachte den Vorschlag in die Fachdebatte, die Katastrophen einzelner Indianervölker anhand der Kriterien der UN-Genozidkonvention zu analysieren. Die darin definierten juristischen Hürden sind zwar hoch, aber allgemein akzeptiert (siehe Exkurs 3):

„Jeder Stamm verdient eine eingehende Untersuchung, weil seine Erfahrungen und Sterberaten merklich variiert haben können. Der indianische Bevölkerungsrückgang unter Herrschaft der Vereinigten Staaten fand über ein riesiges Gebiet statt und erstreckte sich über Jahrhunderte. (…) Die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen bietet Historikern eine systematische rechtliche Definition, und (…) Wissenschaftler (sollten) jeden möglichen Fall mittels dieser Begriffe streng prüfen. (…) Solche Untersuchungen mögen schmerzhaft sein, aber sie werden sowohl indianischen als auch nicht indianischen Amerikanern helfen, unsere Vergangenheit und unser Selbst zu verstehen.“

Inzwischen hat der Historiker drei Fallstudien zu einzelnen Indianervölkern und ein Buch namens An American Genocide zur Katastrophe der kalifornischen Indianervölker von 1846 bis 1873 vorgelegt. Sein Kollege, der Yale-Geschichtsprofessor Ben Kiernan, schrieb ein Standardwerk zum Völkermord und analysierte darin unter anderem ebenfalls Massenverbrechen an einzelnen nordamerikanischen Stämmen. Der Schweizer Historiker und Indianerfachmann Aram Mattioli bekräftigt als deutschsprachiger Vertreter dieser Position im Gespräch mit Rubikon:

„Ich bin sehr dafür, dass man einzelne Fälle anschaut und diese auch unterscheidet nach dem Faktor Zeit. Wenn man das so macht, dann kann man tatsächlich Gebiete finden, in denen Völkermorde an Indianern stattgefunden haben.“

Eine neue Ära für Indianer

Exemplarisch hierfür sollen im Folgenden die Katastrophen dreier indianischer Völker zu verschiedenen historischen Phasen der US-Geschichte betrachtet werden. Unzweifelhaft begingen auch die Europäer in ihren amerikanischen Kolonialreichen zuvor teils genozidale Verbrechen gegen Indianer (siehe Exkurs 4). Doch trotz aller Gewalt bis dahin; mit der Unabhängigkeitserklärung der USA 1776 beschleunigte sich der Untergang der indigenen Bevölkerung Nordamerikas nochmal extrem. Für Indianer begann eine „neue Ära“, erläutert Aram Mattioli. Denn die Vereinigten Staaten waren eine Siedlergesellschaft, die auf Masseneinwanderung und permanenter Expansion basierte. Indianervölker wurden immer schneller und immer massiver zurückgedrängt.

Schon der Unabhängigkeitskrieg der USA gegen Großbritannien war für die Indianer östlich des Mississippi ein extrem einschneidendes Ereignis – fand doch ein „Krieg im Krieg“ zwischen ihnen und den jungen USA an deren Siedlungsgrenze (Frontier) statt. Es sei nicht übertrieben, dies als „totalen Krieg“ zu bezeichnen, schreibt der Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte Michael Hochgeschwender. Ben Kiernan spricht sogar von einem „Vernichtungskrieg“ gegen Indianer. Die hehren Ideale der Unabhängigkeitserklärung galten für die indigene Bevölkerung faktisch nicht. Dort tauchten Indianer nur als „gnadenlose Wilde“ („merciless Indian Savages“) auf, die laut dem Dokument weiße Grenzbewohner, egal ob Mann, Frau oder Kind, niedermetzeln.

Die Verwüstung des Irokesenlandes 1779

Indianer wie auch US-Amerikaner begingen im Unabhängigkeitskampf zahlreiche Akte, die man heute als Kriegsverbrechen bezeichnen würde. Doch in dem Krieg gab es bereits darüberhinausgehende Fälle von Völkermorden an Indianern. Als Beispiel kann der Fall der Irokesen gelten, die sich zu großen Teilen den Briten angeschlossen hatten. Schon 1776 hatte der Kontinentalkongress den Irokesen mit vollständiger Auslöschung gedroht. Falls sie die USA angreifen, „würden wir sie so lange mit einem Krieg verfolgen, so lange noch ein einziger von ihnen auf dem Angesicht der Erde weilt“, schrieb Gründervater Thomas Jefferson.

Nach irokesischen Überfällen auf US-Siedlungen im Waldland New Yorks wurde die Drohung umgesetzt. US-Oberbefehlshaber George Washington befahl für den Sommer 1779 einen Großangriff mit 5000 Soldaten auf Gebiete des Irokesenbundes. „Das Land soll nicht nur überrannt, sondern zerstört werden“, wies er seinen General John Sullivan an. Die Soldaten ermordeten dabei gezielt indianische Zivilisten. Ein Häuptling der Onondaga-Irokesen berichtete, dass die US-Truppen alle Frauen und Kinder seines Dorfes getötet hatten – bis auf wenige junge Frauen, „die sie für ihre Soldaten wegschleppten“ und nach der Vergewaltigung umbrachten. Mehr als 40 Irokesensiedlungen zerstörten die Angreifer bei ihrer Invasion systematisch.

