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Vom Wert der Armut

Vom Wert der Armut

Einer kommt aus der algerischen Wüste nach Paris, wird später Bauer und erzählt in aller Bescheidenheit von der Geburtsstunde der Ökologie.

Die Armut – ein Wert des Wohlbefindens
von Pierre Rabhi

Ich bin arm geboren, in einer Gemeinschaft, die einfach war und die in einer kleinen Oase lebte, verloren inmitten einer großen Wüste. Mir schien, als ob sich seit den Anfängen nichts bewegt hätte, also seit Abraham. Dann haben sich die Dinge geändert, als sich herausstellte, dass unsere Gemeinde sich auf französischem Kolonialterritorium befand und man unter dem Boden Steinkohle entdeckte. Die Moderne erreicht uns, und in dem Moment werden all unsere traditionellen Strukturen gestört. Wir werden dazu gebracht einem Modell zu folgen, das nicht unseres war. Unseres beruhte auf Dankbarkeit im selben Maße wie Sparsamkeit, die uns genügsam machte, und die Genügsamkeit war vollkommen in unser Leben integriert. Die Moderne hat völlig verändert, worauf unsere Gesellschaft beruhte: auf dem Wissen der Begrenztheit (und auf begrenztem Wissen) sowie auf dem vollständigen Vertrauen in das Wohlwollen Gottes.

Nachdem meine Mutter gestorben war, hat mein Vater meine Erziehung Europäern anvertraut, und so habe ich die westlichen Werte in der Schule gelernt. Schon damals beruhten diese Werte auf der Idee, dass man immer überlegener werden könnte, dass man sich auf ein Leben vorzubereiten hätte, in dem man viel Geld verdienen und sich in eine gute Stellung bringen solle. Man fing an, uns in die Köpfe zu setzen, dass das Leben nicht nur dazu da war, gelebt zu werden, sondern, um zu gewinnen. Um es kurz zu sagen, ich habe mich infolge des Algerienkrieges immer als Träger dieser doppelten Kultur wiedergefunden, der traditionellen und der modernen.

Auf der einen Seite gab es eine Zeit, die sich seit tausenden von Jahren nicht bewegt hatte, auf der anderen gab es Zahnbürsten und Hygiene.

Ich war mehr und mehr in diese Moderne hineingeraten, bis zu einem dreijährigen Aufenthalt in Paris, wo ich als Facharbeiter gearbeitet habe. Ich habe damals viel über die menschliche Bestimmung nachgedacht. Ich habe mich mit der Gesellschaft der Produktivität konfrontiert gefunden, einer Welt, in der der essentielle Wert darin bestand, etwas zu produzieren nur mit dem Ziel, Geld zu verdienen, und ich habe versucht, den Grund für diese Art der Obsession herauszufinden. Mir ist klargeworden, dass sie auf sehr präzisen Theorien oder einem Dogma beruht, dem des Wachstums. Allerdings nicht auf einem Wachstum, das es erlauben würde, die Ressourcen unter den Menschen aufzuteilen, unter allen Menschen der Welt, sondern es ging um ein Wachstum ohne Grenzen, das durch eine andere Theorie angeschoben wird, nämlich der des grenzenlosen Profits. Wenn Sie grenzenlosen Profit mit grenzenlosem Wachstum verbinden stimuliert der Profit das Wachstum, und das Wachstum wird zur allgemeinen Grundregel.

All das wurde unterstützt durch das Konzept der Entwicklung. Ausgehend davon ist mir klar geworden, dass ich mich im völligen Gegensatz zu den Werten befand, die ich auf der anderen Seite des Mittelmeers zurückgelassen hatte, jener Werte, die mich besonders bei den Nomaden fasziniert hatten.

Wissen Sie, wenn Sie Nomade sind, können Sie nicht sechsunddreißig Fernseher oder vierzig Kühlschränke mit sich führen.

