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Traurige Paradiesbewohner

Traurige Paradiesbewohner

Auch wenn theoretisch all unsere Wünsche erfüllt sind, hält uns das kapitalistische System in der Unzufriedenheit fest.

So lässt es sich weiterleben. Besser wird es nicht mehr werden. Das ist es nun. Wir haben gesiegt, alles erreicht, den Wohlstand auf Jahrzehnte gehortet. Der Mensch ist zur völligen Entfaltung gekommen und man fragt sich, wie konnten die Menschen früher ohne den ganzen Fortschritt und die Bedürfniserfüllung überhaupt leben. Friede, Freude, Pustekuchen.

Wir träumen von der Utopie und leben die Dystopie. Der Psychoanalytiker Erich Fromm (1900 bis 1980) erkannte bereits 1955, dass uns der Humanismus als Leitgedanke einer funktionierenden Gesellschaft abhanden gekommen ist, und dass er durch ein Abhängigkeitsverhältnis zu der Wirtschaftsmaschinerie ersetzt wurde. In großen Werken hat er dies immer wieder postuliert, Parameter genannt, die jeder gegenwärtig am eigenen Leib spüren kann. Er ging noch weiter und erschuf mit einem seiner großen Werke „Haben oder Sein“ (1) durch die Polarität der beiden Worte nicht nur eine rhetorische Frage, sondern gab klare Antworten auf die gesellschaftlichen Voraussetzungen der Menschwerdung.

Die Menschheit sei immer mehr der Gefahr ausgesetzt, „roboterhaft“ (2) zu werden. Fromm geht weiter und zeigt in seinen Lebenswerken lebensnah und sehr nachvollziehbar auf, dass eine Gesellschaft, die nicht zur Entfaltung bestimmter menschlicher Bedürfnisse führt, krank ist, und in der Konsequenz auch im Individuum krankhafte Symptome hervorruft.

Nun ist die Frage, wie der Mensch innerhalb solcher Strukturen reagiert. Fügt sich das Individuum diesen strukturellen Zwängen und akzeptiert es diese als seine bestmögliche Realität, so spricht Fromm von einer leichten Schizophrenie. Treffend sind auch die Merkmale der Normopathie (3).

Wenn man jedoch unter gesellschaftlich krank machenden Umständen ein seelisches Krankheitssymptom aufweise, dann ist das laut Fromm die natürlichste aller Reaktionen. Schmerzen seien ein wichtiges Symptom, damit Körper und Seele unversehrt bleiben. Nur wenn der Mensch im Wahn so abgestumpft sei, reagiere er nicht mehr auf die strukturelle Gewalt der Makroebene einer Gesellschaftsform — er ist dann selbst zu einem „Roboter“ geworden, den wir heute vielleicht „Zombie“ nennen würden.

Erich Fromm ist 1980 gestorben. Bereits 1945 gewannen bekanntermaßen die „Guten“, die Alliierten den großen Kampf. Etwa weitere 45 Jahre später gewann innerhalb der ehemals alliierten Weltmächte das „bessere“ System, die „bessere“ Art zu leben und damit einhergehend auch zu wirtschaften. Innerhalb dieses Systems haben wir es uns mehr als ein Vierteljahrhundert gemütlich gemacht. Wir sitzen also auf einem der Luxusliner der Reederei Royal Caribbean International und steuern auf den Sonnenuntergang zu. Wir haben alles erreicht, was es zu erreichen bedurfte. Haus, Auto, Garten, Familie, Nahrung, Unterhaltung, mittlerweile viel Unterhaltung, Freunde, Hobbys, Status und Selbstverwirklichung. Es scheint so, als habe ein Großteil der Menschen innerhalb des „richtigen“ Systems den Gipfel der (vermeintlich ursprünglichen) Bedürfnispyramide von Abraham Maslow (1908 bis 1970) erklommen. Der Psychologe glaubte, die Bedürfnisse des Menschen auf fünf — später auf sieben — Bedürfnisse in stufenartiger Reihenfolge operationalisieren zu können.

Befassen wir uns mit den Bedürfnissen nach Maslow, wenngleich die hierarchische Anordnung erst einmal stutzig machen sollte. Gar nicht erst davon zu sprechen, was passiert, wenn auf der dritten oder vierten Stufe plötzlich die zweite oder erste Stufe zu bröckeln beginnt. Bedürfnisse sollten meines Erachtens nicht über einen Menschen „herrschen“ und ihn motivieren, sondern sie sollten koexistieren. Unsere Bedürfnisse sollten keine Hierarchie aufweisen. Kann ich mich ohne Vermögen tatsächlich nicht selbst verwirklichen?

