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Vertrauter Feind

Vertrauter Feind

Eine der Natur völlig entfremdete Gesellschaft wiederentdeckt das Märchen vom bösen Wolf.

Das „Fremde“ weist für Menschen offenbar nicht nur beim Migrationsthema bedrohliche und gefährliche Züge auf. Ein nützlicher „Migrant“ im Tierreich macht durch Schlagzeilen vermehrt von sich reden. Es ist der Wolf, der als Spezies seit etwa dem Jahr 2000 mit zunehmender Verbreitung wieder in unseren heimischen Wäldern und freien Brachen wie Truppenübungsplätzen in der Lausitz, der Lüneburger Heide und im Emsland auftaucht und sich wandernd verbreitet. Zu schnell und in zu großer Zahl ginge das vonstatten, wie nicht wenige inzwischen meinen.

Es sei an der Zeit, so die gestandenen Wolfskritiker, ihn, den in der EU streng Artengeschützten, wieder zum Abschuss freizugeben, oder wie das klinisch reine Fachwort vernebelnd sagt, in Problemsituationen der Natur „zu entnehmen“, als hätte man ihn da zuvor künstlich hineingestellt. Es gibt, wie in diesem Beitrag zu zeigen sein wird, inzwischen einen regelrechten artenfeindlichen Rollback gegen das Auftauchen des Wolfes.

Die Gegner und Feinde des Wolfes beschimpfen Wolfsfreunde als naive, gefährliche Naturromantiker, sie formieren sich und schlagen zurück. Der Wolf soll trotz gesetzlichen Schutzes in den Wäldern nicht mehr sicher sein. Schon zwischen 1840 und 1850, als man in Württemberg den Wolf gezielt ausrottete, führte man genau Buch mit Orten, Namen und Abschussquoten, für die Geld bezahlt wurde. Sind wir heute bald schon wieder soweit wegen einiger hundert Wölfe in Deutschland? Der Wolf, nur akzeptiert als ausgestopfte Trophäe in den Schauvitrinen von Museen?

Vom Einwanderer zum Störenfried und „Problemwolf“

Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ machte es letztlich möglich, dass seither Wölfe vermehrt nach Westen kommen. Früher drangen Einzeltiere als erkundende Reviersucher auch immer wieder von Polen aus auf DDR-Gebiet vor, wo es keine besonderen Grenzsperren gab, wurden aber dort konsequent bejagt und abgeschossen, um eine Ansiedlung zu verhindern. Seit 1992 ist der Wolf in Europa strikt artengeschützt und darf nicht bejagt werden. Das hat seine Zahl in ganz Europa wieder deutlich anwachsen lassen. Es gibt Wölfe nicht nur in Nord- und Osteuropa wie Schweden, Finnland, Polen, Weißrussland, Tschechien, Slowakei und Rumänien (Karpatenwolf), sondern auch in den spanischen Sierras, den Pyrenäen, im französischen Zentralmassiv und in den Vogesen; auch in den italienischen Abruzzen (Abruzzenwolf) und Alpen und mit vier nachgewiesenen Rudeln und einigen Wolfspaaren auch in der Schweiz. Deutschland ist also sozusagen von Wolfspopulationen „umzingelt“.

Wie als bedrohlicher „Invasor“ wird er auch mehr und mehr wahrgenommen und behandelt. In den Medien wird mit Schlagzeilen sensationsgierig die Angst geschürt, Wölfe könnten kleine Kinder bedrohen und anfallen oder alte, schwache Menschen auf der Straße überfallen.

In Niedersachsen hat ein Wolf auf dem Gelände eines Pflegeheims ein Schaf gerissen. Nun fühlen sich die Bewohner nicht mehr sicher. Ein anderes Tier näherte sich auf der Straße bis auf wenige Meter einem dreijährigen Mädchen und hätte es „angeknurrt“. Der sechsjährige Bruder konnte es, wie der Vater berichtet, noch rechtzeitig ins Haus zurückbringen.

Anzeichen eines Angriffs des fotografierten Tieres gab es jedoch nicht. Die Bremer Tageszeitung „Weser-Kurier“ führte Anfang Dezember 2018 im Rahmen ihrer Rubrik „Frage des Tages“ eine nicht repräsentative Umfrage durch und wollte von ihren LeserInnen wissen: „Haben Sie Angst vor möglichen Angriffen eines Wolfes?“ Von den 540 Rückmeldungen antworteten 26 Prozent mit Ja, 74 Prozent verneinten die Frage.

Wolfsangriff bei Bremen?