„Sie verbrannten einen Teil unserer Maisernte und warfen das, was übrig blieb, in den Fluss. Sie verbrannten unsere Häuser, töteten das Vieh und die Pferde, die sie finden konnten. Sie zerstörten unsere Obstbäume und ließen nichts als die nackte Erde zurück“, wird eine Irokesin in der US-Dokumentationsserie „500 Nations“ zitiert.

Es ging bei dem Angriff im Sommer 1779 also bei weitem nicht nur um das Ausschalten der feindlichen Kämpfer. Mit der Vernichtung aller Nahrungsvorräte, Nutztiere, Obstbaumplantagen, Gebrauchsgegenstände und Wohnhäuser, also sämtlicher Überlebensressourcen, zielten der spätere US-Präsident sowie die beteiligten Offiziere auf den folgenden Tod tausender, unschuldiger Irokesen und somit die Auslöschung großer Teile dieses Volkes. Auf etwaige Friedensangebote sollte laut Befehl erst eingegangen werden, wenn alles restlos zerstört sei.

Winter of Hunger

Den überlebenden Irokesen blieb nichts als die Flucht nach Kanada, wo rund um das britische Fort Niagara ein riesiges Flüchtlingslager entstand. „Tausende Irokesen gingen elend an Hunger, Erfrierungen und Krankheit zugrunde“, schreibt Mattioli. Die britische Garnison hatte nicht genügend Vorräte, um die Indianer ausreichend zu versorgen. Der Winter 1779/80 ging als „Winter of Hunger“ in die irokesische Erinnerung ein.

In ihr Land zurückkehren konnten nach dem Frieden von 1783 nur wenige Überlebende. US-Siedler hatten es größtenteils schon in Besitz genommen, nur einige kleine Reservate blieben den Irokesen. Dies galt übrigens auch für die zwei mit den Vereinigten Staaten verbündeten Irokesenstämme. Das wiederum unterstreicht, dass es den USA in diesem Konflikt weniger um den Sieg über feindliche Irokesen, als vielmehr um die Ausschaltung des gesamten irokesischen Volkes ging.

Der erste Völkermord der USA?

Nach den Vorgaben der UN-Genozidkonvention erfüllt das Verbrechen die Kriterien zur Verurteilung als Genozid. Der Ausrottungsvorsatz ist nachgewiesen, denn der Kongress hatte die Auslöschung laut Thomas Jefferson – nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der Unabhängigkeitserklärung – angedroht. Washingtons Befehl aus dem Mai 1779 erfüllt mindestens die in Artikel 2b und 2c der Konvention genannten Handlungen. Und General Sullivans Umsetzung dessen entspricht zudem Artikel 2a. Auch die Massenvergewaltigungen sind völkermordrelevante Handlungen.

Ganz ähnlich wie den Irokesen erging es im Unabhängigkeitskrieg auch anderen Indianervölkern, wie beispielsweise den Cherokee oder Shawnee. Laut General George Rogers Clark habe der Kongress die Befehle an die Armee Ende 1778 noch verschärft. Es solle „keine Gnade“ für feindliche Indianer geben. Die einzige Möglichkeit, gegen Indianer Krieg zu führen, sei es, „sie in ihrer Barbarei noch zu übertreffen“, zitiert ihn Ben Kiernan. Er persönlich werde von den Indianern weder Mann, Frau noch Kind verschonen, sagte der US-General dem britischen Vizegouverneur Hamilton.

Hinter dem Völkermord durch Massaker und Zerstörung der Existenzgrundlagen stand auch immer schon die Freimachung des Landes zur Inbesitznahme durch US-Siedler. So schreibt US-Experte Michael Hochgeschwender, was auch für alle weiteren Konflikte zwischen US-Amerikanern und Indianern gelten kann:

„Für die Weißen war Land oder zumindest die Aussicht auf Land das Schmiermittel, das ihre fragile Gesellschaft zusammenhielt und soziale Spannungen entschärfte. Sie mussten expandieren (…). Auf diese Weise wurde jeder Konflikt zum Gewaltexzess, der sich nie auf Kombattanten beschränken konnte, sondern wegen seines totalen Charakters die Zivilbevölkerung, Frauen, Kinder und Greise, bis hin zum Genozid einbezog.“

Die Vertreibung der Cherokee 1838

Das Volk der Cherokee auf dem Gebiet des heutigen Bundesstaates Georgia hatte sich im frühen 19. Jahrhundert der US-Gesellschaft immer stärker angeglichen. Viele von ihnen waren Bauern, Handwerker oder Unternehmer geworden, auch eine landbesitzende Oberschicht, die schwarze Sklaven besaß, war entstanden. Zudem hatten die Cherokee sich in ihrer eigenen Sprache alphabetisiert und sich eine republikanische Verfassung nach US-Vorbild gegeben. In dieser pochten sie auf die politische Souveränität innerhalb ihres Herrschaftsgebietes.

