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Unterwegs in den Wäldern

Unterwegs in den Wäldern

Antworten auf die Probleme unserer stürmischen Zeiten können wir zwischen den robusten Baumstämmen unserer alten Wälder finden.

In Collm steht die älteste, circa tausendjährige Sommerlinde Sachsens. Belegt ist das vor ungefähr 800 Jahren, als im 12. und 13. Jahrhundert die Meißener Landgrafen hier die oberste Gerichtsbarkeit ausübten. Dies waren Gerichtsversammlungen nach germanischem Recht, wo über Leben und Tod sowie Besitzstreitigkeiten entschieden wurde.

Der Baum ist heute wieder in einem guten vitalen Zustand und wird zum Beispiel von der Langohrfledermaus als Tagesunterkunft genutzt. Diese Linde ist wirklich ein beeindruckender Baum, bei dem man sich oft wünschen würde, dass er erzählen könnte, was er in den letzten tausend Jahren alles erlebt hat.

Bäume sind wunderbare Geschöpfe. Nicht nur, weil sie das Klima unserer Erde schützen, Schadstoffe aufnehmen und Sauerstoff an die Umwelt abgeben, Schatten spenden und Nahrungsquelle für viele Tierarten sind, sondern auch, weil sie in ihrer Beständigkeit, in ihrer Verwurzelung mit Mutter Erde, ihrer nahezu kompletten Unverwüstlichkeit uns Menschen Kraft spenden. Dass Bäume untereinander kommunizieren, ist hinlänglich bekannt. Dass sie vielen Tierarten eine Heimat bieten und auch mit Pilzen, Flechten, Moosen und anderen Organismen eine Gemeinschaft bilden, ist kein Geheimnis mehr.

Obwohl wir Menschen mittlerweile so viel über Bäume und Wälder wissen, ist es uns scheinbar nicht möglich, mit ihnen in friedlicher Koexistenz zu leben. Täglich werden Wälder aus Profitgier gerodet, Bäume in Nachbarsgarten gefällt, weil die Früchte oder herabfallendes Laub Arbeit oder einfach nur Ärger machen.

Aktuell hört man sie wieder, die unermesslich lauten Laubbläser, die viele, meist unsichtbare, Kleinstlebewesen töten.

Unterwegs in den Wäldern des Muldentals sieht es nicht besser aus. Wanderwege, die zerfurcht von schweren Forstmaschinen sind. Die Trockenheit der letzten Jahre tut ihr Übriges: Waldsterben, tote, entwurzelte Bäume, wohin man schaut. Es gibt nur noch wenige intakte Stellen, an denen man als Waldbesucher das Gefühl hat, dass hier die Bäume noch vital sind. Wo man noch Spuren von Wildtieren findet und man dem Gesang der Vögel lauschen kann.

Besonders jetzt im Herbst bin ich auf der Suche nach Ruhe. Ich möchte das Farbenspiel der Herbstblätter beobachten, hören, wie der Wind in die Bäume fährt und die Blätter in der Herbstsonne leuchtend und wirbelnd zu Boden fallen. Manchmal knallt es laut, wenn Eicheln auf harten Untergrund fallen. Wir haben in diesem Herbst wieder ein Mastjahr, es gibt Kastanien und Eicheln in Hülle und Fülle. Was sich nach Überfluss anhört, bedeutet für die Bäume zwar eine gute Verbreitung ihrer Samen, aber auch einen höheren Energiebedarf und Stress.

Nach dem regenreichen September schießen die Pilze aus dem Boden. Überall riecht es wunderbar nach dem herrlichen und typischen Pilzaroma. An einer meiner Lieblingsstellen stehen in diesem Jahr Hunderte von Fliegenpilzen. Dabei ist so schön zu sehen, wie junge Pilze aus dem Boden schießen und die älteren sich in ihrer Vergänglichkeit zeigen.