Trotz des vorweg genommenen Votums ziehe ich Bilanz, indem ich die einzelnen Punkte der Bedürfnispyramide von Maslow auf die Regionen dieser Erde anwende, deren Wirtschaftsform und somit auch Gesellschaftsmodell im Wesentlichen dem der Vereinigten Staaten (oder „des Westens“) entspricht.

Stufe 1: Physiologische Bedürfnisse

Ein überwältigender Teil der Menschen in der westlichen Welt verfügt über genug Tauschmittel, um sich und seine Familie mit Essen zu versorgen, folglich ist hinter dem Erreichen dieser Bedürfnisse ein Häkchen zu setzen.

Trotzdem verkümmert der Mensch, auch mit gefülltem Magen.

Einerseits ist der Mensch bereit, das Tauschmittel über das produzierte Lebensmittel zu stellen. Daher wirft er lieber zur Verfügung stehendes Essen weg, statt es bedürftigen Menschen zugänglich zu machen. Andererseits gibt es viele Lebensmittel, die zwar sättigen, aber gleichzeitig krank machen. Wir haben jedwede Grundnahrungsmittel so ertragreich gezüchtet und verändert, dass der menschliche Organismus kaum noch hinterherkommt. In den Reformhäusern und Drogerien bilden Vitaminkapseln und Ergänzungsmittel für Unverträglichkeiten eine unüberschaubare Masse.

Stufe 2: Sicherheitsbedürfnisse

Ein großer Anteil der Menschen hat hierzulande ein Dach über dem Kopf. Wir können es uns leisten, eine Wohnung mit Strom und Heizung zu mieten. Auf den Straßen wird kontrolliert, was nicht niet- und nagelfest ist. Meine Gesellschaft hat mich mittlerweile überall im Blick, damit mir nichts Unverhofftes passieren kann.

Doch bei näherem Hinschauen fällt auf, dass in der überwältigenden Anzahl westlicher Länder das soziale Sicherheitsnetz unter den Menschen durch „Sparmaßnahmen“ immer mehr zu verschwinden droht.

Nicht nur, dass es keinerlei Programme gibt, die das Problem der Obdachlosigkeit und das des Wegzugs aus bestimmten Regionen vereinen. Die Wohnungen derer, die noch ein Dach über dem Kopf haben, erinnern sehr an Käfighaltung, vor allem in den urbanisierten Zentren. Die Natur beschränkt sich in den Zentren dieser Welt auf eine Zimmerpflanze oder kultivierte und essbare Kräuter im Vorgarten. Die erfahrbare Natur — das Wehen des Windes durch die Blätter eines Waldes, das Summen von Insekten am See — wird von unseren Betonlandschaften erdrückt.

Wir bemessen unsere Sicherheit an der Menge des Geldes, das wir verdienen. Wenig Geld im Portemonnaie löst fast schon instinktiv ein unsicheres Empfinden aus. Das Haben gewisser Sachen kann uns eine Sicherheit suggerieren, da es jedem von uns abertausende Male propagiert wurde. Somit ist Lohnarbeit das Sicherheitsmerkmal schlechthin in unserer heutigen Gesellschaft. Dass die Löhne real in den letzten Jahrzehnten trotz jährlicher Rekordzahlen der Volkswirtschaften nicht gestiegen sind, lässt uns nicht stutzig werden (4). Zu sehr sind wir bereits an die Unwägbarkeiten der dynamischen Lebensführung gewöhnt. Wir sind, so scheint es, fast dankbar für diese unsichere Sicherheit, da uns sonst nichts Lebendiges mehr übrig geblieben ist in unserem starren und gefühlskalten Alltag.

Oft genug führt sie aber zu einem inneren Ausbrennen, denn der Körper lässt sich nicht belügen. So erklären sich dann auch die Rekordumsätze, die den Umsatzzahlen der Pharmaindustrie zu entnehmen sind, und die zunehmende Zahl an Krankschreibungen.

Sicherheit in der Gemeinschaft wird von den elitären Kasten (5) ebenso perfide benutzt, um den Menschen innerhalb dieser Gemeinschaft die wahren Sicherheitslücken unseres Systems zu verschleiern. Feindbilder sind entweder abstrakte Schurkenstaaten, von denen wir nur aus einer Quelle berichtet bekommen oder aber Extremisten, die auf unserem „Mist“ gewachsen sind, Nationalisten, die ebenfalls auf unserem „Mist“ gewachsen sind oder Kritiker und Aufklärer, die unseren „Mist“ letztendlich beim Namen nennen.