Ein ortsnaher Fall, der im November 2018 aus dem niedersächsischen 200-Seelenort Steinfeld, Landeskreis Rotenburg/Wümme nahe Bremen gemeldet und in den Medien hochgespielt wurde, erzeugte aufgescheuchte Bedrohungsängste. Dort soll sich ein Wolf von hinten an einen 55-jährigen Gemeindearbeiter, der einen Friedhofszaun reparierte, angeschlichen und ihn gebissen haben. Der Mann hätte das Tier mit einem Hammer abgewehrt und verscheucht. Leider meldete der Gebissene den Vorfall erst am nächsten Tag, nachdem er beim Arzt die vermeintliche Bisswunde behandeln ließ.

Genaue Spuren waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr festzustellen. Der Mann hatte von weiteren Tieren berichtet, die sich in einigem Abstand wartend aufgehalten und die Szene beobachtet hatten. Doch ist der Angreifer nun ein Wolf oder ein angriffslustiger, streunender Hund gewesen? Dies konnte letztlich nicht geklärt werden, denn die Experten für Wolfsgenetik des Referenzzentrums Senckenberg konnten aus den vor Ort von kundigen Vertretern des niedersächsischen Wolfsbüros gesammelten Haar- und Fellproben und dem hinterlassenen Biss des angeblichen Wolfes in die Jacke des Mannes keine spezifische Wolfs-DNA extrahieren.

Gefunden wurden lediglich Spuren von Reh, Hund und Katze. Also blinder Alarm? Wollte sich der Gebissene vielleicht nur wichtigmachen? Hatte er sich anderweitig verletzt und schob den Tierbiss mit einer erfundenen Story nur vor? Letztlich konnten die Ungereimtheiten nicht ausgeräumt werden. Die Version vom Wolfs-Angriff weist fragwürdige Züge auf, hält sich aber seither dennoch munter als Gerücht.

So wie sich der Fall darstellte, handelte es sich vielleicht eher um einen erschrockenen Reflexschnapper des Tieres denn um eine gezielte Attacke, oder sogar nur um das versuchte Spiel eines Jungtiers, wie der Jäger Jörg Lemmermann, Leiter des Hegerings des Nachbarortes Wilstedt, nach Lage der Dinge vermutete. Auch sprach der Angegriffene von weißer und schwarzer Fellfärbung der vier Tiere, was Wolfskenner an der Wolfsversion ebenfalls zweifeln lässt, da die Tiere ein grau-beiges Fell haben. Die örtliche Gemeinde traf sicherheitshalber Vorkehrungen: Der Bürgermeister ließ die Ortsbeleuchtung auf Dauerbetrieb umstellen, man installierte Fotofallen und warnte davor, allein in den Wald zu gehen oder Kinder draußen unbegleitet zu lassen.

Zu viel des Guten? Das verdächtige Wolfsrudel, das es seit Juli 2017 in der Gegend gibt, steht unter verschärfter Beobachtung mit Erfassung seiner Bewegungen. Die Region zwischen Zeven und Ottersberg ist teilweise bewaldetes Moorgebiet am Flüsschen Wörpe, wo sich die Naturschutzgebiete Stellingsmoor und Hemelsmoor befinden, die an den Ort Steinfeld grenzen. Auch existieren in nächster Nachbarschaft größere Flächen ohne Bebauung und durchführende Straßen, ideal für die Präsenz eines Wolfsrudels. Ein zweites Rudel soll nördlich von Bremen bei Schwanewede im Manövergelände der Garlstedter Heide sesshaft geworden sein. Bremens Umgebung ist damit offiziell Wolfsgebiet.

Partei- und Klientelpolitik gegen Wölfe

Träfe ein Angriff zu, müsste der Übeltäter — so die Vorschrift — gefunden und erschossen werden.

Gemäß einer norwegischen, in der TV-Sendung „Maischberger“ (1) zitierten Studie, mit der man über Jahrhunderte zurück Berichten über tödliche Wolfsangriffe nachgegangen war, sind seit 1950 in ganz Europa neun Menschen durch Wolfsangriffe getötet worden.

Davon gehen fünf Tote auf das Konto tollwütiger Tiere, die ihre natürliche Scheu verlieren und deutlich gefährlicher sind. Im Vergleich dazu sind tödliche Angriffe durch Hunde in Deutschland viel zahlreicher, man spricht statistisch von 0 bis 8 Fällen pro Jahr.

