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„Viele Menschen sind einfach müde vom Krieg“

„Viele Menschen sind einfach müde vom Krieg“

Interview mit Auslandskorrespondentin Karin Leukefeld zum Kriegsalltag in Syrien.

Frau Leukefeld, wie schaffen Sie es, aus einem Krisenherd wie Syrien sachlich und plural zu berichten, bei den vielen beteiligten Parteien und Verstrickungen?

Das ist natürlich nicht einfach. Ich habe sicherlich das Glück, dass ich schon lange in dem Land arbeite. Ich kenne Syrien noch aus der Zeit vor dem Krieg und aus dieser Zeit stammen auch meine Kontakte, die bis heute, Gott sei Dank, auch noch Bestand haben.

Meine Kontakte sind sehr zuverlässig und erprobt. Es ist sehr wichtig, dass man Personen kennt und Kontakte hat, also ein Netzwerk. Das ermöglicht mir, über Ereignisse zu sprechen, nachfragen zu können, wie eine Situation eingeschätzt wird, ob ich alles richtig verstanden, oder etwas vergessen habe.

Dieses Überprüfen meiner eigenen Wahrnehmung ist sehr wichtig für meine Berichterstattung. Wenn ich nur in Deutschland wäre, oder in Athen sitzen würde und von dort aus berichten wollte, würde mir ein ganz großer Teil von Erkenntnis fehlen.

Ich bemühe mich natürlich sehr genau zu berichten. Manchmal kollidiert das mit Vorgaben die mir bei Zeitungen oder bei Interviews gegeben werden. Entweder ist nicht genug Platz, um etwas ausführlich darzustellen oder nicht genügend Zeit um die unterschiedlichen Aspekte zu erklären. Je länger der Krieg dauert desto schwieriger wird das.

In welcher Sprache verständigen Sie sich mit den Einheimischen?

Mein Arabisch ist sehr rudimentär, aber es reicht für den Alltagsgebrauch. Ich kann kurze Gespräche führen. Nachfragen selbst stellen und die Antworten verstehen. Für grundlegende Interviews, zum Beispiel Straßeninterviews, habe ich immer einen Übersetzer dabei. Meine Hauptsprache in Syrien ist Englisch.

Wie leben Sie in Syrien und wie viel Zeit im Jahr verbringen Sie dort?

Ich hatte eine Wohnung in Damaskus. Als der Krieg anfing, wurde das Stadtviertel leider etwas unsicher, und ich musste die Wohnung aufgeben. Inzwischen lebe ich in einem einfachen Familienhotel. Dort erlebt man auch sehr viel, man lernt viele unterschiedliche Leute kennen.

Ich habe das Glück, eine Akkreditierung als Journalistin in Syrien zu haben. Dadurch habe ich einen syrischen Presseausweis und kann mich eigentlich solange im Land aufhalten, wie ich möchte. Ich kann problemlos ein- und ausreisen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber anderen Journalisten, die ein Journalistenvisum beantragen müssen. Darauf muss man oft lange warten, außerdem ist die Zeit, die man sich dann im Land aufhalten kann, befristet.

Wieviel Zeit ich in Syrien verbringe? Als ich noch eine Wohnung hatte, habe ich sehr viel mehr Monate dort verbracht. Jetzt ist es so, dass ich hin und her pendle. Letztes Jahr, war ich insgesamt ein halbes Jahr dort, verteilt auf drei Fahrten. Jetzt war ich einen Monat über den Jahreswechsel dort.

Vor Ostern fahre ich wieder und bin dann drei Monate in der Region unterwegs, nicht nur in Syrien. Ich komme auch immer wieder nach Deutschland zurück, weil ich hier natürlich Verpflichtungen habe, zum Beispiel halte ich Vorträge.

Das Pendeln ist dem Krieg geschuldet. Es sind viele Stadtteile sehr unsicher, es gibt teilweise keine richtige Stromversorgung, keinen Internetanschluss, den ich natürlich brauche, um meine Artikel absetzen zu können. Ich kann auch nicht so lange an einem Ort bleiben, denn es ist teurer im Hotel zu leben als eine eigene kleine Wohnung zu haben.

Haben Sie Angst? Sie sagten Ihre Wohnung lag in der Schusslinie. Gab es Situationen in denen Sie Überlebensangst hatten?

Angst, Unsicherheit gibt es schon und 2012/13 war die Situation auch in Damaskus sehr gefährlich. Ich konnte oft gar nicht in andere Gebiete fahren. Das ist jetzt ganz anders. Ich fahre regelmäßig nach Aleppo, ich war in Deir-ez-Zor, war ganz oben im Norden des Landes in den kurdischen Gebieten, in Afrin.