Wenn ich mit meiner Kamera in die Wälder ziehe, dann schöpfe ich daraus unendlich viel Kraft. Ich möchte das Vergängliche in seiner Schönheit zeigen, das Mystische entdecken. Auch nach all den Jahren finde ich neue Motive. Wie schön sind Fliegenpilze, wenn sie wieder vergehen. Am Anfang strotzen sie vor Kraft mit ihrer leuchtend roten Haube. Doch das Glück währt nicht lange. Schon nach wenigen Tagen werden die Pilzhüte braun. Die meisten Menschen würden diese Pilze als hässlich empfinden, doch das sind sie keinesfalls.

Es gibt sie noch, die vielen kleinen ursprünglichen Waldstellen, die ihre Geheimnisse wahren und die es mit meiner Kamera zu erforschen gilt. Es ist unglaublich, wie viele Mysterien unsere Wälder in sich bergen. Ein sterbender Fliegenpilz ist bei genauer Betrachtung immer noch voller Schönheit und Anmut.

Ästhetischer kann Vergänglichkeit nicht sein. Ich könnte stundenlang davorsitzen und nur beobachten. Oft tue ich es, weil ich nur hier abschalten und zur Ruhe kommen kann.

Doch selten bin ich ganz alleine. Ich wünsche mir oft, dass vor allem die an mir vorbeirasenden Radfahrer oder Waldjogger sich ein paar Minuten Zeit nehmen würden, um mit der Natur in Verbindung zu treten. Die Nähe zur Natur ist ein erhabenes, wunderbares Gefühl, das die urbanen Gebiete mit ihren versiegelten Flächen, ihrem Lärm und Schmutz nicht bieten können. Es tut gut, die Sensibilität zu besitzen, die Schönheit der einfachen Dinge sehen zu können.

Ich würde diesen Menschen gerne erzählen, wie wichtig es ist, die Natur und sich wieder selbst zu spüren, und all ihre Sinne für deren Schönheit zu öffnen. Und sie fragen: Riechst du die Waldpilze, das vermodernde Laub? Schmeckst du die waldige Süße der späten Waldbrombeeren? Hörst du die Wellen des nahegelegenen Sees, das Plätschern des Wassers? Hörst du gegen Abend die vorbeiziehenden Zugvögel, die sich laut schnatternd auf dem See zur Nachtruhe begeben? Fühlst du die Weichheit von Moos, die scharfen Kanten der trockenen Tannenzapfen? Siehst du die Tränen der Wälder, die Harztropfen, die die Wunden der Kiefernrinden golden verschließen?

Du kannst das Kiefernharz und Kiefernnadeln zum Räuchern sammeln und dir damit die desinfizierende Apotheke des Waldes nach Hause holen. Aber du brauchst Zeit und Muße dafür. Nicht überall lässt sich der Wald seine Geheimnisse auf die Schnelle entlocken.

Wer gerne Speisepilze sammeln geht, weiß, wo sie sich mitunter verstecken und wie sie sich tarnen. Wie oft läuft man sehenden Auges an ihnen vorbei, weil sie mit dem Waldboden optisch verschmelzen.

Ich bin immer wieder fasziniert, wie raffiniert die Natur ist. Wie unglaublich schön, sensibel, und trotzdem voller Widerstandkraft und oft auch Härte. Ja, die Natur zu überromantisieren, andere Lebewesen zu vermenschlichen sollten wir unterlassen. Wir sind Teil der Natur und sollten nicht annehmen, dass wir sie mit unserer Technik, unserer digitalen Welt beherrschen können.

Die überlieferte Vorstellung aus vergangenen Jahrhunderten, dass wir uns die Natur untertan machen sollen, ist ein Irrglaube und wird uns teuer zu stehen kommen. Ich wünsche mir so sehr, dass wir Menschen das große Ganze in unserer Welt verstehen lernen. Und das Gefühl in uns zulassen, sich selbst als Teil der Natur wahrzunehmen und sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu werden.

Ewiges Wachstum und Unsterblichkeit werden unerfüllte Träume bleiben. Wenn wir das erkennen, ist es vielleicht wieder möglich, dass wir friedlich zusammenleben, die Natur bewahren und uns an ihren wundervollen Kleinigkeiten jeden Tag erfreuen. Bis dahin scheint es noch ein langer Weg zu sein, aber wir sollten die Hoffnung, vor allem für unsere Kinder und Enkelkinder, nicht aufgeben.


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Fotos: Jana Mänz



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