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Viva la rebelión!

Viva la rebelión!

Was ist von der „Fridays for Future“-Bewegung zu halten? Wir haben bei einem Aktivisten nachgefragt.

Nicolas Riedl: Felix, du bist als Jugend-Redakteur nun absolut kein Schreibtischrambo: Du schreibst nicht nur viel, sondern stürzt dich auch mit einem Hechtsprung und konkreten Taten ins Getümmel, wenn es um Ökologie, Nachhaltigkeit und Umweltschutz geht. Ich spreche jetzt mit dir auch nicht als Rubikon-Kollege, sondern als Fridays-for-Future- und Klimagerechtigkeitsaktivist. Es scheint, als wäre die Bewegung, was ihr Ökologie-Bewusstsein anbelangt, sehr heterogen. Ich möchte daher mit einer sehr provokanten Frage einsteigen: Meinen die ganzen Schüler das mit dem Umweltschutz ernst oder sehen sie in dieser Bewegung nur ein vorgezogenes Wochenende?

Dieser Kritik begegnen wir immer wieder. Damit beweisen die Kritiker aber nur, dass sie selbst noch nie an irgendeiner Form von Protest teilgenommen haben. Wenn die Menschen wüssten, wie viel Freizeit wir investieren, um Demos zu organisieren, die Schüler und Studenten zu mobilisieren, Redebeiträge zu schreiben und so weiter, dann würden sie so etwas gar nicht erst fragen. Wenn es nur um ein vorgezogenes Wochenende ginge, würden die Schüler ganz einfach schwänzen. Hinzu kommt auch die durch Schulen und Eltern erfahrene Repression. Da geht es nicht nur um eingetragene Fehlstunden, für die sich im Zweifelsfall ohnehin niemand interessiert, sondern auch um Maßnahmen wie Bußgelder oder gar Schulverweise. Damit verbunden sind Auseinandersetzungen mit den Lehrern und Eltern, oder gar Zukunftssorgen. So etwas nimmt man nicht leichtfertig in Kauf.

Als ich einmal selbst eine solche Demo besucht habe, sah ich viele Schüler gekleidet in den neuesten Modelinien, teilweise mit Pelzkrägen. Viele hatten auch nagelneue Smartphones dabei oder hielten in der einen Hand ein Pappschild und in der anderen einen Coffee2Go-Becher. Kratzt das nicht etwas an der Glaubwürdigkeit dieser Bewegung?

Du hast richtig beobachtet, dass es noch viel Arbeit zu leisten gibt. Allerdings muss man bedenken, dass die meisten dieser Schüler direkt aus dem konsumorientierten System auf diese Streiks gespült wurden. Für viele ist es ihr ganzes Leben lang normal gewesen, Kaffee aus Coffee2Go-Bechern zu trinken, Markenklamotten zu tragen und ein Smartphone zu besitzen. Viele fangen jetzt erst an, sich mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen, und ich finde, dass die Fridays-for-Future-Bewegung ein gutes Sammelbecken für all diese Menschen ist, das an ihrer kritischen Reflexionsfähigkeit mitwirken kann.

Aber natürlich sucht sich jemand, der eine Bewegung denunzieren will, immer etwas heraus, was seiner Meinung nach die Glaubwürdigkeit sabotiert. Dabei wird oft vergessen: Allein damit, dass diese Menschen auf den Streiks sind, machen sie schon mehr als die Kritiker dieser Streiks, die im Zweifelsfall auch Coffee2Go trinken, Markenklamotten tragen und ein Smartphone besitzen — aber eben nicht auf die Straße gehen, sondern sich hinter ihren Computerbildschirmen darüber aufregen, dass andere das tun. Wer wirklich einen Kritikpunkt finden will, der wird ihn auch finden, denn das gilt auch in der Umweltbewegung: Nobody‘s perfect. Wie auch, wenn wir alle innerhalb eines Systems leben, das so zerstörerisch ist wie das unsere, und diese Zerstörung auch noch zur Norm erklärt hat?

