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Unter Waffen

Unter Waffen

In Zeiten tiefer Verunsicherung steigen die Waffenkäufe in den USA massiv an. Teil 1/2.

Sie haben Angst. Große Angst. Angst vor den anderen. Angst vor brandschatzenden Randalierern. Angst vor der Polizei. Angst vor der Abschaffung der Polizei. Angst vor Weißen. Angst vor Schwarzen. Angst vor Republikanern. Angst vor Demokraten. Angst vor der Maske. Angst vor Maskenverweigerern. Angst vor der Impfung. Angst vor nicht Geimpften. Angst vor Lebensmittelmangel. Angst vor Benzinknappheit. Angst vor Bewaffneten. Angst vor Waffenverboten. Angst vor einem Bürgerkrieg.

Und so bewaffnen sie sich. Bewaffnen sich, wie nie zuvor. Denn immer mehr Menschen, die vorher nie mit Waffen Kontakt hatten, werden zu Waffenkäufern. So kommt eine neue Angst hinzu: Die Angst vor Waffen- und vor allem Munitionsknappheit.

„Ist Munition das neue Toilettenpapier?“, fragte der Houston Chronicle, Texas‘ größte Tageszeitung, am 2. März 2021 und berichtete von leeren Regalen und bereits vor Geschäftsöffnung Schlange stehenden Kunden.

Die Munitionsknappheit werde durch einen Anstieg der neuen Waffenbesitzer angetrieben. Industriedaten und Schusswaffen-Hintergrundkontrollen zeigen, dass im Jahr 2020 fast 23 Millionen Schusswaffen gekauft wurden, so Small Arms Analytics, eine Beratungsfirma mit Sitz in Greenville, South Carolina. Das ist ein Anstieg von 65 Prozent im Vergleich zu 2019, als laut Small Arms Analytics die Verkaufszahl bei 13,9 Millionen Waffen lag.

8,5 Millionen Amerikaner erwarben im Jahr 2020 zum ersten Mal eine Feuerwaffe, so die National Shooting Sports Foundation (NSSF). Laut NSSF verkauften im Jahr 2020 viele von der Organisation befragte Waffengeschäfte 40 Prozent der Waffen an Personen, die noch nie eine Waffe besessen haben.

Zaideh Farhat, Manager bei Greenacres Sporting Goods, einem Waffenhändler aus Jacksonville in Florida, berichtet über die Munitionsknappheit:

„Wir müssen über andere Kanäle gehen und im Grunde genommen darauf bieten. Wir kaufen sie von verschiedenen Quellen, kaufen sie auf dem privaten Markt, zahlen, was auch immer der Markt dafür verlangt — plus Versand. Wir müssen nun das Drei- bis Vierfache des normalen Preises für Munition und für einige Kaliber zahlen. Der Laden besteht seit 50 Jahren. Ich bin seit über 20 Jahren in Vollzeit hier, und ich habe so etwas noch nie erlebt. Am beliebtesten ist Pistolenmunition, wie 9mm und .380. Die haben wir zwar auf Lager, aber dafür müssen wir am meisten bezahlen. Wir teilen nun den Inhalt von Munitionskisten bestimmter Kaliber in kleinere Mengen auf, um sie für die Kunden günstiger zu machen. Der Stillstand der Hersteller während der Pandemie hat zu einem Rückstau bei den Bestellungen geführt. Ein Großteil des Rohmaterials — die Komponenten zur Herstellung der Munition — kommt aus Übersee.“

Ein Kunde des Ladens berichtet über die gestiegenen Preise:

„Normalerweise, also vor der Knappheit, konnte man 9-mm-Range-Munition für 17 Dollar pro Schachtel bekommen. Jetzt kostet sie über 70 Dollar pro Schachtel. Das ist absurd!“

Und Don Woodson von Trojan Arms and Tactical, einem großen Waffengeschäft in Virginia und laut Eigenwerbung zudem „Amerikas größtes Online-Einkaufszentrum für Schusswaffen und Zubehör“, sagte, er schätze, dass seine Verkäufe auf einer kürzlich veranstalteten Waffenmesse in Virginia zu 70 Prozent an neue Waffenbesitzer gegangen seien, von denen ihm viele gesagt hätten, dass sie Angst vor Randalierern haben. „Leute, die früher nie eine Waffe gehabt hätten“, so Woodson. „Jetzt suchen sie nach Sicherheit.“

„Zu uns kamen Ärzte, Krankenschwestern — alles Mögliche — und sie wollten Waffen“, schildert Emily Atkinson, Inhaberin von Ade’s Gun Shop in Orange County. „Anfänger jeden Alters. Sie haben Lehrer, Sie haben Immobilienmakler, Sie haben jeden Tag Hausfrauen und Sie haben Kinder, die im College sind — es ist jetzt für alle da.“

Geneva Solomon, Miteigentümerin eines Waffengeschäfts in Südkalifornien namens Redstone Firearms, sagt, seit März 2020, haben sie einen 400- bis 500-prozentigen Anstieg in allen Bereichen ihres Geschäfts erlebt, vom Laden und ihrem Schießstand bis zur Beratung und Ausbildung. Zu Beginn der Pandemie fühlte sich Solomon, als hätte sie geblinzelt, und plötzlich stand eine Schlange vor ihrem Laden, die zwei bis drei Stunden vor Ladenöffnung begann. Die Nachfrage wurde so „massiv“, dass es eine Warteliste gab.