Diesen Feindbildern nicht anzugehören, muss im gegenwärtigen System in den Menschen ein ungeheures Sicherheitsempfinden auslösen. Schließlich bin „Ich“ mit ganz vielen Menschen derselben Meinung und in Gesprächen spielen wir „uns“ die vereinheitlichten Phrasen zu. Jetzt fühle ich mich sicher, wenn ich weiß, dass mein Unterbewusstsein mir doch nur einen Streich gespielt hat, als es mir signalisierte, irgendetwas stimmte nicht.

Stufe 3: Soziale Bedürfnisse

Wir haben alle Freunde. Viele Freunde. Ein Freund ist mittlerweile jeder, der bei mir in der Freundesliste eines sogenannten sozialen Netzwerks auftaucht. Das Gute ist, man kann mittlerweile mehr Freunde haben, als man es pro Jahr schafft, jeden Einzelnen zu sehen. Sicher gibt es auch hier Stufen, denn gute und beste Freunde trifft man häufiger als einmal jährlich. Man unternimmt etwas gemeinsam. Aber unter der Woche, wenn Lohnarbeit aus einem die letzte „Puste“ rausholt, ist nur noch Zeit für irgendein Hobby, bei dem man nicht zu viel interagieren muss. Das Fitnessstudio vereint beispielsweise alle Teile dieses Bedürfnisses. Eine Horde von Menschen trifft sich in einer großen Lagerhalle voller Sportgeräte, nickt sich gegenseitig zu — denn mit Kopfhörern kann man sich selbst und die anderen nicht hören — und trainiert vor den großen, deckenhohen Spiegeln die Muskeln. Hier entsteht irgendwie doch ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, man fühlt sich einer Bewegung zugehörig, egal ob Fitness, Ballsport oder Online-Gruppen.

Liebe ist nach Maslow auch bereits auf Stufe 3 verankert. Schließlich ist es lediglich ein soziales Bedürfnis. So haben wir es uns angewöhnt, bei einer für die Partnerschaft geeigneten Person zunächst einmal auf ihre Geschlechtsmerkmale zu blicken. Zur Unterstützung bieten diverse Partnerbörsen ihr ganz eigenes Erfolgsmodell an. Dem Menschen wird die Vorstellung genommen, den einen besonderen Menschen an einem komplett unvorhersehbaren Ort zu treffen (6). Im Gegenteil: Ich warte auf den Tag, an dem ich an einer Supermarktkasse eine Aufladekarte eines Online-Portals für Partnervermittlung käuflich erwerbe, um danach wieder mit den Personen zu interagieren und „die Liebe“ zu finden, Liebe in Dosen quasi. Immerhin sind die sozialen Bedürfnisse damit erfüllt.

Stufe 4: Individualbedürfnisse oder Wertschätzung

Unsere individuellen Bedürfnisse sehen überspitzt so aus:

Mein Ego möchte, dass du mir direkt oder indirekt sagst, dass ich gut aussehe oder es schön ist, mich wieder zu sehen oder dass wir mal wieder etwas unternehmen sollten. Es möchte, dass du nach meinem Leben fragst, dich nach etwas erkundigst, an das du dich noch aus unserem letzten Gespräch erinnern kannst. Ich möchte, dass du mich anerkennst als Etwas und dir meiner Geltung innerhalb unserer Gemeinschaft bewusst bist. Das geht auch nonverbal, schau mir einfach hinterher während ich mit dem neuesten „Flaggschiff“ eines deutschen Autobauers die innerstädtischen Zonen in Vibration versetze.

Wenn mir die finanziellen Mittel für solche Boliden fehlen, so habe ich immer noch die Möglichkeit, in den sogenannten sozialen Netzwerken von mir zu erzählen. Irgendjemand hört immer zu. Ob unser Ego etwas Hilfreiches oder doch Hinderliches ist, dazu gibt es mindestens zwei Meinungen. Friedvoller klingt in jedem Fall die Variante, sich von den Eigenarten des Egos loszusagen (7). Jeder Mensch kann sich trotz völliger Erfolglosigkeit in irgendeine kleine Nische zurückziehen, in der sie oder er noch ein Mindestmaß an Wertschätzung erfährt.

