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Unsere Monster

Unsere Monster

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro und andere Rechtsextreme verdanken ihren Aufstieg auch den westlichen Medien.

Bolsonaro: Ein von unseren Medien geschaffenes Monster
von Jonathan Cook

Nach dem Sieg von Jair Bolsonaro bei der brasilianischen Präsidentschaftswahl am 28. Oktober sind die Schwarzmaler unter den westlichen Eliten wieder einmal aktiv. Bolsonaros Erfolg hat, ebenso wie der Donald Trumps, ein lang gehegtes Vorurteil bestätigt: dass dem Volk nicht zu trauen ist; dass es sich, wenn es ermächtigt ist, aufführt wie ein von primitiven Trieben geleiteter Mob; dass der gemeine Pöbel nun damit droht, die sorgfältig errichteten Mauern der Zivilisation niederzureißen.

Die Hüter des Status quo haben sich geweigert, die Lektion aus Trumps Wahl zu lernen, und so wird es auch mit Bolsonaro sein. Anstatt die intellektuellen Fähigkeiten zu bemühen, die sie als ihre exklusive Domäne beanspruchen, wenden die westlichen „Analysten“ und „Experten“ ihren Blick erneut von allem ab, was ihnen zum Verständnis dessen verhelfen könnte, was unsere angeblichen Demokratien in die von den neuen Demagogen bewohnte Finsternis getrieben hat. Stattdessen schieben sie die Schuld, wie immer, einfach den sozialen Medien in die Schuhe.

Soziale Medien und Fake News sind scheinbar die Gründe für Bolsonaros Sieg an der Wahlurne. Ohne dass die Wächter zur Stelle waren, um den Zugang zur „freien Presse“ zu begrenzen – die selbst der Spielball von Milliardären und globalen Unternehmen ist, Marken schützen muss und gewinnorientiert arbeitet – war der Pöbel vermeintlich frei, seiner angeborenen Bigotterie Ausdruck zu verleihen.

Mit den folgenden Worten doziert der Brite Simon Jenkins, altgedienter Wächter und ehemaliger Redakteur der Londoner Times, der nun eine Kolumne für den Guardian schreibt, über Bolsonaro:

  • „Die Lektion für die Verfechter der Demokratie ist mehr als deutlich. Ihre Werte können nicht als selbstverständlich erachtet werden. Wenn Debatten nicht mehr durch die Medien, durch Gerichte und Institutionen reguliert werden, wird die Politik auf den Mob zurückgreifen. Die sozialen Medien – die einst als Mittel der globalen Eintracht bejubelt wurden – sind zu Lieferanten von Falschheit, Wut und Hass geworden. Ihre Algorithmen polarisieren Meinungen. Ihre Pseudo-Informationen treiben Auseinandersetzungen auf die Spitze.“*

So lautet nun der standardmäßige Konsens der Konzernmedien, sei es in ihren rechtsgerichteten Verkörperungen oder ihren Varianten am linksliberalen Ende des Spektrums, wie eben dem Guardian: Das Volk ist dumm, und wir müssen vor seinen niederen Instinkten geschützt werden. Die sozialen Medien, so wird behauptet, haben das Es der Menschheit entfesselt.

Die Plutokratie verkaufen

Es liegt eine Art von Wahrheit in Jenkins’ Argument, wenn auch nicht die von ihm gemeinte. Die sozialen Medien haben die gewöhnlichen Leute tatsächlich befreit. Zum ersten Mal in der Geschichte waren sie nicht bloß die Empfänger offizieller, sanktionierter Informationen. Sie wurden nicht mehr nur von oben herab von Bessergestellten angesprochen, sie konnten ihnen auch antworten – und nicht immer so respektvoll, wie die Medien-Kaste es erwartete.

Jenkins und seinesgleichen hängen an ihren alten Privilegien und sind daher zu Recht beunruhigt. Sie haben viel zu verlieren.

