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Sündenbock-Politik

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Wen haben Cambridge Analytica und Facebook eigentlich ermordet?

Warum bestellt Frau Barley aber nicht auch Vertreter von Google oder Amazon ein? Oder von Nielsen, Dunnhumby, Sociomatic, Spotify, WPP, Millennial Media, Cardlytics, Ability Tec, Axicom, FreckleIoT, Crossix, Samba TV, Ibotta und von vielen weiteren Firmen? Diese Unternehmen sind alle in irgendeiner Weise mit dem Sammeln, Aufbereiten, Auswerten und Verkaufen von Daten beschäftigt.

Alte und neue Daten

Sie haben inzwischen Milliarden von Datensätzen erhoben, die zum Teil aus den zurückliegenden Jahrzehnten stammen. Das Sammeln von Daten ist ja nichts Neues. Bei Versandhäusern, Reisebüros, Versicherungen, Bonusprogrammen und vielen anderen sind schon jahrzehntelang Daten erhoben worden, die sich die neuen Player in diesem Geschäft angeeignet haben.

Es gibt aber auch Daten, die gerade erst entstehen, wenn man diesen Artikel liest, da sie in Echtzeit während der Internet-Aktivitäten oder beim Telefonieren erhoben werden. Ausgewertet wird ein großer Teil der Daten unmittelbar, weil dann auch unmittelbar auf die Aktivitäten der Nutzer reagiert werden kann.

Wenn man mit dem Smartphone im Internet unterwegs ist, erhält man eine andere Werbung, als wenn man mit dem Laptop unterwegs ist. Ja, auch das geht, weil es inzwischen möglich und Praxis ist, die Nutzer über alle ihre Geräte hinweg in Echtzeit zu identifizieren und zu verfolgen.

Warum bekomme ich keinen Kredit?

Die Daten werden für vielfältige Zwecke verwendet, beispielsweise für Kreditzusagen. Ausgewertet werden bei der Entscheidung über einen Kredit unter anderem Anzahl und Zeitpunkt von Telefonaten, der Aufenthaltsort, Online-Einkäufe, Suchen im Web, Daten von Sozialen Netzwerken, die Art und Weise, wie Formulare im Internet ausgefüllt werden oder wie man auf einer Webseite navigiert, die Rechtschreibung von SMS und sogar der Ladezustand des Smartphone-Akkus.

Selbstverständlich werden auch Daten erhoben, die auf die politischen Präferenzen oder die Emotionen der Nutzer schließen lassen und selbstverständlich werden ihnen daraufhin die passenden Informationen übermittelt, mit denen dann Entscheidungen beeinflusst werden sollen.

Handeln im Verborgenen

Das alles geschieht fast vollständig im Verborgenen und ohne direkte Zustimmung der Nutzer. Die Unternehmen ergreifen umfangreiche Maßnahmen, um die Nutzer darüber im Unklaren zu lassen, dass und welche Daten sie sammeln.

Nur verdeckt blüht das Geschäft, Facebook, Google und Amazon sind nur die Spitze des Eisberges. Wissen Frau Barley oder ihre Berater nichts vom verborgenen Teil des Eisbergs? Das wäre peinlich.

Oder wird nur Facebook eingeladen, weil nur Facebook mit der Förderung des Bösen aufgefallen ist? Wenn nur Facebook eingeladen wird, vermeidet Frau Barley in jedem Fall den Eindruck, sie wolle die Geschäfte dieser riesigen Herde von Datenkraken behindern, zu denen auch das zu Bertelsmann gehörende Unternehmen Arvato gehört. Bertelsmann ist ein im deutschen Rechtsraum angesiedeltes Unternehmen. Da wäre doch vielleicht was zu machen; wenn man wollte.

Natürlich kann man sich der Datensammelei entziehen. Man muss nur alle seine digitalen Geräte mit Internet-Zugang in eine Kiste packen, die Kiste in den Keller oder auf den Dachboden packen und sie erst wieder herausholen, wenn die Datenkraken der Vergangenheit angehören. Da auch bei der SPD der politische Wille nicht vorhanden ist, den Datenkraken das Handwerk zu legen, kann das aber dauern.

Man kann natürlich auch weniger radikale Maßnahmen ergreifen. Beispielsweise kann man Facebook verlassen und zu freien, dezentralen, werbefreien Netzwerken wie Diaspora wechseln, bei denen schon der technische Aufbau verhindert, dass umfangreich Daten abgegriffen werden können. Wenn die Freunde auf Facebook wirkliche Freunde sind, werden sie folgen.


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Quellen und Anmerkungen:

Wesentliche Grundlage für diesen Artikel ist: Corporate Surveillance in Everyday Life. How Companies Collect, Combine, Analyze, Trade, and Use Personal Data on Billions. A Report by Cracked Labs, Vienna, June 2017. Author: Wolfie Christl. Contributors: Katharina Kopp, Patrick Urs Riechert. Illustrations: Pascale Osterwalder.

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