Aber sollte unsere Wertschätzung nicht vor allem jenen zuteil werden, die bedürftigeren Menschen nicht nur aufgrund der Wertschätzung anderer helfen?

Stufe 5: Selbstverwirklichung

Ebenfalls ein individuelles Bedürfnis steht an der Spitze der Pyramide. Aber anders als die vorherige Stufe, welche nur passiv erfüllt werden konnte, kann nur ich selbst die Selbstverwirklichung erfüllen. Der Mensch möchte wirken, etwas Schaffen, dabei möchte sie oder er das Bestmögliche aus sich herausholen, ihre und seine Potentiale also voll ausschöpfen. Eine werdende Mutter kann sich selbst verwirklichen, indem sie eine gute Mutter ist. Anders als der Leistungssportler, der in seinen Gefilden gut sein möchte. Die Selbstverwirklichung ist für jeden Menschen einzigartig.

Bei der Selbstverwirklichung betreten wir ein gefährliches Terrain. Denn alles auf dieser Welt ist träge und somit auch der Mensch. Warum sollte sich der Mensch noch physisch anstrengen, wenn sie oder er seine Selbstverwirklichung mit einer Kopie seines „Wunsch-Ichs“ erreichen kann? Die meisten Menschen erschaffen mit den bereits vorhandenen digitalen Mitteln ein Alter Ego. Wenn ich also alle meine vorherigen Bedürfnisse aufs Mindeste erfüllt habe, was hält mich noch davon ab, meine Selbstverwirklichung komplett über mein Alter Ego auszuleben?

Wenngleich ich Digitalisierung als etwas Positives erachte, ist die Frage: Wer fühlt sich besonders zu digitalen Welten hingezogen?

Ich sehe die Gefahr, dass ein Großteil der Menschen — und speziell der Jugendlichen — in einer komplett zensierten Welt mit großen 3D-Brillen, Kopfhörern und einem vibrierenden Stuhl aufwachsen werden, in der ihnen ein komplettes Ich-Gefühl simuliert wird. Diese Vorstellung erinnert mich an einen Satz, den ich einmal gelesen habe: „Matrix (Anmerkung des Autors: der Film) ist kein Film, sondern eine Dokumentation“ (8).

Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass die Bedürfnisse, die Maslow in seiner Bedürfnispyramide festgehalten hat, in der heutigen Zeit und in unserer „eingerahmten“ Welt schnell erfüllt werden können und auch wurden. Die eigentlich viel interessantere Frage lautet: Auf welche Art ist ein Bedürfnis aus psychologischer Sicht zu erfüllen? An dieser Stelle ist es an der Zeit, Erich Fromm noch einmal anzuführen. Er hat menschliche Bedürfnisse erkannt, die in den Bedingungen unserer Existenz wurzeln. Anders als bei Maslow koexistieren diese Bedürfnisse, es gibt also keine Rangfolge und damit minder- oder höherwertiger. Eine weitere Besonderheit in From‘s Sichtweise ist die Zielerreichung jener menschlichen Bedürfnisse. Er erkennt stets zwei entgegengesetzte Wege zu den existentiellen Bedürfnissen, es gibt eine rückwärts- und vorwärtsgewandte Art, das jeweilige Bedürfnis zu erfüllen.

Auch wenn es dem Gesamtwerk dieses Psychoanalytikers nicht gerecht wird, möchte ich Textpassagen in Fromm‘s eigenen, wunderbaren Worten zitieren.

Letztlich kann jeder selbst entscheiden, auf welchem Pfad wir uns befinden; und welcher der höherwertigen Menschwerdung am ehesten gerecht wird.

Die menschlichen Bedürfnisse, die in den Bedingungen seiner Existenz wurzeln

„Das menschliche Leben wird von der unausweichlichen Alternative zwischen Regression und Progression, zwischen der Rückkehr in eine tierische Existenz und dem Erreichen einer menschlichen Existenz bestimmt. Jeder Wunsch einer Rückkehr ist schmerzhaft und führt unvermeidlich zum Leiden und zu psychischen Krankheiten, zum physiologischen oder zum psychischen Tod (dem Wahnsinn). Auch jeder Schritt vorwärts ist anstrengend und schmerzhaft, bis ein gewisser Punkt erreicht ist, wo Angst und Zweifel nur noch in geringem Maße auftreten. Abgesehen von den physiologisch gespeisten Begierden (Hunger, Durst und Sexualität) werden alle wesentlichen menschlichen Strebungen von dieser Polarität beherrscht“ (9).