„Es ist eine einfache ökonomische Frage von Angebot und Nachfrage“, sagte Ronald Hidalgo von Sportsman's Den in Quincy, Massachusetts. „Es gibt nicht genug Produkte für alle.“ Hidalgo verkauft seit 25 Jahren Schusswaffen und sagt, er habe so etwas noch nie gesehen. Er war nicht in der Lage, seine Regale gut gefüllt zu halten. Das liegt vor allem an der Zunahme der neuen Waffenbesitzer. Laut der in Connecticut ansässigen National Shooting Sports Foundation werden schätzungsweise 40 Prozent der Neukäufe im Jahr 2020 Erstkäufer sein.

„Ich habe Demokraten hier, Liberale, Konservative, ich habe Christen, ich habe Atheisten, was auch immer“, sagte Hidalgo. „Ich habe alle unterschiedlichen Leute und sie alle äußern ihre Meinung, aber sie haben einen gemeinsamen Nenner — sie sind nervös.“

Menschen, die Videos sehen von Plünderungen und Zerstörungen oder wie dieses vom August 2020 aus Seattle, als eine Gruppe von Black-Lives-Matter-Demonstranten weiße Bewohner aufforderte, ihre Häuser aufzugeben oder jenes aus Washington, als Protestierende eine Restaurantbesucherin heftig bedrängen, die BLM-Geste zu zeigen und ihre Hand zur Faust zu ballen. Andere bekamen Angst, als sie Bilder und Videos vom Tod George Floyds oder des „Sturms auf das Kapitol“ sahen. Toni Jackson, die die Waffenmesse in Virginia besuchte, kaufte vor drei Jahren ihre erste Waffe, eine kleine Handfeuerwaffe des Kalibers .380, weil ihr Job als Hausverwalterin den Umgang mit großen Bargeldbeträgen erforderte.

Kürzlich leistete sie eine Anzahlung auf eine stärkere 9-Millimeter-Pistole, von der sie glaubt, dass sie besseren Schutz bietet. „Jeder bewaffnet sich gegen seinen Nachbarn. Das nährt den Separatismus des Landes“, sagte sie der New York Times und beschrieb die anderen Messebesucher: Einige schoben Kinderwagen und Rollstühle, einer trug eine Black Lives Matter-Maske, einer eine Keep America Great-Maske, und die Warteschlange für Hintergrundprüfungen — eine Überprüfung des etwaigen kriminellen Hintergrundes eines potenziellen Waffenkäufers — zog sich ellenlang durch die Halle.

„Bei dem, was im Moment im Land passiert, habe ich Angst, als schwarze Frau alleine draußen zu sein“, sagte Frau Jackson und beschrieb die Unruhen in ihrer Stadt Richmond und darüber hinaus. „Es gibt eine Menge Leute, die nicht unbedingt begeistert sind, dass die Denkmäler der Konföderierten gestürzt wurden.“

Waffenkäufe und Backgroundchecks

Der Business Insider berichtet am 5. Juni 2021:

„Das Federal Bureau of Investigations (FBI) meldete für März fast 4,7 Millionen Hintergrundüberprüfungen für neue Waffenkäufe. Dies ist die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen des FBI vor 20 Jahren und zeigt eine Rekordzahl von Schusswaffenverkäufen in den USA. Die Zahl bedeutet einen Anstieg von 77 Prozent im Vergleich zum März 2019. Die Behörde führte im März 2021 über eine Million Hintergrundüberprüfungen mehr durch als im März 2020, in dem ebenfalls eine Rekordzahl von Waffenverkäufen verzeichnet wurde.“

Und CNN legt dar:

„Da es kein nationales Waffenregister gibt, sind Veröffentlichungen der Waffenindustrie und Hintergrundüberprüfungen die besten Quellen, um die Verkäufe zu messen. Die FBI-Hintergrundüberprüfungen von Waffenkäufern nahmen das ganze Jahr über zu, aber die größten Sprünge — März, Juni, Juli und Dezember — überschnitten sich mit Zeiten politischer und sozialer Unruhen. Hintergrundüberprüfungen korrelieren allerdings nicht direkt mit der Anzahl der verkauften Waffen.“

Während der Unruhen nach der Tötung von George Floyd durch die Polizei stiegen die Background-Checks erneut an: auf 3,9 Millionen im Juni und 3,6 Millionen im Juli. Zum Vergleich: Im Juni 2019 waren es 2,3 Millionen und im Juli 2019 zwei Millionen Hintergrundüberprüfungen. Und die politische Unsicherheit nach den Präsidentschaftswahlen überschnitt sich mit einem Sprung bei den Waffen-Hintergrundkontrollen im November mit 3,6 Millionen und im Dezember mit 3,9 Millionen. Im November 2019 waren es noch 2,6 Millionen und im Dezember 2,9 Millionen.

Der Sprung bei den Waffenverkäufen setzte sich auch im Jahr 2021 fort. Im Januar, beim „Sturm auf das Kapitol“ und als eine neue Regierung ihr Amt antrat, wurde das FBI mit 4,3 Millionen Anfragen für Hintergrundüberprüfungen überschwemmt — im Vergleich zu 2,7 Millionen Anfragen im letzten Januar. Diese Überprüfungen werden von Waffenverkäufern initiiert.

Die Anfragen für Backgroundchecks verlangsamten sich im Februar auf 3,4 Millionen, aber das ist immer noch ein Anstieg von 23 Prozent gegenüber Februar 2020. Es gab auch auffällige Steigerungen auf der Ebene der Bundesstaaten: Eine Rekordzahl von Einwohnern Georgias wurde 2020 Feuerwaffen-Hintergrundprüfungen unterzogen: 904.035, fast 68 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In Michigan stiegen die Hintergrundüberprüfungen im Januar um 155 Prozent im Vergleich zum vorherigen Januar. New Jersey verzeichnete einen Anstieg von Januar zu Januar um 240 Prozent“ (1 bis 10).

