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Vorwärts in die Unmenschlichkeit

Vorwärts in die Unmenschlichkeit

Progressive möchten die Menschen nach ihrem Ideal umerziehen, während Konservative die menschliche Natur so akzeptieren, wie sie ist.

Hubert Aiwanger fand ich immer ein bisschen befremdlich. Der Niederbayer spricht ein derbes Bayerisch, das selbst für mich, einen gebürtigen Oberbayern, fremd bis exotisch klingt. Er wirkt ein bisschen wie ein Bayer aus einer anderen Zeit. Ja, aus einer ganz anderen, handfesteren Zeit sogar. Der Vorsitzende der Freien Wähler vertrat nämlich noch vor zwei Jahren die Ansicht, dass jeder anständige Bürger ein Messer in der Hosentasche haben müsse. Ob das noch zeitgemäß ist: Nun ja, sagen wir mal, darüber ließe sich sicherlich streiten.

Aiwanger gab jedoch unlängst der Neuen Zürcher Zeitung ein Interview. Schon bezeichnend, dass er das, was er zu sagen hatte, offenbar lieber einer Tageszeitung aus dem Ausland diktierte. Jedenfalls klang der Mann so vernünftig wie nie zuvor. Impfen sei eine persönliche Entscheidung, stellte er fest. Die „Schwarz-Weiß-Denke“ ärgere ihn, und „nach fünfzig Jahren Erziehung zu Toleranz (müsse er) sich schon wundern, wie schnell die öffentliche Meinung auf Leute losgeht, die nicht dasselbe sagen wie einige Fernseh-Virologen“.

Mensch, ausgerechnet dieser konservative Kerl klingt plötzlich so vernünftig, dachte ich mir da. Wie kommt denn das?

Ich beginne zu glauben, dass die Konservativen recht haben

Ähnlich erging es mir schon zum Anfang dieser Krisenzeit. Seinerzeit sprach Wolfgang Schäuble von Maßhaltung und darüber, dass die Menschenwürde nicht zwangsläufig als Lebensschutz auf jede erdenkliche Weise zu interpretieren sei. Vor einem Jahr konnte man solche Einschätzungen noch etwas leichter als heute präsentieren — ganz leicht war es aber auch schon damals nicht. Daher imponierte mir der alte Schwarzkofferbeauftragte ein bisschen. Sonst habe ich mit dem Mann wenig gemein. Als Finanzminister war er fröhlich beteiligt an der griechischen Tragödie — er und seine Kanzlerin haben massiv zur europäischen Spaltung beigetragen.

Oder nehmen wir nur die FDP. Das sind ja angeblich Liberale. In den letzten zwei Dekaden haben sie sich aber als verkappte Pseudokonservative zu erkennen gegeben. Als Besitzstandswahrer, die keine Umverteilung zur Schaffung fairerer Verhältnisse forderten, sondern für den Status Quo eintraten, wo immer es ging. Diese Marktkonservativen fordern ständig Gelassenheit, weniger Eskalation und Angemessenheit.

Die AfD übrigens auch. Sie ist ja eine Rippe aus dem Fleisch der CDU; konservative Herrschaften traten aus der Merkel-Union aus und schlossen sich diesem konservativen Projekt an. Viele erklärten das damit, dass sie den Konservatismus innerhalb der Christdemokratie nicht mehr erkennen konnten. Da ist vermutlich sogar was dran, die Union ist weniger konservativ als marktliberal — beides geht aber eigentlich nicht zusammen, schließt sich aus. Selbst aus dieser AfD vernimmt man Stimmen, die den Kurs dieser radikalisierten Coronapolitik laut kritisieren.

Nun muss ich kein Konservativer werden, um das alles dankend zur Kenntnis zu nehmen. Es ist jedoch wichtig, dass es noch letzte Bastionen der Kritik gibt. Es sind ja wenig genug geworden.

Aber ich beginne wirklich zu glauben, dass die Konservativen recht haben können. Nicht nur bei Fragen zur Pandemie. Auch nicht bei allen Themen, die ihnen sonst so wichtig erscheinen. Aber sehr wohl, was das Menschenbild betrifft. Denn für mich stellt es sich so dar, als ob sie ein realistischeres Bild davon hätten, was Menschsein eigentlich ist.

Menschen, wie sie sind — und Menschen, wie sie sein sollten

Schon klar, das klingt hochtrabend, ein bisschen so, als seien Aiwanger und Schäuble plötzlich zu Philosophen mutiert. So will ich es nicht verstanden wissen. Aber das Dilemma der letzten Jahrzehnte, ja vielleicht sogar des gesamten letzten Jahrhunderts, war doch damit verbunden, dass das progressive Lager — oder das, was sich dafür hielt — den Menschen nicht gerne so annahm, wie er war, sondern ihn lieber formen, für die neue Welt fitmachen wollte. Der alte Menschentypus habe quasi abgewirtschaftet, müsse nun ein moralisches, denkerisches Update erfahren.

