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Star-Fußballer zum Schnäppchenpreis

Star-Fußballer zum Schnäppchenpreis

Gemeinsam mit der DDR-Industrie wurde ab 1990 auch der Ost-Fußball plattgemacht.

„Wer lässt Ball und Gegner laufen?
Eisern Union, Eisern Union
Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen?
Eisern Union, Eisern Union“

(aus der Vereinshymne des Ost-Berliner Fußballclubs Union Berlin).

Rubikon: Herr Willmann, in der DDR-Oberliga spielten 14 Mannschaften. Durch die regelmäßigen Duelle im Europapokal kann man ja ganz gut vergleichen, welches Niveau die besten dieser Ost-Clubs im internationalen Vergleich hatten. Wie gut etwa waren die DDR-Vereinsmannschaften gegenüber westdeutschen Profiteams?

Frank Willmann: Die besten DDR-Clubs hätten sicher im unteren Drittel der Bundesliga gut mitspielen können. Sie hätten dort eine einigermaßen gute Rolle gespielt. Vielleicht so wie der VfL Bochum um 1990 — sie wären keine „Fahrstuhlmannschaften“ gewesen, hätten aber auch nicht um den Meistertitel mitgespielt.

Schon vor der Wende sind ostdeutsche Spieler in den Westen gegangen. Können Sie bitte einmal erklären, wie das gelaufen ist?

Seitdem es zwei deutsche Staaten gab, gab es auch einen „Spielertransfer“ von Ost nach West. Die Fußballer gingen nicht nur aus politischen Gründen, sondern sie wussten auch, dass sie im Westen eine ganz andere finanzielle Basis als Profifußballer haben. Es sind hunderte von DDR-Spielern in den Westen gegangen. Noch weit vor dem Mauerbau beispielsweise, als der Dresdner SC seinen Namen nicht weiternutzen durfte, ist fast die ganze Mannschaft rübergegangen. Darunter auch der spätere Bundestrainer Helmut Schön. Es gab einen stetigen Fluss. Es war bis zum Mauerbau relativ einfach, zu verschwinden. Union Oberschöneweide 06 hat zum Beispiel Anfang der 1950er Jahre eine ganze Mannschaft an den Westen verloren.

Ab dem Mauerbau 1961 war es dann komplizierter. Da war das nur noch privilegierten Spielern aus DDR-Spitzenmannschaften möglich. Die Spieler, die dann in den Westen wollten, haben das bei internationalen Spielen im westlichen Ausland gemacht — oder in Jugoslawien. Wer sich in Jugoslawien von seiner Mannschaft entfernt und an die bundesdeutsche Botschaft gegangen ist, konnte auch ausreisen. Das wurde durch Jugoslawien nicht verhindert. Geflüchtete Spieler haben aber immer ein Jahr Sperre bekommen, weil der Weltfußballverband Fifa das als illegalen Wechsel gewertet hat.

„Erich Mielke hat getobt, wenn ein Spieler abgehauen war“

Gab es dieses Phänomen der fliehenden Spieler eigentlich auch bei den Clubs anderer Ostblockstaaten?

Aus der Sowjetunion ist kein Spieler ins westliche Ausland gewechselt. Oleg Blochin hatte zwar sehr viele Angebote, aber das hat nicht funktioniert. Andere Staaten allerdings — wie Polen, die CSSR oder Ungarn — haben ihren Spielern das ermöglicht. Diese Länder haben sowas als lukratives Zubrot verstanden. Aber in Ländern, wo die Betonfraktion regierte, wie Bulgarien, Rumänien oder eben in der DDR, da wurde das verunmöglicht. Dort wurden solche Wechsel äußerst ungern gesehen. Staatsicherheitsminister Erich Mielke hat jedes Mal getobt, wenn so etwas passierte. In der Endphase sind ja sehr viele Spieler ausgerechnet vom BFC Dynamo in den Westen gegangen. Die Staatsicherheit hat diese Spieler dann im Ausland entsprechend bearbeitet.