Die folgende Grafik von The Trace zeigt eindrucksvoll den Anstieg der Waffenkäufe analog zu den historischen Ereignissen. „Laut einer Analyse von FBI-Daten kauften die Amerikaner im Juni 2021 schätzungsweise 1,58 Millionen Schusswaffen. Diese saisonbereinigte Zahl umfasst etwa 940.000 Handfeuerwaffen und 650.000 Langwaffen (Gewehre und Schrotflinten)“, heißt es. Und: „Aber keine Spitze ist vergleichbar mit der Welle, die mit der Ankunft der Coronavirus-Pandemie in den USA im März 2020 begann.“

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Schwächen der Backgroundchecks

Die Überforderung des Hintergrundprüfungssystems nimmt in der derzeitigen Situation ein nie dagewesenes Ausmaß an. Während die meisten Hintergrundüberprüfungen in wenigen Minuten abgeschlossen werden, benötigen etwa zehn Prozent aller bundesstaatlichen Überprüfungen zusätzliche Zeit.

Der extreme Anstieg der Waffenverkäufe führte zu erheblichen Verzögerungen, da das National Instant Criminal Background Check System (NICS) ohnehin bereits mit einem Mangel an Ressourcen und einer daraus resultierenden unzureichenden Personalausstattung zu kämpfen hatte. Hinzu kommt, dass das überlastete NICS-Personal nicht auf notwendige Gerichtsdokumente zugreifen kann, weil Gemeindebüros und Gerichte geschlossen sind oder die Öffnungszeiten oder die Personalstärke in Gemeinden im ganzen Land aufgrund der Pandemie reduziert wurden.

Immerhin hat das US-Justizministerium Berichten zufolge mittlerweile den Kongress um zusätzliche Mittel gebeten, um den Personalstand zu erhöhen, damit das FBI mit dem Anstieg der Backgroundchecks Schritt halten kann. Es bat auch um zusätzliche Mittel zur Erhöhung der Kapazität des Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives (ATF), um Feuerwaffen zurückzuholen, die fälschlicherweise an nicht berechtigte Käufer veräußert wurden.

Charleston loophole

Eine Antwort des NICS muss innerhalb von drei Werktagen erfolgen, ansonsten obliegt es dem Verkäufer, mit dem Verkauf der Waffe fortzufahren oder diesen zu verwehren. Diese Frist trägt den Namen „Charleston-Schlupfloch“ („Charleston loophole“), der sich auf den neunfachen Mord an Gemeindemitgliedern einer afroamerikanischen Kirche in Charleston, South Carolina bezieht. Der zum Tatzeitpunkt 21-jährige Dylann Roof erschoss am 17. Juni 2015 aus rassistischen Motiven während einer Bibelstunde neun Menschen. Die Tatwaffe — eine halbautomatische Glock, Kaliber .45 — hatte er am 11. April 2015 im Waffenladen Shooter's Choice in West Columbia erworben, nachdem das Geschäft nach Ablauf der Dreitagesfrist keine Rückmeldung seitens des NICS erhalten hatte.

Roof war im Februar 2015 in einem Einkaufszentrum in Columbia aufgrund des Besitzes von Suboxone, einem Opioid zum Ersatz bei Drogensucht, verhaftet worden. Er hatte durch ungewöhnliche Fragen an die Mall-Angestellten die Aufmerksamkeit des Sicherheitsdienstes geweckt, wirkte bei seiner Durchsuchung nervös und räumte ein, dass ihm die gefundene Substanz nicht vom Arzt verschrieben worden sei. Aufgrund dieser Anklage wäre Roof der Kauf der Waffe verwehrt worden, hätte der Backgroundcheck — welcher, aus Überlastung und wegen falscher Recherche der Prüfer, zudem fehlerhaft und abgebrochen worden war — nur rechtzeitig das entsprechende Ergebnis erbracht, heißt es vielfach.

Dem wurde entgegnet, dass das entsprechende Bundesgesetz zwar den Verkauf einer Waffe an eine Person, die wegen eines Verbrechens angeklagt ist, untersagt, aber die Drogenanklage gegen Roof nach dem Gesetz von South Carolina ein Vergehen gewesen sei. ATF-Beamte erklärten, dass eine einzelne Verhaftung wegen des Besitzes einer kontrollierten Substanz nicht disqualifizierend sei und die Person nicht zum „ungesetzlichen Benutzer“ mache, an den keine Waffe verkauft werden darf. Somit sei der Verkauf der Pistole an Roof legal gewesen.

Im Februar 2019 verabschiedete das US-Repräsentantenhaus einen Gesetzesentwurf, der dieses Problem durch eine Verlängerung der Frist für Hintergrundüberprüfungen angehen sollte; diese Gesetzgebung ist jedoch im Senat steckengeblieben. Im März gab die National Shooting Sports Foundation — die Handelsvereinigung für Waffenhändler — ein Bulletin heraus, in dem sie die Händler über die NICS-Verzögerungen informierte und darauf hinwies, dass Händler „in Erwägung ziehen sollten, auf eine endgültige Antwort des NICS zu warten, bevor sie sich dafür entscheiden, mit einem Verkauf einer verzögerten Transaktion fortzufahren“.

Und einige Bundesstaaten sind selbst zur Tat geschritten und untersagten es Händlern, einer Person Schusswaffen zu verkaufen, bevor eine Hintergrundprüfung abgeschlossen ist oder eine bestimmte Zeitspanne verstrichen ist, je nachdem, was zuerst eintritt. So zum Beispiel gelten in Delaware: 25 Tage. Oder in Florida und Utah: unbefristet bis zum Abschluss der Hintergrundprüfung. Und in Pennsylvania: auf unbestimmte Zeit — um festzustellen, ob eine Verurteilung wegen häuslicher Gewalt vorliegt, die den Käufer nach Bundesrecht disqualifizieren würde.

