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Trotzdem lachen

Trotzdem lachen

Als Korrektiv für falsche Politik läuft Satire dem Journalismus den Rang ab. Exklusivabdruck aus „Die Rache des Mainstreams an sich selbst“.

Wenn Satiresendungen politische Missstände aufgreifen und komplizierte Zusammenhänge erklären – ist das gut oder schlecht? Beides. Es ist gut, weil sich Unbequemes und Unerfreuliches auf satirische Art und Weise leichter ertragen lässt. Selbst wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt, man hat wenigstens gelacht. Und es ist schlecht, weil dieses Erklären eigentlich die Aufgabe des politischen Journalismus ist. Nun kann man nicht sagen, dass der in Bausch und Bogen nicht funktioniert. Das wäre eine unzulässige und auch ungerechte Verallgemeinerung. Aber es lässt sich nicht ignorieren, dass die Luft abseits des Mainstreams in den Massenmedien dünn geworden ist und vernachlässigte Blickwinkel in die Politsatire abwandern.

In der Sendung vom 29. April 2014 konnte man das sehr gut beobachten. Unter anderem spielten die Vorgänge in der Ukraine eine Rolle. Am Beispiel der durchweg fehlenden russischen Perspektive in dieser Angelegenheit wurde auch gleich eine Erklärung mitgeliefert, warum das so ist. Wie steht es um journalistische Unabhängigkeit, wenn einflussreiche Journalisten in dichten Netzwerken mit transatlantischen Lobbyorganisationen verbandelt sind?

Eine Schautafel vermittelte tiefe Einblicke. Vielleicht erinnern Sie sich daran, wie es weiterging. Zwei der angesprochenen Journalisten erwirkten eine einstweilige Verfügung und die Sendung verschwand vorübergehend aus der Mediathek. Es folgte eine Klage, ein Urteil, die nächste Instanz und schließlich der Bundesgerichtshof, der fast drei Jahre später zugunsten der Anstalt entschied. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich bei dieser Sendung vor dem Fernseher saß und es gar nicht fassen konnte, endlich viele der bisher von mir vermissten Informationen zu vernehmen und mitzuerleben, wie dieser unsägliche „Putinversteher“-Reflex ad absurdum geführt wurde. Perspektivwechsel ist eben auch eine Facette von Qualitätsjournalismus.

Was sagt es über eine Gesellschaft aus, in der politisches Kabarett die Aufgabe von politischem Journalismus übernimmt? Normalerweise sind Menschen in undemokratischen Systemen auf Kabarettisten und Satiriker als Journalismus-Ersatz angewiesen.

Wie kommt es, dass die knallhart recherchierten Geschichten, die dubiose Netzwerke offenlegen und versteckte Interessen entlarven, in unserem pluralistischen System so massiert im Satireprogramm auftauchen?

Hat sich am Selbstverständnis von Journalisten etwas geändert? Was ist mit den Rahmenbedingungen? Wie unabhängig kann man berichten, wenn das Geld fehlt? Zur Pressefreiheit gehören auch finanzielle Unabhängigkeit und das Zulassen von Vielfalt. Ich habe neulich von einer Langzeitstudie der Universität Mainz gehört, nach der Medien lieber Experten zitieren, die zu ihrer Meinung passen, statt dem Leser, Hörer oder Zuschauer ein breites Spektrum anzubieten.

In letzter Zeit ist viel von „Haltung“ die Rede. Man brauche eine Haltung als Journalist, die auch durchscheinen oder gar die Arbeit bestimmen dürfe. Ich bin skeptisch. Wenn Haltung darauf hinausläuft, dass ich mich als Journalist berufen fühle, die Mediennutzer auf den „richtigen“ Weg zu führen, dann ist Haltung aus meiner Sicht unprofessionell und im Grunde auch reichlich arrogant. Sind wir die besseren Menschen? Wohl kaum. Es geht im Umkehrschluss ja nicht darum so zu tun, als seien Journalisten durch und durch neutral und objektiv und mit einer Art päpstlichen Unfehlbarkeit mit Blick auf DIE Wahrheit ausgestattet. Nein, es gibt (fast) immer viele Wahrheiten und der Schlüssel zu dem, was man landläufig Wahrheit nennt, besteht im Perspektivwechsel.

Dazu gehört, sich immer wieder selbst Fragen zu stellen und in andere Rollen zu schlüpfen, um diejenigen, über die man berichtet, besser zu verstehen. Verstehen im Sinne von begreifen. Wenn man sich dessen bewusst ist, dann hat man gute Chancen, professionell und fair zu arbeiten und den Menschen oder den Dingen, die man thematisiert, im wahrsten Sinne des Wortes gerecht zu werden.

Ein wesentlicher Teil journalistischer Arbeit besteht im Einordnen von Fakten – nicht zu verwechseln mit Kommentieren. Einordnen kann ich aber nur, wenn ich die Gesamtsituation im Blick habe und mir klarmache, dass Realität keine Momentaufnahme, sondern ein Prozess ist. Um Realität zu begreifen, ist es zum Beispiel notwendig, über Chronologie Bescheid zu wissen, Ursache und Wirkung nicht zu verwechseln und zumindest zu versuchen herauszufinden, wer in einer Angelegenheit agiert und wer reagiert. Um richtige Schlussfolgerungen zu ziehen, muss man Dinge verstanden haben. Wer von falschen Voraussetzungen ausgeht, der zieht auch falsche Schlüsse.