Wenn Sie Nomade sind, haben Sie große Räume zu durchqueren, und Sie können nicht mehr als das strikt Notwendige mitnehmen. Sie können nichts Überflüssiges transportieren. Ich bin immer von diesen Nomaden fasziniert gewesen, die den Raum zu besitzen und alles zu überschreiten scheinen. Sie waren von einer Art Freiheit umhüllt, die sich einer extrem vereinfachten Lebensweise verdankte und die nicht zum Produktivismus passte. Um ein bisschen den Zusammenhang wiederzufinden, haben meine Frau, eine Pariserin, und ich beschlossen, in die Cevennen zu gehen, wo wir seit dreißig Jahren leben und Landwirtschaft und Viehzucht betreiben, wobei die Landwirtschaft und die Viehzucht nur der Vorwand waren, das heißt:

Wir haben eigentlich keinen Beruf, sondern den Sinn des Lebens gesucht.

Als ich den städtischen und industriellen Produktivismus verlassen habe, dachte ich, ich könnte mich in die Cevennen flüchten, um dieser Obsession der Produktion zu entrinnen, aber dann habe ich die Bekanntschaft mit der ländlichen Welt gemacht, und als landwirtschaftlicher Arbeiter habe ich genau dieselbe Obsession wieder gesehen, die Obsession der Hektar, der Doppelzentner pro Hektar, die unaufhörlich mehr werden müssen, der Investitionen, des mechanischen Materials ... Ich hatte das Gefühl, dass ich auch hier in eine Falle geraten war. Glücklicherweise haben wir eine Ausgangstür mit einem neuen Blick auf die Natur gefunden. Die Vorstellung von der Natur war für mich nichts sehr Objektives, bis zu dem Tag, an dem mir – unter Menschen, die nah an der Natur arbeiteten - bewusst wurde, dass diese Menschen eine gewisse Menge an Übergriffen an dieser Natur vornahmen, dass sie sie mit gefährlichen Substanzen misshandelten, mit Dünger, Pestiziden, immer brutalerer Mechanisierung, und dies, nur um Kapital zu produzieren, nicht um Menschen zu ernähren. Da habe ich diesen Praktiken und diesem Prinzip den Rücken gekehrt, um andere auszuprobieren.

Schließlich haben wir das gefunden, was man einen kleinen bäuerlichen Betrieb nennt. Dieser Betrieb erfüllte sehr wenige von den Kriterien, die ein Landwirt suchte, um Landwirtschaft zu betreiben. Er hatte weder Wasser noch Strom, noch Telefon, noch Zufahrtswege, aber er lag an einem Ort, der uns verzauberte. Die Kriterien der Schönheit waren wesentlich für uns. Die Werte, die mit einer Qualität des Seins verbunden sind, waren vorhanden. Diese Werte, die in keiner ökonomischen Bilanz auftauchen. Wie wollen Sie auch die Eigenschaften der Luft, der Landschaft oder der Stille beziffern.

Das wird nicht in Supermärkten verkauft, und die Milliardäre haben sehr oft tragisch wenig davon. Sehr oft gibt es eine Antinomie zwischen dem Wert des Seins und dem Wert des Habens. Unser soziales System nimmt uns derart mit dem Haben in Beschlag, dass sich das Sein verarmt wiederfindet, sofern man nicht das Glück hat, einen schöpferischen Beruf auszuüben, der den Geist beflügelt.

Unsere Gesellschaften stimulieren uns zum Haben und nicht dazu, über das Haben hinauszudenken. Diese endlose Beschäftigung mit dem Materiellen richtet uns in einer andauernden Frustration ein, im Unbefriedigtsein. Weil alles, was wir erwerben, sich schnell banalisiert. Alles, was wir gewollt und angeschafft haben, weil es Glück verschaffen sollte, ist flüchtig, und die Befriedigung zerstreut sich. Sie kaufen das letzte Modell eines Autos, aber schon übermorgen schaut es keiner mehr an; Sie brauchen wieder was anderes, und die Werbung drängt sie in diese Richtung.

