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Von Türmen, Gift und Gas

Von Türmen, Gift und Gas

Warum wir selbst den dümmsten Politiker-Geschichten Glauben schenken möchten.

Meine Freunde, liebe Kinder, sind dumm. Wirklich, ich hab ganz schrecklich dumme Freunde. Sie glauben zwar längst nicht mehr an die unbefleckte Empfängnis Marias, aber an eine Geschichte, die viel irrsinniger ist. So dachte ich lange. Dann habe ich begonnen, das Ganze in einem neuen Licht zu sehen.

Liebe Kinder, ihr kennt vielleicht ein paar Wunder aus der Antike, nicht wahr. Weltwunder nannte man die und mit dabei waren Pyramiden, die man aus heutiger Sicht mit der damaligen Technik gar nicht hätte bauen können. Ich habe mir dann überlegt, ob es solche Wunder heute noch gäbe in einem Zeitalter, das aufgeräumt hat mit der Romantik. Und tatsächlich ist mir nichts eingefallen und ich wollte schon überhaupt aufgeben mit der Wundersuche, da ist mir diese Messerstechergeschichte eingefallen und das eingefallene Hochhaus, das, von nichts tangiert, in sich zusammenkracht.

Nun, neunzehn Messerstecher, die führende Weltmacht angreifend, ganz so allein, Messerstecher, die einfach so ins Land einreisen, obgleich längst beobachtet, und die dann mit Messern Flugzeuge kapern und mit diesen, obgleich sie nicht fliegen können, in die Türme preschen, ganz präzise, bei hohem Tempo, und der Turm, der, von keinem Flugzeug getroffen, in sich versinkt – das alles sind ganz bestimmt ordentliche Wunder. Doch die meine ich gar nicht. Das eigentliche Wunder ist vielmehr dies: Alle glauben das. Auch meine Freunde. Und alle kritischen Geister und Denker.

Nun ja, man hätte den dritten Turm, der von nichts getroffen in sich versinkt, ja stehen lassen können. Beispielsweise. Um die Story glaubhafter zu halten. Nein, er wurde nicht stehen gelassen. Und das nenn‘ ich radikal und groß. Im Grunde Kunst. Wäre er stehen geblieben, er hätte das Wunder klein gemacht. Genial dagegen, wie dieser Turm, wo ein Absinken im Interesse von Versicherungen und Investoren gerade so liegt, mit hinab sinkt. Genial diese Synergien. Der Mut zum Durchgriff. Das nämlich zeichnet Wunderwerke aus: Das Durchziehen einer Sache.

Das wahrlich Einmalige indes ging mir erst auf, als ich erkannte: Der von nichts getroffene Turm hätte 500 Meter weiter noch entfernt stehen können und meine Freunde und alle kritischen Geister und Denker wären genau um diese 500 Meter mehr noch von der Geschichte überzeugt gewesen. Um genau diese 500 Meter stolzer noch hätten sie verkündet, sie seien keine Verschwörungstheoretiker, und zwar ganz sachlich hätten sie das verkündet, mit leicht gerümpfter Nase. Und die Rümpfung der Nase und der Glanz in den Augen hätte mit jeden hundert Metern, die der nicht getroffene und in sich versunkene Turm von den tatsächlich getroffenen Türmen entfernter gestanden hätte, weiter noch zugenommen. Und so wäre der Stolz verkünden zu können, an diese Geschichte zu glauben und keinerlei Irrlehren anzuhängen, am größten gewesen, dieser nicht getroffene, aber weggesunkene Turm hätte auf Hawaii gestanden und er wäre dort zeitgleich synchron eingestürzt, und so ist es auch, nüchtern besehen, denn die Geschichte – und das ist ja das Wunderbare an ihr – erzählt ja von nichts anderem als von einem dritten Turm, der, von nix berührt, auf Hawaii in sich versinkt.

Liebe Kinder, ihr habt es längst bemerkt, das Weltwunder, das neue und letzte, besteht nicht aus einer unmöglichen und deshalb wunderhaften Anordnung von Mauern wie bei den Pyramiden, es besteht aus einer wunderbaren Zurechtschlagung des Bewusstseins. Es hätten die neunzehn Messerstecher nämlich ganz New York zum Absinken bringen können und Grönland im Synchronverfahren dazu und es hätte keinen Unterschied gemacht, denn die Pointe, liebe Kinder, liegt ja nicht in der Erzählung. Sie liegt darin, dass die Flugzeuge ins Denken gerast sind. In unser aller logisches Denken. Und mit dem Einschlag trat alles außer Kraft. So, liebe Kinder, geht Glaube.

