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Sophies Entscheidung

Sophies Entscheidung

Die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter der „Weißen Rose“ werden derzeit für die Verweigerung von Widerstand vereinnahmt.

Erfreulich viele Menschen waren am 1. Mai 2021 dem Aufruf gefolgt, vor dem Weimarer Gericht weiße Rosen abzulegen und Kerzen anzuzünden — als Solidaritätsbekundung für einen mutigen Richter, der ein Urteil gegen die Maskenpflicht gesprochen hatte und dafür eine Hausdurchsuchung und Anzeige wegen Rechtsbeugung erntete. Die symbolischen Gegenstände wurden von einem sichtlich gereizten, ignoranten und geradezu brutal agierenden Handlanger ruck, zuck in den Müll geworfen. Zusätzlich wurden viele, auch künstlerisch schön gestaltete Briefe von Bürgern an den Gerichtspräsidenten entsorgt.

Mehr Respektlosigkeit vor den Willensbekundungen von Menschen geht nicht. Hatte man Angst, dass die humane Botschaft der Rosen- und Kerzenspender bei vielen Bürgern Gehör finden könnte? Auch das Argument, hier würden zeitgeschichtliche Dokumente zum Verschwinden gebracht, verfing bei den Ordnungshütern zunächst nicht. Bewundernswert: der hartnäckige Einsatz von Rechtsanwältin Viviane Fischer, die im Dialog mit der Polizei einige wertvolle Dokumente rettete.

Die Verwendung der weißen Rose als Symbol rief denn auch prompt Kritiker auf den Plan. Und die waren nicht zimperlich. So behauptete ein Facebook-Diskutant auf der Seite der Nürnberger Nachrichten, die Aktivisten hätten „die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte als Symbol-Setzkasten fürs eigene Schwurbel-Drama missbraucht“. Er gab zu bedenken, „wie relativ unbedeutend die Einschränkungen durch die Pandemiebekämpfung im Vergleich mit den Schrecken des Dritten Reiches sind“. Ein zweiter meinte, wer die weiße Rose als Symbol wähle, „verhöhnt die damaligen Studenten, die für ihren Einsatz den höchsten Preis zahlen mussten“.

Jana aus Kassel — eine symbolische Hinrichtung

So ging es weiter beim Gedenktag zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl am 9. Mai 2021. Der Anlass wurde zur Abrechnung mit der Corona-Opposition genutzt, die Gedenkfeier geriet zu einer Selbstfeier der Angepassten. Ging es eigentlich wirklich um die Jubilarin, oder geht es längst nur noch darum, eine weitere Gelegenheit zu nutzen, um den „Querdenkern“ eines auszuwischen? In Dutzenden von Presseartikeln wurde speziell der Fall der unglücklichen Jana aus Kassel aus den Archiven geholt, die sich bei einer von „Querdenken“ organisierten Grundrechte-Demonstration im November mit Sophie Scholl verglich, „da ich seit Monaten im aktiven Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile“. Dafür bekam sie schon vor Ort viel verbale Prügel. Ein aufgebrachter Ordner rief ihr zu, für so einen „Schwachsinn“ stehe er nicht mehr zur Verfügung.

Natürlich ist der Vergleich schon deshalb heikel, weil Sophie Scholl 1943 unter der Guillotine starb und heutige Widerständler von dem System, das sie bekämpfen, nicht mit dem Tod bedroht werden. Wer heute protestiert, mag er nun die Kriegspolitik, den Klimawandel oder die Corona-Maßnahmen ins Visier nehmen, braucht dafür weniger Mut, als ihn damals die Mitglieder der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ aufbringen mussten. Sollte Jana aus Kassel das wirklich verkannt haben — und sie hatte ja keine Möglichkeit, ihr Thema zu vertiefen —, hat sie einen Fehler gemacht.