Schlupfloch No. 2

Es wird viel diskutiert, analysiert und vor allem kritisiert in Sachen Hintergrundprüfungen: Die Überlastung der Mitarbeiter — übrigens Zivilisten, die keine FBI-Dienstmarke tragen, obwohl einige einen polizeilichen Hintergrund haben —, wie eben beispielsweise in South Carolina. „Die Arbeitsbelastung im NICS ist extrem hoch“, sagte eine Abteilungsleiterin in einer eidesstattlichen Erklärung. „Jeder Prüfer hat etwa 30 Fälle zu bearbeiten.“ Der Bundesstaat allein hatte 2017 im Durchschnitt mehr als 30.000 Prüfungen pro Monat und beendete das Jahr mit fast 400.000. Dylann Roofs Antrag war einer von 2.560, die verzögert wurden. Jeden Fall in drei Tagen zu lösen, sei nicht möglich, hieß es im Zuge des Gerichtsverfahrens. Etwa drei Prozent würden auf unbestimmte Zeit offengelassen.

Diese Fälle könnten als „Sonderprojekte“ wieder aufgegriffen werden, wenn die Prüfer freie Zeit haben, was aber selten der Fall sei. Zudem dürften die Prüfer nicht den Nationalen Datenaustausch (National Data Exchange, N-DEx) nutzen, der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ins Leben gerufen wurde und Aufzeichnungen sammelt — von Berichten über Vorfälle bis hin zu Befragungen vor Ort und Voruntersuchungen — die lokale Behörden im ganzen Land freiwillig einreichen. Polizeibeamte nutzen es oft, um die Punkte in Ermittlungen mit weitreichenden Verbindungen zu verbinden.

Das System sei detaillierter, weit detaillierter als die anderen beiden, die verwendet werden, und fast jede Strafverfolgungsbehörde im Land trage dazu bei, heißt es von Befürwortern. Doch laut einer Prüfung, die der damalige FBI-Direktor James Comey nach den Schüssen anordnete, würde der Zugang der Prüfer zu N-DEx die Zustimmung eines beratenden Gremiums und eine Änderung der Vorschriften der Behörde erfordern. Es sei verwirrend, äußerten die Anwälte der Charleston-Opfer, FBI-Mitarbeiter von einer Datenbank auszuschließen, die die Polizei im ganzen Land nutzen könne, selbst wenn diese die Pläne eines Möchtegern-Killers stören könnte.

Doch während sich so Politik und Behörden an den Backgroundchecks abarbeiten, um quasi den Haupteingang sicherer zu machen, spazieren viele ungehindert durch den maroden Hintereingang. Wo der ist, erklärt die Online- Plattform Tesh — Intelligence for your life des in den USA populären Komponisten, Pianisten und TV- und Radiomoderators — Gewinner von sechs Emmys — John Tesh unter dem Titel: „Jeder kann eine Waffe online kaufen, ohne einen Backgroundcheck zu bestehen“:

„Würden Sie glauben, dass jeder — auch verurteilte Mörder — sich online anmelden, ohne Fragen zu stellen, eine Waffe kaufen und diese innerhalb von Stunden in seinen Händen halten kann? Und die Polizei sagt nicht nur, dass dies jeden Tag in ganz Nordamerika geschieht. Es ist auch völlig legal Warum? Weil es eine Gesetzeslücke gibt, die es jedem erlaubt, online Waffen zu kaufen, ohne eine Hintergrundüberprüfung durchlaufen zu müssen, anders als in Waffengeschäften.

Und so funktioniert es. Sie bestellen eine Waffe über eine Craigslist-Anzeige (eine Anzeigenwebseite, eine Art digitales Schwarzes Brett, mit Verkäufen, Kaufgesuchen, Jobs, Wohnungen, Partnersuche et cetera — Anmerkung des Autors) oder einen Online-Waffenladen, der alles von halbautomatischen Sturmgewehren bis hin zu 50-Kaliber-Waffen verkauft, die so stark sind, dass sie einen Hubschrauber abschießen können! Dann treffen Sie den Verkäufer auf einem örtlichen Parkplatz, zum Beispiel im Einkaufszentrum oder einem Supermarkt. Sie bezahlen bar und bekommen die Waffe ausgehändigt. Die Polizei warnt, dass dies unglaublich gefährlich ist, weil es ein legaler Weg ist, tödliche Waffen in die Hände von gewalttätigen Kriminellen zu bringen.

Tatsächlich werden jedes Jahr Tausende von unschuldigen Passanten durch Waffengewalt ermordet, und viele der Waffen werden auf private Online-Verkäufe zurückgeführt. Aber Pro-Waffen-Gruppen kämpfen darum, die Verkäufe legal zu halten, und argumentieren, dass es das Recht eines jeden Bürgers sein sollte, eine Verteidigungswaffe zu kaufen, ohne Fragen zu stellen, ohne Hintergrundprüfung. Im Moment erwägt der Gesetzgeber, Hintergrundprüfungen für alle Waffenverkäufe zu verlangen — egal ob online oder im Laden. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten.“

Private Verkäufe

Die bekannteste Craigslist heißt ArmsList, populär sind aber auch GunBroker, GunAuction und GunsAmerica. Ebenso entziehen sich natürlich Verkäufe zwischen Verwandten, Freunden, Nachbarn, Kollegen oder auf der Straße und ähnliche Transaktionen privater Natur, sowie bestimmte Verkäufe auf Waffenmessen jeder Kontrolle.

