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Unheilige Allianz

Unheilige Allianz

Kapitalismus und Faschismus haben mehr gemeinsam als man denkt.

Wie wir den Faschismus bekämpfen
von Chris Hedges

1923 berichtete die radikale Sozialistin und Feministin Clara Zetkin bei der Kommunistischen Internationalen über die Entstehung einer politischen Bewegung namens Faschismus. Viele Liberale, Sozialisten und Kommunisten schrieben den Faschismus, der damals noch in den Kinderschuhen steckte, als bloße Pöbelherrschaft, Terror und Straßengewalt ab.

Doch Zetkin, eine deutsche Revolutionärin, erkannte seine Boshaftigkeit, sah, welche Verführung und welche Gefahr er darstellte. Sie warnte davor, dass der Faschismus umso attraktiver werde, je länger man dabei zusehe, wie eine dysfunktionale Demokratie stagniere und verkomme.

Und heute, da sich die kapitalistische Demokratie im Amerika des 21. Jahrhunderts auflöst und die nackte Kleptokratie an ihre Stelle getreten ist, die die Rechtsstaatlichkeit verachtet, spiegelt der Kampf früherer Anti-Faschisten unseren eigenen wider.

Die Geschichte hat mannigfach gezeigt, wohin politische Lähmung, ökonomischer Abstieg, übersteigerter Militarismus und weit verbreitete Korruption führen.

Faschismus als Krisengewinnler

Zetkins gespenstisch prophetische Analyse, neu abgedruckt in dem von John Riddell und Mike Taber herausgegebenen Buch „Fighting Fascism: How to Struggle and How to Win“, wirft ein Schlaglicht auf die Grundzüge aufkommender faschistischer Bewegungen.

Der Faschismus, warnte Zetkin, keimt auf, wenn der Kapitalismus in eine Krisenphase eintritt und wenn demokratische Institutionen zusammenbrechen, die ursprünglich reformierbar waren und Schutz vor hemmungslosen Angriffen durch die kapitalistische Klasse boten.

Die unkontrollierte kapitalistische Attacke drängt die Mittelklasse, das Bollwerk der kapitalistischen Demokratie, in die Arbeiterklasse und oftmals gar in die Armut. Er beraubt die Arbeiter jeglichen Schutzes und drückt die Löhne.

Je länger eine ökonomische und soziale Stagnation anhält, desto attraktiver erscheint der Faschismus. Zetkin hätte uns davor gewarnt, dass nicht Donald Trump die Gefahr darstellt; die Gefahr besteht vielmehr in der wachsenden sozialen und ökonomischen Ungleichheit, die das Vermögen in den Händen einer oligarchischen Elite konzentriert und das Leben der Bürger herabwürdigt.

Exzesse des Kapitalismus

Der Zusammenbruch der kapitalistischen Demokratie, so Zetkin, entmachte die Angehörigen der Arbeiterklasse. Ihre Bitten finden kein Gehör mehr. Reformen, die ihr Leiden begrenzen sollen, sind lediglich kosmetischer Natur und nutzlos. Ihre Wut wird als irrational oder rassistisch abgetan.

Eine bankrotte liberale Klasse, die einst zumindest schritt- und stückchenweise Reformen ermöglichte und damit die schlimmsten Exzesse des Kapitalismus abmilderte, übt sich in leeren Versprechungen von sozialer Gerechtigkeit und Arbeiterrechten, während sie diese in Wirklichkeit an die kapitalistischen Eliten verkauft.

Der Zorn der Entrechteten

Die Scheinheiligkeit der liberalen Klasse ruft nicht nur Verachtung, sondern Abscheu gegenüber den liberalen, demokratischen Werten hervor, für die sie doch angeblich eintritt.

Die „Tugenden“ der Demokratie werden zunehmend als widerwärtig empfunden. Die groben Spötteleien, Drohungen und Beleidigungen, die die Faschisten dem liberalen Establishment entgegen schleudern, sind Ausdruck legitimen Zorns der betrogenen Arbeiterklasse.

Trumps derbe Art verfängt deshalb bei vielen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Demoralisierte Arbeiter, deren Interessen auch das intellektuelle Establishment – die Presse und die Akademiker - nicht verteidigt, verlieren den Glauben an den politischen Prozess.