Lutz Eigendorf zum Beispiel — einer der besten Spieler beim BFC — der bei einem Spiel im Westen 1979 abgehauen ist, ist 1983 bei einem Autounfall gestorben. Daraufhin gab es Vermutungen, dass die Stasi ihre Finger im Spiel gehabt hätte. Es gibt dafür aber keinen Beweis. Wenn die Stasi von einer Flucht bereits im Vorfeld erfuhr, dann kam derjenige ins Gefängnis — so wie der Dresdener Spieler Gerd Weber und seine Mitwisser.

Die Popularität hat dort also nicht vor harten Strafen geschützt.

Im Gegenteil, je populärer, desto missliebiger war das. Wie gesagt, Mielke hat getobt. Es gibt eine Reihe aufgenommener Drohsprüche von ihm, wo klar wurde, dass er geflüchteten Spielern den Tod wünschte. Gerade wenn es Spieler vom BFC oder von Dynamo Dresden waren. Das war für ihn Hochverrat.

„Die Fußball-Funktionäre im Osten wurden überrollt“

Lassen Sie uns genauer auf die Wendezeit schauen. Die Maueröffnung geschah ja mitten in der Saison 1989/90. Wie gingen denn Mannschaften und Spieler damit um?

Findige westdeutsche Kapitalisten wie Rainer Calmund und andere Manager von Bundesligavereinen haben schnell die Chance gewittert, für kleines Geld an sehr gute Spieler heranzukommen. Calmund hat sofort Kontakt zum BFC Dynamo aufgenommen. Und so wechselte Andreas Thom als erster ostdeutscher Spieler zu Bayer Leverkusen, und zwar schon im Dezember 1989. Noch während dieser Saison gingen rund 60 weitere Oberligaspieler in den Westen. Allein der BFC Dynamo hat 22 Spieler verloren — also zwei komplette Mannschaften. Es herrschte damals heilloses Durcheinander in allen möglichen Bereichen der DDR. Natürlich auch im Fußball.

Die DDR-Fußball-Funktionäre waren überhaupt nicht vorbereitet auf das, was da über sie hereingebrochen ist. Sie haben das mehr oder weniger hilflos über sich ergehen lassen. Karl Marx hatten sie nicht gelesen, sondern immer nur so getan.

Deswegen wussten sie auch nicht, was für Auswüchse im Kapitalismus entstehen konnten. Sie ahnten nicht, dass und wie die Vereine plattgemacht würden. Natürlich hatten auch die Spieler selbst daran Anteil. Aber sie hatten nachvollziehbarerweise keine Lust mehr auf Alu-Chips. Sie wollten harte D-Mark bekommen und auch so schicke Autos und Häuser wie die Profis im Westen. Verantwortlich war aber auch der westdeutsche Fußballverband — der DFB —, der seinen ostdeutschen Bruderverband DFV eben nicht freundlich an die Hand genommen hat, um diesen in die blühenden Landschaften zu geleiten. Sondern der DFB hat den ostdeutschen Verband am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Das lag natürlich auch an politischen Differenzen.

Im DFB gab es damals noch so manche Alt-Nazis, die was zu sagen hatten. Die wollten natürlich nicht mit den sogenannten Kommunisten aus der DDR irgendwas zu tun haben. Die haben einfach gewartet, bis sich im Osten alles selbst auflöst. Im sportlichen Bereich hat nur die Vereinigung des westdeutschen und ostdeutschen Schachverbandes länger gedauert als die Vereinigung der beiden Fußballverbände. Das alles waren die wesentlichen Gründe für den Niedergang des DDR-Fußballs.

„Windige Geschäftemacher bezahlten sogar in Naturalien“

Sie sagten, ostdeutsche Spieler sind für kleines Geld ab Ende 1989 zu Bundesligavereinen gegangen. Ging das so einfach? Hatten die Ostdeutschen alle keine Verträge mit ihren Heimatvereinen?