Kannst du mir erklären, warum sich die Bewegung in Deutschland erst so verspätet etabliert hat? Spätestens Ende September gingen deutschlandweit die Schulen wieder los. Wir hatten einen prügelheißen Sommer. Da hätte es doch allemal einen Grund gegeben zu streiken. Das hätte man obendrein auch mit einer „Hitzefrei“-Motto- und Wortspielerei verknüpfen können. Warum hat das bis Dezember gedauert? Warum musste dem erst der Internet-Hype um Greta vorangehen?

Das ist tatsächlich eine gute Frage. Ich denke, wir leben in einer sehr autoritär geprägten Gesellschaft. Damit sich etwas bewegt, muss immer jemand vorangehen. Vielleicht sind Schüler auch vor Greta nicht auf die Idee gekommen, dass man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen müsste — oder könnte. Immerhin wird uns immer und überall vorgehalten, dass man selbst nichts tun könne und es doch der Politik überlassen solle, die Gesellschaft zum Besseren zu ändern — was, und das wissen wir beide, natürlich nicht funktioniert. Vor diesem Hintergrund der jahrelangen Indoktrination finde ich es dann aber doch erstaunlich, wie bereitwillig und schnell die Schüler ihren Gehorsam abgelegt haben.

Als wir beide in dem Alter waren, in dem die Schüler heute sind, waren Yu-Gi-Oh-Karten voll im Trend. Was macht dich so sicher, dass diese Bewegung nicht auch einfach nur ein Trend ist, der kommt und wieder geht? Wenn wir uns die Geschichte der Schülerstreiks ansehen, können wir ja beobachten, dass solche Bewegungen regelmäßig kommen und irgendwann wieder abebben.

Sicher sein kann man sich da natürlich nicht. Deswegen habe ich mich auch dieser Bewegung angeschlossen. Mein persönliches Ziel ist es, in dieser Bewegung mitzuwirken, um eine dauerhaft kritische Masse „heranzuziehen“, gerade, damit es nicht zu einem Trend wird, der irgendwann durch einen anderen abgelöst wird. Und wenn man bedenkt, dass der Klimawandel auch kein vorübergehender Trend ist, und dass die Schüler nun zum ersten Mal erleben, dass sie tatsächlich Aufmerksamkeit erregen und öffentliche sowie politische Reaktionen hervorrufen können, glaube und hoffe ich nicht, dass dies nur ein spurlos vorübergehendes Ereignis sein wird.

Du kennst viele aus dieser Bewegung. Mal ehrlich: Wie viele von den Schülern, glaubst du, wären bereit, das Bestehen ihres Schulabschlusses für diese Bewegung aufs Spiel zu setzen?

Nun, viele von den Schülern, mit denen ich zu tun habe, haben erkannt, wie sinnlos ein Schulabschluss auf einem toten Planeten ist. Dennoch ist ein Schulabschluss etwas, das die uns umgebende Gesellschaft im Allgemeinen fordert, und deshalb sind viele sehr zwiegespalten. Einerseits bezweifeln sie den Nutzen und die Sinnhaftigkeit, andererseits ist der Klimawandel etwas, das uns zwar im Alltag schon betrifft, allerdings stellen sich auch noch viel konkretere Probleme: Ich muss eine Ausbildung oder ein Studium machen, damit ich mir ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen leisten kann.

Das ist ja die Perfidie dieses Systems, das einen mit solchen alltäglichen Problemen bei der Stange hält, damit man sich um die großen, wichtigen Dinge gar nicht erst kümmert.

Niemand ist darüber erhaben, oder zumindest braucht es da schon einen sehr starken Glauben und feste Überzeugungen, die sich bei den Schülern aber vielleicht noch gar nicht in dieser Vehemenz haben entwickeln können. Wie viele wirklich bereit wären, ihren Schulabschluss zu riskieren, kann ich daher nicht sagen.