Doch das bedeutet auch, dass sie alles andere als neutrale Beobachter der gegenwärtigen Politikszene sind. Sie sind eng verbandelt mit dem Status quo, den existierenden Machtstrukturen, die sie zu gut bezahlten Höflingen der Unternehmen gemacht haben, die den Planeten beherrschen.

Bolsonaro ist, wie Trump, keine Störung der gegenwärtigen neoliberalen Ordnung; er ist eine Verschärfung oder Eskalation ihrer schlimmsten Impulse. Er ist ihre logische Schlussfolgerung.

Die Plutokraten, die unsere Gesellschaften lenken, brauchen Strohmänner, hinter denen sie ihre unerklärliche Macht verstecken können. Bis jetzt haben sie die gelacktesten Geschäftsmänner bevorzugt, solche, die Krieg als humanitäre Intervention anstatt als profitgetriebene Übungen in Tod und Zerstörung verkaufen konnten; die untragbaren Plünderungen natürlicher Ressourcen als wirtschaftliches Wachstum; die extreme Anhäufung von Reichtum, gehortet in Offshore-Steueroasen, als das faire Resultat eines freien Marktes; die von gewöhnlichen Steuerzahlern finanzierten Rettungspakete zur Bewältigung von Wirtschaftskrisen, die sie entworfen hatten, als notwendige Einschränkungen; und so weiter.

Ein redegewandter Barack Obama oder eine zungenfertige Hillary Clinton waren das bevorzugte Verkaufspersonal, besonders in einer Zeit, in der die Eliten uns von einem Argument überzeugt hatten, das ihnen nutzte: dass Identitätsmerkmale wie Hautfarbe oder Geschlecht, die die Menschen in verschiedene Kasten einteilen, viel mehr zählten als Klassenzugehörigkeit. Es war „teile und herrsche“ verkleidet als „Empowerment“. Die Polarisierung, die Jenkins jetzt beklagt, wurde in Wahrheit von eben den Konzernmedien geschürt und zu erklären versucht, denen er so treu dient.

Angst vor dem Domino-Effekt

Trotz ihrer erklärten Sorge ziehen die Plutokraten und ihre Medienvertreter einen rechtsextremen Populisten wie Trump oder Bolsonaro bei weitem einem Populistenführer der echten Linken vor. Sie ziehen die sozialen Spaltungen, die von Neofaschisten wie Bolsonaro befeuert werden – Spaltungen, die ihren Reichtum und ihre Privilegien sicherstellen – der einenden Botschaft eines Sozialisten vor, der Klassenprivilegien beschneiden will – und damit die wahre Grundlage für die Macht der Elite.

Die echte Linke – ob in Brasilien, Venezuela, Großbritannien oder den USA – kontrolliert weder die Polizei noch das Militär, weder die Ölindustrie, die Waffenhersteller noch die Konzernmedien. Eben diese Industrien und Institutionen haben Bolsonaro in Brasilien, Viktor Orban in Ungarn und Trump in den USA den Weg zur Macht geebnet.

Ehemalige Sozialistenführer wie Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien oder Hugo Chavez in Venezuela waren nicht so sehr aufgrund ihrer Mängel als Individuen zum Scheitern verurteilt, sondern weil machtvolle Interessen ihr Recht zu regieren vereitelten. Diese Sozialisten hatten nie Kontrolle über die zentralen Hebel der Macht, die ausschlaggebenden Ressourcen. Vom Moment ihrer Wahl an wurden ihre Bemühungen sabotiert – von innen und außen.

Die lokalen Eliten in Lateinamerika sind wie durch eine Nabelschnur mit den US-Eliten verbunden, die wiederum entschlossen sind, jedes sozialistische Experiment in ihrem Hinterhof scheitern zu lassen – um einen äußerst gefürchteten Domino-Effekt zu verhindern, der Sozialismus näher an ihrer Heimat säen könnte.