Doch Teile der US-Eliten wollten diese Anpassungsleistungen nicht anerkennen. Präsident Andrew Jackson sprach etwa von den Cherokee als „einigen wilden Jägern“, die große Landflächen belegten. Im Jahr 1830 setzte er den „Indian Removal Act“ durch – ein Landabtretungs- und Umsiedlungsgesetz, das auf ethnische Säuberung hinauslief, schreibt Aram Mattioli. Das Gesetz sei „der am deutlichsten sichtbare Übergang zum bewussten Völkermord“, bekräftigt der Potsdamer Historiker Bernd Stöver in seiner Geschichte der USA. „Gegnern wie Befürwortern war klar: Es ging schlicht um weiße Interessenpolitik, und es lief auf Raub von Indianerland und Vertreibung hinaus.“ Es sei eines der moralisch verwerflichsten Gesetze, das eine US-Regierung jemals beschlossen habe. Selbst der oberste Bundesgerichtshof der USA hatte es 1832 ausdrücklich für Unrecht erklärt.

Erst Lager, dann Todesmärsche

Doch Präsident Jackson ignorierte das Urteil genauso wie sein Nachfolger Martin van Buren. Die Indianervölker des Südostens wurden zur Umsiedlung genötigt. Ab Mai 1838 wurden die Cherokee deportiert. Die US-Armee trieb sie gewaltsam zusammen und tötete diejenigen, die ihren Besitz beschützten. Weiße Siedler plünderten anschließend das Cherokee-Eigentum, manche steckten die Farmen in Brand. Die Indianer wurden monatelang in bewachte Lager gesperrt, wo hunderte – vor allem Alte und Kleinkinder – unter den erbärmlichen Bedingungen dieser Gefangenschaft starben. Der Historiker Jürgen Osterhammel spricht dabei von „Konzentrationslagern“. Viele Cherokee wurden auch hier noch von Wachen beraubt, die Frauen vergewaltigt, Familien getrennt.

Anschließend mussten sie viele hundert Kilometer bis ins heutige Oklahoma bewältigen, die meisten zu Fuß. Drei Monate war ein Treck durchschnittlich unterwegs. Die Märsche wurden zwar von der Armee begleitet und von der Regierung organisiert, doch weder auf Lebensmittelversorgung noch auf medizinische Hilfe war Verlass. Unnachgiebig wurden die Trecks auch bei widrigsten Wetterbedingungen und eisigen Temperaturen zum Marsch gezwungen. Zahlreiche Vertriebene starben. Die Märsche waren eine „humanitäre Katastrophe“, erklärt Bernd Stöver. In ihrer neuen Heimat angekommen, standen die Indianer vor dem Nichts.

Ein Drittel des Volkes starb

Alles in allem deportierten die US-Verantwortlichen rund 18.000 Cherokee in das sogenannte Indianerterritorium westlich des Mississippi. Die Märsche selbst forderten gut 4.000 Todesopfer. Insgesamt starben bis zu 8.000 Cherokee, also rund ein Drittel des Volkes vor, während oder an den Folgen der Vertreibungen. Trotz jahrelanger Vorbereitungszeit und vertraglicher Unterstützungsverpflichtung sorgte die Regierung bei keinem der zahlreichen Trecks für akzeptable Versorgung. Die Deportationen gingen als „Trail of Tears“ in die Geschichte ein.

„In dem von den Cherokees und den anderen indianischen Völkern des Südostens geräumten Gebiet konnte sich die auf Sklavenarbeit basierende Plantagenwirtschaft nunmehr ungehindert ausbreiten“, erläutert der Historiker Wolfgang Reinhard die ökonomischen Hintergründe des Verbrechens. Bis 1850 hatten die USA nahezu alle Indianervölker von den fruchtbaren Landwirtschaftsregionen des Ostens in karge Prärien des Westens vertrieben, wo sie wenige Jahrzehnte später erneut von weißen Siedlern überrannt wurden.

Völkermord oder „nur“ ethnische Säuberung?

Auch hier bleibt die Frage, ob das Verbrechen laut UN-Genozidkonvention als Völkermord eingestuft werden kann. Belegt sind mehrere solcher Handlungen, die den Absätzen a) bis c) der Konvention entsprechen. Dies betrifft nicht nur die Märsche selbst, sondern auch die Razzien und Gefangenenlager zuvor. Ben Kiernan spricht von 3000 Toten allein im Vorfeld der Deportationen.

Den eindeutigen Vorsatz zum Genozid nachzuweisen, fällt allerdings schwer, da kein wörtlicher Befehl hierzu bekannt ist. Doch ist dies auch nicht zwingend nötig, denn ein Gericht kann den Beweis für einen Vorsatz auch „aus einem Muster von entsprechenden Handlungen ableiten“, heißt es bei Kiernan. Hierzu zähle etwa die systematische Verübung anderer strafbarer Handlungen gegen dieselbe Gruppe, das Ausmaß der Gräueltaten oder die Tatsache, dass andere Gruppen von den systematischen Angriffen verschont werden. Dies alles ist im Fall der Cherokee als erfüllt anzusehen, hatten die USA doch nicht wahllos deportiert, sondern verschiedene Indianervölker planvoll nacheinander mittels des Removal Act vertrieben und die weiße Bevölkerung komplett verschont.

Die Vernichtung der Yuki ab 1854

Als ein Beispiel für die Massenverbrechen gegen Indianer im Westen der USA kann der Fall der Yuki dienen, die durch Angriffe staatlich finanzierter Siedlermilizen, durch Entführungen und erzwungene Hungersnöte in nur zehn Jahren faktisch ausgelöscht wurden. Kiernan zufolge war dies „der am systematischsten betriebene Genozid in Kalifornien“. Das kleine Volk umfasste rund 12.000 Menschen, die im Round Valley lebten, ein Gebiet im Norden Kaliforniens und etwas kleiner als das Saarland. Zehn Jahre nach Ankunft der US-Amerikaner in der Gegend lebten dort nur noch wenige hundert Yuki.

