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Unter Dach und Haut

Unter Dach und Haut

Mit implantierten Chips als Wohnungsschlüssel wirbt die Sparda-Bank Berlin für ein Baufinanzierungsangebot — eine Dystopie nimmt erkennbare Züge an.

Ob nun die Netflix-Serie „Black Mirror“ oder das unveröffentlichte Dystopie-Drama „Grey State“ des ermordeten Regisseurs David Crowley – in beidem wurde vor der Einführung von RFID-Chips gewarnt. Chips, die allen Bürgern implantiert werden, mit welchen sie bezahlen, ihr Auto und ihr Haus auf- und zusperren können und auf dem sie alle persönlichen Daten – Ausweise, Krankenkassen-Daten et cetera – mit sich herumtragen. Papier gibt es nicht mehr. Auch ZDF-Nachrichtensprecher Claus Kleber war sich vor ein paar Jahren nicht zu schade, im Heute-Journal Werbung (!) für diese Chips zu machen.

Und wer will, kann auch in der Offenbarung, Kapitel 13, Verse 16 bis 18 der Luther-Bibel eine Ankündigung oder Voraussage einer solchen Maßnahme herauslesen. Dort heißt es:

„Und es macht, daß die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Knechte allesamt sich ein Malzeichen geben an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn, daß niemand kaufen oder verkaufen kann, er habe denn das Malzeichen, nämlich den Namen des Tiers oder die Zahl seines Namens. Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tiers; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.“

Vor dem Hintergrund dieser allumfassenden ideologischen Vorbereitung war es nur eine Frage der Zeit, bis irgendwann aus einer Richtung der erste Donner des Vorschlaghammers für diese Entwicklung ertönen würde. Dass ausgerechnet die Sparda-Bank – eine Bank, die tendenziell dem Arbeiter nahesteht – den ersten Schritt in diese Richtung geht, ist bedauerlich!

„#seianders“

Wer nun zwischen dem ersten Oktober und dem 31. Dezember einen Baufinanzierungsvertrag bei der Sparda-Bank abschließt, erhält kostenlos ein NFC-Implantat in die Hand gespritzt. Hier wurde wohl ein bewusstes Wording betrieben: Das Wort „Chip“ wurde geflissentlich vermieden und durch „Implantat“ ersetzt, da es, wie eingangs beschrieben, doch schon sehr negativ konnotiert ist. Auch handelt es sich nicht um einen RFID-Chip, sondern um ein NFC-Implantat, also einen Chip, der rein passiv ist, nichts sendet und nur aktiviert wird, wenn sich ein NFC-fähiges Lesegerät in einer Nähe von einem bis vier Zentimeter befindet. Also alles easy, locker, harmlos! Könnte man meinen.

Doch selbstverständlich muss man diese Entwicklung langfristig betrachten.

Würde man mit der Tür ins Haus fallen und gleich für einen RFID-Chip werben, der imstande wäre, zu senden und damit auch gehackt werden könnte, wäre dies für die Sparda-Bank ein Marketing-GAU! Auf diese Weise würde der Topf zu schnell erhitzt werden, in welchem sich der Frosch befindet, sodass dieser die Gefahr wittern und dem Wasser entfliehen würde.

Die Temperatur muss also langsam erhöht werden, das bedeutet, die Menschen müssen langsam, sukzessive, peu à peu an die Einführung von Chips gewöhnt werden. Und es darf selbstverständlich keinen Zwang dazu geben. Wir leben ja schließlich in einer freien Gesellschaft!

„Freiheit“ ist das Stichwort, mit dem dieser Chip umworben wird:

„Mit einem Implantat in der Hand ganz einfach Deine Wohnungstür aufschließen? Klingt nach Zukunftsvision. NFC macht es möglich. (...) Schaff Deinen Haustürschlüssel einfach ab. Deine Wohnungstür öffnest Du ab jetzt mit einer einfachen Handbewegung. Neben anderen modernen Türöffnern sticht ein NFC-Implantat deutlich hervor. Es funktioniert unabhängig von einem Smartphone, muss nicht aufgeladen werden und ist sicherer als jeder Fingerabdruckscanner. Und natürlich kannst Du Dein NFC-Implantat weder verlieren noch kann es Dir gestohlen werden. Ein Stück Freiheit wartet auf Dich. Bist Du bereit? Dann nimm Deine Zukunft jetzt in die Hand.“

Der 25-Sekunden-Werbespot dazu spricht ebenfalls eine ganz klare Sprache:



Die Bildsprache dieses Spots ist äußerst bizarr und zeigt, welches Welt- und Menschenbild hier vermittelt werden soll. Makellose, schrille Transvestiten, im Hintergrund akkurat geschnittene Natur nach dem Vorbild englischer Gärten, dazu auf Sport und Leistung getrimmte, ewig junge Karrierefrauen, die mit modernen Neuwagen zu ihrem kalten, charakterlosen, sterilen Designer-Eigenheim fahren und dort mit einer lässig-coolen Handbewegung die Tür öffnen. Allein das negative Like-Dislike-Verhältnis sowie die empörten Kommentare unter diesem Beitrag machen Hoffnung, dass diese bittere Pille vorerst nicht ohne Widerstand seitens der Bevölkerung geschluckt wird.