Als wir uns niederließen, haben wir versucht, die Erde mit Achtsamkeit zu behandeln, indem wir eine respektvolle Landwirtschaft betrieben haben, und wir haben es geschafft zu beweisen, dass man die Produktionen steigern kann, indem man die Erde respektiert. Das ist vielleicht eines der Fundamente einer solchen Armut als Wert des Wohlbefindens. Durch diese Bescheidenheit, diese Entscheidung zur Genügsamkeit und zum Gleichgewicht kommt man dahin, Glück zu finden. Anlässlich einer agrobiologischen Schulung, die man mir in der Ardèche anvertraut hat – weil ich inzwischen Kompetenz in diesem Fach habe – habe ich von Agrobiologie als Faktor der Autonomie gesprochen und von „Armut als Wert des Wohlbefindens“. Später habe ich mich bemüht, diesen Untertitel wegzulassen, weil Armut mit Elend verwechselt werden könnte. In einer Welt, wo alle in Richtung Haben und „Immer mehr“ unterwegs sind, ist es zweideutig, das „Weniger“ vorzuschlagen. Ich meine keinen Rückschritt, sondern will behaupten, dass das menschliche Wesen nicht vergessen darf, dass es sich selbst entwickeln muss, dass es sich zu ändern hat, dass es seine Verwandlungen wahrnehmen muss. Es geht nicht einfach darum, ein Subjekt materieller und äußerlicher Handlungen zu sein. Man muss ebenso ein Subjekt seines Werdens sein. Es ist unsere persönliche und direkte Verantwortung, dass unser Sein sich entwickelt, sich verwandelt und hin zu einer Erfüllung geht, anstatt zur Zerrüttung und Verfall, wo wir beispielsweise die Alten in den modernen Gesellschaften landen sehen. Denn jedes Mal, wenn ein Wesen sich erfüllt, hilft es der Gesellschaft, sich zu erfüllen: wir sind die Gesellschaft, und die Gesellschaft besteht aus jedem Einzelnen von uns.

Ein anderer Punkt: das Problem des Verhältnisses von Nord und Süd des Planten. Da sind wir ebenfalls im Herzen dessen, was man Armut nennen könnte. Als jemand, der aus der sogenannten Dritten Welt stammt, wüsste ich genau, worüber wir sprächen. Die Weltbevölkerung zählt im Norden ein Fünftel, das vier Fünftel der globalen Ressourcen konsumiert. Das heißt, es gibt eine fantastische Ungleichheit zwischen den Leuten, die im technologischen Fortschritt leben und sich weiter in Richtung „Immer Mehr“ entwickeln, und denen, die in einer immer größeren Armut sind. Ich bin dahin gelangt zu begreifen, dass diese Nord-Süd-Problematik essentiell auf Raub beruht, auf programmiertem, fortgesetztem, gefährlichem Raub ohne Ende.

In dem Maß, wie die eine Seite das Wirtschaftswachstum steigert, verarmt man auf der anderen Seite die südlichen Gemeinschaften gleichermaßen wie die Natur.

Man ist Parasit und Plünderer. Man behauptet, dass der berühmte Fortschritt, der dazu gedacht war, die Menschheit durch Erweiterung der Kenntnis voranzubringen, sich mittlerweile in die Werte des Habens übersetzt hat, die eine immer minoritärer werdende Minorität an sich gerissen hat. Wir bewegen uns im Moment in der generellen Geopolitik, auf einen Club der Hyper-Vermögenden zu, die – so die Ökonomen – etwa 10 % der Weltbevölkerung ausmachen und 70 bis 80 % der globalen Ressourcen besitzen. Wie könnte man anders gegen diese Entwicklung vorgehen als durch die ethische Verpflichtung eines jeden von uns, seine Grenzen an seinen Bedarf zu binden, um zu einer gerechten Verteilung der vitalen Ressourcen unter den menschlichen Wesen beizutragen?


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Pierre Rabhi wurde 1938 in Kenadsa, Algerien, geboren, ist 1954 nach Paris gekommen und 1960 in die Ardèche gezogen. In den achtziger Jahren hat er begonnen, seine in den Cevennen gewonnenen agro-ökologischen Kenntnisse und Erfahrungen mit Lebensmittelautonomie in Frankreich und etlichen afrikanischen Ländern weiterzugeben; seit den neunziger Jahren hat er verschiedene Initiativen gegründet oder angeregt, die den Grundgedanken des respektvollen Umgangs mit Mensch und Natur verfolgen und landwirtschaftlich, gärtnerisch, pädagogisch, bautechnisch praktisch umsetzen. Bislang sind von ihm etwa zwanzig Bücher erschienen, in Zusammenarbeit mit ihm oder über ihn wurden zehn Filme gedreht; für mehr Informationen: https://www.pierrerabhi.org/ , auf Deutsch ist von ihm „Glückliche Genügsamkeit“ erhältlich.

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