Auffällig ist aber, dass aus dem Ganzen in der Folge eine Staatsaffäre wurde und man Jana zur Staatsfeindin Nr. 1. erklärte. Da es der Presse von Anfang an nicht um Verständnis ging, sondern um einen Stellungsvorteil im Meinungskrieg gegen die Corona-Opposition, wurde das Mädchen gnadenlos abgekanzelt. Das Portal nordbayern.de schrieb:

„Es ist ein Maulhelden- oder Maulheldinnentum, das Jana aus Kassel und andere demonstrieren. Eine egoistische Wehleidigkeit, die so ganz und gar nicht passt zu echten Widerstandskämpfern, die nicht an sich dachten und Extremstes aushielten.“ Dabei bediente sich das Magazin einer außergewöhnlich brutalen, beleidigenden Sprache. „Derart verharmlosend, derart dummdreist waren solche Vergleiche allerdings selten. Aus ihnen spricht eine Anmaßung, ja vielleicht auch eine Art Wohlstandsverwahrlosung, die einen schaudern lässt.“

Offenbar war man der Ansicht, eine derartige Provokation könne nur mit dem äußersten rhetorischen Nachdruck geahndet werden. Man muss sich vorstellen, wie traumatisierend so ein Vorfall auf die 22-Jährige gewirkt haben muss, die wegen der Anfeindungen schon auf der Bühne in Tränen ausgebrochen war und sich im Anschluss in Dutzenden von Medien verhöhnt und angefeindet sah. Selbst der Außenminister meinte auf Twitter einiges richtigstellen zu müssen.

„Wer sich heute mit Sophie Scholl oder Anne Frank vergleicht, verhöhnt den Mut, den es brauchte, Haltung gegen Nazis zu zeigen. Das verharmlost den Holocaust und zeigt eine unerträgliche Geschichtsvergessenheit. Nichts verbindet Coronaproteste mit WiderstandskämpferInnen. Nichts!“

Obwohl Sophie Scholl kein Holocaust-Opfer war, setzte es für Jana die rhetorische Höchststrafe: den Vorwurf der Verharmlosung des Holocaust. Damit war möglichen „Nachahmungstätern“ eine klare Grenze gesetzt: So etwas wollen Systempolitiker und -Medien auf Deutschlands Straßen nie mehr zu hören bekommen.

Die Entrüstungsroutiniers bestätigten gerade dadurch aber, was sie hartnäckig zu verleugnen suchten: Es braucht durchaus Mut, um in Deutschland Corona-Opposition zu sein.

Und es ist durchaus gefährlich — wenn auch, wie man mit Blick auf Sophie Scholl einschränken muss, nicht tödlich.

Warum ist dergleichen für einen Politiker wie Maas „unerträglich“? Und warum dieses Beharren darauf, dass „nichts“ heutige Corona-Proteste mit den Widerständen von damals verbinde? Selbst ein linientreuer Befürworter der derzeitigen Corona-Maßnahmen könnte doch einräumen, dass es Überschneidungen gibt: angefangen bei der Tatsache, dass es in beiden Fällen um Protest geht; dass sich dieser Widerstand gegen die Staatsmacht richtet; dass es Energie braucht, sich zu einem politischen Thema eine Meinung — eine Minderheitsmeinung — zu bilden und Mut, sie als unerfahrene Rednerin auf einer öffentlichen Bühne zu präsentieren.

Die Unvergleichliche

Der Vorfall wurde mit dem Herannahen des Sophie-Scholl-Jubiläums am 9. Mai erneut hochgekocht. Etliche Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens ritten darauf herum und führten einen regelrechten Krieg gegen Vergleiche. So der „Faktenfuchs“ im Auftrag des Bayerischen Rundfunks. Dieser führte gleich eine ganze Reihe von Kronzeugen gegen vermeintlich unpassende Vergleiche ins Feld. Der Historiker Jens-Christian Wagner wird mit folgendem Statement zitiert:

„Sie leisten dem Geschichtsrevisionismus mit geschmacklosen und ahistorischen NS-Gleichsetzungen Vorschub und delegitimieren zugleich unsere Demokratie, deren Schutz der Grundrechte eine explizite Lehre aus dem Nationalsozialismus ist.“