Die größte Eintrittsstelle, an der man dem Konsumenten einflößen kann, warum er sich doch unbedingt ein solches Implantat zulegen solle, ist die Eitelkeit. Und dies wird hier schamlos ausgenutzt!

„#seianders“, lautet die Devise. Dieser kurze Hashtag komprimiert die neoliberale Ideologie der Selbstverwirklichung, der totalen Individualisierung sowie des unbarmherzigen Konkurrenzdenkens.

„Sei anders! Sei nicht wie die anderen! Bloß keine Gemeinsamkeiten erkennen! Nicht nach dem Verbindenden suchen! Sei etwas Besonderes! Du bist kein Mensch wie alle anderen! Du bist auf dem Weg zu einem Cyborg, einem technologischen Übermenschen, einem Terminator! Du öffnest deine Türen mit einer schwarzeneggerisch lässig-coolen Handbewegung. Hebe dich von den ungechipten Menschen deiner Nachbarschaft ab, diesen unterentwickelten Wesen, die ihr Reihenhaus noch mit einem Schlüssel aufsperren müssen. Lerne deine Nachbarn nicht kennen und bilde keine Nachbarschaft! In deinem Designer-Eigenheim, welches du dir mit dich knebelnden Krediten finanziert hast, redest du lieber mit Alexa, die dich besser kennt als alle anderen Menschen. Durch den Chip ist Alexa jetzt sogar ein Teil von dir, der in dir steckt.“

Schöne neue Welt! So sollen die Menschen an die flächendeckende Transplantation von Chips in die Hand gewöhnt werden. Erst einmal unter dem Banner der Freiwilligkeit. Die ersten, die so etwas haben, sind die Coolen.

Auf die Trendsetter folgen die Neidischen, die so etwas auch gerne haben wollen. Kommt schließlich mega cool rüber. Irgendwann stehen die Letzten, die sich diesem Trend verweigern, als uncoole, technikferne, konservative Ewiggestrige da. Ein Teil von ihnen wird sich dann zähneknirschend diesem Trend beugen, damit man kein Außenseiter oder Exot ist und auf Partys und am Arbeitsplatz nicht länger als komischer Freak angesehen wird, der noch nicht gechipt ist. Und die letzten, die noch bei Verstand sind und sich dem gesellschaftlichen Gruppenzwang verweigern können, bilden dann eine so kleine Minderheit, dass sie einer staatlich verordneten, also nicht mehr freiwilligen (!) Einführung von RFID-Chips – und nicht mehr nur NFC-Chips – nichts mehr entgegensetzen können. Gesetz ist schließlich Gesetz!

Und dann ist Schluss mit #seianders. Denn dann sind wir nicht mehr so anders wie die Anderen, sondern sind gleichermaßen am Arsch, wenn wir – aus welchen Gründen auch immer – vom Zahlungsverkehr ausgeschlossen werden, unschuldig ins Visier der Staatsgewalt geraten und jederzeit überall auffindbar sind. All unser Konsumverhalten, all unsere Vorlieben und Präferenzen wären mit einem Male von Big-Data einsehbar.

Und wenn wir uns diese Dystopie ausmalen, denken wir zurück, womit das alles angefangen hat. Was war der Vorzug, die Erleichterung des Lebens, für den wir als Preis mit unserer Freiheit bezahlen mussten? Richtig! Wir mussten keinen Schlüssel mehr mitnehmen! Super! Völlige Versklavung und Vernichtung sämtlicher Privatsphäre, aber hey, wir brauchen jetzt keine Schlüssel mehr!

Zumal das ja nicht stimmt. Was dieser Spot und die ganze Kampagne nämlich nicht zeigt: Mit dem Chip lässt sich ja nur die Wohnungstür öffnen. Nicht aber unser Fahrradschloss, irgendwelche Spinde, das Auto oder die Ferienwohnung. Man hätte also nach wie vor einen Schlüsselbund bei sich und würde dennoch ein Implantat in der Hand spazieren tragen.

Ich persönlich kann auf diese Dystopie gerne verzichten, wenn der Preis dafür bedeutet, dass ich in meiner linken Hosentasche stets einen Schlüsselbund bei mir trage und immerzu darauf achten muss, diesen nicht zu verlieren. Denn lieber verliere ich meinen Schlüssel als meine Freiheit.

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