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Späte Rehabilitation

Späte Rehabilitation

Der neue Bibelfilm „Maria Magdalena“ verändert die christliche Religion.

Die Hure liegt grell geschminkt und mit gelangweilt-leeren Blick auf ihrem Lager, während sich ein Freier stöhnend und schwitzend auf ihr wälzt. Als er fertig ist, erkennt man eine Schlange von Wartenden vor dem Zelt. Einer der Männer allerdings hat andere als sexuelle Absichten. Es ist der Exfreund der Prostituierten, der sich dafür entschuldigen möchte, dass er sie damals verlassen und so in den sozialen Absturz getrieben hat. Der Name des Exfreunds: Jesus. Hundert Filmminuten später hängt dieser Jesus am Kreuz und hat eine sehr lebhafte Vision: Er heiratet die Hure und hat mit ihr ehelichen Geschlechtsverkehr. In der nächsten Szene ist er von einer Schar Kinder umgeben – ein Familienidyll, eine sehr liebevoll ausgemalte Szene.

Christliche Fundamentalisten in den USA waren „not amused“: Sie stürmten die Kinos, in denen „Die letzte Versuchung Christi“ von Martin Scorsese gezeigt wurde und warfen den Machern des Films „Gotteslästerung“ vor. Ein ähnliches „Sakrileg“ begingen in den 60er-Jahren Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Text) mit ihrem Hippie-Musical „Jesus Christ Superstar“. „He’s a man, he‘s just a man“, singt die Jesus-Freundin in einer berührenden Arie. Der Gottessohn und Erlöser – „just a man“? Das konnte den Kirchen-Oberen nicht recht sein, die doch immer auf einen unüberwindlichen Wesensunterschied zwischen dem Gott-Menschen und uns armseligen Erdenwürmern Wert gelegt haben.

Pretty Woman des Neuen Testaments

So sympathisch wir diese Vermenschlichung des Messias im Film und im Musical auch finden mögen – es wird doch in beiden Fällen ein Klischee zementiert, das zu den wohl infamsten Rufmordkampagnen der Menschheitsgeschichte zählt.

Maria Magdalena – die Sünderin, die Hure, erlöst von einem asexuellen, heiligen und über die Maßen überlegenen Mann, rein gewaschen und emporgehoben durch seine unverdiente Gnade. Diese Männerfantasie geistert in den verschiedensten Varianten durch die Köpfe.

Parsifal erlöst Kundry in Richard Wagners Oper. Jean Valjean erlöst Fantine in Victor Hugos „Les Miserables“, Richard Gere erlöst Julia Roberts …

Ein bisschen etwas von diesem altbackenen Mythos ist in Garth Davis' neuem Film „Maria Magdalena“ bewahrt. Traditionelle Christen müssen keine Bettszenen befürchten, der Sturm der Fundamentalisten auf die Kinos blieb aus. Rooney Mara, eine ausdrucksstarke Schauspielerin, darf ihren Meister großäugig und etwas melancholisch anschauen. Geistig fliegen die Funken, aber mehr läuft nicht. Einzig Jesu-Mutter Maria spricht aus, was mit Händen zu greifen ist: „Du liebst meinen Sohn, nicht wahr?“ Und der liebt zurück – aber ist er nicht gekommen, um alle – und niemandem im Besonderen – zu lieben und zu erlösen?

Eine frühe Feministin?

„Maria Magdalena“ ist ein auch für moderne Zuschauer ansprechender Film, der Jesus (Joaquin Phoenix) als Sozialrevolutionär und Magdalena als frühe Feministin inszeniert. Die Tochter eines Fischers verweigert sich einer arrangierten Ehe, gilt deshalb als „besessen“ und muss sich einem Exorzismus unterziehen, bevor sie zur Jüngerin des Predigers Jesus wird, der im Sinne von Franz Alt der „erste neue Mann“ ist: sanft, unterstützend und respektvoll gegenüber Frauen. „Sind wir so anders als Männer, dass du uns andere Dinge lehren musst?“, fragt Magdalena Jesus an einer Stelle, und der lächelt verständnisvoll. Die außerbiblischen Passagen des Films, die das Schicksal der Lieblingsjüngerin vor der Begegnung und nach dem Tod ihres Meisters zeigen, sind zwar nicht „verbürgt“, jedoch gerade dadurch besonders spannend, weil sie Licht in einige „dunkle“ Bereiche der Religionsgeschichte zu bringen versuchen.