Wie Wagner auf die Idee kommt, dass Grundrechte derzeit bei uns geschützt wären, bleibt wohl sein Geheimnis. Offenbar agierte er mit seinem Statement nach dem Motto „Frechheit siegt“. Natürlich treffen Nazi-Vergleiche fast nie zu 100 Prozent zu. Das liegt in der Natur dieser wahrhaft monumentalen Verbrechen. Der Absicht nach sollen sie jedoch fast immer aufrütteln und warnen: „Passt auf, es geht schon wieder in diese Richtung.“ Damit erfüllen sie eine wichtige Funktion als Frühwarnsystem im demokratischen Diskurs. Die richtige Reaktion darauf wäre eine genaue Auseinandersetzung mit den Parallelen wie auch den Unterschieden zwischen damals und heute. Wer Nazi-Vergleiche grundsätzlich delegitimieren will, könnte Angst haben, dass sie in einigen Fällen nur allzu treffend sind.

Ein Element von Selbstüberschätzung seitens heutiger Protestler könnte selbstverständlich dabei mitschwingen. Manche sehen sich nur allzu gern als „Nachfolgerin“ oder „Nachfolger“ der Großen der Historie. Ein Tod auf der Guillotine ist derzeit — zum Glück — keine reale Bedrohung. Das bedeutet jedoch nicht, dass man junge Menschen, die die Geschwister Scholl zu Vorbildern erwählt haben, von Anfang an entmutigen sollte — nach dem Motto: „Ihr dürft hier doch alles sagen, also ist es keine Diktatur, also haltet euren Mund!“

Das Kartell der Verleugnung

Wer darauf hofft, dass die Mächtigen selbst Parallelen zwischen ihnen selbst und den Nazis einräumen, wird lange warten müssen. Zu sehr ist die rhetorische Abgrenzung vom „Dritten Reich“ Teil der deutschen Staatsräson.

Vielleicht ist die Bundesrepublik noch keine Diktatur im umfänglichen Sinn des Wortes — sollte aber jemals eine kommen, wird ihre Installierung begleitet sein von den hartnäckigen und verzweifelten Beteuerungen des Establishments, es sei keine.

Sie wird ebenso begleitet sein von den Leugnungsbemühungen vieler „Normalbürger“, die sich durch das Zuziehen der autoritaristischen Schlinge um ihren Hals mit einem für sie unerträglichen Dilemma konfrontiert sehen. Über Jahrzehnte haben sie sich quasi als Widerstandskämpfer im Wartestand gesehen. Dies war das Selbstbild, das sie sorgfältig gepflegt hatten. „Ich würde ja gern …, aber leider war bis jetzt keine Gelegenheit dazu, denn es ist ja alles in Ordnung in diesem Land, in dem man gut und gerne lebt. Wäre ich nicht rein zufällig immer einer Meinung mit der Regierung, dann solltet ihr mal sehen, wie mutig ich voranschreite!“ Wäre dies eine Diktatur, müssten die Menschen kämpfen und ein Risiko eingehen. Solange dies eine Demokratie ist, dürfen sie ihr bequemes Leben weiterführen. Also ist dies keine Diktatur. Also wird, also darf es niemals eine sein.

Die Regierenden sagen: „Widerstand im Dritten Reich hat nichts mit heutiger Corona-Opposition zu tun.“ Sie meinen: „Ich habe nichts mit den Nazis zu tun.“ Wirklich nicht?

Hat eine halb geöffnete Knospe nichts mit einer Rose zu tun? Sind beide einander wesensfremd oder sind sie nur zwei unterschiedliche Stadien ein und derselben Entwicklung? Ich will damit nicht sagen, dass wir automatisch auf Zustände wie vor und während des Zweiten Weltkriegs zulaufen. Wenn es aber darum geht zu verhindern, dass sich die Situation im Land weiter verschlechtert, würde ich eher auf die Menschen vertrauen, die Rosen auf den Treppenstufen des Weimarer Gerichts gelegt haben, als auf deren Anschwärzer. Darf man Schlimmes nicht kritisieren, ohne dass einem vorgeworfen wird, Schlimmeres zu bagatellisieren? Und ist der Hinweis auf kleine Verbrechen gleichbedeutend mit der Verhöhnung der Opfer von großen?