Die Situation hat sich entgegen dem, was wir tagtäglich in den Medien hören, verbessert. Es gibt aber bis heute in Damaskus noch den Raketen- und Granatenbeschuss von bewaffneten Truppen aus den Vororten, die jetzt auch sehr massiv von syrischer Regierungsseite angegriffen werden.

Es kann tatsächlich auch passieren, wenn man in der Altstadt von Damaskus ist, dass einem die Granaten vor die Füße fallen. Ich habe das erlebt und habe mit Leuten gesprochen, die das erlebt haben. Auch dort, wo ich wohnte — also vor dem Haus — sind Granaten eingeschlagen.

Ich bewege mich so, wie sich die Syrer auch bewegen. Ich habe ein Grundvertrauen in diese Gesellschaft, welches ich sicherlich nur habe, weil ich Syrien von früher kenne. Im Großen und Ganzen arbeite ich daher angstfrei dort.

Gibt es trotzdem Gefahren, denen Sie sich nicht aussetzen würden, also eine Grenze, die Sie nicht überschreiten würden um am Geschehen zu sein?

Ich bin vorsichtig, gehe kein Risiko ein. Ich fahre nicht an die Front, auch wenn die Front einem manchmal unverhofft entgegenkommt. Ich komme oftmals auch gar nicht in diese gefährlichen Gebiete. Die Straßen sind dann gesperrt, wenn dort eine Frontlinie verläuft.

Auf Aleppo werden bis heute Raketen abgeschossen. Diesen Gefahren versuche ich — so gut es geht — aus dem Weg zu gehen. Natürlich ist durch den Krieg die Kriminalität gestiegen. Es wäre also durchaus möglich, entführt zu werden. Mit Entführungen wird auch Geschäft gemacht, das war auch im Irak so.

Ausländer, ausländische Journalisten, aber auch die Kinder von bekannten Politikern, von Ärzten oder Professoren werden entführt. Diese Art von Kriminalität gab es früher nicht in Syrien und ist sicherlich ein Unsicherheitsfaktor.

Um noch einmal kurz einen Schritt zurückzugehen, gibt es durch Ihre Akkreditierung Vorwürfe gegen Sie, Sie wären „die Stimme des Regimes“?

Ja, die gibt es. Seit 2011 werden diese Vorwürfe, vor allem von der Oppositionsseite der syrischen Regierung in Deutschland erhoben. Die unterschiedlichsten Gruppierungen werfen mir das vor. Das fällt auch auf, wenn man zum Beispiel die Besprechung meiner Bücher liest.

Da kommt immer wieder vor, ich hätte zu viel Verständnis und ich sei auf der Seite des Regimes, auch bei Veranstaltungen wird mir das oft vorgehalten. Man verstehe schon, dass ich nicht kritisch sei, sonst würde man mir den Aufenthalt entziehen.

Es gibt also sehr viele Anschuldigungen, die damit zu tun haben, dass ich ganz offiziell akkreditiert bin. Das bin ich aber nicht erst seit zwei Jahren, sondern schon seit 2010. Seit der Zeit noch vor dem Krieg, als sich das Land sehr geöffnet hatte. Damals gab es sehr viele Deutsche und Europäer dort. Ich habe auf die Akkreditierung fünf Jahre gewartet, ich war hartnäckig und wollte schon gern dort arbeiten. Mir vorzuwerfen, dass ich offiziell dort arbeite, halte ich für unzulässig.

Jeder der in einem anderen Land gute Arbeit leisten will, sollte sich an die dortigen Regeln halten und für Journalisten bedeutet das, sich akkreditieren zu lassen. Das ist in Deutschland auch so. Ich habe mir nichts vorzuwerfen.


Karin Leukefeld zur aktuellen Lage in Syrien


Wie wird Ihre Arbeit von den Syrern wahrgenommen? Sie berichten von vor Ort für deutsche Medien, nicht wie zum Beispiel die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte — eine Person in London —, auf die sich viele der Mainstreammedien beziehen. Spielt das für die Syrer eine Rolle, wie über ihr Land und ihre Situation berichtet wird?