Zweiundzwanzig Staaten und der District of Columbia haben Gesetze, die Hintergrundprüfungen für einige oder alle privaten Verkäufe, einschließlich der Verkäufe auf Waffenmessen erfordern. In einigen dieser Staaten müssen solche nicht-kommerziellen Verkäufe über einen staatlich lizenzierten Händler abgewickelt werden, der die Hintergrundprüfung durchführt und den Verkauf aufzeichnet. In anderen Staaten müssen Waffenkäufer zunächst eine Lizenz oder Erlaubnis vom Staat erhalten, der eine Hintergrundprüfung durchführt, bevor er die Lizenz ausstellt — und somit in der Regel keine doppelte Hintergrundprüfung von einem Waffenhändler verlangt.

Das Giffords Law Center to Prevent Gun Violence ein nationales Rechtszentrum von öffentlichem Interesse, das sich für Waffengesetze und Waffenkontrolle einsetzt, schreibt:

„Eine gefährliche Lücke in unseren Bundeswaffengesetzen lässt Menschen Waffen kaufen, ohne eine Hintergrundprüfung zu bestehen. Nach geltendem Recht können nicht lizenzierte Verkäufer — Menschen, die Waffen online, auf Waffenmessen oder anderswo ohne eine bundesweite Händlerlizenz verkaufen — Feuerwaffen weitergeben, ohne eine Hintergrundprüfung durchführen zu müssen.

Aufgrund dieses Schlupflochs können Menschen, die wegen häuslicher Gewalt verurteilt worden sind oder Gerichtsbeschlüssen unterliegen, Menschen, die wegen Gewaltverbrechen verurteilt wurden, und Menschen, die aus psychischen Gründen nicht in der Lage sind, Feuerwaffen zu besitzen, in den meisten Bundesstaaten problemlos Waffen von nicht lizenzierten Verkäufern ohne Hintergrundprüfung erwerben. Tatsächlich haben schätzungsweise 22 Prozent der US-Waffenbesitzer ihre letzte Schusswaffe ohne eine Zuverlässigkeitsüberprüfung gekauft — was bedeutet, dass Millionen von Amerikanern jedes Jahr Millionen von Waffen erwerben, ohne Fragen zu stellen. (…)

Eine kürzlich durchgeführte groß angelegte Umfrage ergab, dass 45 Prozent der Waffenbesitzer, die in den letzten zwei Jahren eine Waffe online gekauft haben, dies ohne jegliche Hintergrundüberprüfung taten.“

Im Rahmen einer investigativen Ermittlung, getarnt als Online-Waffenkäufer, erwarb ein Mitarbeiter von Everytown for Gun Safety — eine vom Unternehmer, „Philantropen“ und ehemaligen Bürgermeister New Yorks Michael Bloomberg gegründete und finanzierte Organisation — in Ohio, einem Staat ohne Zuverlässigkeitsüberprüfung, von zwei nicht lizensierten Verkäufern, mit denen er auf ArmsList in Kontakt getreten war, eine Handfeuerwaffe und ein Sturmgewehr. Die zwei Verkäufe erfolgten innerhalb weniger Minuten von Angesicht zu Angesicht und ohne Hintergrundüberprüfung. Der Verkäufer der Pistole sagt bei Abwicklung des Geschäfts:

„Ich nehme an, Sie haben in letzter Zeit Ihre Frau nicht geschlagen, keine Drogen genommen und sind in Ohio ansässig.“

Am Ende des Videos wird darauf abgestellt, dass in „über dreißig Bundesstaaten“ Backgroundchecks gesetzlich nicht vorgeschrieben sind, und es werden Zuverlässigkeitsüberprüfungen für sämtliche Waffenverkäufe gefordert. Inwieweit diese unter den momentanen Strukturen und Gegebenheiten tauglich und zweckdienlich sind, sei dahingestellt. Und das Wichtigste: Ein Backgroundcheck beleuchtet immer nur die Vergangenheit eines potenziellen Käufers.

Dies soll in seiner Relevanz nicht unterschätzt werden, doch in der momentanen Situation der „neuen Normalität“ mit Lockdowns, „Maßnahmen“, Jobverlusten und Feindseligkeiten ist die psychische Großwetterlage eine ganz andere als in den vergangenen Jahren, in denen ja ebenfalls zahlreich von der Waffe Gebrauch gemacht wurde. Und zu den alten Waffenbesitzern haben sich nun viele neue gesellt — viele voller Furcht, voller Nöte, voller Sorge, und einige spüren mit der griffbereiten Waffe nun endlich die Möglichkeit, Ängste und Sorgen nicht mehr unterdrücken zu müssen, sie sich in Aggressionen verwandeln zu lassen und diese auszuleben.

Kleines Sittenbild: Bullets and Burgers

Völlig selbstverständlich: Waffenmessen, Produktvergleiche von Waffen wie sonst bei Kaffeemaschinen oder Fotoapparaten, tiefdekolltierte „YouTuberinnen“ beim Schießtraining.

Und natürlich Waffenverkaufsranglisten! Crossbreed Holsters schreibt:

„‚Kumpel, ich habe in der ersten Juniwoche mehr Waffen verkauft als in den letzten sechs Monaten des Jahres 2020‘, rief ein Freund aus, der ein lokales Waffengeschäft besitzt. Der Grad der Erschöpfung in seiner Stimme war kaum verborgen, als er beschrieb, wie er während der regulären Geschäftszeiten von Kunde zu Kunde ging, um dann zu schließen, um Online-Waffenverkäufe über Gunbroker zu versenden.