Diktatur in der Anbahnungsphase

Was geschieht, wenn es im „freien“ Nachkriegsdeutschland bei Protesten gegen die Regierung wirklich einmal Tote gibt, hat das Beispiel Benno Ohnesorgs gezeigt, der 1967 während des Schah-Besuchs von einem Polizisten ermordet wurde. Der Staat mauerte, leugnete, ließ den Täter laufen. Angesichts des brutalen Vorgehens von Polizisten bei vielen Grundrechtsdemonstrationen ist ein derartiges Szenario auch heute wieder möglich.

Und Corona-Maßnahmen töten — schon jetzt. Nach einer Studie der Donau-Universität Krems hegen 16 Prozent aller Jugendlichen in Österreich suizidale Gedanken. Oxfam Deutschland warnte schon im Juli 2020: „Bis zu 132 Millionen werden in diesem Jahr der Covid-19-Pandemie zusätzlich unter Hunger leiden.“ In dem Bericht „The Hunger Virus“ warnt Oxfam deshalb, „mehr Menschen könnten durch die Pandemie verhungern, als am Virus zu sterben“. Zu den Gründen gehören „coronabedingt“ unterbrochene Lieferketten und die Behinderung der Einreise von zur Ernte bestellten Wanderarbeitern.

Ausführlich will ich an dieser Stelle nicht auf die Gründe eingehen, warum man die aktuellen Ereignisse durchaus als fortgeschrittenes — wenn auch nicht voll ausgereiftes — Stadium einer Diktatur verstehen kann. Der Artikel von Uli Gellerman in „Rationalgalerie“ gibt eine gute Zusammenfassung und erwähnt unter anderem den sich verengenden Meinungskorridor in den Medien, die Erosion einer unabhängigen Justiz, erhebliche Einschränkungen des Demonstrationsrechts, Prügel-Abteilungen bei der Polizei und — typisch für totalitäre Systeme — das Schüren von Hass gegen Außenseiter-Gruppen.

Es besteht auch unter solch unbehaglichen Umständen ein Unterschied zwischen heutigen Protesten und dem Widerstand gegen Hitler. Andererseits ist ein gewisses Quantum Mut auch heute vor allem dort zu finden, wo Widerstand gegen die Regierung geleistet wird — nicht bei Regierungsunterstützern oder gar bei denjenigen, die ihr angehören. Wer selbst überhaupt keinen Mut besitzt, ist nicht in der Position, andere dafür zu verhöhnen, dass sie etwas weniger davon haben als Sophie Scholl.

Meine Sophie, deine Sophie

Nicht wenige Etablierte lehnen Sophie-Scholl-Vergleiche nicht nur rundweg ab, sie betätigten sich geradezu als Channel-Medien und behaupteten ganz genau zu wissen, was Sophie heute sagen und denken würde, wäre sie noch am Leben. Die Vereinnahmungsversuche kamen in der jüngeren Vergangenheit aus ganz verschiedenen Richtungen.

So verglich der Moschee-Gegner und Rechtpopulist Michael Stürzenberger von der Partei „Die Freiheit“ seine Bewegung 2013 mit der „Weißen Rose“, was am Geschwister-Scholl-Platz in München sogar eine Gegendemonstration ins Leben rief. Die AfD Nürnberg plakatierte 2017 mit dem Bild der Widerstandskämpferin: „Sophie Scholl würde AfD wählen“, was auch ich für eine kühne Behauptung halte. Ähnlich fragwürdig ist allerdings, dass Dr. Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der „Weiße Rose Stiftung“, viele Jahren nichts dabei fand, für die SPD aktiv zu sein, immerhin eine der Trägerparteien der jüngsten Kriege mit deutscher Beteiligung.

Die Kapitänin Carola Rackete, bekannt geworden durch „unerlaubte“ Flüchtlings-Rettungen, verortete die geplagte Sophie gar bei der Antifa, also einer nicht immer gewaltfrei agierenden, durchaus radikalen Gruppe. Der Kontrast zu den oben genannten „Scholl-Nachfolgern“ könnte kaum größer sein.