Ob nun im real existierenden Sozialismus oder bei den Erwachsenen, die den Jungs und Mädels bei Fridays For Future Anweisungen erteilen:

Dieser pädagogische Auftrag steckt im progressiven Wesen. Es möchte ja fortschreiten, die Welt verbessern. Mit dem Menschen, wie er ist, dieser niederträchtigen, irrationalen Spezies, wird das schwierig. Also setzen sie darauf, das Umdenken anzuschieben, zu belehren, die Menschen zu beschulen.

Und das nicht etwa nur in Schulen, sondern überall. Die Agitation wird zur Obsession, der Oberlehrer, wie wir ihn kennen und wie er von einer breiten Masse der Bürgerinnen und Bürger verabscheut wird, rekrutiert sich aus diesem progressiven Anspruch an die Zukunft.

Beispielhaft das Gespräch zwischen Hans-Magnus Enzensberger, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler aus dem Oktober 1967. Enzensberger selbst hat Jahre danach davon berichtet. Umerziehung tue Not, haben alle vier damals beraten. Wo „Umerziehung unmöglich ist, etwa bei älteren Menschen (…), da sollte man den Betreffenden die Möglichkeit geben, auszuwandern“, meinte Rabehl. Die Umerziehung war stets das Stichwort progressiver Utopisten. Das mag auch der eigentliche Grund sein, weshalb Konservative mit ihnen fremdeln.

Denn der Konservatismus an sich vermeidet es ja, erst den Menschen nach seinen Bedürfnissen formen zu wollen, um daraus ein Staats- oder Gesellschaftsmodell zu basteln. Sein Menschenbild ist klar: Der Mensch ist, wie er ist — Punkt. Er braucht daher Kontrolle, die Leine darf lang, aber nicht zu lang sein. Den Menschen umzuerziehen, hält er für aussichtslos. Man muss das System um diese unbelehrbare Spezies gestalten. Das Menschsein ist eben nicht reformierbar. Man muss es hinnehmen. Träume vom neuen Menschen gibt seine Imaginationskraft nicht her.

Das Versagen des progressiven Lagers

Man muss zugeben, dass das konservative Lager unter einem ähnlichen Verfall leidet wie sein progressiver Kontrahent. Wer sich heute als konservativ outet, der ist meist nicht mehr als ein Liberaler — neoliberalen Ideen nachzuhängen reicht mittlerweile schon, um konservativ genannt zu werden. Als es kurzzeitig so aussah, als würde Friedrich Merz zur neuen Leitfigur der Union aufsteigen, da sprachen die Ersten davon, dass mal endlich wieder ein Konservativer am Ruder sei. Der Mann ist allerdings gar keiner, er will nichts bewahren, er wollte stets den Staat neu ausrichten, neoliberalisieren und nach libertären Gesichtspunkten modifizieren.

Dennoch gibt es in diesem kriselnden Konservatismus immer noch Stimmen, die erahnen lassen, dass es noch Konservative gibt, die sich dieses Label auch verdienen. Aiwanger ist derzeit das prominenteste Mitglied dieser illustren Runde. Man spürt, dass bei ihm dieses Denken vom Menschen, wie er ist und nicht, wie er sein soll, präsent ist.

Man kann das menschliche Zusammensein eben nicht durchregulieren und so tun, als lasse sich der Mensch zu einem Seuchenschutzbeauftragten erziehen.

Natürlich schlägt das Menschliche immer wieder durch, sucht Kontakte, vergisst den Abstand, will ein Gesicht und keine Maske sehen. Und man möchte als Mensch das Gefühl haben, dass der eigene Körper einem selbst gehört. Wer diese Facetten des Menschseins ausblendet, sie gar kriminalisiert, hat nichts über den Menschen an sich verstanden. Der frönt seiner Umerziehungsrhetorik und hat den Bezug zu den Realitäten aufgegeben.

Eigentlich ist es letztlich nicht so überraschend, dass jene, die sich gerne als Progressive ausgeben, in dieser Krise jetzt über das Menschliche hinaus versagen. Das ist kein Zufall — das musste so kommen. Denn wie dargelegt, steckt in ihrem Programm und ihrer Rhetorik immer auch der Anflug einer Pädagogik mit, die einen neuen Typus Mensch herbeiargumentieren will.

In einer Situation wie dieser musste eine solche Obsession gewissermaßen zum Fetisch werden. Denn endlich bietet sich die Gelegenheit zur großen Transformation, wenn die Menschen nur mitmachen wollen. Daher muss man Pandemie und Klimakrise zusammenlegen, denn nur so gelingt der große Wurf, der Mensch der Zukunft. Das progressive Lager hat zuletzt realpolitisch versagt, wenige Figuren leuchten noch heraus, meist sind sie aber selbst isoliert in ihren Parteien. Doch man muss es so sehen:

Das progressive Versagen in so einer fulminanten Krise wie dieser war bereits angelegt, und es konnte vielleicht gar nicht anders kommen. Denn von Menschen, wie sie sind, haben Progressive schon lange überhaupt keine Ahnung mehr.

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