Auch durch Bisse tollwütiger Füchse kamen vereinzelt Menschen zu Schaden oder starben gar, doch ist diese Gefahr durch die orale Immunisierung der Füchse per Impfköder zwischen 1991 und 2008 so gut wie gebannt. Der Nachteil: Die Fuchspopulationen haben sich ohne natürliche Feinde seither etwa verdreifacht, da zum Beispiel große Greife wie Adler, die auch Jungfüchse schlagen, kaum mehr verbreitet sind. Dies wiederum stellt eine vermehrte Gefahr für bodenbrütende Vögel wie Kiebitz und Rebhuhn dar. Tollwut kann auch bei Huftieren wie etwa Wildschweinen auftreten und neuerdings bei Fledermäusen. Wildschweinangriffe auf Menschen durch Keiler und Bachen mit Frischlingen sind ebenfalls weit häufiger als Zwischenfälle mit Wölfen.

Dennoch ruft die starke Zunahme von Nutztierrissen durch Wölfe — 1.667 Fälle in 2017 in Deutschland (2) — nun die Politik auf den Plan. Niedersachsens SPD-Umweltminister Olaf Lies kündigte — sicher hauptsächlich wegen des einen dubiosen Falles bei Rotenburg/Wümme — wenig nachvollziehbar an, eine Lockerung und Freigabe des Abschussrechts für Wölfe unter bestimmten Voraussetzungen und unter Aufsicht der Behörden prüfen zu lassen. Als hätte man auf einen solchen spektakulären Anlass nur gewartet.

Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber von den „Freien Wählern“ hat einen weiterentwickelten „Aktionsplan Wolf“ vorgelegt. Dieser soll die Belange der Weidewirtschaft stärker berücksichtigen und sich durch die Prüfung einer Kommission den Schutzmöglichkeiten für Nutztiere widmen, zum Beispiel durch Weidezäune auch im Hochgebirge. Schäden durch Wölfe sollen „vollumfänglich“ ausgeglichen und als „letztes Mittel“ der Abschuss von auffälligen Tieren freigegeben werden. Und das alles zu einem Zeitpunkt, da es in Bayern außer im abgetrennten Nationalparkgehege Bayerischer Wald kein einziges frei lebendes Wolfsrudel gibt und bisher allenfalls Einzeltiere verstreut unterwegs sind, die aus dem böhmischen Teil des Bayerwaldes kommen.

Kommt die „Lex Wolf“?

Der Wolf hat es aktuell schon geschafft, bis in Bundestagsdebatten vorzudringen. Die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag will den Schutzstatus für Wölfe lockern, ebenso wie die FDP entsprechende eigene Anträge verfolgt, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Während Grüne und Linke sich in der Regel zu Anwälten des strengen Wolfsschutzes machen und das Thema pragmatisch angehen. Denn wer will verantworten, dass abgeschossene männliche Leittiere im Rudel, oder sogar Fähen, die gerade ihre Würfe großziehen, verwaiste Welpen hinterlassen, die dann ohne Ernährer elend zugrunde gehen?

In Fällen übergriffiger sogenannter Problemwölfe rückt man Meister Isegrim in Schleswig-Holstein, am Niederrhein und in Niedersachsen bei Nienburg/Weser (Rodeberger Rudel) jedoch bereits mit Abschussfreigaben auf den Pelz. Das Thema Rückkehr der Wölfe scheint nun endgültig zum Politikum und Gegenstand ideologischer und populärer Erwägungen statt nüchterner, sachlicher Betrachtung und Entscheidung geworden zu sein.

Der bekannte Tierfilmer und Naturschützer Andreas Kieling hat kein Verständnis für die ganze Hysterie und Angst wegen des Wolfs. Er verweist im Maischberger-Talk darauf, wie viele Kinder zum Beispiel bei Verkehrsunfällen oder in der Landwirtschaft umkommen.

Und dass wir uns nicht daran stören würden, selbst Schafe und Bocklämmer zu töten und zu essen. Seine eigenen Begegnungen mit Wölfen in freier Wildbahn seien wegen der großen Scheu der Tiere meist nur von kurzer Sekundendauer gewesen.

Auch die SPD-Bundesumweltministerin Svenja Schulze folgt den Bemühungen ihrer Koalitionskollegen von der Union und will den Abschuss von Wölfen erleichtern. Gegenüber der Bild am Sonntag vom 3. März sagte sie, ihr Ziel sei eine entsprechende Änderung des Naturschutzgesetzes: „Wenn Wölfe mehrfach Schutzzäune überwinden und Menschen zu nahe kommen, muss man sie auch abschießen dürfen. Das will ich mit einer ‚Lex Wolf‘ klarstellen.“ Ein Wolf soll demnach künftig bereits dann geschossen werden dürfen, wenn er „ernste landwirtschaftliche Schäden“ verursache. Mit solch schwammigen Formulierungen wird der Willkür Raum gegeben und die Hemmschwelle herabgesetzt. Zudem wird mit einer geänderten deutschen Gesetzesregelung die EU-Artenschutzbestimmung unterlaufen und ausgehebelt.