Die Frage „Wie würde Sophie Scholl heute handeln?“ ist ohnehin in mehrfacher Hinsicht höchst fiktiv. Interessiert uns, wie sie heute — hätte sie überlebt — als 100-jährige Frau über Corona denken würde? Oder stellen wir uns eine heute 21-jährige junge Frau vor, aufgewachsen im wiedervereinigten Deutschland unter ganz anderen politischen, kulturellen und technischen Rahmenbedingungen, jedoch ausgestattet mit dem „Wesen“ der historischen Sophie? Wenn letzteres zutrifft, wäre es dann überhaupt Sophie Scholl, wie wir sie kennen? Wir kommen mit solchen Überlegungen nicht zu einem sinnvollen Ergebnis.

Was wollte die „Weiße Rose“ wirklich?

Um Zugang zur Geistesart der Widerstandsgruppe zu bekommen, hilft ein Blick auf die Texte ihrer Flugblätter. Dazu ist zunächst zu sagen, dass sie von einer Person nicht geschrieben wurden: Sophie Scholl. Flugblatt 1 bis 4 wurden von Hans Scholl und Alexander Schmorell verfasst, das sechste und letzte Flugblatt überwiegend von Professor Kurt Huber. Es wurde besonders berühmt, weil die Geschwister bei seiner Verteilung in der Aula der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität verhaftet worden waren. Das fünfte lasse ich hier einmal beiseite, da seine Urheberschaft unklarer ist und allgemein einer „Widerstandsbewegung“ zugeschrieben wird.

Auffällig ist bei der Durchsicht der Texte, dass sie einem heutigen Leser, speziell auch mit eher „linkem“ Hintergrund, nicht in allen Punkten vertraut vorkommen. So weist der Tonfall die Verfasser — vor allem Kurt Huber — als Patrioten aus, die den Nazis lediglich falsch verstandene Vaterlandsliebe vorwerfen, Verrat an Deutschland. „Freiheit und Ehre! Zehn Jahre lang haben Hitler und seine Genossen die beiden herrlichen deutschen Worte bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die die höchsten Werte einer Nation vor die Säue werfen.“ (6. Flugblatt)

Des Weiteren entspricht es nicht unserer heutigen, meist eher nüchternen Betrachtungsweise, wie die Autoren Hitler und die seinen buchstäblich dämonisieren. Wer „heute noch an der realen Existenz der dämonischen Mächte zweifelt, hat den metaphysischen Hintergrund dieses Krieges bei weitem nicht begriffen“. Der Kampf müsse dem „Boten des Antichrists“ gelten. Daher sei „vor keinem Weg, vor keiner Tat zurückzuschrecken“. Scholl und Schmorell rufen vor allem zum passiven Widerstand und zur Sabotage auf. „An allen Stellen muss der Nationalsozialismus angegriffen werden.“ In der Nachfolge streben die Autoren „eine Erneuerung des schwerverwundeten deutschen Geistes von innen her“ an. Dabei zitieren sie Novalis mit dem Satz: „Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken.“

Aufdringliche Verwaltung, gebrochenes Volk

Außergewöhnlich anregend — auch mit Blick auf heutige Formen des verschärften Autoritarismus — sind die Zitate bedeutender Dichter und Denker, die Hans Scholl und Alexander Schmorell auswählen. So im ersten Flugblatt Schiller mit dem Satz: „Der Staat selbst ist niemals Zweck, er ist nur wichtig als eine Bedingung, unter welcher der Zweck der Menschheit erfüllt werden kann.“ Dieser Zweck sei „Ausbildung aller Kräfte des Menschen, Fortschreitung.“

Im zweiten Flugblatt folgt Laotses zeitloser Satz: „Der, des Verwaltung unauffällig ist, des Volk ist froh. Der, des Verwaltung aufdringlich ist, des Volk ist gebrochen.“ Nun, urteilen Sie selbst, ob wir derzeit eine eher „unauffällige“ oder eine „aufdringliche“ Regierung haben! Die Mitglieder der Weißen Rose scheinen eher einen dienenden Staat im Auge zu haben, der sich nicht übermäßig selbst aufbläht und der seine Bürger in Frieden lässt.