Seit 1854 zogen US-amerikanische Jäger und Viehbesitzer in das Tal, rissen das beste Land an sich, ohne die Indianer auch nur zu fragen, zäunten es ein und bauten ihre Ranches darauf. Die Yuki waren Jäger und Sammler und wurden durch die schnell anwachsende Vieh- und Weidewirtschaft der US-Amerikaner in existenzielle Bedrängnis gebracht. Schweine, Rinder und Pferde fraßen sich durch das fruchtbare Tal und verjagten das Wild. US-Siedler vertrieben oder töteten zudem Yuki, die Klee, Nüsse, Knollen und weitere Wildpflanzen auf Wiesen sammelten, die nun plötzlich Weiden waren.

Indianer töten Rinder, Siedler töten Indianer

„Um ihr Überleben zu sichern, erlegten die hungernden Indianer zunehmend auch Rinder und Schweine, die den weißen Ranchern gehörten“, berichtet Aram Mattioli. Immer wieder ritten bewaffnete Siedlergruppen daraufhin aus, um Indianer als Strafe dafür zu töten. Eine Miliz unter einem Siedler namens H. L. Hall ermordete 240 Yuki, weil irgendjemand zuvor ein Pferd getötet hatte. Hall hatte auf seinen Mordzug nur die Männer mitgenommen, die bereit waren, sämtliche Indianer umzubringen, auf die sie trafen. Wenn Indianer rechtzeitig aus ihren Dörfern geflohen waren, kippte Hall Gift in deren zurückgelassenes Essen. Später gestand er Morde an Frauen und Kindern unter anderem mit den Worten: „die Kleinkinder wurden aus ihrem Elend erlöst“.

Seit 1856 waren bereits mehr als 1.000 Yuki durch US-Amerikaner getötet worden. Nun schlug der Landbesitzer und Richter Serranus Hastings (einer der „geschädigten“ Viehbesitzer) im Sommer 1859 vor, eine reguläre, bewaffnete Truppe unter Kommando des bekennenden Indianermörders Walter Jarboe aufzustellen und gegen die Yuki auszuschicken. So geschah es ab Juli 1859 mit Unterstützung des kalifornischen Gouverneurs John Weller. Die sogenannten „Eel River Rangers“ richteten in den kommenden sechs Monaten im zynisch so betitelten Mendocino-Krieg Massaker um Massaker an wehrlosen Yuki an.

Gezielt attackierte die Truppe meist im Morgengrauen die Dörfer der schlafenden Indianer, erläutert Aram Mattioli. „Sie stellten keine Fragen und unternahmen nicht mal den Versuch, allfällige Viehdiebe ausfindig zu machen.“ Hunderte Yuki, egal ob Kind oder Greis, egal ob Frau oder Mann, wurden durch die Milizionäre ermordet. Zwar forderte sie der Gouverneur auf, das Töten Unschuldiger zu unterlassen. Aber Jarboes Truppe hielt sich nicht daran und wurde schließlich im Januar 1860 offiziell vom Gouverneur aufgelöst.

In vier Monaten mehr Opfer als in einem Jahrhundert zuvor

Anfang 1860 untersuchte ein vom Senat in die Region geschicktes Joint Special Committee den Krieg gegen die Yuki und stellte nach Anhörung von mehr als 45 Zeugen fest, dass in nur vier Monaten im Mendocino County mehr Indianer getötet worden seien als in einem ganzen Jahrhundert unter spanisch-mexikanischer Herrschaft. „Für ein Übel dieser Größenordnung ist jemand verantwortlich. Entweder unsere Regierung oder unsere Bürger oder beide“, hieß es in einem Bericht des Komitees (hier ab Seite 20ff.).

Die Völkermordabsicht des Anführers Walter Jarboe geht aus einem seiner eigenen Briefe an den Gouverneur hervor: „Wie grausam es sein mag (…) nichts geringeres als Ausrottung wird genügen, um das Land frei von Ihnen (den Yuki) zu bekommen“, schrieb er im Dezember 1859. Doch dies war dem kalifornischen Gouverneur bereits bekannt, denn Armeemajor Edward Johnson berichtete ihm bereits im Mai des Jahres vom „unerbittlichen Vernichtungskrieg“, den die weißen Siedler gegen Indianer im Round Valley führten. Ebenso wussten die politisch Verantwortlichen aus anderen Briefen und Petitionen von US-Siedlern, dass diese offen die Auslöschung der Yuki forderten oder drohten, dies selbst zu erledigen.

Trotzdem beauftragte der Gouverneur die Täter nicht nur zu dem Kriegszug, sondern zahlte dem bekennenden Massenmörder im Nachhinein noch mehr als 9300 von 11.000 Dollar, die dieser dem Staat Kalifornien für seine Mordzüge in Rechnung gestellt hatte. In voller Kenntnis der Tatsachen goutierte der Staat damit die faktische Ausrottung eines Indianervolkes.

