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Totalitarismus 2.0

Totalitarismus 2.0

Die Propaganda der Gleichheit von Kommunismus und Nazipolitik wurde wissenschaftlich begründet und legitimiert.

Berufsverbote, gesellschaftliche Ächtung und sogar Zuchthausstrafen waren die Sanktionierung des Einsatzes gegen Deutschlands Wiederbewaffnung. Unter Totalitarismusvorwurf wurden in den 1950er Jahren über 125.000 Ermittlungsverfahren gegen Friedensaktivisten in Westdeutschland eingeleitet, die immerhin 7.000 zum Teil drakonische Gefängnisstrafen zur Folge hatten. Oskar Neumann und Karl Dickel wurden im August 1954 zu je drei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt, weil sie Unterschriften gegen die deutsche Wiederbewaffnung gesammelt hatten (2).

Und auch heute noch spielt die Neue Rechte auf dieser Klaviatur. Da wurde vor kurzem von der Berliner taz, dem Talentschuppen der Springerpresse, der Gedanke ventiliert, Bundesbürgern sollte ab dem fünfundsechzigsten Lebensjahr das allgemeine Wahlrecht entzogen werden. Sofort raunt es aus der libertär-neurechten Ecke, dies sei eine Verschwörung der Kommunisten, die sich als Grüne getarnt hätten, und die jetzt die Agenda von Maos Kulturrevolution in Deutschland vollenden würden. Hier artikuliert sich ein neuer Antikommunismus — diesmal allerdings komplett ohne real existierende Kommunisten. Irre. Könnte aber zum Sprengstoff werden, wenn als Spätfolge des Rezo-Videos die alten Volksparteien — nunmehr ohne Volk — von der Bildfläche verschwinden und sich mit den Grünen auf der einen Seite und der AfD — als der einzigen verbliebenen Partei der Heino-Subkultur — auf der anderen Seite neue politische Blöcke unversöhnlich und extrem polarisiert gegenüberstehen würden. In diesem Falle könnte es zu einer Neuauflage des totalitaristischen Antikommunismus kommen. Darum soll uns die alte Tante Totalitarismus erneut beschäftigen.

Die „Theorie“ des Totalitarismus kam nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Falken im Machtapparat der USA ideal zupass. Nach dem Tod von Präsident Roosevelt vollzog sich unter Harry Truman die Ausschaltung aller Gefolgsleute von Roosevelt. Zweck war die Fortsetzung des Krieges, diesmal gegen die Sowjetunion. Nun kann man nicht so einfach zum Krieg gegen ein Land wie die Sowjetunion mobilisieren, wenn man gerade eben mit genau dieser Sowjetunion gemeinsam das Nazireich zusammengefaltet hat. Es bedarf intensiver Propaganda, die eigene Bevölkerung um hundertachtzig Grad umzuprogrammieren.

Die Intellektuellen im eigenen Land muss man dann allerdings mit einer maßgeschneiderten Theorie überzeugen. Zum Glück gab es genug Ex-Kommunisten, die jetzt ohne Arbeit dastanden, und die sich den USA-Propagandisten als Lohnschreiber andienten. Brillante Denker wie Franz Borkenau fabrizierten die gewünschte Theorie vom Totalen Staat: Nazi-Diktatur und Sowjetkommunismus haben sich zwar gegenseitig als Feinde angesehen. Sie seien aber von Struktur und Zielsetzung her absolut identisch. Das kann man zwar auf der Theorie-Ebene schwer belegen. Auf der Propaganda-Ebene geht das aber ganz einfach.

Denn auf den ersten Blick ergeben sich erstaunliche Ähnlichkeiten: Da gibt es die absolute Herrschaft durch eine einzige Partei. Karriere kann man nur als Parteimitglied machen. In beiden Systemen gibt es Konzentrationslager. In beiden Universen kam es zu furchtbaren Völkermorden, und zwar in industriellem Maßstab. Sklavenarbeit im Zeitalter der gehobenen Zivilisation. Sogar die Sprüche, mit denen die KZ-Insassen am Torbogen begrüßt wurden, ähnelten sich bis zum Wortlaut. Der Mensch wurde in diesen KZ- und GULAG-Systemen ausgepresst wie eine Zitrone, bis er nicht mehr konnte.

