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Staatsfeindin Nr. 1

Staatsfeindin Nr. 1

Die existenzzerstörende Art und Weise, mit der Ulrike Guérot in der Öffentlichkeit verrissen wurde, offenbart eine neue Stufe der Verrohung in der Debattenkultur.

Am 2. Juni 2022 durften wir der „freien“ Welt mal wieder ein Stündchen beim Sterben zusehen. By Appointment to Markus Lanz. In der Sendung des Titelhelden ging es nicht zum ersten Mal um den „barbarischen Angriffskrieg“ Russlands gegen die Ukraine. Gäste waren unbarmherzige Streiter des Völkerrechts. So Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), die — wir erinnern uns — in den letzten Jahrzehnten Dutzende amerikanischer Angriffskriege ohne jede diplomatische Rücksicht aufs Schärfste verurteilt hat. Und jetzt entsprechend gegen Russland vorgeht. Die Dame firmiert als Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages und war in dieser Funktion mehrfach sowohl in der Ukraine als auch bei Lanz.

Einige Wochen zuvor hatte sie in dieser Talkshow schaurige Geschichten erzählt. Wenn auch nicht aus eigenem Erleben, doch sozusagen aus erster Hand. Kolportiert wurden sie von der „stellvertretenden Vorsitzenden für die Nationale Sicherheit in der Ukraine“, die laut Strack-Zimmermann nach getaner Büroarbeit nachmittags „im Feld“ stand — also in die Schlacht gegen die Russen zog. Über jenes Prachtexemplar soldatischer Ganzheitlichkeit berichtete die deutsche Militärexpertin:

„Man merkte auch an ihren Ausführungen — ich hatte nachher Gelegenheit, unter vier Augen noch mit ihr zu sprechen —, dass sie unmittelbar die Kampfhandlungen erlebt, dass sie unmittelbar erlebt, wie russische Soldaten toten Kindern — ich will das mal in aller Deutlichkeit sagen — die Schuhe abziehen und nach Hause telefonieren, ich bring unserem Sohn schöne Schuhe mit, das passiert dort. Das ist eine Entmenschlichung.“

Zurück zu den Kombattanten der Lanz-Runde am 2. Juni: Frederik Pleitgen, als CNN-Korrespondent fest in amerikanischer Hand und obendrein Sohn des einstigen Russland-Korrespondenten und WDR-Intendanten Fritz Pleitgen. Der olle Fritz hatte kürzlich in einer Hart aber fair-Sendung seine einstigen freundlicheren Ansichten über Russland widerrufen. Dabei gab sich der 84-Jährige wie ein ertappter Schuljunge. Ich glaube, der McCarthy-Ausschuss in Gestalt von Frank Plasberg hat generös Nachsicht walten lassen. Sohn Frederik musste erst gar nicht widerrufen. Der hat es immer schon gewusst. Des Weiteren saß in der Runde die Journalistin Nathalie Amiri als Expertin für afghanische Frauen. Bei diesem Thema ging es natürlich nie darum, wie viele Frauen der Westen während seiner zwanzigjährigen humanitären Mission gekillt haben mag.

Und schließlich gewissermaßen als Freiwild die Politologin Ulrike Guérot. Die hatte zwei Großverbrechen auf dem Kerbholz: nämlich in den letzten beiden Jahren verschiedentlich die Maßnahmen gegen Corona kritisiert und in jüngster Zeit auch noch die Haltung des Westens gegenüber Russland und der Ukraine für falsch befunden zu haben. In den wenigen Sekunden, die sie in dieser Talkrunde zu Wort kommen durfte, plädierte sie für einen Verhandlungsfrieden. Darüber müsste man diskutieren dürfen.

Doch hier wurde nicht diskutiert, Ulrike Guérot wurde niedergeschrien und beschimpft, und das in einer Weise, wie ich es noch nie erlebt habe.

Ich will hier nicht noch mal auf die Details dieses TV-Vernichtungskrieges eingehen. Das haben kluge — und ebenso fassungslose — Kollegen bereits getan (1). Ich kann nur meine Bewunderung für Ulrike Guérot ausdrücken, dass sie es geschafft hat, die Contenance zu bewahren und dem Gesinnungsgedröhne mit Argumenten zu widerstehen.

Aber irgendwas schien schief gelaufen zu sein. Denn Guérot hatte Gelegenheit gefunden, ein paar Argumente in die Runde zu werfen, die nicht nur nicht diskutiert werden dürfen — die hätten erst gar nicht in die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Und irgendwie hatten Lanz und seine Kampfgefährten den Bogen überspannt. Selbst gesinnungsverwandte Zuschauer fühlten sich abgestoßen von den Kampfhandlungen. Deshalb kartete die FAZ blitzschnell nach. Bereits am 3. Juni versuchte ein gewisser Markus Linden, seines Zeichens mittelgebauter Politikwissenschaftler aus Trier, die intellektuelle Redlichkeit der ziemlich erfolgreichen Bonner Kollegin in den Schmutz zu ziehen. Linden hatte seine „Beweise“ und sein Urteil vermutlich längst in der Schublade liegen.