Die Medien, die Finanzeliten, das Militär waren nie Diener der sozialistischen Regierungen, die darum ringen, Lateinamerika zu reformieren. Die Geschäftswelt hat weder Interesse daran, angemessenen Wohnraum anstelle von Slums zu bauen, noch daran, den Massen aus der Armut zu helfen, die die Drogenbanden befeuert, von denen Bolsonaro behauptet, er wolle sie durch mehr Gewalt zerschlagen.

Bolsonaro wird sich mit keinem der institutionellen Hindernisse konfrontiert sehen, die Lula de Silva oder Chavez überwinden mussten. Niemand mit Macht wird sich ihm in den Weg stellen, während er seine „Reformen“ einführt. Niemand wird ihn davon abhalten, Brasiliens Reichtum für seine Freunde in der Unternehmenswelt abzuschöpfen. Wie in Pinochets Chile kann sich Bolsonaro sicher sein, dass seine Art von Neofaschismus in geschmeidiger Harmonie mit dem Neoliberalismus bestehen wird.

Das immune System

Wenn man das Ausmaß der Selbsttäuschung von Jenkins und anderen Medien-Wächtern verstehen will, sollte man Bolsonaros politischen Aufstieg mit dem von Jeremy Corbyn vergleichen, dem gemäßigten sozialdemokratischen Parteivorsitzenden der britischen Labour Party. Jene wie Jenkins, die die Rolle der sozialen Medien – und damit meinen sie Sie, die Öffentlichkeit – bei der Unterstützung von Führern wie Bolsonaro beklagen, sind auch der Medienchor, der Corbyn seit drei Jahren Tag für Tag, Schlag auf Schlag, verwundet – seit er aus Versehen am Schutzwall vorbeigeschlüpft ist, der von Partiebürokraten dafür vorgesehen war, jemanden wie ihn von der Macht fernzuhalten.

Der vorgeblich liberale Guardian führt diesen Angriff an. Wie die rechtsgerichteten Medien hat er seine absolute Entschlossenheit gezeigt, Corbyn um jeden Preis und unter jedem möglichen Vorwand zu stoppen.

Innerhalb von Tagen nach Corbyns Wahl zum Labour-Vorsitz veröffentlichte die Times – die Stimme des britischen Establishments – einen Artikel, in dem sie einen General zitierte, den namentlich zu nennen sie sich weigerte. Dieser warnte, die Kommandeure der britischen Armee hätten sich darauf geeinigt, eine Corbyn-geführte Regierung zu sabotieren. Der General lieferte starke Hinweise darauf, dass es davor einen Militärputsch geben würde.

Es ist nicht vorgesehen, dass wir den Punkt erreichen, an dem solche Drohungen – die die Fassade der westlichen Demokratie niederreißen – je verwirklicht werden müssen. Unsere vorgetäuschten Demokratien wurden mit einem Immunsystem geschaffen, dessen Abwehrmechanismen darauf ausgerichtet sind, eine Bedrohung wie Corbyn viel früher zu eliminieren.

Sobald er jedoch der Macht näher kam, waren die rechtsgerichteten Konzernmedien gezwungen, die gegen linke Führer gebräuchlichen Gemeinplätze einzusetzen: Er sei inkompetent, unpatriotisch, gar verräterisch.

Doch ebenso wie der menschliche Körper verschiedene Immunzellen besitzt, um seine Überlebenschancen zu erhöhen, so haben auch die Konzernmedien ihre pseudo links-liberalen Kräfte wie den Guardian, um die Abwehr der Rechten zu ergänzen. Der Guardian versuchte, Corbyn durch Identitätspolitik zu schaden, die Achillessehne der modernen Linken. Ein endloser Strom fingierter, sich um Antisemitismus drehender Krisen zielte darauf ab, das hart erarbeitete Ansehen zu untergraben, das Corbyn über Jahrzehnte durch seine Arbeit gegen Rassismus aufgebaut hatte.