Allerdings wäre es nicht ganz richtig, das Wunder zu direkt in den Glauben als solchen hinein zu verlegen. Denn ob geglaubt wird oder nicht – und das ist das Merkmal des mächtigen Glaubens – spielt keine Rolle. Ja, merkt euch, Kinder: Nur wer aus einer völlig abgesetzten Haltung heraus erzählt, holt seine Jünger ab. Es sei vollkommen egal, ob sie es glaubten. Das müssen sie zu spüren bekommen, die Jünger. Das Wunder der Geschichte aber mit dem nicht getroffenen und in sich versunkenen Turm besteht ja exakt darin, dass es keine Rolle spielt, ob die Geschichte geglaubt wird oder nicht. Die Geschichte als Inhalt wird mit dem Inhalt der Geschichte nämlich gelöscht. Und deshalb ist die Geschichte von Anfang an unmöglich und um Glaubwürdigkeit ist sie nicht nur nicht bemüht, sie lehnt sie ab. Ich aber sage euch: Der zur Schau gestellte Verzicht auf Logik erst erhebt die Geschichte zum wahren Weltwunder. Er entfacht den heiligen Glanz auf der Stirn der Jünger und ihren Eifer, allen Irrlehren abzuschwören. Ja, die totale Unmöglichkeit allein bietet Gewähr. Gewähr für Alles.

Indes, liebe Kinder, das Bedürfnis nach Glauben kommt nicht aus dem Nichts. Es kommt aus dem Schock. Und es hält an, wenn der Schock nicht in Logik abflacht. Zwischen Jagdparolen und Racheschwüren aber keimt keine Logik auf, zumal die Flugzeuge gefühlt nicht ins logische Denken, sondern vielmehr in uns selbst geprescht sind. In unsere Parkettböden, Kücheneinrichtungen und Altersvorsorgen. Ins Traumhaus der freien Welt und ihrer Märchen. Das ist es, was den Glauben stark macht und die Zurückweisung der Irrlehren so beständig.

Doch liebe Kinder glaubt mir, damit ist die Pointe noch immer nicht gefasst: Die, die das Ganze erzählen, von diesen Flugzeugen, den neunzehn Messerstechern und dem Turm, der von nix getroffen in sich versinkt, diese Erzähler sind keine unbekannten Erzähler. Oh nein, man kennt sie. Sie haben sich durchaus mit Erfolg durchs 20. Jahrhundert erzählt. Mit Schüssen, die aus allen anderen, niemals aber aus der von ihnen angegebenen Richtung einen Rücken durchfahren haben können, mit Tätern, die alles andere, niemals aber, wie von ihnen erzählt, psychopathische oder sonstwie spinnerhafte Einzeltäter waren, mit Badewannenselbstmorden, bei denen der anrückenden Staatsanwaltschaft das Drehbuch direkt in die Hand gereicht wurde, und mit der Erfindung von Massenvernichtungswaffen, die es nie gab. Die vollkommene Unglaubwürdigkeit des Inhalts verschränkt sich, so lässt sich folgern, mit derjenigen der Erzähler. Es sind nicht die denkbar glaubwürdigsten Erzähler, die das Unmögliche erzählen. Es sind bekanntermaßen die denkbar unmöglichsten.

Und aus dieser logisch besehen denkbar ungünstigen Verschränkung heraus, die in sich stimmiger nicht sein könnte, bringen sie meine Freunde und die kritischen Geister und Denker dazu, das Ganze nicht einfach so und beiläufig zu glauben, sondern identifikatorisch und sich damit zu brüsten, das zu glauben. Und sie brüsten sich nicht nur so ins Unbestimmte hinein, nein, sie brüsten sich, auf das vollkommen Unsinnigste verweisend, das man überhaupt glauben kann und wogegen die unbefleckte Empfängnis ein wissenschaftlicher Bericht ist, brüsten sich, Rationalisten zu sein und auf Irrlehren, die besagen, ein Turm falle nicht einfach so in sich zusammen, nicht hereinzufallen. Und wenn ihr aus dem Stolz ihrer Verkündigung heraus erkennt, liebe Kinder, dass dieser Glaube ans Rationale mit jedem Meter, welcher der von nichts getroffene und in sich hinabgesunkene Turm weiter von den getroffenen Türmen entfernt gestanden hätte, noch auswachsen würde und dass sie euch – was sie aber aus Anstand nicht tun – am liebsten ins Gesicht schreien würden, sie würden diese Geschichte am allermeisten glauben, wäre dieser Turm auf Hawaii gestanden und die Erzähler – was indes logisch nicht möglich – noch größere Lügner als sie es ohnehin sind, dann sagt ihr bloß: Good job, fellows!

