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Überwachung, die unter die Haut geht

Überwachung, die unter die Haut geht

Die öffentliche Begeisterung für RFID-Implantate hat Folgen.

Redaktionelle Vorbemerkung: Wie fern, wie uneinnehmbar wirken die Festungen der Mainstream-Medienlandschaft aus junger Perspektive, wie durchgetaktet ihr redaktioneller Duktus. Gastbeitrag? Vielleicht nach drei Praktika! Doch in einer Demokratie sollten auch wir Jugendlichen ein Mitspracherecht haben. Der Rubikon setzt hierfür einen Grundstein. Unsere Jugendredaktion veröffentlicht daher in ihrer Kolumne „Junge Federn“ beständig Beiträge junger Autorinnen und Autoren, denen thematisch kaum Grenzen gesetzt sind. Wenn dich das anspricht, schreib uns gerne an: jugend@rubikon.news.


Es dauert nur wenige Minuten. Ein kurzer Stich unter die Haut, ein kleines Glasimplantat nicht größer als ein Reiskorn, ein einfaches Drogeriepflaster und herzlichen Glückwunsch: Sie sind ein Cyborg. Toll oder? Ist diese Art von Digitalisierung unsere Zukunft?

Dieses Szenario entspringt keineswegs einem Sciencefiction-Film oder einer gesellschaftskritischen Zukunftsdystopie. Es ist im Gegenteil ein höchst aktueller Trend, der in den letzten Jahren anscheinend auch in Deutschland Fuß gefasst hat und liebevoll ,,Biohacking“ genannt wird.

Das, was einem auf jeder etwas größeren Technik-Messe ohne ärztliche Betreuung unter die Haut implantiert werden kann, ist ein sogenannter RFID-Chip. Diesen kann sein Träger beziehungsweise Wirtskörper zur Vereinfachung seines Alltags benutzen und der kann ihm zusätzlich zur fehlenden Notwendigkeit, einen Schlüssel oder eine Brieftasche bei sich zu tragen, auch noch das Gefühl vermitteln, extrem ,,trendy“ zu sein.

Die Bezeichnung RFID bedeutet Radio-Frequency Identification und wird von den Herstellern kurz ,,Tag“ genannt. Ein handelsübliches Implantat ist ungefähr einen Zentimeter lang sowie zwei Millimeter breit. Auf einem RFID-Chip können aufgrund von elektromagnetischen Wellen, die auf den jeweiligen Frequenzen schwingen, Daten gespeichert und ohne direkte Berührung wieder ausgelesen werden.

Welche Daten er mithilfe einer Smartphone App wie NFC Tools oder Trigger auf das Implantat lädt, entscheidet der Nutzer selbst. Eine 100-prozentige Sicherheit dafür, dass der Chip beim Einsetzen in den Körper leer ist, gibt es allerdings nicht. Seit Anfang 2016 herrscht ein regelrechter Hype um diese Produkte. Das Narrativ: In einer technisierten Welt kann der Mensch nur überleben, wenn er mit der Technik eins wird. 50 000 Menschen weltweit tragen bereits ein solches RFID-Implantat in sich. 4000 davon in Deutschland, Tendenz steigend.

Für den Alltag bietet das meist von jungen Start-Up-Unternehmen hergestellte Produkt tatsächlich einige nützliche Funktionen. Auf dem RFID-Implantat kann man nicht nur Textdateien, Visitenkarten, Bahntickets und Profile seiner sozialen Netzwerke speichern, sondern unter anderem auch die eigene Haustür öffnen oder Zutritt zum Arbeitsplatz erhalten. Das dauert nur wenige Sekunden.

Da die Chips in den allermeisten Fällen in den Zwischenraum zwischen Daumen und Zeigefinger eingebracht werden, muss der Kunde seine Hand nur an das digitalisierte Türschloss halten und die Tür öffnet sich. Es besteht auch die Möglichkeit, an jeder beliebigen Kasse, die über ein NFC-Lesegerät verfügt, mit dem einfachen Scan der Hand zu bezahlen, insofern vor der Implantation von der Bank die Kontodaten auf den Chip geladen wurden.