Sprechen wir mal über die politischen Reaktionen. Christian Lindner beispielsweise sprach den Schülern die Kompetenz ab, komplexe Zusammenhänge unserer Welt bereits in diesem jungen Alter zu verstehen. Hat er da vielleicht irgendwo auch recht? Argumentieren die Schüler vielleicht etwas unterkomplex? Braucht man vielleicht erst einen bestimmten Notenschnitt in Biologie und Physik, um berechtigterweise an der Demo teilnehmen zu können?

Natürlich sagt Christian Lindner das. Wir stören nun einmal sein Weltbild, in dem sich Menschen wie er über andere erheben und über deren Köpfe hinweg entscheiden können. Wir widersprechen seiner Erwartung des braven Gehorsams. Da benutzt er dann jedes noch so dümmliche Argument, um uns kleinzureden, und sei es, dass wir komplexe Zusammenhänge nicht verstünden. Dabei haben uns jüngst mehr als 12.000 Wissenschaftler genau das Gegenteil bestätigt. Sie unterstützen uns, weil sie ebenso wie wir der Meinung sind, dass dem Klimawandel nicht die Dringlichkeit eingeräumt wird, die ihm zustehen müsste.

Das ist ja auch wenig verwunderlich, denn die Herrschenden versuchen, im Wege der Ideologie des freien Marktes eine Lösung zu finden. Das ist aber nicht möglich. Und das ist genau das, was Lindner mit „komplex“ meint. Die Experten, von denen er spricht, sind dann auch keine Physiker, Biologen, Chemiker und so weiter, sondern Ökonomen. Aber ein Ökonom hat von Umwelt und Klima keine Ahnung. Die sollen lediglich versuchen, irgendwie am Wirtschaftswachstum festzuhalten, und gleichzeitig die zerstörerischen Folgen desselben in die Bilanzen einzubeziehen, also am liebsten daraus noch Profit zu schlagen.

Lindner ist es, der noch nicht verstanden hat, dass sich Umweltzerstörung und Klimawandel nicht mit eben jener Denkweise bekämpfen lassen, die uns diese Probleme eingebrockt hat, nämlich der des Kapitalismus. Daher müsste er, wenn er konsequent wäre, zurücktreten, um die Antworten auf die Probleme uns zu überlassen, die wir das schon verstanden haben.

Stattdessen verzapft er einen solchen Unsinn. Was Christian Lindner nicht möchte, ist eine Generation von kapitalismuskritischen Menschen, die eine Lösung innerhalb des Systems nicht für möglich halten. Er ist einer der Nutznießer — man könnte auch Parasiten sagen — dieses Systems. Er möchte die Kontrolle über die Bewegung nicht verlieren. Das ist eine typische Angst von Menschen in Machtposition, und das gilt übrigens für das gesamte politische Spektrum. Warum soll denn jeder, der sich mit einem Sachverhalt beschäftigt, gleich jahrelang studieren, wenn es auch genügt, sich durchzulesen, was andere Wissenschaftler auf dem Gebiet bereits publiziert haben?

Das Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC, veröffentlicht seit Jahren sehr regelmäßig Berichte zum Thema Klimawandel. Es gibt keinen Mangel an Wissen darüber, es gibt einen Mangel an Aufmerksamkeit und vielleicht auch einen Mangel an wirklich nachhaltigen Lösungen. Wenn Lindner meint, man solle das Problem „Experten“ überlassen, dann will er nur die Schüler vom Protest ausschließen. Ich glaube außerdem, dass Christian Lindner selbst komplexe Zusammenhänge in dieser Welt nicht versteht. Schließlich versucht er, jedes Problem den Kräften des Marktes zu überlassen, also jener Ursache für fast alle unsere Probleme. Das ist nur ein ganz billiger Denunziationsversuch, und ehrlich gesagt habe ich keine große Lust, mich mit jedem dümmlichen Rotz, der uns aus der Politik entgegengesabbert wird, zu befassen. Wir haben keine Zeit für diesen Kindergarten. Dieses Beispiel war nur deshalb interessant, weil es die Absurdität demaskiert, auf der unsere Gesellschaft beruht.

