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Stoppt den Krieg!

Stoppt den Krieg!

Oder: Wie Deutschland militarisiert wird. Eine kollektive Protestaktion der Rubikon-Jugendredaktion.

Was muss passieren, damit ein Land Kriege führen kann, ohne den Unmut der Bevölkerung hervorzurufen? Jugendredakteurin Madita Hampe kennt die Antwort: Es muss ein Klima innerhalb einer Gesellschaft etabliert werden, das Hemmschwellen abbaut und militärische Konflikte normalisiert. Feindbilder zu schaffen (1) ist eine Möglichkeit. Ein weitaus plastischeres Beispiel ist die aktuelle Werbekampagne der Bundeswehr.

Ein halbes Jahr nach den „Rekruten“ (2) präsentiert die Bundeswehr den zweiten Akt ihrer imagetechnischen Aufpolierung: „Mali“ nennt sich die neue YouTube-Webserie, die den Einsatz der Bundeswehr im gleichnamigen Binnenstaat dokumentieren soll. Die Werbung hierfür ist omnipräsent: online, auf Plakaten, sogar an Schulen wirbt die Bundeswehr für das Soldatenleben.

Doch dieses Mal geht es nicht nur darum, neuen Zuwachs für den Bund zu generieren. Anders als bei der vorherigen Webserie, die sich auf eine propagandistisch beschönigte Darstellung der Grundausbildung beim Bund sowie des Alltagslebens der Rekruten bei der Parow-Zeit (3) beschränkte, ist dieser Einsatz ein Politikum.

Der 2013 von den Vereinten Nationen (UN) gestartete Einsatz MINUSMA (Mission multidimensionnelle intégrée des Nations Unies pour la stabilisation au Mali) befindet sich derzeit in der dritten Mandatsverlängerung und gilt als „die gefährlichste UN-Mission weltweit“ (4 ).

Bis dato sind bereits 116 Blauhelmsoldaten (UN-Soldaten) ums Leben gekommen; MINUSMA ist eine der „verlustreichsten Missionen der Vereinten Nationen“ (5). Zahlreiche Attentate sind bereits auf die Institutionen des Einsatzes verübt worden (5); nahezu täglich finden weitere Anschläge statt, es sterben „jeden Tag Menschen einen gewaltsamen Tod“ (8).

Deutschland stellt seit dem Parlaments-Mandat vom 26. Januar 2017 unter anderem vier Kampfhubschrauber des Typs ,Tiger‘ (7); diese würden für „Schutz- und Unterstützungsaufgaben“ genutzt (8). Zudem sind deutsche Soldaten in Mali mit der Erlaubnis zur Waffengewalt stationiert (4).

Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), die sich in Depressionen, Angstzuständen und Schlafstörungen äußern können, sind keine Seltenheit in der Bundeswehr. Deutschlandweit sollen 2015 rund 1750 Soldaten von PTBS betroffen gewesen sein (6). Auch der Einsatz in Mali erfüllt einige Voraussetzungen für solche psychischen Belastungen.

Von den Hintergründen des Einsatzes ist auf dem YouTube-Kanal, ebenso wie auf den penetranten Plakaten in den Städten, nichts zu lesen. Die Gefahr, in die sich (deutsche) Soldaten bei diesem Einsatz begeben, kommt bislang nur am Rande vor und dient eher der Konstruktion eines karitativen Heroentums der Soldaten.

Die Bundeswehr versprach, Themen wie Tod und Verwundung in späteren Folgen noch zu behandeln (9); die „Rekruten“ zogen das Thema PTBS ihrerzeit allerdings regelrecht ins Lächerliche (2). „Einsatz sagt mehr als tausend Worte“, verpfuscht der Bund ein altes Sprichwort auf Plakaten in Frankfurt:


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Dass nicht Bilder, sondern Sätze mehr als tausend Worte sagen, ist mir neu. „Ihre Nachtwache lässt auch dich ruhig schlafen“, heißt es auf anderen. Die fragwürdige PR-Kampagne findet ihren Höhepunkt in einem entlarvenden Satz, zu finden in der Beschreibung des Kanals „Bundeswehr Exclusive“: „In der neuen Serie ,Mali‘ erlebst du den Auslandseinsatz hautnah mit“.

Wer will denn Krieg „hautnah erleben“? Geht es bei dieser Mission wirklich um den „Schutz der Menschenrechte“ und die „Friedenssicherung“? Wie wird der „Schutz“ durch die Tiger-Kampfhubschrauber wohl aussehen? Warum sind deutsche Soldaten zum Waffengebrauch befugt? Warum beteiligt sich gerade Deutschland mit solchen Kapazitäten an diesem Einsatz? Hieß es nicht bei Willy Brandt: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“?