Mit einem nationalen Vorstoß, der Polizei die Finanzierung zu entziehen, gewalttätigen Protesten und Chaos in Gemeinden im ganzen Land, ist es keine Überraschung, dass im letzten Monat rekordverdächtige Waffenverkäufe verzeichnet wurden. Das FBI berichtet, dass im Juni über 3,9 Millionen NICS-Checks abgeschlossen wurden. Wenn man bedenkt, dass fünfundzwanzig Staaten hinsichtlich NICS Ausnahmen für Inhaber einer verdeckten Trageerlaubnis haben und eine einzige Hintergrundprüfung mehrere Feuerwaffen abdecken kann, ist die wahre Anzahl der verkauften Waffen viel höher.

Welche Waffen kamen also an die Spitze? Gunbroker hat Daten aus seinen monatlichen Verkäufen zusammengestellt und bietet zwar kein vollständiges Bild der verkauften Waffen, jedoch einen soliden Überblick über die Marktrends. Ob für die Heimverteidigung, das verdeckte Tragen oder beides, es ist klar, dass die Bürger erkennen, dass wir für unsere eigene Sicherheit verantwortlich sind, wenn es hart auf hart kommt.

Stellvertretend für Hunderte, wenn nicht Tausende von Waffengeschäften in ganz Amerika, hier ist Gunbrokers Liste der meistverkauften Waffen im Juni!“

Auf Platz eins bei den meistverkauften halbautomatischen Pistolen, noch vor Sig Sauer, noch vor Smith & Wesson die Glock G19! Glock? Österreich? Korrekt! Im September 2018 berichtete der Wiener Standard unter dem Titel „1,2 Millionen Pistolen aus Österreich in den USA verkauft — jede fünfte verkaufte Handfeuerwaffe stammte zuletzt von Glock, sagen Marktanalysten.“ Und weiter:

„In Europa verfolgt die Öffentlichkeit die Diskussionen mit einer Mischung aus Verwunderung und Unverständnis: Einen Waffenwahn, wie er in Teilen der US-Gesellschaft verankert ist, gibt es in Europa schließlich nicht. Dabei wird ein Detail auf dieser Seite des Atlantiks oft übersehen: Europäische Produzenten haben einen großen Teil des US-Waffenmarktes fest im Griff. Etwas mehr als jede dritte legal verkaufte Handfeuerwaffe stammt aus europäischer Produktion. Besonders das Exportland Österreich ist groß im Geschäft.

Laut einer Auswertung von Small Arms Analytics, einem US-amerikanischen Beratungsunternehmen, für den Standard, haben die US-Amerikaner im vergangenen Jahr 3,2 Millionen Pistolen und Revolver aus dem Ausland importiert. Die Einfuhren kommen fast nur aus Europa. 1,2 Millionen davon stammten aus Österreich. Die Zahl der in Österreich produzierten Waffen, die in den USA verkauft werden, hat sich in wenigen Jahren verdoppelt. Diese Einfuhrstatistiken verraten zwar nicht, welches Unternehmen die Waffen baut. In Österreich gibt es aber nur einen Konzern, der in industrieller Dimension Pistolen herstellt: Glock.

Das Unternehmen verfügt über drei Produktionsstandorte in Europa. Neben Deutsch-Wagram in Niederröstereich gibt es eine Glock-Fabrik in Ferlach, Kärnten, und eine in Bratislava. Glock produziert auch direkt im US-Bundesstaat Georgia, zuletzt rund 370.000 Pistolen. Laut Firearms Analytics wird aus Georgia die Nachfrage der Behörden befriedigt: Zwei Drittel der US-Polizisten tragen eine Glock. Rechnet man Importe und lokale Produktion zusammen, stammte 2016 jede fünfte in den USA verkaufte Pistole von Glock, sagt Jurgen Brauer von Firearm Analytics. Der größte Teil sei für den privaten Gebrauch bestimmt. ‚Europäische Hersteller werden für ihre Qualität geschätzt‘, sagt der Analyst.“

Sowohl Omar Mateen, der am 12. Juni 2016 in Orlando in einem Club für Homosexuelle mit halbautomatischer Pistole und ebensolchem Gewehr 49 Menschen erschoss, als auch Dylann Roof, der Mörder von Charleston verwendeten eine Glock (11 bis 29).

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Weiter im Sittenbild: Eine Verfolgung zweier Mordverdächtiger im Juli 2018 in Las Vegas bei Hochgeschwindigkeit, bei der Officer William Umana mit der Dienstpistole durch seine Autoscheibe schoss. Ein zweiter Polizeibeamter war gezwungen, die Verfolgung abzubrechen, da sein Auto mindestens zweimal von Kugeln getroffen wurde; insgesamt feuerten die Verdächtigen mindestens 34 Kugeln auf die verfolgenden Beamten ab. Dem nun auf sich allein gestellten Officer gelang es, die Flüchtenden außer Gefecht zu setzen, indem er einen tötete und den zweiten verwundete.

Oder Bullets and Burgers bei Las Vegas: Ein Outdoor-Schießstand in der Mohave-Wüste mit „Desert Storm-Atmosphäre“ und Bunkern im Militärstil:

„Unsere Gäste haben die Möglichkeit, eine breite Palette von vollautomatischen Maschinengewehren und Spezialwaffen zu schießen. Üben Sie sich als Scharfschütze, während Sie mit einem 50-Kaliber-Gewehr auf ein explodierendes Ziel schießen oder halten Sie sich fest, während Sie den Kick eines vollautomatischen Maschinengewehrs spüren. Bullets and Burgers nimmt Sie mit auf das Schlachtfeld mit dem extremsten Schießabenteuer überhaupt. Im Vergleich zu den kurzen Drei-Runden-Salven, die Sie auf Indoor-Schießständen schießen, können Sie auf unserem Schießstand in Las Vegas VOLLautomatisch mit unseren Maschinengewehren schießen.“