In den nächsten Jahren sollen weitere Möglichkeiten etabliert werden, auch gesundheitliche Daten wie Herzfrequenz, Blutdruck oder Insulinspiegel, also den gesamten Biorhythmus zu erfassen. Dann könnten bei einem medizinischen Notfall die Sanitäter oder Ärzte (mit entsprechendem Lesegerät) sofort die Krankengeschichte sowie die medizinischen Daten des Patienten einsehen. So jedenfalls wünschen es die Befürworter.

Diese Entwicklung löst allerdings kontroverse Reaktionen aus. Während die Generation bis 35 sie größtenteils als durchaus positive Perspektive für die Zukunft ansieht, trifft sie andererseits auf enorme Skepsis, die sich einmal aus der grundlegenden Abneigung speist, sich einen Fremdkörper unter die Haut setzten zu lassen, und zum anderen aus der damit verbundenen möglich werdenden Kontrolle und Überwachung (1, 2).

Eine Prise Überwachungsstaat

Wird durch einen implantierten Datenchip die Totalüberwachung möglich und hoffähig gemacht?

Das Pro7-Wissensmagazin Galileo fragt dazu einen nicht unbedingt als neutral zu bezeichnenden Experten: Patrick Kramer. Er ist Gründer der Firma Digiwell, die jene RFID-Implantate herstellt, und der einzige auf dem deutschen Markt mit einer Verkaufslizenz.

Da er mit seiner marktbeherrschenden Stellung kein sonderlich großes Interesse daran hat, die Risiken seines Produktes in den Vordergrund zu stellen, fällt auch seine Antwort relativ eindeutig aus:

,,Es ist ein Märchen, dass ich dadurch überwacht werden kann. Wenn ich Daten ablesen will, muss ich das Handy auf die Hand legen, wenn ich überhaupt weiß, dass da ein Chip drin ist, und das würde ich ja merken, wenn mir jemand ein Handy auf die Hand legt.“

Diese Aussage ist ungefähr so sinnvoll wie folgende:

,,Das ist ein Märchen, dass die NSA meine Nachrichten auf dem Handy mitlesen kann. Wenn ich die Nachrichten lesen will, muss ich mein Handy ja anschalten. Wenn ich überhaupt weiß, dass da Nachrichten sind, und wenn die NSA mir mein Handy wegnimmt, um es anzuschalten, dann würde ich das ja merken.“

Es ist allgemein bekannt, dass staatliche Institutionen wie Geheimdienste nicht nur geringfügig besser digital ausgestattet sind als der Durchschnittsbürger. Und tatsächlich: Ein schwedischer RFID-Hersteller gibt zu:

,, Man kann die Daten recht einfach auslesen. Die jetzige Generation von Implantaten ist nicht verschlüsselt.“

Solange sich nur die sowieso hackbaren Facebook- und Twitter-Profile darauf befinden, entsteht kein wirklicher Unterschied zur aktuellen Situation und auch Türen kann man normalerweise ohne Hacking aufbrechen. Wenn es aber darum geht, dass die medizinischen Daten von allen Menschen, die sich mit solchen Implantaten chippen ließen, per Mausklick abrufbar sind, wird es heiß. Was für eine große Chance wäre das für die Werbeindustrie, wenn sie die Werbeanzeigen, die einem aufs Smartphone geladen werden, an den individuellen physiologischen Bedürfnissen ausrichten könnte?

Insbesondere die Pharmaindustrie würde sich sicher keiner Kooperation verweigern, wenn damit die Steigerung der eigenen Profite möglich wird. Dann könnte schon bald die Werbung für Kopfschmerztabletten nur wenige Sekunden nach Einsetzen der tatsächlichen Kopfschmerzen auf dem Bildschirm von Smartphone oder PC aufflimmern.