Doch, der Fußballverband der DDR hatte in der Saison 1988/89 einen Mustervertrag entwickelt. Der war also schon eingeführt. Darin wurde eine bestimmte Summe festgelegt, die ein Oberligaspieler verdienen darf. Das hatte auch damit zu tun, dass in der DDR unheimlich viel Geld unter der Hand geflossen ist. Also nehmen wir mal das Beispiel: Du bist Spieler beim 1. FC Magdeburg. Dann hast du da meinetwegen 1.500 DDR-Mark verdient, also ungefähr die Höhe eines Professorengehalts. Dann hast du von deinem Kombinatsdirektor beim Schwermaschinenkombinat Ernst Thälmann (SKET) hinten rum auch noch Geld bekommen. Die Direktoren waren alle Fußballfans.

Also du hast es nicht von ihm direkt bekommen, aber da kamen dann tatsächlich Leute mit Tüten und haben dir am Monatsende zusätzliches Geld gebracht. Stimulation durch Geld und Devisen war in der Endzeit der DDR im Fußball sehr weit entwickelt. Wenn du zudem noch Nationalspieler warst, bekamst du von der Nationalmannschaft auch noch eine Summe X. Das heißt also, DDR-Fußballer haben vergleichsweise gut gelebt. Aber Rainer Calmund ist dann Ende 1989 zum Beispiel rübergekommen und hat für Andreas Thom 2,5 Millionen D-Mark an den BFC gezahlt. Aber diese Summe hat er nicht nur in Geld, sondern auch in Naturalien bezahlt. Weil er wusste, dass er das mit den „dummen Ossis“ machen kann.

Was denn für Naturalien?

Vor allem Motorräder und Autos waren sehr beliebt im Osten. Nach der Wende haben sich ja die Preise auf dem Gebrauchtwarenmarkt verdoppelt. Für den Transfer von Andi Thom gab es dann eben auch noch eine dreistellige Anzahl chinesischer Mofas und Mopeds für den BFC — allerdings ohne Ersatzteile. Der BFC hat dann wiederum seine Leute mit den Mofas bezahlt. Und wenn die kaputt waren, landeten sie schnell auf dem Müll, weil niemand sie reparieren konnte. So haben Calmund und auch viele andere Geschäftemacher allen möglichen Ramsch, der im Westen übrig war, gewinnbringend in den Osten verkauft.

„Das Wendejahr war ein Jahr der Anarchie“

Und die Preise insgesamt für die ostdeutschen Spieler — entsprachen die wenigstens in etwa deren tatsächlichem Marktwert?

Nein. Bei weitem nicht. Es ist auch hundertprozentig illegal Geld in die privaten Taschen der Spieler geflossen, damit diese Transfers zustande kamen. Die werden das heute sicherlich abstreiten, aber das ist ein Fakt. Illegale Geldzahlungen sind im Fußball heute schwieriger, aber wer sich das Buch „Football Leaks“ von Rafael Buschmann und Michael Wulzinger ansieht, der stellt fest, dass illegale Geschäfte da immer noch aktuell sind. Und damals erst recht. Schwarzgeldzahlungen auf die Hand hat es im Sport immer gegeben. Bestimmt gab es auch etwas für die Leute, die beim BFC was zu sagen hatten. Wenn ein Spieler in einem festen Vertrag ist, kann der ja normalerweise nicht einfach so aufgelöst werden. Aber mit Geld war damals alles möglich. Und wenn bestimmte Summen bezahlt wurden, hat derjenige alles bekommen, was er wollte. Gerade dieses Wendejahr war ein Jahr der Anarchie, wo alles möglich war.

Gab es damals eigentlich auch Spieler, die nein gesagt haben?