Entführungen, Vergewaltigungen, Sklavenarbeit

Zwar richtete die Regierung ein kleines Reservat für die hungernden Yuki ein, doch auch hier war die Versorgungslage extrem schlecht. Hunger und Zwangsarbeit sorgten in der gefängnisähnlichen Einrichtung für hohe Sterblichkeitsraten. Zudem kamen Siedler ungehindert hinein und entführten oder töteten immer wieder Yuki. In manchen Berichten ist von wahllosen Hinrichtungen die Rede, weil Rancher vermuteten, dass Reservatsindianer Vieh gestohlen hätten. Ein Siedler namens John Burgess sagte aus, dass für jedes verschwundene Rind zehn bis fünfzehn Indianer getötet wurden.

Wie Madley beschreibt, war es bis 1863 zudem absolut üblich, in Kalifornien indianische Frauen und Kinder zu entführen, da die de-facto-Versklavung von minderjährigen Indianern bis dahin gesetzlich erlaubt war. So wurden auch die Kinder der Yuki massenhaft Opfer weißer Entführer, erläutert er. Indianeragenten und Besucher in Yuki-Lagern stellten immer wieder fest, dass die Indianer nur noch sehr wenige Kinder und große Angst vor den weißen Entführern hatten.

Auch viele indianische Frauen waren gekidnappt und in die Prostitution in den Goldgräberstädten gezwungen worden. Pelzjäger wie Pierce Asbill verdienten sich zusätzlich Geld mit dieser Menschenjagd. Begleitet von Jagdhunden ritten sie in das Tal und kamen mit Dutzenden Frauen und Mädchen an Hundeleinen zusammengebunden zurück. Eine hohe Zahl der Frauen starb an Geschlechtskrankheiten, mit denen sie in den Städten infiziert wurden. Vor allem der Verlust von so vielen Frauen und Kindern erklärt, warum die Bevölkerungszahl der Yuki so schnell dahinschwand.

All das geschah also nicht nur vorsätzlich, sondern erfüllt auch den Tatbestand des Völkermordes, wie Benjamin Madley betont. „Mehrere Täter artikulierten in Wort und Tat ihre Absicht, eine ethnische Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören.“ Zudem begingen die Täter sämtliche der fünf in Artikel 2 der UN-Konvention aufgeführten genozidalen Handlungen. „Es gibt genügend Beweise, um den Fall der Yuki als Völkermord nach der Definition der Vereinten Nationen zu bezeichnen.“


Das letzte große Indianermassaker: Im Dezember 1890 töteten US-Soldaten hunderte Sioux-Indianer im Pine-Ridge-Reservat und posierten anschließend mit deren Leichen im Vordergrund.

Das letzte große Indianermassaker: Im Dezember 1890 töteten US-Soldaten hunderte Sioux-Indianer im Pine-Ridge-Reservat und posierten anschließend mit deren Leichen im Vordergrund. (Quelle: Wikimedia Commons)


Keine Geschichte der Vergangenheit

Noch weitaus mehr nordamerikanische Indianervölker und ihre Katastrophen hätten hier exemplarisch aufgeführt werden können: Sioux, Cheyenne, Navajo, Comanchen, Creek, Seminolen, Choctaw, Modoc, Apachen und viele mehr erlebten Massenverbrechen zu verschiedenen Zeiten und in ganz verschiedenen Regionen der heutigen USA. Das letzte große Massaker an Indianern fand 1890 am Wounded Knee statt. Vergessen haben zumindest indianische Vertreter das alles nicht:

„Die Amerikaner möchten gern glauben, dass die Geschichte der Indianer eine Sache der Vergangenheit ist. Mich trennt nur eine Generation von dem Völkermord, der an meinem Stamm verübt wurde“, sagt der Indianeraktivist Carter Camp vom Volk der Ponca. „Alle Stämme erlebten eine Zeit des absoluten Horrors, als sie mit den Invasoren konfrontiert wurden. (…) Mein Stamm erlebte den Horror Ende des 19. Jahrhunderts. Daran können wir uns noch sehr gut erinnern.“

Belegt sind genozidale Befehle und Äußerungen nicht nur von Armee- oder Milizkommandanten, sondern auch von Gouverneuren, Intellektuellen, Journalisten und mehreren US-Präsidenten. Und die Geschichte endet nicht im späten 19. Jahrhundert. Zwar sind Verbrechen der US-Kavallerie, wie das eingangs geschilderte, heute allgemein bekannt. Doch kaum thematisiert wird, dass mehr als 100.000 indianische Kinder in den USA bis in die 1970er Jahre ihren Eltern weggenommen und in weit entfernten Missionsschulen mit Gewalt zu kleinen US-Bürgern umerzogen wurden. Wegen der hohen Todesraten hatten viele dieser boarding schools eigene Friedhöfe. „Wenn man von der Genozidkonvention von 1948 ausgeht, dann ist die Wegnahme von Kindern und die Auslöschung ihrer angestammten Kultur auch ein genozidaler Akt“, unterstreicht Aram Mattioli.