Die akute Gefahr dieses Einsatzes, die Ernsthaftigkeit des Krieges, das Soldatenleben werden hier als aufregendes Abenteuer verkauft! Hintergründe der Mission werden verschleiert, der Soldatenberuf indes verherrlicht – Krieg wird zum Erlebnis hochstilisiert! Die Etablierung der Bundeswehr als Marke, das Proklamieren des Bundes als „attraktiver Arbeitgeber“ und die Normalisierung und Bagatellisierung von Einsätzen wie in Mali sind die zentralen Zielsetzungen der aktuellen Bundeswehr-Kampagne.


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Es handelt sich um eine in den gängigen Medien wieder einmal bemerkenswert unkritisch hingenommene Kriegsverharmlosung, die uns als Gesellschaft auf den Weg in eben jenes Klima zu bringen droht, das eine schleichende Akzeptanz militärischer Konflikte und Einsätze in der Bevölkerung ermöglicht. Die Kampagne „Mali“ ist somit ein maßgeblicher Vorreiter der Militarisierung in Deutschland.

In ihren Plakaten und Anzeigen verspricht die Bundeswehr der Jugend Bedeutung; sie verspricht ihr wichtige Aufgaben, Sinn gar. Sie wirft mit großen Begriffen um sich: „Stabilisierung“, „Sicherheitsgewährleistung“, „Wahrung der Menschenrechte“ (8). Wir sollen also dem Aufruf des Bundes folgen und unsere Zukunft in die Friedenssicherung stecken. In der Bundeswehr, dem Wegbereiter der Mobilmachung? Das klingt doch paradox!

Wir von der Jugendredaktion fragten uns: Würden wir nicht viel eher einen Beitrag zur Friedenssicherung leisten, wenn wir uns dem strikt verweigern – und stattdessen aufzeigen, dass die Bundeswehr und Kriege im Allgemeinen keine Lösungen für die Probleme unserer Zeit darstellen können?

Hierin sind wir uns einig. Und aus diesem Grund starten wir eine kollektive Gegenaktion, direkt aus der Zielgruppe. Zwei Monate lang haben wir uns eingehend mit den Hintergründen der Mission Mali, dem dazugehörigen Image-Feldzug der Bundeswehr sowie der Militarisierung Deutschlands auseinandergesetzt. Unsere Ergebnisse präsentieren wir in den folgenden Artikeln.

1. Abenteuerurlaub in Mali – von Madita Hampe

Madita widmet sich ihn ihrem Artikel vornehmlich den rechtlichen Grundlagen des deutschen Außeneinsatzes in Mali sowie der Rolle Deutschlands vor Ort. Außerdem geht sie auf Malis Ressourcen und deren potentielle Attraktivität für diverse Akteure ein. Nicht zu kurz kommt außerdem die Fraglichkeit des Einsatzes als „humanitäre Intervention“.
Lesen Sie den Beitrag hier.

2. Ein Fest der Sinne – von Nicolas Riedl

Nicolas legt sein geschultes Augenmerk auf die visuelle Aufmachung der YouTube-Webserie „MALI“. Vielschichtig untersucht er die unterschiedlichen dramaturgischen Aspekte und zeigt auf, mit welchen Mitteln die Militarisierung an die Jugend gebracht wird. Er trennt strikt zwischen der Realität vor Ort und dem aufgehübschten Produkt, das bei uns über die Bildschirme flimmert. Warum Verharmlosung der Serie einmal mehr inhärent ist.
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3. Die Bundeswehr macht Schule – von Nina Forberger

Nina liefert in ihrem Artikel einen Erfahrungsbericht darüber, wie die Bundeswehr an ihrer Schule präsent war. Dass selbst die werbetreibenden Offiziere nicht immer hinter dem stehen, was sie unseren Schülern erzählen, deckt sie auf faire Weise auf, und auch der schmale Grat zwischen Information und Indoktrination wird umfassend beleuchtet.
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4. Orwell und der Krieg gegen den Terror – von Felix F.

Felix zieht eine erschreckend nüchterne Parallele zwischen der in George Orwells Standardwerk „1984“ beschriebenen Realität und jener, in der sich unsere militärisch-aggressive wie auch bemerkenswert unkritische Medienlandschaft befindet. Welche Gemeinsamkeiten der heutige „Krieg gegen den Terror“ mit den in „1984“ geführten Scheinkriegen der Regierungen aufweist und warum die Fiktion das richtig Mittel ist, um kritische Geister zu wecken.
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Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.rubikon.news/artikel/wer-ist-der-neue-teilzeit-hitler
(2) https://www.rubikon.news/artikel/die-rekruten
(3) Das befilmte Ausbildungslager der „Rekruten“-Webserie befindet sich in Parow, Mecklenburg-Vorpommern.
(4) Bundeswehr
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/United_Nations_Multidimensional_Integrated_Stabilization_Mission_in_Mali
(6) http://www.redaktionzukunft.de/krieg-im-kopf-0
(7) Bundeswehr; znter "Mandate und Entwicklung"
(8) https://www.youtube.com/watch?v=FXsuFvfwzD8
(9) https://www.heise.de/tp/features/On-the-road-mit-der-Bundeswehr-3873788.html (Rubrik: "Kritik am Abenteuerspielplatz")

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