„Maria Magdalena“ traut sich nicht sehr viel, macht aber an entscheidender Stelle alles richtig: Für die Annahme, dass Magdalena (eigentlich Mirjam aus der Stadt Magdala) eine Prostituierte gewesen sei, sprechen keine wirklich überzeugenden Belege – nicht einmal in der auf Linientreue gebürsteten offiziellen biblischen Versionen der Jesus-Vita. Selbst Maria als „Sünderin“ zu bezeichnen (was immer man darunter verstehen mag) bedarf einiger schikanöser Verdrehungen der in den Evangelien gelegten Spuren.

Zur Hure erklärt hat sie – natürlich! – ein Mann: Papst Gregor I., der im Jahr 591 erklärte:

„Sie, die von Lukas als sündige Frau bezeichnet wird, die von Johannes Maria genannt wird, sie war, so glauben wir, jene Maria, aus der gemäß Markus sieben Teufel vertrieben wurden. Was aber bedeuten diese sieben Teufel, wenn nicht die sieben Laster? Es ist klar, Brüder, dass zuvor diese Frau die Salbe dazu benutzte, um ihr Fleisch bei verbotenen Handlungen zu parfümieren.“

Was der Papst als „klar“ bezeichnet, ist eine wüste und spekulative Vermengung verschiedener Bibelstellen, von denen sich nicht einmal alle auf Maria aus Magdala beziehen. Es dauerte bis 1969 – immerhin 1378 Jahre! – bis die Katholische Kirche sie von dem Makel, eine Prostituierte zu sein, offiziell befreite. Die Mühlen des Vatikans mahlen eben langsam und drehen sich gelegentlich sogar rückwärts. Wie bei den meisten „Gegendarstellungen“, bleibt auch im Fall Maria Magdalena von dem Schmutz, der auf sie geworfen wurde, bis heute etwas hängen.

Eine „Hure“ und sieben Teufel

Wie ist es also mit dem Bild der Magdalena in der Bibel? In der Vorstellung vermischen sich dabei nicht weniger als drei Frauengestalten. An nur ganz wenigen Stellen wird Maria aus Magdala unter diesem Namen erwähnt – vor allem als treue Anhängerin Jesu, deren Anwesenheit bei der Kreuzigung vermerkt und die den Auferstandenen als erster Mensch überhaupt bezeugen konnte. Besonders letzteres verleiht ihr eine einzigartige Bedeutung. Mit Sicherheit bezieht sich auch die Geschichte mit der Austreibung der „sieben Teufel“ (Markus-Evangelium) auf Maria Magdalena.

Nicht gesichert ist die häufig (gerade in der Literatur um das Geheimnis des Heiligen Grals) vorgenommene Identifizierung der Maria Magdalena mit Maria aus Bethanien, der Schwester des Lazarus und der Martha, die Jesus die Füße salbte und dafür von den Jüngern als Verschwenderin gerügt wurde (Johannes-Evangelium). Von Sünde oder gar Prostitution ist auch bei Johannes nirgends die Rede. Da Lukas (Kapitel 7, Vers 37) aber eine anonyme „Sünderin“ erwähnt, die Jesus das Haupt salbt und seine Füße mit Tränen wäscht, scheint die Indizienkette perfekt: Eine Sünderin – und was kann das für Männerfantasien schon anderes bedeuten als „geschlechtliche“ Verfehlungen – salbte Jesus. Eine Frau, die an einer anderen Bibelstelle Jesus salbte, hieß Maria – wie auch Maria aus Magdala. Angesichts dieser erdrückenden Beweislast beantrage ich die Höchststrafe, Euer Ehren: jahrtausendelange Denunziation als „Hure“, strafmildernd getaucht in das rosige Licht männlicher Gnade und Vergebung.