Bis in die 1970er Jahre wurden zudem tausende indianische Frauen und jugendliche Mädchen in öffentlichen Krankenhäusern ohne ihre Zustimmung oder infolge manipulativer Beratungen sterilisiert – auch hier könnte eine laut UN-Konvention völkermordrelevante Handlung vorliegen. Viele der Betroffenen leben heute noch. Doch trotz alledem fristet die Frage nach Genoziden an der indigenen amerikanischen Bevölkerung ein Schattendasein in den USA. Das Thema sollte aber nicht nur Indianer und Akademiker interessieren, betont der Historiker Benjamin Madley. Es müsse auch an anderen Orten diskutiert werden: in Medien, öffentlichen Foren und Klassenzimmern.


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Exkurs 1: Opferzahlen

Während das Massensterben der Indianer ganz Amerikas seit 1492 bis heute in seiner Gesamtheit nicht beziffert werden kann, liegen für den speziellen Fall der Vereinigten Staaten, also für das heutige Staatsgebiet der USA von 1776 bis zum Ende der sogenannten Indianerkriege um 1890, zumindest die meisten Daten zum dortigen indianischen Bevölkerungsverlust vor. Als im Jahr 1900 erstmals alle Indianer in einer US-Bevölkerungszählung (S. 483, 488) erfasst wurden, kam man auf knapp 267.000 indianische Einwohner – der absolute Tiefpunkt.

Von dieser Zahl wiederum könne zumindest bis ungefähr 1800 relativ verlässlich zurückgerechnet werden, erläutert der Schweizer Historiker und Indianerfachmann Aram Mattioli im Gespräch mit Rubikon. Bevölkerungsforscher sind hierbei für das Gebiet der heutigen USA auf rund 600.000 indianische Bewohner gekommen. Es ergibt sich ein Bevölkerungsverlust von mehr als 50 Prozent. Dies sagt für einen Zeitraum von einem Jahrhundert noch nichts über konkrete Opferzahlen, macht aber die katastrophale Entwicklung und die Dimension der Verluste deutlich.

Der US-Zensus informierte im Jahr 1894 (S. 637/638), dass in den mehr als 40 Indianerkriegen seit 1775 rund 30.000 Indianer getötet und in individuellen Auseinandersetzungen mehr als 8500 weitere Indianer – egal welchen Geschlechts und Alters – umgebracht wurden. Die tatsächliche Opferzahl liege jedoch sehr viel höher, denn die genannten Zahlen fassten nur die von Weißen gezählten Indianerleichen zusammen, so der Zensusbericht. „Fünfzig Prozent zusätzlich wären eine sichere Schätzung.“ Man muss also von mindestens 50.000 bis 60.000 direkten indianischen Gewaltopfern in den USA seit Gründung der Union ausgehen – dies ist die absolute Untergrenze.

Zu den Opfern unmittelbarer physischer Gewalteinwirkung kommt noch eine Dunkelziffer von Opfern indirekt tödlicher Gewalt. Hierunter fallen Indianer, die infolge von Zwangsarbeit, Vertreibung oder Zerstörung ihrer Siedlungen verdursteten, verhungerten, erfroren oder an Erschöpfung starben. Ebenso addiert werden müssen zahlreiche Todesopfer wegen der schlechten Überlebenschancen in den vielen kargen, unterversorgten Reservaten. Bei all dem kam es wiederum zu verheerenden Wechselwirkungen mit Infektionskrankheiten, weshalb Gewaltopfer analytisch nicht eindeutig von bloßen Krankheitsopfern getrennt werden können.

Die Zahl indianischer Todesopfer durch direkte, indirekte oder strukturelle Gewalt in den USA geht also weit in die Hundertausende. Allein in Kalifornien starben in den gut 20 Jahren des Goldrausches rund 120.000 Indianer. Zu den Opferzahlen insgesamt schreibt Aram Mattioli: Für die Zeit von 1700 bis 1910 erlagen mindestens 1,3 Millionen Indianer „den Folgen des unfreiwilligen Kulturkontakts“ – Krankheitsopfer inklusive.

Für die Beurteilung eines Verbrechens als Völkermord ist die absolute Zahl der Todesopfer jedoch nicht entscheidend. „Es gibt keine quantitativen Untergrenzen“, erläutert Ulrich Delius, Direktor der Gesellschaft für bedrohte Völker im Interview. Wichtig ist vielmehr, wie groß der Opferanteil am gesamten Volk ist. 


Exkurs 2: Die Fachdebatte

Unter Fachleuten ist bis heute umstritten, ob der Horror, den die Indianervölker Nordamerikas erlebten, tatsächlich Völkermord war. Die Deutung der Katastrophe sei die zentrale Herausforderung an jeden Autor, der sich mit dem Thema befasst, schreibt Aram Mattioli.

Eine Debattenposition ließe sich als „relativierende Haltung“ bezeichnen. Vertreter dieser Denkweise sehen Krankheiten und zivilisatorische Unterschiede als Gründe für das indianische Massensterben, aber keinen verbrecherischen Vorsatz bei Europäern und europäisch-stämmigen Amerikanern. Exemplarisch für diesen Interpretationsansatz stehen folgende Zitate:

„Letztendlich steht das traurige Schicksal von Amerikas Indianern nicht für ein Verbrechen, sondern für eine Tragödie, die sich aus einer unversöhnlichen Kollision von Kulturen und Werten ergab.“ (Guenter Lewy, Politologe)

„Die Entvölkerung der Neuen Welt, trotz all ihres Terrors und Todes, war weitgehend eine unbeabsichtigte Tragödie. (…) Die Natur, nicht Bosheit, war die Hauptursache für die massive, unbegreifliche Verwüstung.“ (Steven Katz, Historiker)