Ja meine Arbeit wird schon wahrgenommen. Man muss dazu sagen, dass viele der Menschen einfach müde geworden sind — nach so vielen Jahren Krieg. Viele schauen gar keine Nachrichten mehr sondern versuchen, ihren Alltag zu organisieren. Aber diejenigen, die den Medien folgen, verfolgen nicht nur ein Medium, sondern viele verschiedene Medien, und sie nehmen sehr wohl wahr, wie über ihr Land berichtet wird. Sie kritisieren das auch. Dass dann eine Journalistin vor Ort ist wird sehr positiv wahrgenommen.

Vor dem Krieg bin ich auch Menschen begegnet, die mit mir als Journalistin gar nicht reden wollten, sie waren sehr zurückhaltend, aber mit jedem Kriegsjahr sind die Leute sehr viel offener geworden. Sie reden über ihre Situation, sie beschönigen auch nichts und sind sehr dankbar dafür, dass sich eine ausländische Journalistin für ihre Situation vor Ort interessiert.

In Deir-ez-Zor mussten wir einmal an einem Checkpoint anhalten. Da war ein alter Mann, der an Krücken ging und sehr elend aussah. Ich habe ihn mit Hilfe des Übersetzers angesprochen, habe ihn gefragt wo er herkommt, wo er hin will und so weiter. Es waren dann ziemlich schnell junge Männer um mich, ich glaube sie waren vom Militär, aber in Zivil unterwegs. Sie fragten: „Wo kommen Sie her? Sind Sie aus Russland?“ Ich sagte: „Nein, ich komme aus Deutschland.“ Und sie meinten: „Was aus Deutschland?! Ahh Bayern München!“ und ein anderer: „Nein, Nein, Borussia Dortmund!“ Aber einer sagte dann auch: „Sagen Sie Ihrer Kanzlerin, sie soll endlich aufhören, den Krieg gegen unser Land zu unterstützen.“

Also die Leute nehmen die Situationen schon wahr, um mir auch ihre Meinung zu sagen. Dann ist es natürlich auch meine Verpflichtung, darüber zu berichten.

Glauben Sie, die Menschen öffnen sich Ihnen auch deswegen besser, weil sie in Zivil und ohne Militärs zum Schutz unterwegs sind?

Ja, das glaube ich schon. Einmal, weil ich nicht besonders auffalle, als Ausländerin schon, aber ich habe jetzt keine Sicherheitskräfte an meiner Seite, und zum anderen, weil ich im Allgemeinen keine Kamera dabei habe. Ich stelle mich immer vor und frage, ob ich Fotos oder kleine Videoclips machen darf und stürze auch nicht sofort mit einem Mikrofon auf die Leute zu. Außerdem tauche ich auch an Stellen auf, wo sie gar keine Medien erwarten.

Sie sagten, es gibt viele Menschen, die sich versuchen dem Kriegsgeschehen so gut es geht zu entziehen und ihren Alltag zu organisieren. In den Medien sieht man nur Bilder von zerbombten Städten. Steht da überhaupt noch ein Stein auf dem anderen? Gibt es diesen „normalen Alltag“, und wenn ja, wie muss man sich diesen vorstellen?

Ja den Alltag gibt es. Er ist sehr unterschiedlich. Es gibt in fast jeder Stadt große Verwüstungen: in Damaskus in den Randgebieten, in Homs, in Aleppo, manche Dörfer sind zerstört, Deir ez-Zor ist weitgehend zerstört, und was nicht zerstört ist, ist meist nicht mehr intakt. Syrien ist ja auch nicht nur einem Krieg ausgesetzt ist, sondern auch ganz massiven Wirtschaftssanktionen von der EU und den USA. Diese Sanktionen verhindern, dass Handel getrieben wird. Es kommen keine Ersatzteile ins Land, die Versorgung zum Beispiel mit Medikamenten ist schwierig.

Die Not der Menschen ist schon groß, aber es gibt natürlich auch überall noch intakte Häuser und Dörfer. Die Familien helfen sich sehr stark gegenseitig. Die Unterstützung untereinander ist groß. Viele Inlandsvertriebene sind zum Beispiel bei Familien in Damaskus untergekommen, jede Familie die ein Haus oder eine große Wohnung hat, ist zusammengerückt und hat jeweils ein Zimmer einer anderen Familie zur Verfügung gestellt. Das ist bewundernswert.

Natürlich helfen auch private Stiftungen, die Hilfsorganisationen der UNO, des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, die Kirchen helfen, die Moscheen helfen, also überall wird geholfen, aber es reicht natürlich nicht…

Viele Menschen haben auch ihre Arbeit verloren, es ist nicht nur Wohnraum, sondern auch Arbeitsraum zerstört worden. Das Land muss von Grund auf neu aufgebaut werden. Viele Familien bekommen auch finanzielle Unterstützung von Angehörigen aus dem Ausland. Hundert Dollar oder hundert Euro im Monat, dass ist viel Geld in Syrien, und damit versuchen sie über die Runden zu kommen.