Glaubst du, dass ökologisch denkende Schüler Lindners wahnhaften Digitalisierungs-Plänen zuwiderlaufen? Eine neue Generation, die in der Kategorie „Zurück in die Natur“ denkt, möchte ja vielleicht im Wald gar kein WLAN haben?

Na, das hoffe ich doch mal. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als die natürliche Welt durch eine vollkommen digitale ersetzen zu wollen. Ich hoffe sehr, dass die Schüler sich diese von Lindner verordnete, digitale Dystopie nicht gefallen lassen, auch wenn jetzt die Schulen diesem Wahn vollständig zum Opfer fallen. Ich hoffe, auf diese Weise merken die Schüler am eigenen Leibe, wie weit dieser ganze digitale Technikmüll sie von ihrem eigenen Selbst entfernt. Lindner scheint zu glauben, dass man Smartphones und Tablets essen, trinken oder atmen könne. Dabei ist der Mensch nichts ohne die ihn umgebende Natur, von der er auch nur ein Teil ist. Digitalisierung zerstört Mensch und Natur und schließt daher jede Natürlichkeit, jede Menschlichkeit aus.

Merkel stellte sich nun auf die Seite der Schüler, während sie wenige Wochen zuvor noch indirekt den Kreml verdächtigte, diese Bewegung mittels hybrider Kriegsführung ausgelöst zu haben. Warum, glaubst du, ist sie den Schülern nun so wohlgesonnen? Weder stehen die Forderungen der jungen Aufständischen im Einklang mit ihrer Klimapolitik, noch muss sie Wahlkampf betreiben.

Ich denke, ihr wurde einfach von einem ihrer Berater gesagt, wie absurd dämlich diese Äußerung mit der hybriden Kriegsführung war. Merkel ist ja ohnehin bekannt für ihre 180°-Wenden. Sie gilt international aus irgendwelchen mir schleierhaften Gründen noch immer als Vorreiterin in Sachen Klima- und Umweltschutz. Wahrscheinlich stellt sie sich zumindest verbal hinter die Schüler, nur damit sie dann die gleiche Politik wie bisher weiter verfolgen kann, die ja mit Klima- und Umweltschutz überhaupt nichts zu tun hat. Es ist reine PR.

Es schlägt den Schülern ja nicht nur Kritik, sondern auch regelrechter Hass und sogar Morddrohungen entgegen. Welche Gründe können Menschen für so etwas haben? Hast du eine Erklärung?

Die Schüler führen den Menschen nur ihr eigenes schlechtes Gewissen vor Augen. Jeder weiß: Umweltzerstörung und Klimawandel sind große Probleme, denen nicht wirklich begegnet wird. Jetzt erhebt sich die junge Generation, um für einen Wandel einzustehen, und das macht natürlich jenen ein schlechtes Gewissen, die jahrzehntelang, trotz ihres Wissens um all diese Probleme, in Untätigkeit vor ihren Fernsehern oder Computerbildschirmen verharrt haben. Anstatt sich dann aus der eigenen Lethargie zu befreien, greift man lieber denjenigen an, der wirklich etwas unternimmt. Ich glaube aber, es gibt auch noch diejenigen, die nicht einsehen wollen, dass ihre schöne kleine Glitzerwelt keinen Bestand haben darf. Sie klammern sich an ihren Wohlstand, an ihre Schnitzel und SUVs, an ihre Fernreisen und so weiter, und attackieren dann diejenigen, die ihnen vor Augen führen, dass all das nicht länger Normalität sein darf.