Und zur Stärkung wird im „weltberühmten Arizona Last Stop-Restaurant“ der „weltberühmte All American Hamburger serviert — garantiert der beste Hamburger, den Sie je gegessen haben“. Es gibt verschiedene Pakete, angefangen von „Bronze“ für 199 US-Dollar bis zu „Ultimate Platinum“ für 999 US-Dollar — acht Maschinengewehre nach Wahl, fünf Schuss mit einem Scharfschützengewehr, 25 Schuss mit dem schweren, 50 Kaliber-M2-Deuce-Maschinengewehr von Browning sowie fünf Explosionsziele. Eine große Auswahlan Waffen ist vorhanden, unter anderem auch eine israelische Uzi-Maschinenpistole. Mit einer solchen erschoss im August 2014 ein neunjähriges Mädchen versehentlich seinen Schießausbilder.

Dieser hatte nach erfolgreich abgefeuerten Einzelschüssen die Waffe auf Vollautomatik gestellt, woraufhin das Mädchen durch den starken Rückstoß offenbar die Kontrolle über die Maschinenpistole verlor, diese leicht nach links drehte und dabei den Instruktor mit mindestens einer Kugel direkt in den Kopf traf. Natürlich gab es in der Folge in der Öffentlichkeit eine Debatte wegen des Alters des Mädchens. Doch Kindertraining an Feuerwaffen ist nicht ungewöhnlich in den USA. Und so gab es auch Stimmen, welche das Verschulden des Unfalls beim Ausbilder verorteten — aufgrund seiner falschen Positionierung bei der Unterweisung (30 — 36).

Zahlen

Die Medien sind voller Meldungen wie diese:

„Die Zahl der Massenerschießungen ist in den ersten sechs Monaten des Jahres 2021 im Vergleich zu den Werten vor der Pandemie im Jahr 2019 um 65 Prozent angestiegen. Seit Beginn der Pandemie hat sich die Zahl der Massenerschießungen in den USA deutlich erhöht, vor allem in den letzten Monaten. 2021 haben sich landesweit 274 Massenerschießungen ereignet, 40 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, so das Gun Violence Archive. Die jüngsten Opfer waren ein 18 Monate altes Baby und ein 4-jähriges Kind.“

Laut einer Datenbank, die von The Associated Press, USA Today und der Northeastern University zusammengestellt wurde, ereigneten sich nur drei Massenerschießungen an öffentlichen Plätzen — die niedrigste Gesamtzahl für diese Kategorie in einem Jahrzehnt — von insgesamt 19 Massenerschießungen im Jahr 2020. Die genannte Datenbank erfasst alle Massentötungen einschließlich Schießereien, definiert als vier oder mehr Tote ohne den Täter. Nach dieser Definition gab es in diesem Jahr bereits 17 Massentötungen, davon 16 Schießereien, so James Alan Fox, Kriminologe und Professor an der Northeastern University.

Es gibt mehrere Definitionen von Massenerschießungen, was dazu führt, dass beispielsweise für 2019 die Zahl der Mass Shootings je nach zählender Organisation zwischen 6 und 503 liegt und die der Opfer zwischen 60 und 628. So definiert der Congressional Research Service Massenerschießungen als Vorfälle mit mehreren Schusswaffen und Tötungsdelikten mit vier oder mehr Opfern, unabhängig davon, ob diese sterben oder nicht, an einem oder mehreren Orten in unmittelbarer Nähe. CNN hingegen kategorisiert sie als vier oder mehr erschossene Personen, den Angreifer ausgenommen. Das Gun Violence Archive(GVA), das Medien- und Polizeiberichte überwacht, um Waffengewalt zu verfolgen, definiert Massenerschießungen als solche, bei denen auf vier oder mehr Menschen geschossen wurde, unabhängig davon, ob sie starben.

Insgesamt sind laut dieser Datenbank in diesem Jahr in den USA mehr als 8.700 Menschen durch Waffengewalt gestorben.

Das GVA stellte außerdem fest, dass die Zahl der Massenerschießungen im Jahr 2020 auf 611 anstieg und damit höher war als in jedem der sechs vorangegangenen Jahre, in denen diese Statistik geführt wurde. Nach der diesjährigen Zählung gab es bisher mindestens 389 Massenerschießungen in den USA, mit 176 getöteten und 451 verletzten Kindern im Alter von 0 bis 11 Jahren sowie 713 getöteten und 1.896 verletzten Teenagern im Alter von 12 bis 17 Jahren (Stand: 26. Juli 2021).

Ende Juni 2021 wurde zwischenbilanziert:

„Im Vergleich zum Stand vor der Pandemie zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2019 ist die Zahl der Angriffe um 65 Prozent gestiegen. Verglichen mit der ersten Halbjahresbilanz von 274 in diesem Jahr, gab es im gleichen Zeitraum in 2020 und 2019 geschätzte 194 beziehungsweise 164 Massenerschießungen. Allein am vergangenen Wochenende 12./13. Juni 2021 wurden bei neun Massenerschießungen in Georgia, Illinois, North Carolina, Ohio, Texas und Washington mindestens 10 Menschen getötet und 50 weitere verwundet.“

Noch mehr Zahlen und Zitate

Die gemeinnützige Organisation Gun Violence Archive meldet mit Stand 15. August 2021 im laufenden Jahr bis dato 27.665 Todesfälle durch Schusswaffengewalt, darunter errechnete 14.982 Selbstmorde mittels einer Feuerwaffe.