Wie groß ist der Einfluss der Rebellen? Gibt es die überhaupt, oder sind das alles Terroristen?

Anders als es hier leider berichtet wird, unterscheidet die syrische Regierung durchaus zwischen Rebellen und Terroristen. Es hat viele Verhandlungen gegeben. Es gibt ein Amnestieangebot für Männer, die ihre Waffen niedergelegt haben. Sie können straffrei ausgehen, wenn sie nicht irgendwelche Verbrechen begangen haben. Und tausende von Männern haben davon Gebrauch gemacht. Ich habe mit vielen von denen gesprochen. Sie sind durch so eine Art Versöhnungsprozess gelaufen.

Sie haben mir erzählt, warum sie am Anfang da mitgemacht, warum sie Waffen getragen haben, wie es dazu kam, dass sie die Waffen auch wieder niedergelegt haben und dass es auch schwer war, die Waffen wieder abzugeben. Denn es gibt eben Gruppierungen, die das verhindern wollen. Diejenigen, die das verhindern wollen, nenne ich Kampfverbände.

Das sind im Allgemeinen islamistische Gruppen. Sie werden unterstützt von den Golfstaaten, von der Türkei und von den USA. Sie haben viele Kämpfer unter Waffen, und sind relativ modern ausgerüstet. Das behindert natürlich einen Übergang zu einer politischen Lösung.

Die syrische Armee hat ein Drittel ihrer Soldaten verloren und wird unterstützt vom Iran und von der Hisbollah aus dem Libanon. Und natürlich von Russland. Es gibt nationale Verteidigungskräfte, das sind Milizen, die Stämmen angehören oder einfache Bewohner sind, die aber der syrischen Armee unterstehen.

Natürlich ist überall da, wo gekämpft wird, kein Platz für Zivilisten. Es gibt immer wieder Verhandlungen und den Versuch, die Kämpfer aus den Wohngebieten rauszuholen, oder dass die Kämpfer die Zivilisten gehen lassen. Dafür braucht man dann eine Garantie, es ist also ein sehr komplizierter Verhandlungsprozess, der immer auch wieder scheitert und dann wieder von Neuem beginnt, eine sehr mühsame Entwicklung.

Ich finde, dass man in Syrien sehr gut sehen kann, wie eine zivile Ökonomie, die es gab, in eine Kriegsökonomie umkippt. Heute verdienen die Leute damit Geld, dass es Krieg gibt. Besonders diese Kampfverbände haben — wenn der Krieg aufhört — nichts mehr und müssen sich anderweitig einen Lebensunterhalt suchen. Auch das verhindert eine friedliche Lösung.

Sie haben jetzt von Männern gesprochen, die zur Waffe gegriffen haben. Es gingen allerdings auch Bilder durch die Medien, die Frauen zeigen, die in Milizen kämpfen. Welche Rolle haben denn die Frauen in diesem Krieg?

Die Frauen, die Sie ansprechen, sind vor allem in den kurdischen Verbänden aktiv. Sie laufen unter dem Obernamen Syrische Demokratische Kräfte, SDK oder SDF. Aber es gibt die YPG und die YPJ, die Volksverteidigungskräfte der Männer und der Frauen. Sie werden organisiert von der Partei der demokratischen Union (PYD), die im Norden sehr aktiv ist, und vor allem dort sind Frauen aktiv, sowohl politisch, als auch militärisch.

Es gibt aber auch Frauen auf der Seite der syrischen Armee, die häufig in den Sanitätseinrichtungen arbeiten. Sie übernehmen auch eine Sicherheitsfunktion von Gebieten, die von Islamisten befreit wurden, sie sind dann an Checkpoints von Stadtvierteln. Das sind aber weitaus weniger Frauen, als bei den kurdischen Verbänden.

Die syrischen kurdischen Frauen sind sehr fortschrittlich. Die Ideologie, der sie folgen, geht zurück auf den Gründer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) Abdullah Öcalan. Er lebte lange im Exil in Syrien und konnte dort die Partei und Ideologie entwickeln und verbreiten. Diese Ideologie hat aber nichts mit der Ideologie der syrischen Regierung zu tun. Trotzdem gibt es eine Verbindung zwischen den kurdischen Verbänden und der syrischen Regierungsseite, auch wenn beide das nicht gerne zugeben.