Man attackiert lieber den Überbringer der Nachricht, als sich mit dem Inhalt der Nachricht auseinanderzusetzen. Dabei kommt der Wandel ohnehin, die Frage ist nur, ob mit der Masse oder gegen sie.

Kann es auch einfach sein, dass die Industrie fürchtet, Konsumenten und Arbeitskräfte zu verlieren? Ökologisch aufgeweckte Schüler wollen nach der Schule höchstwahrscheinlich bestimmte Berufe nicht mehr ergreifen und eine Vielzahl schädlicher Produkte nicht mehr konsumieren.

Das wird wohl auch eine Rolle spielen, und ich hoffe, die haben allen Grund, sich zu fürchten. Es gab vor einiger Zeit in Frankreich eine Erklärung von Studenten des ganzen Landes an Industrie und Politik, keine Arbeit anzunehmen, die die Umwelt zerstört. Die Hoffnung ist also nicht ganz unbegründet. Ich glaube, die Zeit des homo consumensis ist vorbei — zugunsten einer umfassenden Bewusstseinswende.

Der Friday for Future ruft ja auch zahlreiche dogmatische Klimaleugner auf den Plan, die ihre Ansicht, es gebe keinen menschengemachten Klimawandel und das alles sei nur eine fehlerhafte Computer-Simulation, missionarisch verbreiten wollen. Wir beide kennen das ja, wenn wir für den Rubikon Artikel zum Thema Ökologie schreiben und so mancher Leser es nicht unterlassen kann, seinen Senf unentwegt dazu abzugeben und uns dabei vorzuwerfen, wir wären ideologisch und faktenfrei. Kann ein Teil der Verachtung gegenüber Fridays for Future auch aus den Reihen der dogmatischen Klimaleugner kommen?

Daran habe ich keinen Zweifel. Jede Umweltbewegung wird diskreditiert, weil sie den tiefsitzenden Glauben des Systems angreift, grenzenloses Wachstum sei für alle Zeiten möglich. Schade ist nur, dass sich auch vermeintlich kritische Zeitgenossen — wie manche unserer Leser — von den industrienahen Propagandisten wie EIKE, dem Aspen Institute oder dem Heartland Institute vereinnahmen lassen. Da muss ich immer an Steve Bannon denken, der sagte, er wolle die Menschen so mit Bullshit überziehen, dass sie nicht mehr wissen, was richtig und was falsch sei. Diese Funktion erfüllen diese Institute. Sie betreiben industrienahes Astroturfing zugunsten rechter Parteien, die ja die einzigen sind, die den menschengemachten Klimawandel leugnen.

Auf diese Weise zieht man sich Wählerpotenzial nach rechts, um diese Kräfte stark zu machen. Man kapert also das Klimathema, um damit die Kehrtwende in die rechte, autoritäre Richtung zu schaffen, und verlässt sich dabei auf jene Menschen, die sich für aufgeklärt halten, nur weil sie gar nichts mehr glauben, was ihnen die Mainstreammedien erzählen — und sich stattdessen aber einfach jedem zuwenden, der eine zum Mainstream konträre Meinung vertritt. Das hat mit Aufklärung nichts zu tun. Selber denken wäre hier das Gebot der Stunde.

Es zeugt aber von ideologischer Verblendung, jeden, der nicht die eigene Meinung vertritt, pauschal als ideologisch verblendet zu bezeichnen.

Viele dieser Menschen glauben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, nur weil sie im Internet ein Video gesehen haben, in welchem behauptet wird, den Klimawandel gäbe es gar nicht. Man setzt sich dann auch nicht mehr kritisch mit der Gegenposition auseinander.