Doch die Unterschiede zwischen dem Nazisystem und dem entfesselten Stalinismus sind beträchtlich. Deutschland war eine entwickelte bürgerliche Gesellschaft mit komplexer Infrastruktur aus Industrie und Finanzwirtschaft. Das Bürgerliche Gesetzbuch wurde im Nazireich im Wesentlichen nie ersetzt. Formal blieb auch das parlamentarische System in Kraft, es wurde nur nicht mehr genutzt. Auch der Polizeiapparat der Weimarer Republik wurde nicht zerschlagen. All die genannten Institutionen bekamen lediglich parallele Strukturen aufgepfropft, die letztlich den Daseinszweck der bürgerlichen Überreste pervertierten. Auch das Privatleben im Nazireich blieb zunächst — für den größten Teil der Bevölkerung — im Großen und Ganzen unangetastet. Die Familie wurde entmachtet durch die Einrichtung der Hitler-Jugend, das ist richtig. Und pompöse Aufmärsche und spezielle Feiertage wie der Tag der Arbeit am 1. Mai erinnerten periodisch wiederkehrend die Menschen draußen im Lande daran, dass sie jetzt im Dritten Reich angekommen waren.

Zugleich war Herr Doktor Goebbels klug genug, den Leuten unpolitische Unterhaltung und puren Spaß bis hin zur Klamotte zu bieten und sie nicht mit politischer Indoktrination zu peinigen. Ja, durch die aufrüstungsbedingte Hochkonjunktur konnten sich die Leute sogar Konsumartikel leisten, die in den vorherigen „schlechten Zeiten“ nicht erschwinglich gewesen waren. Das änderte sich erst im radikaler werdenden Krieg. Und ab dann trieben die Nazis auch das System der Konzentrationslager und die Holocaustmaschine massiv voran.

Demgegenüber war der stalinistische Terror allgegenwärtig. Zumindest im europäischen Teil der Sowjetunion. Extreme Armut tunkte das Land in dunkle Schwermut. Ganze Völker wurden quer durch das Riesenreich geschleift; Familien auseinandergerissen. Ganze Berufsgruppen wie die kulakischen Bauern sind ausgerottet worden. Die Indoktrination lief auf allen Kanälen, ohne Pause. Die gegenseitige Denunziation war total. Zudem steigerte das viel zu wenig bekannte Stachanow-Akkordlohnsystem die Konkurrenz unter den Arbeitern ins Unerträgliche, genauso wie die Abschaffung der Arbeitslosenunterstützung. Eigentlich ein Paradies des Marktradikalismus, allerdings mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass es hier keinen Markt mehr gab. All das führen wir hier nicht an, um den Naziterror reinzuwaschen und dem Antikommunismus neuen Zunder zu liefern. Es geht lediglich darum zu klären, dass man bei derart fundamentalen Unterschieden nicht für beide Systeme denselben Begriff verwenden kann. Äpfel und Birnen bleiben nun einmal Äpfel und Birnen.

Es gibt unterschiedlichste Varianten der Totalitarismustheorie. In Deutschland gehörte es früher zum guten Ton, sich diesbezüglich auf Hannah Arendts Spielart zu berufen. Man brauchte nur: „Hannah Arendt“ zu hauchen, und schon legte sich eine respektvolle Stille über die Runde, und weitere Nachfragen oder Konkretisierungen verboten sich von selber. Denn gelesen hat wohl kaum jemand Arendts sperrigen Wälzer „Elemente und Ursprung totaler Herrschaft“ von 1951 (3). Sonst hätte sich gewiss Widerspruch gegen dessen Inhalt artikuliert, denn das Werk stellt eine derbe Publikumsbeschimpfung dar. Es atmet mit jeder Seite den Geist einer elitären Überheblichkeit gegen die einfachen Leute ein und aus.