(lacht) Nein. Selbst die Leute, die vorher jahrzehntelang in der Sozialistischen Einheitspartei waren und in den Oberligaclubs monatlich ihre Parteiversammlungen absolvieren mussten und „Rotlichtbestrahlung“ ohne Ende abbekamen, die ihr Land auch im Ausland würdig vertraten — DDR-Fußballer waren sowas wie „Diplomaten im Trainingsanzug“ — selbst all diese Spieler haben beim ersten Geruch von Deutscher Mark sofort die Segel gestrichen.

„Die Besten gingen in den Westen — von dort kamen im Gegenzug die Aussortierten“

Aber immerhin gab es für den DDR-Fußball — anders als für die Wirtschaft — noch eine kurze Übergangsphase. Denn die DDR-Oberliga, die dann NOFV-Oberliga hieß, spielte noch die Saison 1990/1991, obwohl es schon keine DDR mehr gab.

Eigentlich war es eher schlecht, dass es die Saison noch gegeben hat. Da diese weitere getrennte Spielzeit das komplette Ausbluten bedeutete. Das heißt überspitzt gesagt, alle, die nur über anderthalb Beine verfügten und halbwegs geradeaus gehen konnten, sind dann auch noch in den Westen gewechselt. Im Gegenzug kamen dann Leute in den Osten, die die Bundesliga loswerden wollte — alte, übergewichtige, drogensüchtige, versoffene Schwachmaten —, und haben hier die Plätze und Trainerbänke bevölkert. Das hat das Niveau ins Unterirdische gesenkt.

Gleichzeitig kam auch noch die Garde der Baufürsten in den Osten. In dieser Übergangssaison wurde fast die Hälfte aller Oberligavereine von solchen Bauunternehmern als Präsidenten geleitet. Die kamen mit großen Versprechungen, weil sie wussten, was man den „dummen Ossis“ erzählen muss. Aber der einzige Grund, warum die Baufürsten sich da breitmachten, war der, dass sie über die Möglichkeiten der Fußballclubs an lukrative Bauaufträge der jeweiligen Stadt kommen wollten. Sie wollten ja „etwas für die Region tun“. Also beim BFC, bei Dynamo Dresden, bei Lok Leipzig, bei Chemie Leipzig — überall waren diese Bauunternehmer und haben verbrannte Erde hinterlassen. Besonders schlimm war Rolf-Jürgen Otto in Dresden, der den Club in die Insolvenz getrieben hat. Er wurde anschließend wegen der Veruntreuung von drei Millionen D-Mark verurteilt. Es war reines Chaos.

Was hätten die westdeutschen Verantwortlichen konstruktiv tun müssen, statt bei dieser Ausplünderung zuzuschauen?

Wenn man es wirklich gewollt hätte, hätten sich DFB und DFV im Januar 1990 zusammensetzen und beschließen müssen, dass man ost- und westdeutsche Clubs ab der kommenden Saison in der Bundesliga zusammenführt. Dann hätten die Ostclubs vielleicht noch eine einigermaßen realistische Chance gehabt. Stattdessen kam es erst im Sommer 1991 dazu, dass zwei Clubs in die Bundesliga durften und sechs weitere in die Zweite Liga. Aber da waren die Ost-Clubs schon so am Ende und ausgeblutet, so dass klar war, dass es sich mit dem Fußball in Ostdeutschland auf Jahrzehnte erledigt hat.

Wenn man von dem Begriff „Einheit“ ausgeht, würde man ja annehmen, dass beide Ligen vereinigt, das heißt gleichberechtigt zusammengeführt, werden. Tatsächlich durfte aber, wie Sie sagten, überhaupt nur eine kleine Minderheit von ostdeutschen Vereinen im gesamtdeutschen Profifußball mitspielen, während der Westen gar keine Abstriche machte. Ostdeutsche Traditionsvereine wie der einstige Europapokalsieger 1. FC Magdeburg versanken sofort im Amateurbereich. Wie kam es denn zu dieser ziemlich ungerechten Fußball-„Vereinigung“?