Der Mensch gehört nicht ins Beuteschema

Wölfe, die sich sehr nahe an Menschen herantrauen, wären gegen jede bisherige Erkenntnis ein Novum, eine Steigerung für die grassierende Bedrohungsparanoia. Bekannt ist, dass auf Truppenübungsplätzen Wölfe sich weder vom Lärm schweren Militärgeräts noch von der Präsenz von Soldaten beeindrucken lassen und sich bis auf wenige Meter bemannten Fahrzeugen nähern. Normal sei dieses Verhalten nicht, sagen Kenner. Es hat wohl damit zu tun, dass die Tiere ihre Scheu ablegten, weil sie von Soldaten angefüttert wurden.

Ebenfalls im Niedersächsischen ist nach einer Meldung mit Handy-Filmbeweis unlängst ein Wolf an einem Kindergarten vorbeigetrabt, ohne freilich sich der lieben Kleinen, wie einst im Märchen, verspeisend anzunehmen. Nein, er lief nur vorbei und davon. Meistens sind dies einjährige Jungtiere, die nach Verlassen des Familienverbands als Wanderwölfe auf der Suche nach einem eigenen Revier und zudem neugierig sind. Aber das wurde umgehend als Bedrohung von Kindern aufgebauscht und sozialmedial verbreitet.

Man bezieht sich auf Berichte aus früheren Jahrhunderten über Wölfe, die Kinder angriffen und fraßen. Die Tollwut war damals noch weit verbreiteter und häufiger. Kinder wurden in jenen Zeiten in Wald und Fluren häufig allein als Hirten eingesetzt, sie hüteten Schafe, Ziegen und Rinder und wurden so vermutlich zum Ziel von Wolfsattacken, wie die Wolfsexpertin Gesa Kluth weiß (3). Wölfe werden dann eher übergriffig, wenn ihre natürliche Beute knapp wird. Wie dies zum Beispiel im Dreißigjährigen Krieg der Fall war, als die Landsknechte den Menschen durch Plünderei und Räuberei ihre Nahrungsreserven wegnahmen.

Als Folge davon wurde in den Wäldern, die meist Grafen, Baronen oder Klöstern gehörten, übermäßig gewildert, was heimische Schalenwild-Arten extrem dezimierte. Auf Schlachtfeldern, wo tote Menschenleiber wochen- und monatelang unbestattet herumlagen und verwesten, fanden Wildschweine, Wölfe, Bären, Füchse und Raubvögel immer wieder genug menschliche Überreste, um sich daran gütlich zu tun, und kamen „auf den Geschmack“. Das ist heute alles nicht mehr der Fall, sagt Gesa Kluth. Man kann es nicht häufig genug wiederholen und unterstreichen: Der Mensch, ob groß oder klein, dick oder dünn, krank oder gesund, gehört, wie Wildbiologen einhellig sagen, nicht in das Beuteschema des Wolfes.

Aktuell bis zu 730 Wölfe

Es stimmt und kann vorkommen, dass Wölfe sich in Siedlungen zeigen, durch Dörfer laufen und sogar in städtischen Randbezirken auftauchen, wie es Füchse und Wildschweine in ganzen Rotten in Berlin schon lange tun. Das ist dort, wo es Wölfe in Osteuropa schon immer gab und wo man sie nie ganz ausrottete, nichts Ungewöhnliches. Abgesehen davon, dass bei uns Begegnungen mit Wölfen seit langer Zeit schon außergewöhnlich geworden sind, liegt das Problem aber auch oft darin, dass sich Einzelgänger auf ihren Wanderungen verirren und dann nur schwer wieder aus eingefriedeten Wohnbereichen herausfinden. Es stimmt auch, dass es, vor allem bei Herden von Schafen, immer wieder zu Wolfsangriffen kommen kann, und das vermehrt, weil die Population des Einwanderers in Deutschland kontinuierlich zunimmt.

Das Wolfsmonitoring, also die fortlaufende Beobachtung und Zählüberwachung hierzulande, ist nicht hundertprozentig verlässlich, was die derzeit angenommene Zahl betrifft. 2018 wurden 73 Rudel gezählt, vor allem in Ost- und Norddeutschland, vereinzelt auch in Nordrhein-Westfalen. Das sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 13 Rudel mehr und — hochgerechnet bei durchschnittlich sechs bis zehn Rudelmitgliedern — ungefähr zwischen 438 und 730 Wölfe. Hinzu kommen noch einige Wolfspaare ohne Anhang. Eine andere Zählart geht nur von bis zu fünf Tieren pro Rudel aus, die Zahl wäre dementsprechend niedriger. Für Europa werden neben 117.000 Goldschakalen, die vereinzelt auch schon in Deutschland gesichtet wurden und die zu den engen Wolfsverwandten gehören, etwa 17.000 Wölfe geschätzt.