Brandrodungspolitik

Warum ist Corbyn so gefährlich? Weil er das Recht von Arbeitern auf ein würdiges Leben unterstützt, weil er sich weigert, die Macht der Unternehmen zu akzeptieren, weil er andeutet, dass ein anderer Weg zur Gestaltung unserer Gesellschaften möglich ist. Das Programm, das er zur Sprache bringt, ist bescheiden, gar zaghaft, doch trotzdem ist es viel zu radikal, sowohl für die Klasse von Plutokraten, die über uns herrscht, als auch für die Konzernmedien, die als deren Propagandaarm dienen.

Die Wahrheit, die Jenkins und diese Stenographen der Unternehmen ignorieren, ist folgende: Wenn man die Programme eines Chavez, eines Lula da Silva, eines Corbyn oder eines Bernie Sanders fortwährend sabotiert, dann bekommt man einen Bolsonaro, einen Trump, einen Orban.

Es ist nicht so, dass die Massen eine Bedrohung für die Demokratie sind. Vielmehr versteht eine immer größere Zahl der Wähler, dass eine globale Unternehmenselite das System manipuliert, um für sich selbst immer größere Gewinne herauszuschlagen.

Es sind nicht die sozialen Medien, die unsere Gesellschaften manipulieren. Es ist vielmehr so, dass die Entschlossenheit der Eliten, den Planeten zu plündern, bis sie ihn keiner Vorzüge mehr berauben können, Verbitterung geschürt und Hoffnung zerstört hat. Es sind nicht Fake News, die die niederen Instinkte der unteren Ränge entfesselt haben. Es ist vielmehr die Frustration jener, die das Gefühl haben, dass Veränderung unmöglich ist, dass niemand, der an der Macht ist, zuhört oder sich kümmert.

Soziale Medien haben die gewöhnlichen Leute ermächtigt. Sie haben ihnen gezeigt, dass sie ihren Führern nicht trauen können, dass Macht Gerechtigkeit übertrumpft, dass die Bereicherung der Eliten ihre Armut erfordert. Sie haben gefolgert: Wenn die Reichen eine Brandrodungspolitik gegen den Planeten, unsere einzige Zuflucht, betreiben können, dann können sie ihrerseits eine Brandrodungspolitik gegen die globale Elite betreiben.

Ist ihre Entscheidung klug, wenn sie einen Trump oder einen Bolsonaro wählen? Nein. Doch den liberalen Wächtern des Status quo steht es nicht zu, über sie zu urteilen. Jahrzehntelang haben alle Konzernmedien bei der Untergrabung einer echten Linken geholfen. Diese hätte echte Lösungen anbieten, sich die Rechten vornehmen und besiegen können, einen moralischen Kompass für eine verwirrte, verzweifelte und desillusionierte Öffentlichkeit bieten können.

Jenkins will die Massen über ihre moralisch verkommenen Entscheidungen belehren, während er und seine Zeitung sie von jedem Politiker weglenken, der sich um ihr Wohlergehen sorgt, der für eine fairere Gesellschaft kämpft, der das Reparieren des Kaputten zur Priorität macht.

Die westlichen Eliten werden Bolsonaro in der aussichtslosen und zynischen Hoffnung schlechtreden, ihr Ansehen als Wächter der bestehenden, angeblich moralischen Ordnung aufzuwerten. Doch sie haben ihn erschaffen. Bolsonaro ist ihr Monster.


Jonathan Cook ist ein britischer Journalist und seit 2001 als freier Auslandskorrespondent in Nazareth ansässig. Er ist Gewinner des Martha Gellhorn Prize for Journalism. Zu seinen Büchern gehören Israel and the Clash of Civilisations: Iraq, Iran and the Plan to Remake the Middle East und Disappearing Palestine: Israel’s Experiments in Human Despair. Seine Website lautet https://www.jonathan-cook.net/.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Bolsonaro: A Monster Engineered by Our Media". Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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