Der Unmut der Eliten darüber, dass sich immer häufiger und immer lauter die einfachen Leute erfrechen, in allen möglichen gesellschaftlichen Angelegenheiten mitreden zu wollen, durchweht Hannah Arendts Buch. Sie hatte sich immer in elitären Kreisen bewegt. Dem weltberühmten Philosophen Martin Heidegger, der später in der Nazizeit Karriere machen sollte, stand sie ungewöhnlich nahe. Beim ebenfalls elitär eingestellten Star-Philosophen Karl Jaspers genoss sie Familienanschluss. Im Krieg schloss sie sich zionistischen Netzwerken an und fand dort Schutz und Geborgenheit. Im Exil in den USA stieg sie zu einer der führenden Politologen ihrer Zeit auf. In all diesen Zirkeln, vielleicht mit Ausnahme der zionistischen Verbände, herrschte die Überzeugung, dass das Volk von Eliten geführt werden müsse. Der französische Aristokrat Gustave Le Bon, der die Masse als „weibisch wankelmütig“ bezeichnete, und dessen Gedanken Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ ausgiebig übernahm, fungierte hier als Guru (4). Genauso auch der spanische Modephilosoph der 1950er Jahre, José Ortega y Gasset, der den Aufstand der Massen (5) beklagte. Gasset meinte, diese Massenmenschen würden frech Lebensräume usurpieren, die eigentlich den auserwählten Wenigen vorbehalten seien.

Genau auf diese Diskurse bezieht sich Hannah Arendt durchaus zustimmend. Es sei letztlich der „Pöbel“, der nach der totalitären Versklavung verlangt wie ein Hund, der in seinem Maul dem Herrchen die Peitsche apportiert. Wohl unterscheidet Arendt zwischen Pöbel und Masse. Der Totalitarismus kann aber nur dort gedeihen, wo die Masse auftritt. Und die Masse muss massenhaft genug sein, damit es überhaupt zum Totalitarismus kommen kann, in dem entweder Rassen oder Klassen massenhaft hinweggemetzelt werden. So konnte der Totalitarismus nur in massenhaften Ländern wie Deutschland oder der Sowjetunion auftreten. In Ministaaten kann er dagegen nicht auftreten, in Ermangelung von „Menschenmaterial“ — meint Arendt.

Und der Totalitarismus kann auch nur dort auftreten, wo die Menschen massenhaft vereinsamt, atomisiert und innerlich entleert sind. Die innere Leere ist also nicht Folge, sondern Voraussetzung des Totalitarismus. In Deutschland zum Beispiel waren die Massenmenschen 1933 innerlich bereit für die Hitler-Diktatur:

„Totale Herrschaft ist ohne Massenbewegung und ohne Unterstützung durch die von ihr terrorisierten Massen nicht möglich. Hitlers Machtergreifung war legal nach allen Regeln der damaligen Verfassung; er war der Führer der weitaus größten Partei, der nur wenig zu einer absoluten Mehrheit fehlte“ (6).

Die Massen hätten Hitler geradezu ins Amt gedrückt. Hannah Arendt hat als Jüdin im Jahre 1933 ohne Zweifel unglaublich viel Ekelhaftes erleben müssen, und ich bemühe mich, das nachzufühlen. Jedoch hält ihre These dem Faktencheck nicht stand: Bei der Wahl im November 1932 hatten die Nazis zwei Millionen Stimmen verloren und die Kommunisten 800.000 Stimmen hinzugewonnen. Also musste Hitler mit schmutzigen Tricks ins Amt gehievt werden. Der erste Schritt war die so genannte Machtergreifung im Januar 1933, ermöglicht durch eine Koalitionsregierung mit den Deutschnationalen. Dann kam der Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933.

Danach konnten die konkurrierenden Kommunisten und Sozialdemokraten nicht mehr frei agieren. Am nächsten Wahltermin am 5. März 1933 standen dann in und um die Wahllokale herum bedrohlich aufgestellt SA- und SS-Männer, um deutlich zu machen, wen man zu wählen habe. Und trotz all dieser Manipulationen ist Hitler nicht knapp an der absoluten Mehrheit vorbeigeschlittert, sondern deutlich vor der Majorität ausgerutscht. Die NSDAP erreichte 43 Prozent aller Wählerstimmen und musste weiterhin Koalitionen eingehen, um dann scheibchenweise durch kleine Putsche, vollendet mit dem Röhm-Putsch, die totale Macht zu erobern. Das deutsche Volk musste währenddessen durch eine paramilitärische Bürgerkriegsarmee aus SA mit zirka sechs Millionen Schlägern stillgehalten werden.