Durch das akute Bedürfnis nach Linderung des körperlichen Schmerzes würde die Konsumwahrscheinlichkeit um einiges steigen. Die jetzige Generation der RFID-Implantate verfügt noch nicht über diese Technologie, grundsätzlich realisierbar wäre sie jedoch. Man kann also den Schluss ziehen, dass wenn die Hersteller selbst zugeben, dass das Produkt in keinster Weise verschlüsselt ist, die Möglichkeit einer staatlichen Überwachung relativ groß ist. (2, 3)

Den Deutschen wird allgemein eine gewisse Trägheit nachgesagt, sie hätten mit der Adaption von Neuem größere Probleme als andere Völker. So wenig förderlich das im politischen Sinne auch sein mag, hat ein solches Verhalten im Fall dieser Art von Digitalisierung auch seine Vorteile. Denn was die gesellschaftliche Akzeptanz der RFID-Chips angeht, ist ein anderes Land der von den Medien hoch gelobte Vorreiter: Schweden.

Bereits bei der Digitalisierung von Schulen und Kindergärten (die ebenfalls keine optimale Voraussetzung für deren natürliche Entwicklung bietet), ist Schweden Deutschland weit voraus. In Umfragen auf der Straße sehen die meisten Passanten das Implantat nicht nur unkritisch, sondern wüschen sich sogar die Ausweitung seiner Funktionen.

So erklärt beispielsweise eine Frau, sie wünsche sich, dass die Funktionen bezüglich des Biorhythmus so schnell wie möglich eingeführt werden sollten und dass in fünf Jahren hoffentlich jeder Krankenwagen ein Lesegerät habe. Ebenso gibt es in Schweden – nicht aber in Deutschland – mehrere junge Unternehmen, die mit RFID-Chips hohe Gewinne erzielen. (2)

Ein Schritt in Richtung weniger Bargeld

Offiziell ist es kein konkretes Anliegen der deutschen Regierung, das Bargeld komplett abzuschaffen. Dennoch meinen viele Finanzexperten, dies sei nur eine Frage der Zeit. So legt beispielsweise Dirk Müller dar, dass die ,,Bargeldabschaffung auf jeden Fall kommen wird“, da alle großen Institutionen daran ein Interesse haben dürften. Zum einen da sie durch die gespeicherten Metadaten, also was man wann und wo für wie viel kauft, über eine größere Datenbasis verfügen und dadurch ihren Handlungsspielraum erweitern können.

Zum anderen aber auch da die Möglichkeit der Bürger, sich gegen mögliche Negativzinsen zu wehren, damit gegen Null geht. Eine Regierung – dabei ist es zunächst einmal völlig unerheblich, um welche Regierung es sich handelt – verfügt damit über die grundsätzliche Möglichkeit, starke oppositionelle Kräfte, die der etablierten Macht gefährlich werden könnten, sehr simpel auszuschalten, indem sie sie vom Zahlungsverkehr entkoppelt.

Dies konnte man bereits 2010 im Fall der politischen Enthüllungsplattform Wikileaks beobachten, als auf Druck der US-amerikanischen Regierung die weltweit größten Zahlungsdienste wie Paypal, Mastercard und Visa die Spendenkonten von Wikileaks einfroren.

Aus den genannten vielseitigen Gründen wird eine Bargeldabschaffung sehr kontrovers diskutiert und von der Mehrheit der Bevölkerung nicht gestützt. Viele Menschen sehen das Bezahlen mit Bargeld als ein Stück Freiheit an, die es ihnen ermöglicht, Dinge zu kaufen, von deren Existenz niemand Kenntnis besitzen solle, oder einfach sicher zu gehen, dass das Trinkgeld auch bei der Kellnerin und nicht bei ihrem Chef ankommt.

Wenn man nun das psychologische Feld einschränkt, indem man den Menschen nun nicht mehr die Wahl zwischen Bargeld und Kreditkarte lässt, sondern die Wahl zwischen einer Kreditkarte und einem RFID-Chip erhält man damit die Möglichkeit der Totalüberwachung und der Negativzinsen, macht aber potentielle Widerstände unmöglich. Denn schließlich ist die Wahl, die der einzelne treffen kann, zwar eine Farce, doch mithilfe von lebhaften, über die Medien vermittelten Debatten nehmen die meisten Menschen diesen Unterschied gar nicht mehr wahr (4, 5).