Na weil der Sieger immer bestimmt. Die westdeutschen Vereine wollten natürlich nicht von ihren Fressnäpfen weg. Das war der Grund. Der DFB hat dem Osten eben nicht solidarisch erklärt, wie der kapitalistische Bundesligafußball funktioniert. Das hat man erst zaghaft und viel zu spät in Angriff genommen, als das Kind schon längst in den Brunnen gefallen war. Und dass nur zwei Ostclubs in die Bundesliga aufgenommen wurden, das war da nur konsequent, weil sie zu diesem Zeitpunkt eh schon keine Chance mehr hatten. Alle guten Spieler waren schon im Westen und nur die Aussortierten spielten noch im Osten.

1990: Zusammenbrechende Zuschauerzahlen und viele Schlägereien

Und von ostdeutscher Seite gab es auch niemanden, der sich dagegen gewehrt hat?

Nein, es gab nicht mal jemanden, der sich darüber Gedanken gemacht hat. Man muss natürlich auch wissen, dass der Fußball damals noch nicht diese gesellschaftliche Rolle gespielt hat wie heute. Das hat sich erst mit der Weltmeisterschaft 1990 geändert. Fußballfans waren zu diesem Zeitpunkt gerade im Osten äußerst ungern gesehene Gruppen.

In der letzten Oberligasaison war in den Stadien quasi „Anarchie in Germany“ angesagt. Es gab riesige Schlägereien, es wurden Läden geplündert und sämtliche Hooligans im Westen, die ihr Mütchen kühlen wollten, haben sich mit ostdeutschen Hooligan-Truppen verbündet und haben ein Jahr lang Anarchie gespielt.

Die Polizei in der Ex-DDR hat keiner mehr ernstgenommen. Mit deren Mützen wurde Fußball gespielt und so kam es ja 1990 auch zu dem toten BFC-Dynamo-Fan, der in Leipzig von einem Polizisten erschossen worden war. Viele Jugendliche haben da die Sau rausgelassen. Sie haben gemerkt, dass sie als Gruppe ungestraft in die Läden gehen und sich nehmen konnten, was sie wollten. Keine Polizei hielt sie auf. Also das war eine Möglichkeit für junge Ossis, deren Eltern kein Geld hatten, die aber genauso schöne Klamotten wie andere haben wollten. Die haben auch Tankstellen auseinandergenommen und rund ums Stadion für Remmidemmi gesorgt. Das haben viele andere Leute natürlich nicht gern gesehen.

Also der Fußball hatte keine Lobby und seine gesellschaftliche Bedeutung war damals quasi im Minusbereich. Das sieht man auch an den damals schnell gesunkenen Zuschauerzahlen. Im letzten Jahr waren die lächerlich gering. Der BFC hat im letzten Wendejahr nicht mal mehr vierstellige Zuschauerzahlen gehabt. Und viele andere Ostvereine auch nicht. Union Berlin war völlig bedeutungslos. In Dresden haben sich, wenn es hochkam, noch dreitausend Leute ins Harbig-Stadion verlaufen.

„Nach der Wende war da nur noch eine Brache“

Wie liefen die folgenden Jahrzehnte? Irgendwann hatten sich die Ostclubs ja auch an den Kapitalismus gewöhnt und ihre eigenen Strukturen aufgebaut. Sind die ostdeutschen Vereine heute, 30 Jahre nach der Wende angemessen repräsentiert im gesamtdeutschen Fußball?

Nein, wir haben in der Bundesliga momentan nur zwei Vereine aus dem Osten, also Union Berlin und RB Leipzig. Wobei aber Union gerade erstmals in die Bundesliga aufgestiegen ist und RB Leipzig ist ein Produkt von Red Bull. Das heißt, da wurde mit sehr viel Geld künstlich etwas Erfolgreiches geschaffen. Das bestätigt nur, dass man mit viel Geld auch guten Fußball kaufen kann. Aber dieser Verein hat keine gewachsene Struktur, keine Basis. Er wurde aus dem Nichts geschaffen.