Nun könnte man den Fridays for Future dasselbe vorwerfen, aber, und hier kann ich dann nur für mich sprechen: ich habe mich intensiv mit den Gegenargumenten der Klimawandelleugner auseinandergesetzt. Das Ergebnis: Ich bin nicht überzeugt. Und davon abgesehen: Ist es denn wirklich sinnvoll, nur auf den Verdacht hin, dass der Klimawandel eine Lüge ist, in Untätigkeit zu verharren?

Ist es nicht wesentlich sinnvoller, auf die reine Möglichkeit hin, dass er real ist und uns alle bedroht, zu handeln, nur für den Fall, dass das IPCC und etwa 99 Prozent aller Wissenschaftler doch Recht haben?

Dass sich dringend etwas ändern muss, ist doch klar! Wir haben ja nicht nur den Klimawandel, wir haben auch ein dramatisches Artensterben, die Müllberge türmen sich kilometerhoch, Lebensräume verschwinden unter den Baggerschaufeln des hemmungslosen Wachstumswahns, die Welternährungsorganisation hat schon vor einigen Jahren eine Studie ehrausgebracht, die anmahnt, dass wir bei einem ungebremsten Fortgang der industriellen Landwirtschaft nur noch ungefähr 60 Ernten erwarten können, bevor die Böden so ausgelaugt sind, dass sie nichts mehr hergeben.

Das alles zu ignorieren, nur weil man eine Verschwörung dahinter wittert, ist meiner Meinung nach ideologische Idiotie. Ich denke, wir sind uns doch alle einig, dass wir uns mit extremen Problemen konfrontiert sehen. Warum fixiert man sich dann so auf diese Teilfrage? Ich möchte diesen Schwachsinn mit einem Vergleich illustrieren: Stellen wir uns vor, eine Gruppe von, sagen wir, blonden, schwedischen Terroristen, entführt ein Flugzeug, um es in ein hohes Gebäude zu steuern. Anstatt dass sich die Passagiere nun gegen die Terroristen auflehnen, diskutieren sie lebhaft darüber, was das Motiv der Terroristen ist, oder wohin genau die das Flugzeug steuern, obwohl sie genau wissen, dass am Ende dieser Reise der Tod auf sie wartet. Das ist doch absurd, aber genau so verhalten sich Menschen.

Und so wird natürlich auch die Leugnung des Klimawandels gerne vorgeschoben, um sich seiner eigenen Verantwortung zu entziehen.

Glaubst du, dass Fridays for Future eine Kernkomponente für einen weltweiten Bewusstseinswandel sein kann?

Auf jeden Fall. Gerade die jungen Leute, die noch nicht so fest im System verwurzelt sind, tragen das Potential für einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel in sich. Von den ganzen Alten, die uns diese Probleme, denen wir uns nun gegenübersehen, eingebrockt haben, erwarte ich das schon gar nicht mehr. Das muss aber auch heißen, dass die junge Generation ihren Streik intensivieren muss, um die Macht aus den klapprigen Händen der Alten zu reißen und sie dann hoffentlich auf alle Menschen gleichermaßen zu verteilen.

Welche konkreten Schritte muss die Bewegung — vielleicht auch in Zusammenarbeit mit anderen globalen Bewegungen wie „By 2020 we rise up“ — gehen, um nachhaltig wirksam zu sein?

Nun, zunächst einmal müssen wir mehr werden. Je mehr wir sind, desto lauter ist unsere Stimme. Wir müssen daran arbeiten, einen Bewusstseinswandel herbeizuführen. Das erfordert konsequente Bildungsarbeit bei und mit den Schülern. Ich denke, die Bewegung ist dafür ein guter Kontext.

Dann dürfen wir uns auch nicht auf Demonstrationen beschränken. Wir brauchen massenhafte Aktionen zivilen Ungehorsams. Wir brauchen Blockaden, Besetzungen, wir müssen stören, wo immer es nur geht. Du sprichst es ja schon an: By 2020, we rise up. Das bedeutet massenhaft solcher Aktionen in ganz Europa, und hoffentlich auch darüber hinaus im Jahre 2020. Wir müssen zeigen, dass wir uns nicht länger von „denen da oben“ unser Leben vorschreiben lassen.