Das königliche Blut

In jüngster Zeit erweckte allerdings eine ganz andere Theorie über die Rolle Maria Magdalenas Aufsehen: Dan Brown, der Autor des Romanerfolgs „Sakrileg“ (im Original: „The Da Vinci Code“) stellte eine Reihe von Behauptungen auf, die für diejenigen Leser, die mit ihnen nicht vertraut sind, wahrhaft atemberaubend klingen. Der Held, Symbolforscher Robert Langdon, und seine Begleiterin, die hübsche Französin Sophie, geraten bei ihren Bemühungen, den Mord an Louvre-Direktor Jacques Saunière aufzuklären, an den schrulligen älteren Gralsexperten Sir Leigh Teabing, der die beiden zunächst mit einer neuartigen Deutung von Leonardo Da Vincis Gemälde „Das letzte Abendmahl“ verblüfft. Dort macht Sir Leigh links von Jesus eine bartlose, weiblich anmutende Gestalt aus, die mit Jesus bildkompositorisch zu einem „M“ verbunden ist – Maria Magdalena, behauptet der Wissenschaftler.

„Dass Jesus und Maria ein Paar waren, schleudert da Vinci dem Betrachter in seinem Abendmahl geradezu ins Gesicht“, schreibt Dan Brown. Shocking! Aber ist es auch wahr? Ich selbst habe den von Dan Brown entdeckten „Busenansatz“ bei der rätselhaften Figur vergebens gesucht und neige nach wie vor zu der Annahme, dass es sich bei dem jüngsten (daher bartlosen) Jünger um Johannes handelte, was den Darstellungstraditionen der italienischen Renaissance-Malerei entspricht.

Als „Beleg“ für seine These, Maria Magdalena sei Jesu Frau und Geliebte gewesen, führt Dan Brown allerdings noch so manches schlüssig klingende Argument ins Feld. Im Wesentlichen ist es die Theorie, die schon der Klassiker der Grals-Literatur vertrat: „Der Heilige Gral und seine Erben“ von Lincoln, Baigent und Leigh. Zusammengefasst vertritt das Sachbuch etwa folgende These: Das Geheimnis des Heiligen Grals (San Gréal) ist das „königliche Blut“ (Sang Réal), sprich das Blut (die Erbanlagen) Jesu, der mit Maria Magdalena verheiratet war und mit ihr mehrere Kinder zeugte. Es handelte sich den Autoren zufolge um eine Art Vernunftsehe zwischen den Nachkömmlingen zweier Adelsdynastien (Jesu Abstammung von König David wird im Neuen Testament betont) – geschlossen, um einen Anspruch auf den Thron zu begründen, der für König Herodes und die römische Besatzungsmacht gefährlich geworden wäre.

Nach dem Tod ihres Mannes floh Maria dem Buch zufolge mit ihrem Bruder (!) Lazarus und einigen anderen Begleitern sowie dem Gralskelch (der Abendmahlsschale) im Gepäck nach Frankreich, wo sie sich der Weiterverbreitung der Lehre Jesu widmete. Aus der Verbindung ging eine Nachkommenschaft hervor, die historisch vor allem in dem geheimnisvollen Priesterkönigs-Geschlecht der Merowinger hervortrat.

Küsse und geheime Botschaften

Welche Belege gibt es aber für die Behauptung, dass Maria Magdalena die Braut Jesu gewesen ist? Hier verweisen die Autoren auf zwei Zeugnisse in den apokryphen (nicht offiziell in den Kanon der Bibel aufgenommenen) Evangelien. Das erste wurde 1945 in der ägyptischen Wüste bei Nag Hammadi ausgegraben und verursachte eine theologische Sensation.

Im apokryphen „Evangelium des Philippus“ heißt es: „Und die Gefährtin des Erlösers war Maria Magdalena. Christus liebte sie mehr als seine Jünger und küsste sie auf den Mund.

Die Jünger waren darüber erzürnt und verliehen ihrer Enttäuschung Ausdruck. Sie sprachen zu ihm: Warum liebst du sie mehr als uns?“ Neben „skandalösen“ erotischen Details (ein Kuss auf den Mund!) deutet dieses Evangelium eine Rivalität zwischen der Gefährtin des Meisters und der männlichen Jünger an – ein Konflikt, der vielleicht die Keimzelle der Verdrängung Maria Magdalenas und überhaupt der Weiblichkeit aus dem Glaubens-Mainstream bildete.