Weiter ist auch das Zitat von Aristoteles im dritten Flugblatt interessant, das den Überwachungsstaat sowie die bewusste Spaltung der Gesellschaft durch die Machthaber vorwegzunehmen scheint. Zum Wesen der Tyrannei gehöre es, „dahin zu streben, dass ja nichts verborgen bleibe, was irgendein Untertan spricht oder tut, sondern überall Späher ihn belauschen, (…) ferner alle Welt miteinander zu verhetzen und Freunde mit Freunden zu verfeinden“. Dies ist vielleicht sogar der am stärksten in die Zukunft weisende Satz aus den Flugblättern — eine dystopische Vision, die sich im heutigen China, aber auch in vielen anderen Staaten, noch vollendeter entfaltet als unter den Nazis.

Auch die Formulierungen, die Scholl und Schmorell selbst fanden, waren von verblüffender Treffsicherheit und Wortgewalt. Flugblatt 1 beginnt mit der von Bitterkeit getränkten Beobachtung, das deutsche Volk unterliege einem traurigen Prozess der Degeneration.

„Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‚regieren‘ zu lassen. Ist es nicht so, dass sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt (…)?“

Das Volk sei „schon in seinem tiefsten Wesen korrumpiert und zerfallen“. Und zwar vor allem aus einem Grund: weil es „das Höchste, das ein Mensch besitzt und das ihn über jede andere Kreatur erhöht, nämlich den freien Willen, preisgibt, die Freiheit des Menschen preisgibt, selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte (…)“. Seien die Deutschen schon derart „zu einer geistlosen und feigen Masse geworden, dann, ja dann verdienen sie den Untergang“.

„Willenlose Herde von Mitläufern“

Das Volk sei eine „seichte, willenlose Herde von Mitläufern“. Es sei „in langsamer, trügerischer, systematischer Vergewaltigung jedes einzelnen in ein geistiges Gefängnis gesteckt“ worden. Und — ein Satz von aphoristischer Kraft: „Vergesst nicht, dass ein jedes Volk diejenige Regierung verdient, die es erträgt!“ Die Frage an meine Leserinnen und Leser also: Können wir das alles wirklich von uns abtun und als geschichtlichen Sonderfall abheften, nur weil Corona-Deutschland keinen großen Krieg und keine Massenvernichtung hervorgebracht hat?

Können wir die Hellsichtigkeit dieser Zeilen übersehen, die den Geist der Tyrannei wie die Untertanenmentalität gleichermaßen bloßlegt? Können wir uns der Aufforderung zum Handeln entziehen, die in diesen — in Sonntagsreden gern und folgenlos zitierten — Dokumenten liegt?

Hans Scholl und Alexander Schmorell zitieren Hitler „Mein Kampf“ mit dem entlarvenden Satz: „Man glaubt nicht, wie man ein Volk betrügen muss, um es zu regieren.“ Sie geißeln auch das Schweigen der Intellektuellen, die sich — obwohl anfangs Nazi-Gegner — vornehm zurückzogen, als sich die Unmenschlichkeit ausbreitete. Da „versteckte sich die Mehrzahl der früheren Gegner, flüchtete die deutsche Intelligenz in ein Kellerloch, um dort als Nachtschattengewächs, dem Licht und der Sonne verborgen, allmählich zu ersticken. (…) Und wieder schläft das deutsche Volk in seinem stumpfen, blöden Schlaf weiter (…).“

Der Bürger sei nicht nur zum Mitleid aufgerufen, er lüde Mitschuld auf sich. „Denn er gibt durch sein apathisches Verhalten diesen dunklen Menschen erst die Möglichkeit, so zu handeln.“ Ausgezeichnet ist auch die Stelle im dritten Flugblatt, in der die Autoren Leserinnen und Lesern davon abraten, Geld für die Straßensammlungen des Roten Kreuzes zu geben.

Die Regierung missbrauche das Mitgefühl der zu Hause Gebliebenen mit den Frontkämpfern. In Wahrheit gehe es ihr nur darum, den Geist des Volkes andauernd auf „das Ereignis“ — den Krieg — ausgerichtet zu halten. „Das Volk muss aber dauernd in Spannung gehalten werden, nie darf der Druck der Kandare nachlassen!“ Obwohl — wie schon gesagt — keinesfalls ausgemacht ist, dass die Mitglieder der Weißen Rose heute „Corona-Skeptiker“ wären, drängen sich hier Parallelen zur Jetztzeit geradezu auf, in der die Bevölkerung andauernd im Panikmodus gehalten wird.