Die Zahl der Stolpersteine, mit denen es Journalismus heute zu tun hat, ist groß. Das beginnt bei der extrem hohen Schlagzahl, mit der Agenturen ihre Nachrichten verbreiten. In immer kürzerer Zeit immer mehr Informationen. Was wähle ich aus? Was lasse ich weg? Vor allem eingedenk der Tatsache, dass im gesellschaftlichen Diskurs überhaupt nur noch eine Rolle spielt, was in Medien präsent ist. Um Medienpräsenz kümmert sich die wachsende Zahl von PR-Profis, die genau wissen, worauf es im Kampf ums „Wahrgenommen werden“ ankommt. Gutes Timing gehört auch dazu. Und ein „Service“, der angesichts der klammen finanziellen Mittel im journalistischen Bereich dort gerne angenommen wird: sendefertige Produktionen, die ohne nennenswerte Bearbeitung ins Programm wandern.

Trotz all seiner unbestreitbaren Vorteile ist das Internet ein besonders großer Stolperstein. Transparenz ist nicht gegeben. Die Manipulationsmöglichkeiten sind enorm, die einer verlässlichen Kontrolle eher gering.

Das ist substanziell selbst durch die bemerkenswerten Anstrengungen von Redaktionen nicht zu schaffen. Zu viel, zu schnell und anonym.

Und schließlich die technischen Mittel der Bildgestaltung. Es gab Zeiten, als Fotos und Filme als Beweise gelten konnten – zugegeben, lange her –, weil das Fälschen technisch aufwendig und vor allem letztlich nachzuweisen war. Das hat sich extrem verändert. Schon heute ist es kaum mehr möglich, Original und Fälschung zu unterscheiden. Bis sich Eingriffe gar nicht mehr nachweisen lassen, werden allenfalls ein paar Jahre, wenn nicht nur Monate vergehen, so hört man aus der Wissenschaft. Zur Erinnerung: Aufgabe von Journalisten ist es, die Realität abzubilden.

All diese Dinge spielen sicher auch eine Rolle dabei, dass Journalismus an Glaubwürdigkeit verloren hat. Weite Teile der Bevölkerung haben kein Vertrauen mehr. Weder in Medien noch in Politik. Ich meine mich zu erinnern, dass es Zeiten gab, in denen die Menschen „ihren“ Journalisten vertrauten. Die einen den eher linksliberalen Blättern, die anderen den eher konservativen, wieder andere bestimmten Redaktionen im Fernsehprogramm und die Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen System waren nahezu unangreifbar.

Heute habe ich den Eindruck, dass Medienkonsumenten Satiresendungen wie der Anstalt mehr „Wahrheit“ zutrauen als Fernsehnachrichten; dass politische Kabarettisten mehr Glaubwürdigkeit genießen als ihre Journalisten-Kollegen.

Die haben allerdings auch einen unbestreitbaren Nachteil: ihre Chronistenpflicht; das heißt, aus den unterschiedlichsten Bereichen möglichst breit zu informieren. Damit müssen sich Satireprogramme eher nicht belasten. Nichtsdestotrotz, die Stellen, an denen gebohrt wird, kommen in der politischen Berichterstattung, wenn überhaupt, eher selten vor, obwohl sie genau da hingehören.

Und nun? Wir könnten ja alle gemeinsam über neue Formen umfassender, gründlicher Information nachdenken. Nicht aus beruflichem Ehrgeiz, aus innovativem Interesse oder um einen Spieltrieb zu befriedigen, sondern aus Sorge um unsere Demokratie, unser politisches und gesellschaftliches System. Und nicht zuletzt aus Sorge um Frieden. Der scheint für eine ganze Reihe von politischen Entscheidungsträgern und journalistischen Meinungsmachern selbstverständlich geworden zu sein, anders lässt sich hin und wieder deren Verhalten nicht vernünftig erklären.

Wenn Vertrauen verloren gegangen ist, dann taucht in der Politik der Begriff „vertrauensbildende Maßnahmen“ auf. Manchmal lohnt ein Blick in die Vergangenheit, um gute Ideen von damals neu zu beleben und weiterzuentwickeln. Es gab in den 1970er-Jahren beim WDR eine Sendung mit dem bezeichnenden Titel „Glashaus“, von wegen der Steine, die man nicht werfen sollte, wenn man selbst im Glashaus sitzt. Was wäre denn, wenn die Verantwortlichen den Mut hätten, an einem prominenten Sendeplatz – nicht um Mitternacht in Dritten Programmen – Selbstkritik zu betreiben? Die Anstalt hätte vermutlich trotzdem gut zu tun und Stoff für mindestens die nächsten fünf Jahre.


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Dietrich Krauß: „Die Rache des Mainstreams an sich selbst — 5 Jahre ‚Die Anstalt‘“, mit Max Uthoff, Claus von Wagner, Mely Kiyak, Norbert Blüm, HG Butzko, Gabriele Krone-Schmalz und vielen anderen, Westend Verlag 2019.

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