Weil sie merken, dass die liberalen Eliten sie belogen haben, sind sie offen für bizarre und abwegige Verschwörungstheorien. Die Faschisten lenken diese Wut und diese Rachegelüste auf eine Reihe von Phantomfeinden, vor allem auf Minderheiten, die zu Sündenböcken gemacht werden.

„Was sie am meisten belastet, ist die fehlende Sicherheit für ihre nackte Existenz“, schrieb Zetkin über die enteignete Arbeiterklasse.

„Tausende strömten dem Faschismus zu. … Dort fanden die politisch Heimatlosen, die sozial Entwurzelten, die Verzweifelten und Desillusionierten Zuflucht. … Die Kleinbürger und die ohne klare Klassenzugehörigkeit schwanken zunächst unentschlossen zwischen den mächtigen historischen Lagern, zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie. Ihr Leiden und zum Teil auch die hehren Sehnsüchte und hohen Ideale bringen sie dazu, mit dem Proletariat zu sympathisieren, jedenfalls so lange es sich revolutionär verhält und Chancen auf einen Sieg hat. Unter dem Druck der Massen und ihrer Bedürfnisse und unter dem Eindruck dieser Lage sehen sich sogar die faschistischen Anführer dazu genötigt, zumindest mit dem revolutionären Proletariat zu flirten, auch wenn sie nicht unbedingt Sympathien zu ihm hegen“ (1).

Die Nation als Heilsversprechen

An die Stelle der diskreditierten Ideale der Demokratie tritt ein übersteigerter Nationalismus, der die Bevölkerung nicht in Klassen aufteilt, sondern zwischen Patrioten und vaterlandslosen Gesellen unterscheidet. Unter faschistischer Herrschaft verschmelzen nationale und religiöse Symbole wie das christliche Kreuz und die US-Flagge. Der Faschismus bietet den Besitzlosen einen fassbaren Feind und das Recht, körperlich zurückzuschlagen.

Diejenigen, die man für den Niedergang der Gesellschaft dämonisiert – Juden und Kommunisten im Nazi-Deutschland, die Kulaken in der Sowjetunion und die Sans-Papiers, Afroamerikaner und Muslime in den USA – werden zu gesellschaftlichen Parias. Die Stigmatisierten werden zusammen mit Intellektuellen, Liberalen, Schwulen, Feministen und Dissidenten als Verkörperung der Seuche attackiert, die die Nation zerstört hat und die die Faschisten ausrotten werden.

Die faschistische Rhetorik ist immer in eine Sprache der Erneuerung und moralischer Reinheit gekleidet.

„Was die Massen nicht mehr von einer revolutionären Proletarierklasse und vom Sozialismus erhoffen, sollten nun, so ihre Hoffnung, die fähigsten, stärksten, entschlossensten und kühnsten Mitglieder einer jeden Klasse erreichen.“

Das schrieb Zetkin, die mit der ermordeten Rosa Luxemburg eng befreundet war.

„All diese Kräfte müssen sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen. Und diese Gemeinschaft ist für die Faschisten die Nation. … Das Instrument, mit dem die faschistischen Ideale zu erreichen sind, stellt für sie der Staat dar. Ein starker autoritärer Staat, den sie selbst schaffen wollen und der ihr williges Werkzeug sein wird. Dieser Staat wird über allen Unterschieden von Partei und Klasse thronen.“

Vorwärts, zum Kommunismus!

Zetkin, Mitbegründerin des radikalen Spartakusbundes, warnte davor, die breite Masse von faschistischen Bewegungen zu dämonisieren. Sie erinnerte uns daran, dass diejenigen, auf die der Faschismus anziehend wirkt, ihm nur dann entwunden werden können, wenn man sich ihrer echten und tiefsitzenden Kümmernisse annimmt.