Ich würde die kurdischen Verbände auch keinesfalls in Verbindung bringen oder mit den Kampfverbänden vergleichen, von denen ich vorhin sprach. Auch wenn die Kurden im Wesentlichen von der US-Armee unterstützt werden, was sicherlich für die kurdische Seite noch Probleme mit sich bringen wird.

Bleiben wir bei den Kurden in Nordsyrien. Wie war es möglich, dass sich das autonome Gebiet entwickeln konnte und welche Strukturen entstanden?

Das ist eine lange Geschichte, ich will versuchen, es kurz zu erklären. Die Grundideologie der PKK ist — wie gesagt — in Syrien entstanden, das heißt es gibt dort seit langem eine ideologische Basis und Strukturen, aus denen die Partei der demokratischen Union entstanden ist.

Die haben sich am Anfang des Konflikts zur Selbstverteidigung zwar bewaffnet, aus den Kämpfen aber herausgehalten und standen weder auf der Seite der Regierung, noch auf der oppositionellen Seite der Freien Syrischen Armee (FSA). Erst als sie dann 2014 angegriffen wurden vom Islamischen Staat, haben sie ihre Waffen massiv eingesetzt. Das war der Zeitpunkt, als die Amerikaner begannen, die kurdischen Verbände direkt militärisch zu unterstützten.

Die Kurden haben bei dem schweren Angriff auf Kobane — das arabisch Ain al Arab heißt — schwere Verluste gehabt. Später aber haben sie von der US-amerikanischen Unterstützung profitiert. Schon vor dem Angriff auf Kobane, zwischen 2011 und 2014 haben sie ihre regionale Selbstverwaltung organisiert und sind dabei auch nicht von der syrischen Regierung gestört worden. Damals gab es auch ein Bündnis mit der nicht bewaffneten, politischen Opposition in Syrien.

2016 riefen sie eine Demokratische Föderation Nordsyrien aus, die hier vielfach in kurdischer Sprache „Rojava“ genannt wird. Die syrischen Oppositionellen kritisierten das und zogen sich zurück mit der Begründung, dass der Schritt nicht gemeinsam diskutiert war und von der syrischen Opposition nicht mitgetragen wurde.

Es hat sich dann eine eigenständige Struktur entwickelt, die sehr stark mitgetragen wird von Kurden aus Europa und von den Kurden aus der Türkei und aus dem Irak. Das Projekt hat eine Eigendynamik entwickelt. Die Amerikaner haben in diesem Gebiet östlich des Euphrat großen Einfluss.

Sie haben dort inzwischen 16 Militärbasen aufgebaut und wollen es ganz offensichtlich von Syrien abtrennen. Rex Tillerson, der Außenminister, hat sich jetzt im Januar entsprechend geäußert und erklärt, die US-Armee werde in Syrien bleiben. Das war zwar nicht das Ziel der Kurden, aber sie leben nun damit, dass die Amerikaner die Bestrebungen der Kurden für ihre eigenen Interessen nutzen.

Man muss abwarten, wie es sich dort weiterentwickelt. Hinzu kommt, dass es in Afrin die Konfrontation mit der türkischen Armee gegeben hat, die auch zusätzlich zeigt, dass dieses kurdische Projekt tatsächlich verletzlich ist.

Die Kurden in Afrin werden inzwischen von syrischer Seite unterstützt. Die Lage ist insgesamt sehr kompliziert. Die PYD selbst — in ihrer inneren Struktur — hält natürlich an ihrem Projekt fest. Das bedeutet schon eine gewisse Demokratisierung, aber der Preis könnte sein, dass Syrien geteilt wird und die kurdischen Gebiete unter US-Kontrolle stehen.

Ich bedanke mich für das Gespräch.


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Nina Forberger wurde 2001 in der Nähe von Dresden geboren. Sie geht in die 11. Klasse eines Gymnasiums. Neben ihrem langjährigen Hobby, dem Tanzen, hat sie schon früh das Schreiben für sich entdeckt. Von der 8. bis zur 10. Klasse schrieb sie für die Schülerzeitung der Schule, fühlte sich dort allerdings eingeschränkt. Das politische Interesse kommt aus der Familie. Den letzten Anstoß zum kritischen Denken lieferte ihr das Buch von Fabian Scheidler „Das Ende der Megamaschine“. Über das Verfassen eigener Texte positioniert sie sich politisch. Sie möchte ihr Abitur bestehen und nach der Schule zunächst ein Jahr als Lehrerin im Ausland arbeiten. Was danach kommt, weiß sie noch nicht.

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