Was tun bei einer Sichtung oder Begegnung?

Es wird von Nationalpark-Rangern und WolfsmanagerInnen derzeit viel getan an Forschung, Aufklärung und Information über die noch recht frische Präsenz des Wolfes bei uns. Es gibt landauf landab mehr und mehr „Kontaktbüros Wolf“ und Referenzzentren, aber auch Einrichtungen wie der Wildpark Bad Mergentheim mit seinen kanadischen Timberwölfen oder das private Wolfcenter Dörverden bei Bremen, wo es Wolfsgehege gibt. Man kann in Dörverden in abgestufte Nähe zu den Tieren gelangen, vom Betrachten hinterm Zaun bis hin zu Aufenthalten für eine halbe Stunde im Gehege, verbunden mit Fütterung, wofür zusätzliche Gebühren gezahlt werden müssen. Auch ganztägige Wolfsseminare und Führungen für Gruppen, zum Beispiel Schulklassen, werden angeboten. Wolfsschützer wie Michael Glock aus dem badischen Lahr sind bundesweit zu „Wolfsbrennpunkten“ unterwegs, um mit betroffenen Nutztierhaltern zu sprechen, bei Veranstaltungen zu informieren und selbst Wölfe in freier Wildbahn zu beobachten.

Es existieren Infoblätter, denen zu entnehmen ist, wie man sich zum Beispiel richtig verhält im Fall von Begegnungen und Sichtungen von Wölfen bei Spaziergängen und Aufenthalten in der freien Natur, was bei dem sehr scheuen und vorsichtigen Räuber selten genug vorkommt. Man sollte ruhig stehen bleiben, nicht weglaufen, direkten Blickkontakt vermeiden, sich groß machen und laut rufen, dann ergreift ein Wolf die Flucht und ist im Nu im nächsten Unterholz verschwunden. Er hält respektvoll deutliche Distanz zum Menschen, auch weil die vom Menschen drohende Gefahr nach Jahrtausenden der Erfahrung aus Jagd und Verfolgung in seinem Genpool verankert ist.

Bezeichnenderweise kommt Vermittlung und Hilfe denn auch nicht von berufs- oder hobbymäßigen Revierjägern, die man leider überwiegend zur Fraktion der Wolfsgegner zählen muss, obwohl sie Heger und Pfleger der gesamten Wildfauna sein sollen und wollen, der sie mit ihren automatischen Jagdbüchsen nachstellen. Doch nicht einmal da ist der Wolf ein ernsthafter Konkurrent der Fans der Jagd nach Rot- oder Schwarzwild, seiner häufigsten Nahrungsquelle. Wölfe erbeuten junge, alte, kranke oder verletzte Exemplare und erweisen sich so als Gesundheitspolizei in Wald und Flur. Ähnlich wie auch der neu bei uns beheimatete Luchs, der kein Rudeltier, sondern ein Einzelgänger ist — Europas größte Raubkatze und noch scheuer als der Wolf.

Der Wolf kam von allein

Kommt es vielleicht tatsächlich nicht von ungefähr, dass der Wolf mehr und mehr wieder zum Feindbild wird? Er komme aus dem Osten zu uns, er bedrohe die Herden von Nutztierhaltern, heißt es. Er passe nicht mehr in unsere „Kulturlandschaft“, schert sich nicht um „Leitkultur“, hält sich nicht an Regeln. Er ist einfach nur wieder da, weil die Grenzen des „Eisernen Vorhangs“ nicht mehr existieren oder sehr durchlässig geworden sind, nicht nur für Menschen.

Man sieht, es gibt durchaus Parallelen zum Status menschlicher Zuwanderung.

Und — auch das hat der Wolf gelernt — weil er bei uns nicht bejagt wird, wie zum Beispiel in Russland mit geschätzten 40.000 geschossenen Tieren pro Jahr! Niedersachsens SPD-Umweltminister Lies bringt im Fall des unbewiesenen Steinfelder Wolfsangriffes bereits eine „Obergrenze“ von maximal 1.000 Wölfen in Deutschland ins Gespräch, dann müsse Schluss sein. Obergrenzen, das klingt eigentlich nach Innenminister Seehofers unfreundlicher Migrationspolitik gegen Flüchtlinge.