Drei Generationen deutscher Schüler haben solche Sätze „durchgekaut“, wurden von ihren Lehrern durchaus dazu aufgerufen, diese ernst zu nehmen und als Warnung zu begreifen für den Fall, dass es in Deutschland wieder einmal dunkel werden sollte. Nun wird verlangt, dass wir so tun, als hätte all dies mit der heutigen Zeit nichts, aber auch gar nichts zu tun, obwohl in den Flugblättern deutlichst gerade die Entstehungsbedingungen des Faschismus porträtiert sind — der Nährboden, den dieser in der Mentalität der Durchschnittsbevölkerung findet.

Eine Epidemie des Gratismuts

Die Flugblätter der Weißen Rose nehmen auch Bezug auf die großen Verbrechen, die den Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Deutschland ausmachen. Konzentrationslager, Kriegsverbrechen, die Judenvernichtung — all das wird klar benannt. Aber sollen wir uns so lange verbieten, von der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ zu lernen, bis sich diese furchtbaren Verbrechen wiederholen? Bleiben ihre Appelle so lange unfruchtbar in den Archiven — bestaunt, aber niemals beherzigt —, bis der Ernstfall wieder eintritt? Und wenn es so käme — wäre es dann sehr wahrscheinlich, dass diejenigen, die heute nicht einmal die Anfänge einer totalitären Entwicklung erkennen wollen, in deren fortgeschrittenem Stadium aktiv werden?

Wer heute schon Angst hat, mit den Wattebäuschen medialer Missbilligung beworfen zu werden, wird der sich später den Kugeln der Mörder mutig entgegenwerfen?

Machen wir uns nichts vor: Eingebettete Prominente und Durchschnittsbürger werden ihr einmal abgelegtes Schweigegelübde nicht ausgerechnet dann brechen, wenn es wirklich gefährlich wird. Die einzige Art von Widerstand, die während der Corona-Hysterie tatsächlich viral ging, ist der Widerstand gegen den Widerstand, das krampfhafte Bedürfnis, „die Querdenker“ — oder Menschen, die man mit ihnen in einen Zusammenhang bringen will — zu beschimpfen und zu beleidigen.

Querdenker und Corona-Oppositionelle haben Fehler gemacht; das unterscheidet sie von ihren Gegnern. Die haben nämlich überhaupt nichts gemacht. „Ich will nicht mit Rechten mitlaufen“ mag in manchen Fällen ein ehrliches Motiv für Politikenthaltung sein. Oft ist es aber wohl eher eine öffentlichkeitstaugliche Umschreibung für „Ich traue mich nicht, meinen Mund aufzumachen, wenn die Rechte der Bürger mit Füßen getreten werden“.

Die Verweigerung von Widerstand

„Sophies Entscheidung“ war ein erschütterndes KZ-Filmdrama mit Meryl Streep. Würde Sophie Scholl heute noch — oder wieder — leben, hätte sie ebenfalls eine Entscheidung zu treffen. Die verschiedensten Interessengruppen würden versuchen, sie auf ihre Seite zu ziehen. Und ich traue mich nicht zu behaupten, sie würde in der Corona-Frage ausgerechnet mit mir übereinstimmen. Ich kann nur benennen, was mich persönlich an den Taten und Schriften der Gruppe fasziniert.

Anhänger der Corona-Mehrheitsmeinung haben da weniger Skrupel.

Indem sie zwischen Sophie Scholl und heutigen Oppositionellen eine unüberwindbare Kluft legen, vereinnahmen sie die Widerstands-Ikone als Kronzeugin für die Verweigerung von Widerstand.

Der Bürger soll der Opfer und Widerständler gedenken, jedoch auf eine Art, die das herrschende System nicht in Verlegenheit bringt. Wir sollen Sophie anhimmeln und im Übrigen den Mund halten. Wenn man jemanden mit blumigen Worten in die Geschichte weggelobt hat, dann kann er nicht mehr zum Zündfunken einer neuen Revolte werden. Er bleibt ein Samenkorn, auf unfruchtbare Erde gefallen. Er bleibt eine angestaubte Heiligenfigur, die man nur zu Gedenkfeierlichkeiten aus dem Schrank holt, um das ganze Jahr über das Gegenteil dessen zu praktizieren, was das Idol repräsentierte.