Dan Brown nennt als Quelle noch ein zweites apokryphes Evangelium, jenes, das nach Maria Magdalena selbst benannt wurde. Auch hier tritt ein vertrautes Verhältnis zwischen Jesus und seiner „Lieblingsschülerin“ deutlich zu Tage. Maria erscheint darüber hinaus auch als Mitwisserin einer geheimen Botschaft des Meisters. „Schwester, wir wissen, dass der Erlöser dich mehr liebt als die anderen Frauen. Sage uns daher die Worte des Erlösers, an die du dich erinnerst“. Maria erzählte den Jüngern, was sie wusste. Seltsamerweise fehlt in der Texthandschrift aber genau jene Passage, aus der man die Inhalte von Jesu geheimer Lehre hätte entnehmen können. Wurden die Seiten bewusst von „interessierten Kreisen“ entfernt? Wir wissen nur noch, wie die Jünger auf jene Enthüllung reagierten: mit Entsetzen und Abwehr. „Sollte er wirklich mit einem Weibe unter vier Augen gesprochen haben und uns davon ausgeschlossen haben?“

Die verhinderte Päpstin

Wenn die Geliebte Jesu, mutmaßlich seine Ehefrau, schon zu Lebzeiten ihres Mannes innerhalb der von ihm geleiteten Gemeinschaft einen so schweren Stand hatte, um wie viel schwerer muss es für sie nach dessen Tod gewesen sein? Ist es denkbar, dass sie von einer Männerclique aus der urchristlichen Gemeinde „heraus gemobbt“ wurde? Der neue Film „Maria Magdalena“ greift diese unterdrückte Überlieferungslinie geschickt auf. „Es ist nicht recht, dass er dich dazu erhebt, uns zu führen“, wirft Petrus Magdalena an einer Stelle vor. Und: „Sprich nie wieder in seinem Namen“.

Ist Marias im Volksglauben (vor allem in Frankreich) überlieferte Reise über das Meer nach Les-Saintes-Maries-de-la-Mer (Provence) vielleicht eine Flucht gewesen – nicht etwa vor den Römern, sondern vor ihren „eigenen Leuten“?

Hat das Apostel-Establishment, das sich nach dem Tod Jesu herauszubilden begann, versucht, die Spuren von Marias herausragender Bedeutung für ihren Meister aus den Schriften und aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen?

Diese These vertritt nicht etwa eine Feministin, sondern der Autor Walter-Jörg Langbein in seinem Werk „Das Sakrileg und die Heiligen Frauen“, das im Zuge des Dan-Brown-Booms entstand, aber durchaus eigenständig argumentiert.

Langbein wirft insbesondere dem Evangelisten Lukas vor, Magdalenas Rolle im Leben Jesu klein geredet zu haben und den drögen Patriarchen Petrus durch verklärende Textstellen zum einzig legitimen geistigen Kronprinzen des verstorbenen „Königs der Juden“ aufgebaut zu haben. „Die Ausgangslage nach Jesu Tod war mehr als brisant“, deutet Langbein. „Petrus wollte, unterstützt vom Textverfälscher Lukas, die Nachfolge Jesu antreten. Er fürchtete die Rivalin Maria Magdalena, die Jesus offensichtlich als seine Nachfolgerin gewünscht hat – im Amt der Apostelin. (…) Maria Magdalena wusste dies selbst. Sie hatte Angst vor Petrus, den sie einen Frauenhasser nannte und der als jähzornig bekannt war.“

Madonnen- und Huren-Komplex

Hier wird auch ein Grundkonflikt zwischen einem – wenn man stark verallgemeinert – männlichen und einem weiblichen Prinzip angedeutet. Die Männerclique der Apostel (und in deren Nachfolge die Kirche) versuchte die Nachfolge Christi ausschließlich aus geistigen Prinzipien, auf der Auslegung und Weiterverbreitung der Lehre, abzuleiten. Faktoren wie Liebe und sexuelle Bindung, auch die rational nicht nachvollziehbare Bevorzugung Magdalenas durch den lebenden wie den auferstandenen Jesus – all dies schien den Männern suspekt zu sein.

Und gar ein Führungsanspruch, der sich aus Abstammung, aus einer „Blutlinie“ der leiblichen Nachkommenschaft Christi, ableiten würde – das durfte nicht sein und musste mit allen Mitteln unterdrückt werden. Hier zeigt die Neuverfilmung einen Konflikt, der eher in den apokryphen als in den „offiziellen“ Evangelien dokumentiert ist – jedoch unter Verzicht auf den Aspekt einer vielleicht körperlichen Beziehung zwischen Jesus und seiner Schülerin.