Wolfsintelligenz

Wölfe durchschwammen die Oder, um auf deutsches Gebiet zu gelangen. Sie sind orientierungsschlau und nutzen Brücken und Lücken in den Grenzsicherungen. Sie überwinden sprungkräftig Elektroschafzäune von 90 Zentimeter Höhe ohne Problem oder graben sich unter den Zäunen durch. Sie suchen, bis sie die Löcher in Absperrungen finden, durch die sie hindurchschlüpfen können. Wir haben es mit einem intelligenten Gegenüber zu tun, als Einzelwesen und im Kollektiv, dessen Leittiere ihre Jagdtechniken an den Nachwuchs weitergeben. Mit einem Gegenüber, das sich nur ähnlich verhält wie seine nächsten Verwandten, die Hunde, denen es mit seinen Sinnen und Instinkten aber weit überlegen ist, ebenso wie in seinem sozialen Verhalten.

Wölfe sind äußerst familien-, das heißt rudelbezogene Tiere, sie zeigen große Fürsorge. In größeren Rudeln sind meist ein bis zwei Jährlinge und auch weibliche Ammenwölfe, die den Nachwuchs mitsäugen und sich erzieherisch der Welpen annehmen, wenn die Alpha-Wolfseltern mitunter stundenlang unterwegs sind, um Beute zu machen. Sie sind Spielpartner und Aufpasser zugleich und wenn die Kleinen zu übermütig und frech werden, gibt es schon mal zurechtweisende, leichte Bisse, Rempler und Faucher, bis die Jungen durch ihr sofortiges Wehgejaule bei ihren älteren Geschwistern und Ersatzmüttern die Beißhemmung auslösen. Etwas, das dem Menschen übrigens abgeht, der es in Aggressionshandlungen fertigbringt, einen Unterlegenen noch weiter zu malträtieren.

Wachstum und weitere Verbreitung

Wölfe verbreiten sich in Deutschland derzeit von Osten her nach Norden und Westen. Die Mitte und der Süden Deutschlands sind noch so gut wie „wolfsfrei“, obwohl man im Schwarzwald einmal einen toten Wolf fand, der genetisch nachweisbar von einer Wolfsfähe im ostdeutschen Gartow abstammte. Bekannt wurde auch der Fall eines Wolfsrisses von 44 Schafen beim Nordschwarzwälder Ort Bad Wildbad, wo der Wolf über eine nicht gesicherte Flanke an einem Fluss in eine Herde eindrang.

Wölfe sind Ausdauerläufer und können in einer Nacht zwischen 50 bis 70 Kilometer zurücklegen. Tauchen im Südwesten oder Süden also einzelne Tiere auf, kommen sie nicht unbedingt aus der Lausitz. So gibt es wieder einzelne Wölfe in den belgischen Ardennen und französischen Vogesen, auch im französisch-schweizerischen Jura. Und es könnte sein, dass sie in Bayern auftauchen, vom Balkan kommend in den Bayerischen Wald oder aus Norditalien über die Schweiz als Landbrücke in den südwestdeutschen Mittelgebirgsraum und das Alpenvorland zwischen Bodensee und Chiemgau.

Die gegenwärtige, teilweise aufgescheuchte Wolfsdebatte dreht sich nach fast 20 Jahren kaum noch darum, dass der Wolf wieder präsent ist in unserer Natur, sondern um die Frage, wie und bis wohin er sich noch weiter verbreiten wird und ob dieser Entwicklung ab einer bestimmten erreichten Zahl der Wolfspopulation künstlich durch Bejagung oder Sterilisation gefangener, betäubter Tiere Einhalt geboten werden soll. Man dürfte dann 1.000 oder 2.000 Tiere sehr bald wieder ausgerottet haben. Weniger vertraut wird darauf, dass sich Tierbestände in der Natur auch nach bestimmten Regeln und Gesetzmäßigkeiten selbst regulieren und in Balance bringen, wenn der Mensch nicht eingreift.

Da der Wolf sehr anpassungsfähig ist und ihn auch eine gewisse nachbarschaftliche Nähe zum Menschen und dessen Infrastruktur durchaus nicht schreckt, wird er sich in vielen Aspekten den vorgefundenen Bedingungen von „Habitaten“, also natürlichen Lebensräumen, anzugleichen suchen. Einer der wichtigsten Faktoren neben dem ausreichenden Nahrungsangebot ist die Beschaffenheit der Wolfsgebiete, die ein Überleben sichern oder nicht. Von daher wird es immer genügend Flächen geben, in denen Wölfe sich schlecht ansiedeln und heimisch werden können und folglich auch nicht wohlfühlen.

Wölfe bald in fast ganz Deutschland?