Medialer Beifall

Trotz dieser offensichtlichen Kritikpunkte an der RFID-Technologie ist die mediale Resonanz durchgehend positiv. Klaus Kleber kritisierte im Heute Journal, wie weit Deutschland diesbezüglich zurückhinge und sogar KIKA betreibt regelrecht Werbung für die Implantate. Im Jahr 2016 schien sogar ein Wettrennen zwischen den verschiedenen etablierten Medien zu laufen, wer als Erster einen der eigenen Redakteure das neue Produkt testen lasse. Frei nach dem Motto: Schaut her, wir machen das auch, das kann also gar nicht gefährlich sein.

Ein Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung begründet seinen Selbstversuch mit den Worten: ,,Ich wollte das eigentlich nur mal ausprobieren“, eine aufgeregte YOUFM-Reporterin jauchzt ermutigend in die Kamera: ,,Halleluja! Ich freu mich so riesig!“ und ein Galileo-Reporter setzt dem ganzen mit den Worten: „Ich bin jetzt wirklich richtig heiß darauf“ die Krone auf. Kritische Berichterstattung? Fehlanzeige (6, 7, 8, 9, 3).

Doch warum scheinen alle größeren Medien trotz der öffentlich sichtbaren Risiken ein positives Bild von dem Implantat zeichnen zu wollen? An dieser Stelle sei nur noch einmal darauf hingewiesen, dass ähnlich wie bei der Bargeldabschaffung keine größere Institution oder Industrie ein Interesse an deren Nicht-Verbreitung hat.

Die interessantere Frage lautet: Warum nehmen die Menschen Totalüberwachung billigend und sogar freiwillig in Kauf? Die heutige kapitalistische Gesellschaft hat es geschafft, den Menschen ein Selbstbestimmungsgefühl zu vermitteln, während sie sich in Wirklichkeit in einem sehr eng abgesteckten Rahmen bewegen. Den Untertanen das Gefühl zu geben, sie hätten eine individuelle Macht über ihre Meinung, während sie lediglich nur den Interessen ihrer Gebieter folge leisten, zählt zu den klügsten und erfolgreichsten Herrschaftsstrategien.

Früher musste man ein Verbrechen begehen, um in den „Genuss“ einer elektronischen Fußfessel zu gelangen. Heute kauft der Konsument freiwillig ein Smartphone und ermöglicht damit selbst die absolute Kontrolle über seine persönlichen Daten. Es gibt kein Gesetz, das einen dazu verpflichtet, ein Smartphone zu besitzen, und trotzdem hat so gut wie jeder mindestens eins. Ungefähr so wird es wahrscheinlich im Verlauf der nächsten Jahre mit dem RFID-Implantat laufen. Kritiker sind nur ein Paar Spinner und Verschwörungstheoretiker, die sich Gedanken um Freiheit und Selbstbestimmung machen.


Madita Hampe wurde 2002 in Leipzig geboren und ist aktuell noch Schülerin. Ihr Interesse für Politik, Wirtschaft, Philosophie und Literatur wurde schon früh geweckt; später kam dann auch das Bedürfnis hinzu, diesen Interessen journalistischen Ausdruck zu verleihen. Sie ist eine neugierige und aktivistisch veranlagte Person, die ihre Zukunft und die ihrer Mitmenschen gerne nicht nur passiv mit ansehen, sondern selbst mitgestalten möchte.


Quellen und Anmerkungen:

  1. http://www.body-modification.org/index.php?seite=RFID
  2. https://www.youtube.com/watch?v=X9EcdjDsNiM
  3. https://www.youtube.com/watch?v=srIkzM3pr2g
  4. https://www.youtube.com/watch?v=q7Stfh3MKG8
  5. https://www.theguardian.com/commentisfree/2011/oct/24/bankers-wikileaks-free-speech
  6. https://www.youtube.com/watch?v=BtyIk6uRCUU
  7. https://www.kika.de/erde-an-zukunft/sendungen/videos/video7568.html
  8. https://www.youtube.com/watch?v=TLb9r48JCIg
  9. https://www.facebook.com/youfm/videos/10154175175692176/
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