Es ist ein altes Missverständnis in Bezug auf Vorbilder, dass man lieber 100-mal seine Verehrung für sie zum Ausdruck bringt, als ihnen auch nur einmal nachzufolgen. Das Letztere macht Angst, das Erstere ist einfach bequem. Laut Matthäus-Evangelium, Vers 7, 21, unterschied auch Jesus zwischen einer falschen und einer richtigen Art, ihm „nachzufolgen“:

„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.“

Nicht seine Ergebenheit solle man also zum Ausdruck bringen, sondern sein Verhalten an der Lehre des Meisters orientieren.

Sophie unter der Maske?

„Auch Friedrich Schiller würde Maske tragen“, hatte Christian Drosten anlässlich einer Gedenkfeier für den Klassiker im November 2020 behauptet. Ja, und Drosten würde ohne mit der Wimper zu zucken den Gesslerhut grüßen. Jeder soll mit seiner eigenen Klassiker-Deutung selig werden. Die edlen Verstorbenen können sich ja nicht mehr dagegen wehren.

Sophie Scholl kann ich mir sehr gut als Gegnerin der AfD und der Reichsbürger vorstellen. Ich kann mir vorstellen, dass sie Menschen vor Ansteckung mit Corona schützen wollte. Aber auch als Teil einer Freiheits- und Grundrechtsbewegung wäre sie gut vorstellbar. Wir wissen es nicht. Nur eines ist zu vermuten: Was auch immer sie für richtig hielte, sie würde mutig dafür eintreten. Und nicht, wie es manche ihrer „Nachfolger“ tun, beim geringsten Gegenwind gleich wieder abtauchen.

In dem Roman „Die letzte Versuchung“ von Nikos Kazantzakis hat Jesus den Kreuzestod überlebt. Er trifft auf „seinen“ Apostel Paulus und stellt fest, dass dieser seine Lehre beträchtlich verfälscht hat, dass er mit einer hanebüchenen Theorie über ihn die Menschen manipuliert. Paulus lässt sich von dieser Rüge aus dem Mund des „echten“ Jesus aber keineswegs aus der Ruhe bringen.

„Ich werde dich und dein Leben, deine Lehre, dein Kreuz, deine Auferstehung schaffen, wie ich es will. (…) Ich brauche deine Erlaubnis nicht! Weshalb mengst du dich in meine Arbeit?“

Der Jünger stellt sich über den Meister. Er ignoriert ihn, weil es ihm nie wirklich um die Person ging, sondern darum, seine eigene Agenda durchzudrücken.

So kann sich niemand in Sicherheit wiegen, ob die verehrten Vorbilder mit der Art und Weise ihrer „Nachfolge“ einverstanden wären. Schließlich hat auch jeder das Recht, ihre Impulse auf seine Weise zu verstehen, weiterzudenken, sich darin wiederzufinden. Was diese Menschen mit ihren Worten und Taten auslösen, darf sich verändern. Wäre es anders, hätten wir ein starres Dogma vor uns, kein lebendiges Wasser, das in verschiedene Formen fließen kann. Wir wären „Schollianer“, keine eigenständigen Personen, die sich von etwas Großem, das sie ahnen, inspirieren lassen. Starren wir nicht zum Wegweiser empor, gehen wir in die Richtung, die er zeigt. Und auch wenn wir dabei nicht so weit kommen, wie wir es uns in kühnen Träumen ausmalen — wenigstens haben wir uns in Bewegung gesetzt.

„Der wirkliche Schaden geschieht durch jene Millionen, die ‚überleben‘ wollen. Die ehrlichen Männer, die nur in Ruhe gelassen werden wollen. Jene, die ihre kleinen Leben nicht durch etwas Größeres als sie selbst gestört haben wollen“ (Sophie Scholl).

„Steh zu den Dingen, an die du glaubst. Auch, wenn du alleine dort stehst“ (Sophie Scholl).

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