In der Regel hat eine „wolfsfeindliche“ Umgebung eine relativ dichte ländliche oder städtische Besiedelung, wo Wald und Dickicht und damit Wildrefugien fehlen und es wenig Beutetiere gibt. Einen Hinweis gibt auch die jährliche Entwicklung der Anzahl Rudel: 2010 waren es sieben, 2013 achtzehn, 2014 fünfundzwanzig und 2017 sechzig. Das Anwachsen nimmt in kürzeren Abständen deutlich zu. Modellrechnungen der Biologen Ilse Storch und Dominik Fechter an der Universität Freiburg (4) gehen von 400 bis 1.200 Rudeln und 2.000 bis 6.000 Tieren aus, die in Deutschland Platz hätten. Aber das allein bleiben vage Werte. Weitere Parameter kommen hinzu, die Storch und Fechter untersuchten. So beansprucht ein Rudel etwa 200 Quadratkilometer Fläche, zehn davon sollten ganz frei von Straßen und Siedlungen sein.

Bei angenommenen 400 Rudeln wären die Wölfe verteilt auf 80.000 Quadratkilometer Fläche, was weniger als einem Viertel der Fläche Deutschlands entspricht. Wölfe sind zwar „Generalisten“, das heißt sie können sich an sehr viele unterschiedliche Faktoren anpassen. Aber die Präferenz für Wald und natürliche Deckung steht weit oben. Ausschlaggebend ist das Verhältnis zwischen Waldflächen, Buschland, Weideflächen, Heide und Flächen ohne städtischen Charakter. Es wurden aber auch schon Wölfe in präsenter Nähe zu Mülldeponien registriert.

Grundsätzlich gilt: je mehr Wald und Unzugänglichkeit, desto mehr Wolf in potenzieller Ansiedlung. Betrachtet man die Habitats-Eignung der verschiedenen deutschen Landschaften, so könnten Wolfspopulationen sich in Gebieten innerhalb eines breiten Streifens von Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg über Sachsen-Anhalt bis Niedersachsen, NRW, Thüringen, Hessen, Bayern und Schwarzwald auf Dauer halten. Einzeltiere wurden schon südlich von Köln, im Bayerischen Wald, im Schwarzwald und in den deutschen Alpen gesichtet. Als wissenschaftlich angenommene Faustregel für gewahrte Distanzen — also den notwendigen „Puffer“ — zwischen Wolf und menschlicher Zivilisation gelten mindestens 250 Meter bis 2,5 Kilometer Abstand zu befahrenen Straßen und 500 Meter bis 3,5 Kilometer zu Siedlungen. Man erkennt, das ist relativ nah und dicht.

Ein weiterer natürlicher Regulierungsfaktor ist das Nahrungsangebot. Einem Rudel wird pro Jahr die Beute von 400 Rehen, 54 Hirschen und 16 Wildschweinen zugeschrieben, wie man durch Untersuchungen von Rückständen in Wolfslosungen feststellte. Das gibt der in Europa wildreichste deutsche Wald locker her, begrenzt aber durchaus die Ausbeute der Revierjäger. Nur etwa ein Prozent beträgt der Anteil von Nutztieren am Nahrungsaufkommen der Wölfe, das ist bei weitem tolerierbar und schon gar kein Grund für Aufregung, Panik und jagdgesetzliche Anpassungen.

Nutztiere schützen und Halter besser entschädigen

Alles Notwendige ist im Grunde auch gesagt und bekannt, was Nutztierhalter gegenüber Wolfsbedrohungen unternehmen können. Angefangen von aufmerksamen Schutzhunden bis zu Eseln unter den Herden, die der Wolf anzugreifen fürchtet, weil sie kräftig nach hinten ausschlagen, ihm mit harten Huftritten übel zusetzen können und den Wolf nicht fürchten. Die Subvention höherer Elektrozäune — statt 90 Zentimeter bis 1,50 Meter — die auch ein Wolf nicht mehr im freien Sprung überwindet, sondern schmerzhaft im Zaun landet, ist zu verbessern.

Es kommt auch vor, dass Wölfe sich unter bestimmten Bedingungen unter Zäunen hindurchgraben, deshalb reichen auch hohe Zäune allein nicht aus und es müssen zusätzlich Schutzhunde mit im Pferch sein. Nutztierhalter bekommen für Schutzmaßnahmen generell nur bestimmte Pauschalsummen bis 15.000 Euro in drei Jahren. Ein Elektrozaun allein kostet bis zu 2.000 Euro, wovon für eine größere Herde mehrere benötigt werden.