Eine zweite Position sieht im indianischen Massensterben einen gigantischen Völkermord – einen „American Holocaust“. Der Historiker David Stannard schreibt in seinem gleichnamigen Buch sogar vom „massivsten Akt von Genozid in der Weltgeschichte“. Viele Indianer, Menschrechtsaktivisten und Wissenschaftler sind der Ansicht, dass es sich um Völkermord handelte. Die Historikerin Roxanne Dunbar-Ortiz schreibt: „Das Ziel der US-Behörden war es, die Existenz der Indianer als Völker zu beenden – nicht als Individuen. Dies ist die Definition des modernen Genozids.“ Selbst die Gedenktafel auf Cole’s Hill in Plymouth, dem ersten Thanksgiving-Ort der legendären Pilgerväter – mithin ein Nationalheiligtum der USA – spricht von millionenfachem Genozid an Indianern:

„Viele amerikanische Ureinwohner feiern die Ankunft der Pilgerväter und anderer europäischer Siedler nicht. Für sie ist das Erntedankfest eine Erinnerung an den Völkermord an Millionen von Menschen, den Diebstahl ihres Landes und den unerbittlichen Angriff auf ihre Kultur.“

Eine dritte Position in der Debatte unterstreicht, dass es ganz unterschiedliche Formen von Massengewalt von Weißen gegen Indianer gegeben hat. Pauschalurteile würden der historischen Realität daher nicht gerecht. „Der generelle Vorwurf eines weißen Genozids an den Indianern ist übertrieben. Gewiss wurden aber einige amerikanische Ethnien ausgelöscht“, schreibt etwa der Historiker Jürgen Osterhammel in seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts.

Auch der Schweizer Historiker Aram Mattioli steht für diese Position: „Ich bin sehr dafür, Einzelfallprüfungen auf regionaler Ebene zu erstellen und nicht pauschal zu urteilen“, sagt er. Zudem verweist er auf einen „Ethnozid“, also die systematische Auslöschung indianischer Kultur und Identität durch die USA. Damit meint er vor allem die zwangsweise Umerziehung indianischer Kinder zu kleinen US-Bürgern in boarding schools. „Die Kinder sind dort reihenweise gestorben“, so Mattioli.


Exkurs 3: Juristischer Hintergrund zum Genozid

Unter Völkermord fällt laut UN-Genozidkonvention jede Handlung, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu vernichten. Dazu zählen neben der (a) Tötung von Mitgliedern dieser Gruppe auch Taten wie (b) die Verursachung schwerer körperlicher oder seelischer Schäden, (c) das Aufzwingen extrem schlechter Lebensbedingungen für Menschen der betroffenen Gruppe, (d) die systematische Verhinderung von Geburten und (e) die Wegnahme von Kindern. Diese fünf genozidalen Handlungen werden in Artikel 2 der Konvention aufgeführt. Die internationale Rechtsprechung habe diesen noch weitere Akte hinzugefügt, erläutert Yale-Historiker Ben Kiernan. Gezielte Vergewaltigungen der Frauen einer Gruppe und Todeslager zählen dazu.

Unter Handlung (c) fallen Gerichtsentscheidungen zufolge konkret Taten wie „einer Gruppe nur eine Ernährung an der Hungergrenze zu ermöglichen, die Beschneidung einer notwendigen medizinischen Versorgung bis unterhalb eines Minimums und die Verweigerung ausreichender Wohnunterkünfte“, so Kiernan. In Artikel 3 der UN-Konvention heißt es, dass auch Verschwörung, Aufruf, Versuch und Beihilfe zu Völkermord strafbar sind.

Sehr hohe Hürden stellt die Konvention auf, was den Nachweis des Vorsatzes betrifft. Eine der in Artikel 2 aufgeführten Handlungen muss ausdrücklich in der Absicht begangen worden sein, eine Gruppe vollständig oder teilweise auszulöschen. „Das Schwierige daran ist, man muss diese Kausalkette beweisen können“, erläutert Ulrich Delius von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) im Gespräch mit Rubikon.

Ben Kiernan zufolge muss ein Gericht einen Genozidvorsatz aber nicht zwingend direkt beweisen, sondern kann diesen auch „aus einem Muster von entsprechenden Handlungen ableiten“. Hierzu zähle etwa die systematische Verübung anderer strafbarer Handlungen gegen dieselbe Gruppe, das Ausmaß der Gräueltaten oder die Tatsache, dass andere Gruppen von den systematischen Angriffen verschont werden. Zudem muss Genozid selbst nicht unbedingt das Motiv genozidaler Handlungen sein. „Er kann auch eine bewusst in Kauf genommene Folge solcher Taten sein, die aufgrund einer Vielzahl von Motiven oder Zielen verübt wurden. (…) Genozid kann ein Mittel sein, ohne dass es als ein Zweck verfolgt wird.“

Wenn man nach der Verantwortung für Völkermorde sucht, landet man zwar aufgrund der Hierarchie meist bei Staatsoberhäuptern, sagt der Völkerrechtler Ulrich Delius. Aber es kommen nicht zwingend nur Präsidenten oder hohe staatliche Vertreter als Täter in Frage. Durchaus könnten auch andere Akteure wie etwa Offiziere dafür belangt werden – „wenn man nachweisen kann, dass sie nicht nur einem Befehl gefolgt sind, sondern dass das Verbrechen von ihnen ausgegangen ist.“