Diese offensichtlich ungerechte und nicht durch Fakten gerechtfertigte Verurteilung der von ihr geschmähten Massen bei Hitlers Wahl wird von Arendt noch mit der Bemerkung garniert: „Daß moderne Massen in dieser Hinsicht nicht anders reagieren (auf bekannte und vorausgesagte Grausamkeiten) als der Pöbel aller Zeiten, haben Demagogen immer gewußt“ (7). Damit wurden die Opfer zu Tätern umdeklariert. „Totalitäre Bewegungen sind Massenbewegungen“ — diese Verurteilung der einfachen Menschen hat den Zeitgeist der Adenauer-Epoche tief imprägniert. Das kam ganz unten an: „Der Mensch ist nun einmal schlecht.“ Erst der Aufbruch der 68er Generation hat diese Täter-Opfer-Umkehrung kritisch hinterfragt und stattdessen die Position der unteren Schichten eingenommen.

In der Weimarer Demokratie habe sich bereits ein „Zusammenbruch der Klassengesellschaft“ abgezeichnet. Und hier gelangt Arendt zu einer für heutige Verhältnisse bedrohlich klingenden Diagnose der Verfallserscheinungen einer Fassadendemokratie. Wo nämlich die einfachen Menschen zunehmend begreifen, dass sie im repräsentativen Parlamentarismus gar nicht vorkommen und gar nicht gemeint sind, wird sich der Zorn der Geprellten auf unberechenbare Weise Luft machen: „Unter solchen Bedingungen einer Massengesellschaft verlieren die demokratischen Institutionen wie die demokratischen Freiheiten ihren Sinn; sie können nicht funktionieren, weil die Mehrheit des Volkes nie in ihnen vertreten ist, und sie werden außerordentlich gefährlich, wenn der nicht vertretene Teil des Volkes, der die wahre Mehrheit stellt, sich dagegen auflehnt, von einer angeblichen Mehrheit regiert zu werden“ (8).

Hier muss ein spezieller Mindset hinzukommen, um den begeisterten Masseneintritt in das totalitäre System zu erleichtern: nämlich ein „radikaler Selbstverlust, diese zynische, oder gelangweilte Gleichgültigkeit, mit der die Massen dem eigenen Tod begegneten oder anderen persönlichen Katastrophen“. Das klingt beklemmend aktuell. Was allerdings in der Analyse von Hannah Arendt überhaupt nicht vorkommt oder sogar definitiv ausgeschlossen wird, ist der massive Anteil, den die Eliten selber an der Misere verschuldet haben. Da ist die massive Unterstützung faschistischer Organisationen durch gigantische Geldzuwendungen. Nicht zu vergessen die skrupellose Manipulation der Menschen durch mediale Berieselung. Die enorme Korruption der politischen Eliten. Nein, das ist allerdings überhaupt kein Thema für Hannah Arendt.

Als sie 1950 Deutschland nach Jahren des Exils wieder besucht (9), ist sie gegenüber dem Leiden der deutschen Durchschnittsbevölkerung absolut unempfänglich. Sie schreibt von apathischen, seltsam emotionslosen Menschen auf der Straße. Die ausgebombten Hungerleider sind für sie bestrafte Täter, keine Opfer. Sie scheinen ihr Leiden wohl redlich verdient zu haben. Und sie sind wohl auch nicht in der Lage, sich im weltweiten geopolitischen Gerangel klar zu positionieren: „Furcht vor einer russischen Aggression führt nicht notwendigerweise zu einer unzweideutigen proamerikanischen Haltung, sondern oftmals zu einer entschiedenen Neutralität, als ob eine Parteinahme in dem Konflikt ebenso absurd wäre wie bei einem Erdbeben“ (10).

Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ wurde zum führenden Werk der bundesdeutschen Totalitarismustheorie. Neben der Alleinschuld des Volks alias der Masse alias des Pöbels sollte, wir deuteten es schon an, die Formel „Stalinismus gleich Nazismus“ ihren nachhaltigen Einfluss auf das politische Denken bis heute ausüben. In letzterem Punkt hätte allerdings spätestens 1966 eine Korrektur vollzogen werden müssen. Denn im Vorwort zur Neuauflage in jenem Jahr stellt Arendt klar, dass die Anwendung des Totalitarismus-Begriffs auf die Sowjetunion sich lediglich auf die Stalin-Jahre 1929 bis 1941 und dann wieder von 1945 bis 1953 bezieht.

Während der vier Kriegsjahre hatte Stalin seinen Würgegriff gelockert und versucht, alle Bürger der Sowjetunion für den Großen Vaterländischen Krieg zu motivieren — mit Erfolg, wie wir heute wissen. 1953 verstarb Väterchen Stalin. Unter den Nachfolgern wurde der Terrorapparat abgebaut und man kann dann nicht mehr mit Fug und Recht von einem totalitären System in der Sowjetunion sprechen, nur von einer Tyrannis. Ja, Hannah Arendt sieht sogar im westlichen Wertesystem die Gefahr totalitärer Ambitionen: „… es erleichtert nicht gerade die Lösung der Probleme, weder theoretisch noch praktisch, daß uns die Ära des Kalten Krieges eine offizielle Gegenideologie hinterlassen hat, den Antikommunismus, welcher gleichfalls dazu neigt, einen Anspruch auf Weltherrschaft zu entwickeln“ (11).

Was kümmert das die Propagandamaschine? Die Propagandamaschine zerkleinert, zerkaut und verdaut mit schöner Regelmäßigkeit die Erkenntnisse der herrschenden Wissenschaft und beißt die Krümel mit großem Eifer aus ihrem Zusammenhang. Auf den Zähnen hängen bleiben faulige Essensreste. In der öffentlichen Wahrnehmung ist lediglich hängengeblieben: Das Volk ist schuld, und Kommunismus und Nazis sind dasselbe. Solche fragmentierten Ideologeme bedürfen keiner Korrektur mehr. Sie tun ihren nützlichen Dienst. Sie bohren sich fleißig immer tiefer ins Hirn.

In diesem Nebelschleier können Politiker mit großer moralischer Rechtfertigung jeden als Agenten Moskaus verteufeln, der sich der Vereinnahmung Deutschlands durch die NATO in den Weg stellt. Und von den antikommunistischen Restbeständen in den Köpfen der Menschen draußen im Lande kann man auch dann noch profitieren, wenn der auserkorene Feind schon lange nicht mehr Sowjetunion, sondern Russland heißt. Und wenn der amtierende Präsident dieses Russlands sich mühsam durch einen Sumpf von Korruption durchmäandriert, um auf Dauer rechtsstaatliche Verhältnisse und verlässliche Sozialleistungen zu ermöglichen, dann ist das natürlich auch nur eine Ausgeburt niederer Gesinnung, vermutet der Neo-Totalitarismustheoretiker. Die alte Schablone aus den Tagen des Kalten Krieges ist in den Köpfen immer noch drin und wird gerade mit neuen Inhalten aufgepeppt — Diagnose: Totalitarismus 2.0.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Zitiert nach Julia Angster: Konsenskapitalismus und Sozialdemokratie — Die Westernisierung von SPD und DGB. München 2003. S. 113
(2) Helmut Kramer: Die justizielle Verfolgung der westdeutschen Friedensbewegung in der frühen Bundesrepublik. In: Detlef Bald/Wolfram Wette (Hg.): Friedensinitiativen in der Frühzeit des Kalten Krieges 1945-1955. S. 53
(3) Zugrunde liegt eine spätere Ausgabe: Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München/Zürich 1986.
(4) Gustave Le Bon: Die Psychologie der Massen Stuttgart 1982
https://politik.brunner-architekt.ch/wp-content/uploads/le_bon_gustave_psychologie_der_massen_1985.pdf
(5) José Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen. München 2012
(6) Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München/Zürich 1986; S. 496
(7) a.a.O. S. 497
(8) a.a.O. S. 505
(9) Dokumentiert im Aufsatz Besuch in Deutschland (1950) in: Zur Zeit. Politische Essays (1943-.1975); München 1989. S. 43ff
(10) a.a.O.; S.45
(11) Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München/Zürich 1986; S. 478

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