Schadensfälle durch Wolfsrisse müssten unbürokratischer gehandhabt und schneller geregelt werden. Im Einzelnen wird man hier noch zu Verbesserungen kommen müssen, vor allem bei der finanziellen Unterstützung von biologischen Schutzmaßnahmen wie den mehrere tausend Euro teuren Herdenhunden, die von Geburt an in einer Schafherde aufwachsen und ihre wolligen „Artgenossen“ bis aufs Letzte verteidigen.

Auch für die Haltung mit bis zu 2.500 Euro pro Hund und Jahr und weitere zusätzliche Kosten müssen Nutztierhalter in Wolfsgebieten durch deutlich bessere Zuschüsse unterstützt werden. Denn wo solcher Aufwand existiert — und das muss der Tierschutz wert sein — lernt der Wolf, nicht mehr anzugreifen. Zu unkalkulierbar ist für ihn das Risiko, gegenüber den furchtlosen und großen, kräftigen Hütehunden den Kürzeren zu ziehen.

Zu einem Problem entwickelt sich eine bestimmte illegale „Bürgerselbsthilfe“ gegen Wölfe. Im Schluchsee im Südschwarzwald fand man einen aufgedunsenen Wolfskadaver im Wasser treibend. Die Freiburger Staatsanwaltschaft ermittelte letztlich neun in Frage kommende verdächtige Personen, stellte aber dennoch mangels Beweisen das Verfahren ein.

Offiziell sind bisher 35 illegale Wolfstötungen verzeichnet. Die Wölfe wurden vergiftet, erschossen oder in Schlingen gefangen und erdrosselt. Die Urheber drapieren nicht selten liegengelassene tote Tiere demonstrativ mit bestimmten Zeichen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Die Dunkelziffer solcher Fälle dürfte noch höher sein. Die Wolfsgegner fordern wolfsfreie Zonen.

Auch der Straßenverkehr erweist sich als „Helfer“ bei der Wolfsdezimierung. Vor wenigen Jahren waren es schon über 70 überfahrene Tiere, inzwischen dürfte die Zahl von 100 deutlich überschritten sein. Wir geben jedes Jahr zig Milliarden Euro für unnütze Aufrüstung und Armeen aus, aber der Staat stellt sich knausrig an, wenn es in überschaubarer Dimension um Tier- und Naturschutz geht. Die beste Gewähr, den Wolf vom Herdentier fernzuhalten ist, ihm in freier Natur seine Beute in genügender Zahl zu gönnen.

Und da sind wieder unsere Jäger gefragt, nicht alles abzuschießen, was auch für den Wolf in Frage käme. Nie würde ein Wolf einen ausgewachsenen Wildschweineber als Beute angreifen oder einen stattlichen Hirsch. Selbst von großen Hirschkühen hält er sich fern, während Rehe schon häufiger seinen Speisezettel bereichern. Wir haben es also auch mit in der Hand, zu welchen Übergriffen auf Herdengut des Menschen es durch Wölfe kommt.

Wie das Wolfsmanagement relativ zuverlässig errechnet hat, hätte es in Deutschland Platz für bis zu 400 Rudel und maximal 4.000 Tiere. Wie wäre es, in der Eifel, im Teutoburger Wald, Westerwald, Hunsrück, Taunus, Pfälzer Wald und Spessart, in der Rhön, im Harz, auf der Schwäbischen Alb, im Schwarzwald, Thüringer Wald, Fichtel- und Erzgebirge wieder Wölfe schaurig schön heulen zu hören?


Quellen und Anmerkungen:
(1) Maischberger-TV-Talk: „Rettet die Biene — schützt den Wolf. Was ist uns der Naturschutz wert?“ ARD, 27.2.2019, Wdh. in MDR, Tagesschau 24 und 3sat.
(2) Ebenda
(3) SWR-Dokumentation Planet Wissen: Gesa Kluth kämpft für die Rückkehr der Wölfe, 21.10.2014, Wdh. 09.10.2015
(4) Holger Dambeck: Wie viele Wölfe verträgt das Land? Spiegel Online, 1.6.2018 (m. Grafiken von Anna van Hove); https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/woelfe-in-deutschland-wie-viele-rudel-vertraegt-das-land-a-1209993.html

Weitere Informationen
Die Rückkehr der Wölfe — schießen oder schützen?“ TV-Dokumentation von Martin Klein (D 2018); https://www.swrfernsehen.de/mensch-leute-die-rueckkehr-der-woelfe-schiessen-oder-schuetzen/-/id=122610/did=22094750/nid=122610/gmrkfp/index.html.
Eckard Fuhr: Rückkehr der Wölfe. Wie ein Heimkehrer unser Leben verändert. München 2016.
Erik Zimen: Der Wolf. Verhalten, Ökologie und Mythos. München 1990 (Standardwerk)

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