Die Genozidkonvention wurde von den Vereinten Nationen 1948 beschlossen. Potenzielle Völkermorde aus der Zeit davor können heute gerichtlich nicht mehr verurteilt werden, erklärt Delius. Kein Recht darf rückwirkend gelten. „Die Verbrechen an den Indianern Nordamerikas liegen zu weit in der Vergangenheit, so dass es keine Grundlage dafür gibt, den Fall heute juristisch zu bewerten.“

Die Kriterien der UN-Genozidkonvention könnten aus Forschersicht aber durchaus auf Katastrophen vor dem Jahr 1900 sinnvoll angewendet werden, betont Kiernan, der sich in seinem Buch Erde und Blut mit historischen Völkermordfällen auseinandergesetzt hat. Diese Herangehensweise schafft analytische Vergleichbarkeit und macht grundsätzliche Muster von Genoziden erkennbar.


Exkurs 4: Die Indianermorde anderer Länder

Spanische und portugiesische Eroberer begingen ab der Zeit des ersten Kontakts mit der Neuen Welt schwere Massenverbrechen an amerikanischen Ureinwohnern. Besonders spanische Konquistadoren taten sich mit monströsen Völkermorden auf karibischen Inseln, in Mexiko oder Kolumbien an Millionen Menschen hervor, wie der Historiker Ben Kiernan in seinem Buch Erde und Blut darlegt. Schon der spanische Jesuitenmissionar und Augenzeuge Bartolomé de Las Casas bezeichnete, Kiernan zufolge, den Massenmord der Spanier in Guatemala als „Holocaust“.

In Nordamerika war die ursprüngliche Bevölkerung zahlenmäßig deutlich kleiner als in Süd- und Mittelamerika. Hier dünnten seit den frühen Kontakten im 16. Jahrhundert zusätzlich Krankheiten aus der Alten Welt die indianischen Völker massiv und flächendeckend aus und schufen so überhaupt erst den Siedlungsraum für europäische Einwanderer. Auch gegen überlebende Indianer, die den weiteren Siedlungs- und Expansionsbestrebungen der Europäer im Wege standen, gingen Briten, Spanier, Franzosen und Niederländer teils schon seit dem 16. Jahrhundert mit Waffengewalt vor.

Das mit Abstand gewalttätigste Verhältnis entwickelte sich zwischen Briten und Indianern. Die englischen Siedler kamen nicht nur in weitaus größerer Zahl als andere Europäer; sie hatten es auch statt Handel oder Ausbeutung zuallererst auf Aneignung und Besiedlung des Landes abgesehen. Dies sollte sich unter US-Herrschaft später nicht grundsätzlich ändern – nur verschärfen. Auch andere Ablaufmuster der Konflikte schliffen sich bereits in den ersten Jahrzehnten ein. Teilweise wurden indianische Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, nur um die Taten einzelner Indianer zu bestrafen. Die Bestrafung indianischer „Verbrechen“ diente aber meist nur als Vorwand für Landnahmen.

Dabei trugen die Siedlermilizen den Krieg oft gezielt in indianische Dörfer, erläutert der Historiker Francis Jennings. Es sei effektiver gewesen, den Kampfwillen der Einheimischen mit Terror gegen die Zivilbevölkerung zu zerstören, als sich mit indianischen Kämpfern in den Wäldern zu bekriegen. Die Kolonisten und ihre Nachkommen massakrierten wehrlose Indianer oft mit einer Gründlichkeit, die auch ihre indianischen Verbündeten erschreckte, schreibt der französische Historiker Philippe Buc.

Ben Kiernan identifiziert die faktische Auslöschung der Pequot-Indianer in Connecticut mit Massakern und Kopfgeldjagden als Völkermord durch Briten und verbündete Indianer. Auch die Powhatan-Stämme in Virginia wurden binnen weniger Jahrzehnte durch systematische Massaker, zu denen die Virginia-Kompanie aufgerufen hatte, komplett vernichtet. Weitere Völkermorde gab es Kiernan zufolge an den Wampanoag und Narragansett in Neuengland. Auch die Niederländer richteten in den 1630er und 1640er Jahren mehrere genozidale Massaker unter Indianern an.

Die Spanier betrieben im heutigen Südwesten der USA ein Zwangsarbeitssystem in christlichen Missionen, das unzählige indianische Todesopfer forderte. Unter mexikanischer Herrschaft lief das Ausbeutungssystem privat weiter, ebenso verübten die Mexikaner mehrere genozidale Massaker unter Indianervölkern des Südwestens.

In Kanada gab es weitaus weniger gewalttätige Zusammenstöße mit Indianern als in den USA, da die Zahl der Siedler dort geringer war und diese viel eher an Handel als an Kolonisierung interessiert waren. In Kanada existierte mit den Residential Schools aber ein ebenso tödliches Umerziehungsprogramm wie in den USA. 3400 indianische Kinder sind in den kanadischen Zwangsinternaten gestorben. Dort wird dieses Verbrechen seit einigen Jahren offen aufgearbeitet.


Quellen:

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