  • Bezogenheit (durch Liebe oder Narzismus)
    „Sich mit anderen Lebewesen zu vereinigen, zu ihnen in Beziehung zu treten, ist ein gebieterisches Bedürfnis, von dessen Befriedigung die seelische Gesundheit des Menschen abhängt“ (9).

  • Transzendenz (durch Kreativität oder Destruktivität)
    „Der Mensch wird in die Welt hineingeworfen ohne sein Wissen, ohne seine Zustimmung oder seinen Wunsch, und er wird wieder aus ihr genommen, ebenfalls ohne seine Zustimmung oder seinen Wunsch. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich nicht von Tieren, Pflanzen oder von der anorganischen Materie. Da er aber mit Vernunft und Vorstellungsvermögen begabt ist, kann er sich nicht mit der passiven Rolle der Kreatur zufrieden geben, (…). Es drängt ihn, die Rolle des Geschöpfs, die Zufälligkeit und Passivität der kreatürlichen Existenz dadurch zu überwinden, daß er selbst zu einem „Schöpfer“ wird“ (9).

  • Verwurzelung (durch Brüderlichkeit oder Inzest)
    „Die Geburt des Menschen als Menschen ist der Anfang seines Ausgangs aus seiner natürlichen Heimat, der Anfang der Lösung aus seinen natürlichen Bindungen. (…) Auf seine natürlichen Wurzeln kann er nur verzichten, wenn er neue menschliche Wurzeln findet, (…)“ (9).

  • Identitätserleben (durch Individualität oder Herdenkonromität)
    „Da der Mensch aus der Natur herausgerissen ist, da er mit Vernunft und Vorstellungsvermögen begabt ist, muß er sich eine Vorstellung von sich selber bilden, muß er sagen und fühlen können: ‚Ich bin ich‘ “ (9).

  • Suche nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der Hingabe durch Vernunft oder durch Irrationalität

„Die Antworten auf das Bedürfnis des Menschen nach einem Rahmen der Orientierung und einem Objekt der Hingabe unterscheiden sich weitgehend nach Inhalt und Form. Es gibt primitive Systeme wie den Animismus und den Totemismus, in denen Gegenstände der Natur oder die Ahnen die Antwort auf der Suche nach Sinn sind. Es gibt nicht-theistische Systeme wie den Buddhismus, die man gewöhnlich als Religion bezeichnet, obwohl sie in ihrer ursprünglichen Form keine Gottesvorstellung enthielten. Es gibt rein philosophische Systeme wie die Stoa, und es gibt monotheistische religiöse Systeme, die dem Menschen auf seiner Suche nach Sinn und Vorstellung eines Gottes antworten.

Aber wie verschieden diese Antworten in bezug auf ihren Inhalt auch sein mögen, sie alle entsprechen dem Bedürfnis des Menschen, nicht nur irgendein Denksystem zu besitzen, sondern auch ein Objekt für seine Hingabe zu finden, das seinem Leben und seiner Stellung in der Welt Sinn verleiht“ (9).

Wir sind am Ziel. Wir haben alles erreicht, was ein Mensch sich objektiv nur erhoffen kann.

Doch wie viel von unserem Menschsein haben wir auf unserem Weg geopfert, um ein Ziel zu erreichen, welches in keiner Weise unseren einst aufklärerischen und humanistischen Ideen mehr ähnelt? Haben wir noch eine letzte Gelegenheit, um den Kompass neu anzupassen für eine Weiterreise unserer Spezies? Sollten wir also vielmehr das Ziel Ziel sein lassen und uns auf unseren Weg konzentrieren?

Buddha jedenfalls erkannte:

„Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklich-sein ist der Weg“ (10).


Quellen und Anmerkungen:

(1) Fromm, Erich (1976)
(2) Fromm, Erich (2016), S. 305 ff.
(3) Maaz, Hans-Joachim (2017)
(4) https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61766/lohnentwicklung
(5) https://www.youtube.com/watch?v=XT3vOR3LlaM
(6) Auf einer Geburtstagsfeier unterhielten sich neulich einige Freunde zwischen 20 und 30 Jahren darüber, dass sie gar nicht wüssten, wo sie außer bei Tinder — also in einer mobilen Dating App — noch Partnerinnen treffen könnten.
(7) Krishnamurti, Jiddu (2015)
(8) Unbekannt
(9) Fromm, Erich (2016), Kapitel 3 b)
(10) Nhat Hanh, Thich (2007)

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