Also Kinder, da schreibt ihr einen Aufsatz in der Schule. Ein ereignisreicher Tag. Gebt euch Mühe. Seid erfinderisch und fantasievoll. Erfindet einen Turm, zum Beispiel, der von nix getroffen in sich versinkt. Und am Schluss schreibt der Lehrer: Unglaubwürdig. Wäre echt toll, ihr müsstet auf solche Kriterien keine Rücksicht nehmen und könntet einfach aus dem Vollen schöpfen. Alles soll möglich sein. Und je unsinniger der Inhalt, desto größer der Beifall. Für die Bestnote allerdings müsstet ihr euch als schulweit größte Lügner bereits mehrmals hervorgetan haben, bevor ihr den Unsinn zusammenschreibt. Nur so wäre die Wertung sicher.

Glaube aber ist bedingungslos. Er wird größer, je mehr dagegen, und er wird absolut, wenn nichts für ihn spricht. Nein, sie sind nicht dumm, all meine Freunde, sie sind gläubig. Teil einer Gemeinschaft. Und sie wissen, nur der bedingungslose Glaube verhindert, dass sie abfallen. Und deshalb steht der Turm, der untangiert zusammenstürzt, weitab und überall. Immer kann er einstürzen. Und wer zweifelt, findet sich im Gebäude drin, wenn es wieder kracht. Ob von einem Flugzeug getroffen oder nicht.

Was ich nun zuletzt noch berichte, liebe Kinder, das lasst euch aber bitte erst am andern Morgen vorlesen. Sonst ist das Wunder ganz dahin und alle süßen Träume. Ich habe euch ja erzählt von jener Lüge der Massenvernichtungswaffen. Geht man dem allerdings bisschen nach, bleibt nicht viel. Da haben nämlich die, die von diesen Waffen berichtet haben, nachträglich selbst gesagt, die Geschichte sei nicht wahr. Nun, bloß weil sie keine Beweise hatten für diese Waffen, bloß deshalb hätten sie das nicht sagen brauchen. Mit Beweisen arbeiten sie auch sonst nicht. Weshalb zum Teufel also sagen sie nachträglich, dass ihre Story falsch sei? Doch an Glaubwürdigkeit interessiert? Glaube ade? Nein, Kinder. Die Antwort ist leider gar plump und ganz am Anfang meiner Gute-Nacht-Geschichte, ihr erinnert euch, habe ich sie behutsam angedeutet: Sie sind stark. Haben Geld und Waffen. Und das erlaubt es, etwas zu sagen oder nichts zu sagen. Mal das zu sagen, mal jenes. Es macht dies alles keinen Unterschied. Um Wunder geht es nicht, nein. Das Metaphysische verbleibt den Lämmern, die sich mit dem Irrsinn brüsten.

Aber täuscht euch nicht, Kinder. Ich sag das ganz leise. Es glaubt das niemand in echt. Auch meine Freunde nicht. Wenn sie sich von Irrlehren lossagen, so spüren sie das Rohr. Mit diesem im Nacken aber bleibt nur Glaube. Denn niemand sagt: Der Job. Der Ausschluss. Die Einsamkeit. Ja, Kinder, zur Ketzerei muss man geboren sein. Oder verdammt. Und das Wunder gibt es nicht. Egal, wie viele Türme von nichts getroffen in sich versinken. Das ist die traurige Botschaft, die ich euch vor dem Schlafen ersparen wollte.

Indes – und das nehmt bitte als Geflüster – wenn wieder mal Aufsatzstunde ist, Kinder, und ihr dringt nicht durch mit einstürzenden Türmen, so verwendet Gift und Gas und weiße Helme.


Redaktionelle Anmerkung: Von Teer Sandmann erschien im März 2018 „Golo spaziert. Das Land der sicheren Freihheit“ — ein politisch-poetisches Buch über Deutschlands letzten Spaziergänger, das Ende der Freiheit, einen strafendenen Gott, beobachtet vom Verfassungschutz, und etwas Twin Peaks.

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