Die Religionsgeschichte des Abendlands mutet jedenfalls im Rückblick wie ein ins Grandiose aufgeblähter krankhafter Madonnen/Huren-Komplex an. In der Psychoanalyse bezeichnet dieser Begriff die Neigung von Männern, einen Teil der Frauen nach dem Bild der Mutter als heilig, rein, unberührbar und asexuell zu verklären, den anderen Teil als sexuell reizvoll, jedoch verrucht und verachtenswert abzustempeln.

„Wen ich begehre, kann ich nicht achten; wen ich achte, kann ich nicht begehren.“

Maria, die Mutter, die „Unbefleckte“, und Maria die Hure, die Sünderin sind zu den beiden zeitlosen Archetypen dieser künstlichen Spaltung geworden. Vielleicht könnte eine kollektive psychische Gesundung des (vor allem männlichen) Abendlands in die Erkenntnis münden, dass Maria, Jesu Mutter und Maria Magdalena ziemlich normale Frauen gewesen sind – beide Ehefrauen und Mütter und zugleich Frauen, die bereit waren, sich spirituell zu öffnen.

Walter-Jörg Langbein spekulierte, dass die Gefährtin Jesu möglicherweise eine Ägypterin gewesen sein könnte: „Zu Jesu Zeiten gab es in Judäa keine Ortschaft namens Magdala, wohl aber ein Magdalum in Ägypten.“ Die Hochzeit der beiden sei somit aus Sicht des orthodoxen Judentums ein Fehltritt gewesen, der deshalb in den Evangelien totgeschwiegen wurde. Langbein sieht die Verbindung zwischen Jesus und Mirjam aus Magdalum in der Tradition der „Heiligen Hochzeit“, eines uralten heidnischen Ritus. „In der Heiligen Hochzeit vereinen sich das männliche und das weibliche göttliche Prinzip.“ Unter anderem wurde die Heilige Hochzeit in der ägyptischen Urmythologie von Isis und Osiris vollzogen. Letzterer wurde oft als mythologischer Vorläufer Jesu interpretiert, galt er doch als Inkarnation Gottes und war am dritten Tage auferstanden. Isis galt in Ägypten als die Heilige Frau, die um ihren toten Gatten trauerte.

„Heiliges Paar“ statt männlichem Messias

Können wir diese zweitausend Jahre währende Entwicklung rückgängig machen und der „Heiligen Frau“ wieder einen Platz in unserer spirituellen Vorstellungswelt einräumen? Und könnte Mirjam aus Magdala in diesem Zusammenhang eine Vorbildfunktion auch für moderne Menschen einnehmen? Es erscheint nahe liegend, dass ein Heiliges Paar weitaus mehr bewirken kann als ein – wenn auch spirituell noch so hoch entwickelter – Mann. Beide zusammen können besser als einer allein die Gesamtheit des Menschenmöglichen in seinem weiblichen wie seinem männlichen Aspekt umfassen und heiligen.

Nicht zuletzt gilt dies für die Sexualität. Wozu hätte, wenn wir christlicher Terminologie folgen, „Gott in Jesus Mensch werden“ sollen, wenn er bei dieser Menschwerdung auf halber Strecke stehen geblieben wäre und Liebe, Sexualität und Vaterschaft ausgeklammert hätte? Das eigentliche und einzige „Sakrileg“ besteht doch darin, dass das Abendland die Sexualität und mit ihr das Weibliche so lange aus dem Raum des Heiligen verbannt hat.

Wir können so fragen, müssen uns aber damit abfinden, dass wir die Wahrheit über die Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena nicht mit letzter Sicherheit wissen können. Ist es so wichtig, ob sie seine Ehefrau gewesen ist? Die Neuverfilmung lenkt die Aufmerksamkeit jedenfalls wieder ein wenig vom Thema „Sexualität“ weg auf andere wichtige Fragen: Können Frauen Spiritualität gleichberechtigt leben, dürfen sie in gleicher Weise geistige Schülerinnen und Lehrerinnen sein wie ihre männlichen Mitmenschen? Dies ist, etwa in der katholischen Kirche, bis heute keine Selbstverständlichkeit. Und so „brav“ und „keusch“ Garth Davis' Film auch im Vergleich zu einigen seiner Vorgänger wirken mag – hier leistet er einen wertvollen Beitrag.


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Literatur:

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