Nach der Wende waren im Osten erstmal lange alle Strukturen kaputt. Es waren ja nicht nur sämtliche guten Spieler weg, sondern auch alle guten Trainer, Nachwuchskoordinatoren und Jugendspieler. Es war eine völlige Brache übriggeblieben.

Es dauerte dann fast zwei Generationen bis sich der Osten aus diesem Staub wieder erheben konnte. Mit riesigen Anstrengungen hat man es geschafft, dass wenigstens ein paar Vereine wieder erfolgreich wurden.

Dynamo Dresden ist aktuell wieder in der Zweiten Liga, obwohl sie weit unter ihren Möglichkeiten bleiben. Aber Erzgebirge Aue ist schon ein Beispiel, wie man es gut machen kann. Also das ist ja nur ein kleiner Ort mit 16.000 Einwohnern, wo die Hauptattraktion eine McDonald’s-Bude ist. Aue hat es aber geschafft, sich über Jahrzehnte in der Zweiten Liga zu etablieren. Warum? Weil dort die Menschen nicht auf Leute aus dem Westen vertraut haben, sondern weil Unternehmer vor Ort den Verein sehr früh in die Hände genommen und gemerkt haben, was möglich ist. Die Verantwortlichen leben dort und sind eben damals nicht für fünf Jahre dahingegangen, um die schnelle Mark zu machen und dann wieder zu verschwinden. Darum funktioniert es in Aue und ähnlich ist es bei Union, obwohl es dort auch lange, harte Jahre gab mit Insolvenzen und Abstiegen bis in die fünfte Liga. Dort haben sich aber auch Menschen vor Ort zusammengeschlossen und tun alles dafür, dass dieser Verein erblüht und passen auf, dass nicht die falschen Leute ans Ruder kommen.

Und welche Vereine im Osten bleiben trotz großen Potenzials weit unter ihren Möglichkeiten?
Da muss man Lokomotive Leipzig nennen. Der Club hat 1987 immerhin im Finale des Europapokals der Pokalsieger gestanden. Das war eine wirklich gute Fußballmannschaft. Lok hat sich aber auch sofort an einen Baukrösus aus dem Westen verkauft. Es folgten Namensänderung und Insolvenz. Das zeigte, wie man es nicht machen sollte. Lok Leipzig ist ein Extrembeispiel. Den BFC Dynamo kann man genauso nennen oder Chemnitz. Auch der 1. FC Magdeburg, der jetzt ein Jahr Zweite Liga gespielt hat, bleibt unter seinen Möglichkeiten. Dort gab es zuvor jahrelange Misswirtschaft, Fehlplanungen und unfähige Leute. Man könnte da fast jeden ehemaligen Oberliga-Club nennen.

Lässt sich das Fazit ziehen: Im Fußball lief es im Osten genauso wie mit der Treuhand in der Wirtschaft? Also die interessanten Filetstücke — die Topspieler — verleibte sich der Westen ein und den Rest ließ man durch Unterlassung oder aktive Mitwirkung kaputtgehen, weil man die Ost-Konkurrenz nicht brauchen konnte?

Na klar. Das kann man wirklich eins zu eins vergleichen mit dem, was die Treuhand hier angerichtet hat. Da sind ganz viele Parallelen.



Frank Willmann, Jahrgang 1963. Der in Weimar geborene Publizist und Ex-Fußballer reiste 1984 in die BRD aus. Er arbeitet heute als Journalist in Berlin und veröffentlichte diverse Bücher zur Fußballsubkultur der DDR und zur Fußballkultur der Gegenwart. Zuletzt: Fußball in der DDR (Die Fußballfibel Band 23). Sein kommendes Buch (2020) „Stolz und Vorurteil“ befasst sich mit Fußball und Identität im früheren Jugoslawien.

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