Es ging um nicht weniger als um einen Plagiatsvorwurf — ein tödliches Geschoss in akademischen Kreisen. Bevor er Guérot des Plagiats überführt, beschreibt der Inquisitor noch schnell in wenigen Worten das gesamte Schaffen der Bonner Professorin als Hexenwerk aus Lug und Trug. Eigentlich hätte es genügt zu erwähnen, dass Guérot gelegentlich bei verschwörungstheoretischen Portalen wie apolut oder Rubikon aufgetreten ist. Doch nein, Lindner weiß noch mehr. In verschiedenen Talkshows habe sie Lügen verbreitet. Da Inquisitoren die Wahrheit in sich tragen, muss er sie auch nicht erläutern. Es geht eigentlich nur um Kleinigkeiten. Aber eine Guérot hat sich nicht vertan, versprochen oder bloß geirrt — für Linden findet das alles im Spektrum von „Halbwahrheit bis hin zur eindeutigen Falschbehauptung“ statt.

So etwas wie Meinungsverschiedenheit scheint in solchen hyperszientistisch vernebelten Köpfchen gar nicht mehr zu existieren. Wissenschaft kommt von Wissen, und wir haben es hier mit einem Hohepriester des Wissens zu tun, der Guérot ex cathedra ihr verfehltes Denken um die Ohren haut.

Das ganze Ausmaß ihrer Skrupellosigkeit zeigt sich in ihren angeblichen Plagiaten. Es geht um ein paar Zeilen in Guérots im März 2022 erschienenen Bestseller Wer schweigt stimmt zu. Die Autorin soll sich bei Paul Watzlawick und bei Marina Garcés bedient haben. Beide zitiert sie ausdrücklich. Die genialen Geschichten, die der österreichische Philosoph Paul Watzlawick in Büchern wie Wie wirklich ist die Wirklichkeit? erzählt, dürften mittlerweile so populär sein, dass sie vermutlich in etlichen paraphrasierten Versionen kursieren. Und es mag sein, dass ein paar Zeilen aus einem Buch der Philosophin Marina Garcés als Zitat hätten ausgewiesen werden sollen.

Es geht hier allerdings nicht um eine wissenschaftliche Arbeit, sondern um einen wuchtigen Essay, dem man die Leidenschaft der Autorin in jeder Zeile anmerkt. Guérot hätte zweifelsohne korrekt zitieren können. Zehn Zeilen von Watzlawick in Anführungsstriche setzen, Auslassungen markieren, eigene Worte ohne Anführungsstriche einfügen und die Quelle in einer Fußnote verzeichnen. Das wäre allerdings ein anderer Text geworden. Und in dem vorliegenden Text müsste eigentlich so ziemlich jeder verstanden haben, dass es sich um eine Paraphrase von Watzlawicks Text handelt.

Drei Tage später liefert Markus Linden Nachschub. Jetzt geht es um frühere Bücher — auch die keine akademischen Arbeiten. Diesmal bezichtigt der Trierer Kopien-Jäger Guérot der planmäßigen Fälschung. In ihrem Buch Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie nähere sie sich dem „Guttenberg-Standard“. Karl-Theodor zu Guttenberg hatte man Plagiate auf über 90 Prozent der Seiten seiner Dissertation nachweisen können. Vor wenigen Jahren noch hätte Linden jetzt ein echtes Problem am Hals gehabt. In unseren Tagen dürfte er mit einer Beförderung rechnen. Die paar Seiten, die ich aus der Feder von Markus Linden gelesen habe, erscheinen mir wie ein einziges Plagiat, obwohl sie es im strengen Wortsinn wahrscheinlich nicht sind. Ich habe einfach den Eindruck, ich hätte das schon hundertfach gelesen, als hätte ich es mit den Zeichen gewordenen Ausdünstungen des Rudels zu tun (2).

Man könnte dazu noch vieles sagen, aber man sollte es nicht. Irgendwie klänge alles nach Rechtfertigung.

Es ekelt einen, wie kleine Fehler, Ungenauigkeiten oder Versehen zu existenzvernichtenden Anschuldigungen hochtoupiert werden.

Wenn Marie-Agnes Strack Zimmermann bei Lanz einen nur noch krank zu nennenden Schwachsinn von sich gibt, dann kommt nicht die Charité, die Süddeutsche oder der Verfassungsschutz. Nicht einmal ein Markus Linden. Auch wenn es sich bei Frau Strack-Zimmermanns Räuberpistole ziemlich sicher um eine Raubkopie handelt. Verblüffend ähnlichen Unsinn hatte man bereits 2014 beim Absturz der MH17-Maschine in der Ukraine verbreitet.

Davon war natürlich in der FAZ nie und nirgends die Rede. Stattdessen twittert der FAZ-Redakteur Patrick Bahners seit Monaten sarkastisch gegen Guérot — ein Hauch von Stammtisch. Ich erinnere mich noch an Texte von Bahners, in denen er — ich glaube, anlässlich des Nato-Überfalls auf Serbien — akribisch und klug die Parolen vom „Heiligen Krieg“ auseinandergenommen hat. Heute ist er Kanonier in einem Vernichtungskrieg gegen andersdenkende Intellektuelle, in dem es nicht mehr um eine — von mir aus auch heftige — Auseinandersetzung mit Gegenpositionen geht, hier werden Gegner mit Macht und im Namen der Macht denunziert. Ulrike Guérot würde wahrscheinlich wieder nach einem Verhandlungsfrieden rufen. Ich erwäge allmählich, ob ich nicht einen Untergang in Würde vorziehe.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Paul Schreyer, „Ein Moderator sieht rot“. Multipolar 3. Juni 2022. https://multipolar-magazin.de/artikel/ein-moderator-sieht-rot
(2) Norbert Häring hat die akademische Statur von Linden auf ein paar Zeilen treffend beschrieben. „Ulrike Guérot und der Krieg: Kommt man gegen die Argumente nicht an, wird die Person vernichtet.“ https://norberthaering.de/propaganda-zensur/ulrike-guerot-markus-linden/

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