„Die besten von ihnen suchen einen Ausweg aus tiefer Seelennot.“, so schrieb sie über diejenigen, die faschistischen Organisationen beitraten. „Sie begehren neue unerschütterliche Ideale und eine Weltanschauung, die ihnen dabei hilft, die Natur, die Gesellschaft, ihr eigenes Leben zu begreifen, eine Weltanschauung, die keine sterile Formel ist, sondern schöpferisch, gestaltend wirkt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die gewalttätigen faschistischen Banden nicht ausschließlich zusammengesetzt sind aus Kriegsrohlingen, aus freiwilligen Söldnern, aus käuflichen Lumpen, denen der Terror Genuss ist. Wir finden in ihnen auch die energischsten, entwicklungsfähigsten Elemente der betreffenden Kreise. Wir müssen uns ihnen mit Ernst und mit Verständnis für ihre Lage und ihre brennende Sehnsucht nähern, unter ihnen arbeiten und ihnen zeigen, dass der Ausweg für sie nicht rückwärts führt, sondern vielmehr vorwärts, zum Kommunismus.“

Verherrlichung von Gewalt

Die höchste Ästhetik des Faschismus ist der Krieg. Seine Bewunderung für militärische Stärke und Gewalt, sein Unvermögen, sich mit der Welt der Ideen, mit feinen Schattierungen und komplexen Zusammenhängen zu befassen, und seine emotionale Abgestumpftheit machen es ihm unmöglich, in einer anderen Sprache als der von Drohungen und Nötigungen zu sprechen.

Institutionen, die respektvoll mit Komplexität umgehen, die über kulturelle Grenzen hinweg kommunizieren und andere verstehen wollen, werden von den Faschisten herabgewürdigt und zerstört. Diplomatie, Gelehrsamkeit, Kultur und Journalismus sind ihnen verhasst.

Entweder man fügt sich, innerhalb und außerhalb der Grenzen der Nation, oder man wird niedergewalzt. Dieses moralische und intellektuelle Vakuum bringt die Faschisten dazu, den Bogen zu überspannen, vor allem in Form von militärischen Abenteuern und imperialistischer Expansion.

Sie brechen langanhaltende und sinnlose Kriege vom Zaun, die die erschöpften Ressourcen der Nation auszehren und die bürgerlichen Freiheiten im eigenen Land auslöschen. Und am Ende lassen sie sowohl innen, wie auch außen eine Brutalität walten, die das Ausmaß von Völkermord annimmt.

Kapitalismus und Faschismus – eine unheilige Allianz

Der Faschismus, so Zetkin, hetzt einen Teil der Arbeiterklasse gegen den anderen auf. Bei der Demonstration in Charlottesville, die tödliche Züge annahm, prallten „Antifa“-Aktivisten und Neonazis zusammen, die zum Großteil derselben ökonomischen Schicht angehörten.

Die Spaltungen innerhalb der Arbeiterklasse, die die Faschisten bewirken, befördern, zusammen mit dem faschistischen Angriff auf Gewerkschaften, Intellektuelle, Dissidenten und die Presse, eine unbehagliche Allianz mit den kapitalistischen Eliten.

Diese belächeln die Faschisten oftmals als Dummköpfe und Knallchargen. Im Wesentlichen werden die Kapitalisten von den Faschisten mit Steuererleichterungen, durch Deregulierung, die Zerschlagung von Gewerkschaften, sowie die Zerstörung der Institutionen gekauft, welche für die Beaufsichtigung und den Schutz der Arbeiter zuständig sind.

Der Ausbau des Militärs, der den Kapitalisten wachsenden Profit beschert, zusammen mit einem Machtzuwachs für die Organe der inneren Sicherheit, bindet die kapitalistischen Eliten an die Faschisten. Ihre Verbandelung besteht zum Nutzen beider Seiten. Daher tolerieren die kapitalistischen Eliten Trump und erdulden, dass er auf dem internationalen Parkett eine Peinlichkeit darstellt.

„Es ist der krasseste Widerspruch vorhanden zwischen dem, was der Faschismus verheißen hat, und dem, was er den Massen bringt“, schrieb Zetkin.