„Unter Verwendung dieser FBI-Daten haben US-Medien geschätzt, dass allein im März bis zu 2,6 Millionen Schusswaffen gekauft wurden — ein Anstieg von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum —, wobei Illinois mit fast 500.000 Käufen an der Spitze lag, gefolgt von Texas, Kentucky, Florida und Kalifornien. Unterdessen berichtete die Munitions-Website Ammo.com kürzlich, dass sie seit Ende Februar einen Anstieg der Schusswaffenverkäufe in Colorado, Arizona und Texas um etwa 1.000 Prozent verzeichnete.“

„Im Jahr 2020, inmitten der Coronavirus-Pandemie, wirtschaftlicher Turbulenzen und einer landesweiten Protestbewegung, gab es in den USA mehr als 43.000 Todesfälle durch Waffengewalt die höchste Zahl seit Jahrzehnten.“

„In diesem Jahr gab es bereits 765 Schießereien in New York City, eine Zahl, die seit 2002 nicht mehr erreicht wurde. Dennoch bleiben die Schießereien weit unter den Spitzenwerten der Gewaltkriminalität in den 1980er und 1990er Jahren. Die meisten Tötungsdelikte im Bundesstaat New York beschränken sich auf eine Handvoll Stadtgebiete, so die von Gouverneur Cuomo gezeigten Karten. Etwa 4.000 Jugendliche im Alter von 18 bis 24 Jahren machten 49 Prozent der Schießereien in den Städten aus, sagte er.“

„Überwältigende 98 Prozent der Täter sind männlich, und 61 Prozent von ihnen sind nicht-hispanische Weiße. Fast 82 Prozent der Angreifer sind unter 45 Jahre alt, während mehr als die Hälfte von ihnen unter 35 Jahre alt ist“ (37 bis 42).


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.youtube.com/watch?v=iBg5T7KkoZU
(2) https://www.youtube.com/watch?v=dSnTTND0UcM
(3) https://www.houstonchronicle.com/business/article/Supply-shortage-makes-buying-bullets-a-shot-in-15989319.php
(4) https://www.actionnewsjax.com/news/local/duval-county/ive-never-seen-it-like-this-local-gun-shop-manager-breaks-down-factors-leading-ammo-shortage/U6BCMEMSWJCYLBWYUY7ZBKM6LI/
(5) https://www.foxla.com/news/more-women-are-buying-guns-amid-the-covid-19-pandemic
(6) https://19thnews.org/2020/11/women-lgbtq-buying-guns-2020/
(7) https://www.boston25news.com/news/25-investigates/women-first-time-buyers-fuel-record-breaking-year-gun-sales-us-amid-pandemic-social-unrest/3DAPIC6TC5HNPN42Y2O5U7FZJM/
(8) https://www.nytimes.com/2020/10/27/us/guns-2020-election.html
(9) https://edition.cnn.com/2021/03/14/us/us-gun-sales-record/index.html
(10) https://www.postandcourier.com/church_shooting/fbi-had-resources-to-halt-dylann-roofs-gun-buy-but-it-didnt-use-them-and/article_452b95ea-0705-11e8-8bc9-8723f84ce9dd.html
(11) https://www.thetrace.org/2020/08/gun-sales-estimates/
(12) https://www.tesh.com/articles/anyone-can-buy-a-gun-online-without-passing-a-background-check/
(13) https://www.atf.gov/file/100871/download
(14) https://www.armslist.com/
(15) https://www.gunbroker.com/
(16) https://www.gunauction.com/
(17) https://www.youtube.com/watch?v=RNEseJYvU4w
(18) https://www.youtube.com/watch?v=i9sSUlABWHo
(19) https://www.msnbc.com/msnbc/charleston-church-massacre-dylann-roofs-gun-bought-local-store-msna624476
(20) https://www.americanprogress.org/issues/guns-crime/reports/2021/02/10/495615/frequently-asked-questions-charleston-loophole/
(21) https://giffords.org/lawcenter/gun-laws/policy-areas/background-checks/background-check-procedures/#footnote_38_5615
(22) https://en.wikipedia.org/wiki/Gun_show_loophole
(23) https://giffords.org/lawcenter/gun-laws/policy-areas/background-checks/universal-background-checks/
(24) https://everytownresearch.org/report/unchecked-an-investigation-of-the-online-firearm-marketplace/
(25) https://www.youtube.com/watch?v=jD73YpIfzGQ
(26) https://www.youtube.com/watch?v=yrAEMDoLC7g
(27) https://www.youtube.com/watch?v=AoTg1jo1DXM
(28) https://www.crossbreedholsters.com/blog/best-selling-guns-june-2020/
(29) https://www.derstandard.de/story/2000087828990/wie-europas-waffenbauer-den-us-markt-erobert-haben
(30) https://www.youtube.com/watch?v=x2_qkAOmKLY
(31) https://bulletsandburgers.com/
(32) https://bulletsandburgers.com/guns/
(33) https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article131634806/Neunjaehrige-erschiesst-Ausbilder-mit-ihrer-Uzi.html
(34) https://www.youtube.com/watch?v=jwju-ds_rEo
(35) https://www.dw.com/de/usa-waffen-im-kinderzimmer/av-48008893
(36) https://www.youtube.com/watch?v=nIbUt5Z68uM
(37) https://www.rand.org/research/gun-policy/analysis/essays/mass-shootings.html
(38) https://www.gunviolencearchive.org/
(39) https://www.gunviolencearchive.org/past-tolls
(40) https://www.trtworld.com/magazine/why-mass-shootings-spiked-in-the-us-during-the-pandemic-47582
(41) https://en.as.com/en/2020/04/10/other_sports/1586541789_789525.html
(42) https://eu.usatoday.com/story/news/nation/2021/07/07/gun-violence-new-york-state-of-emergency-cuomo/7888567002/

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