Ist das teilweise nicht sogar gesetzeswidrig?

Nun, bislang beschränkten sich die Aktionen überwiegend auf Ordnungswidrigkeiten. Verfahren wegen Straftaten werden zum größten Teil eingestellt. Im Kontext von „Ende Gelände“ zum Beispiel hat es noch nie eine Verurteilung gegeben. Vielleicht ist es an der Zeit, den Protest noch zu intensivieren. Ob das dann gesetzeswidrig ist, wird sich zeigen. Aber wer schreibt denn das Gesetz? Das sind jene, die an der Macht sind, um ihre Privilegien in Gesetzesform festzugießen und gegen jene zu verteidigen, die unter ihrer Macht leiden. Im Dritten Reich waren auch die Rassengesetze geltendes Recht — waren sie deswegen richtig? Natürlich nicht!

Wo Unrecht zu Recht wird, wird richtiges Tun illegal, und wir leben in einer Gesellschaft, in der sich Unrecht schon lange als Recht tarnt.

Also kann richtiges Tun unter Umständen gesetzeswidrig sein. Das heißt aber nicht, dass jeder zum Gesetzesbrecher werden muss. Es gibt eine Vielzahl von Aktionsformen, von einer einfachen Demonstration bis hin zu Sabotageakten. Jedem steht es frei, die Form zu wählen, mit der er sich am wohlsten fühlt.

Hast du die Hoffnung, dass wir es doch noch schaffen, ökologisch die Kurve zu kriegen? Und falls ja, ist diese Hoffnung durch Fridays for Future größer geworden?

Nun, da muss man wohl differenzieren. Wir können eine Kehrtwende schaffen, ja. Dazu muss aber der überwiegende Teil der Menschen zu ihr bereit sein. Das sehe ich momentan noch nicht. Aber, wie wir an den Fridays For Future sehen, wird die Masse größer. Selbst jene jungen Menschen, die nichts anderes als diese Welt des hemmungslosen Konsums kennen, spüren ein Unbehagen, das sie dazu drängt, sich für eine andere Welt einzusetzen. Von daher ist die Hoffnung schon gewachsen.

Wir sollten allerding nicht glauben, dass sich durch einen Wandel jede Katastrophe abwenden lässt. Wir haben bereits so viel an Zerstörung angerichtet, dass uns die Folgen des kapitalistischen Treibens noch lange Sorgen bereiten werden, selbst wenn wir die Kehrtwende jetzt sofort hinbekämen. Wir können lediglich die Folgen etwas abschwächen und uns auf sie vorbereiten. Dafür muss aber erst einmal die Bereitschaft da sein. Im kapitalistischen System würde man entsprechende Maßnahmen nur wieder an das Geld knüpfen. Soll heißen: Wer es sich leisten kann, der überlebt. Wer nicht, der stirbt eben.

Dürren, Hungersnot, Wasserknappheit, sich ausbreitende Krankheiten, steigende Meeresspiegel, vergiftete Böden, Luft und Wasser, all das wird uns noch lange beschäftigen, und all das wird viele Opfer fordern, wenn wir nicht entsprechende Mechanismen schaffen, die auch jenen Hilfe zukommen lässt, die kein Geld haben. Dazu müssen wir die kapitalistische Denkweise überwinden. Dieses Wissen ist in der Klimagerechtigkeitsbewegung nicht neu, die immer schon antikapitalistisch geprägt war und damit vermutlich die einzige Bewegung ist, die sich überhaupt noch gegen den Kapitalismus wehrt. Ich hoffe und glaube, dass auch Fridays For Future einen Beitrag dazu leistet, dieses Wissen zu verbreiten, besonders unter jungen Menschen.

Danke für das Gespräch!

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