„Dieses Gerede davon, wie der faschistische Staat die Interessen der Nation über alles stellen werde, wird im Wind der Realität wie eine Seifenblase platzen. Die ‚Nation‘ offenbart sich als Bourgeoisie; der ideale faschistische Staat zeigt sich als vulgärer, skrupelloser bürgerlicher Klassenstaat. … Die Klassenunterschiede erweisen sich als mächtiger als alle Ideologien, die ihre Existenz leugnen.
Die Bourgeoisie muss aggressive Gewalt ausüben, um sich gegen die Arbeiterklasse zu verteidigen. Der alte und scheinbar ‚apolitische‘ repressive Apparat des bürgerlichen Staates bietet ihr keinen ausreichenden Schutz mehr. Die Bourgeoisie stellt also in ihrem Klassenkampf Sondertrupps zusammen, um gegen das Proletariat zu kämpfen. Solche Truppen bietet ihnen der Faschismus.
Obwohl im Faschismus auch revolutionäre Strömungen aufgegangen sind – Kräfte, die sich gegen den Kapitalismus und seinen Staat wenden könnten – entwickelt er sich dennoch zu einer gefährlichen kontrarevolutionären Kraft.
Der Faschismus zeigt in jedem Land andere Züge, das ist den historischen Gegebenheiten geschuldet. Doch überall setzt er sich aus einem Amalgam aus brutaler, terroristischer Gewalt zusammen und geht Hand in Hand mit trügerischen revolutionären Formulierungen. So knüpfen sie auf demagogische Weise an die Bedürfnisse und Stimmungen der breiten Masse der Arbeiterschaft an.“

Zetkin – aufrechte Antifaschistin bis zuletzt

1932 sollte Zetkin, die mit ihren 74 Jahren das älteste gewählte Mitglied des von den Nazis kontrollierten Reichstages war, der Tradition folgend die erste Sitzung der Legislaturperiode eröffnen.

Die Nazi-Presse überzog sie mit ätzenden Kommentaren, attackierte sie als „kommunistische Jüdin“, als „Verräterin“ und, wie Joseph Goebbels sie zu bezeichnen beliebte, als „Schlampe“. Die Nazis drohten ihr damit, sie anzugreifen, wenn sie in der Kammer auftrete, deshalb witzelte sie, sie würde dort sein – „tot oder lebendig“.

In schlechter körperlicher Verfassung erschien sie auf einer Liege im Reichstag, auf dem Podium aber gewann sie ihr typisches feuriges Temperament zurück. Ihre 40-minütige Rede war eine der letzten öffentlichen Anprangerungen des Faschismus in Nazi-Deutschland. Innerhalb eines Jahres verboten die Nazis die Kommunistische Partei und Zetkin starb im sowjetischen Exil.

Sie sprach zum Reichstag:

„Unsere dringendste Aufgabe heute ist es, eine Einheitsfront aller Werktätigen zu bilden, um den Faschismus niederzuringen. Vor dieser zwingenden geschichtlichen Notwendigkeit müssen alle fesselnden und trennenden politischen, gewerkschaftlichen, religiösen und weltanschaulichen Einstellungen zurücktreten.
All jene, die bedroht werden, all jene, die leiden, all jene, die Freiheit ersehnen, müssen sich in die Einheitsfront gegen den Faschismus und seine Vertreter in der Regierung einreihen. Die Werktätigen müssen sich gegenüber dem Faschismus behaupten. Dies ist die dringende und unerlässliche Voraussetzung für eine Einheitsfront gegen die ökonomische Krise, gegen imperialistische Kriege und ihre Ursachen und gegen die kapitalistische Produktionsweise.
Die Auflehnung von Millionen werktätiger Männer und Frauen in Deutschland gegen Hunger, Entrechtung, faschistischen Mord und imperialistische Kriege ist ein Ausdruck der unzerstörbaren Schicksalsgemeinschaft der Schaffenden der ganzen Welt. Dieses Schicksal, das uns alle auf der ganzen Welt verbindet, muss darin ihren Ausdruck finden, dass wir eine eherne Kampfgemeinschaft aller Werktätigen in allen Bereichen schmieden, die vom Kapitalismus beherrscht werden.“


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Bei den Zetkin-Zitaten handelt es sich um Rückübersetzungen aus dem Englischen. Chris Hedges hat Zektins Worte oftmals gerafft, so dass es sinnvoll erschien, dies in der deutschen Fassung nachzuvollziehen. Es bleibt aber natürlich jedem Leser unbenommen, auch in den deutschen Originalquellen zu lesen. Ausschnitte aus Zetkins Rede vor dem Reichstag 1932 sind auch auf YouTube zu hören.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „How We Fight Fashism". Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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