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Sitzfleisch-Journalismus

Sitzfleisch-Journalismus

Die Tagesschau dient den Mächtigen als Propaganda-Instrument.

Halt suchend tastest du nach den Armlehnen deines Sessels, während die holde Antje dir die Trümmer verkorkster Sprachbilder um die Ohren drischt:

„Einige der weltbesten Läufer kommen aus Jamaika. Sind auch bei uns die karibischen Farben auf Erfolgskurs? Ob eine Koalition aus Schwarz, Gelb und Grün hierzulande wirklich an den Start geht, müssen die Parteien in den kommenden Sondierungsgesprächen ausloten. Schon vorher steht fest: Die Hürden auf dem Weg nach Jamaika sind hoch.“

Na bitte. Schön locker flockig dahergeredet. Auch wenn dabei die Grätsche in diese abgenützte Metapher so gewaltsam eingesprungen wird, dass alle Logik-Gelenke im Gedankenkörper krachen: Macht doch nix! Hauptsache, du kapierst, was gemeint ist. Und guckst weiter dabei zu, wie der öffentlich-rechtliche Journalismus dich veralbert.

Wundern darfst du dich auch am Ende dieser Sendung nicht, wenn du dich mal wieder nach Absurdistan versetzt fühlst.

„55 Prozent der Befragten fänden eine Regierung aus CDU/CSU, FDP und Grünen gut. [...] 27 Prozent dagegen bewerten das Bündnis als schlecht.“

Wer befragte da wen, fragst du dich, und woher haben die Befragten bloß ihre Weisheit? Haben sie ihre Sachkenntnis nachgewiesen? In welcher Form? Auf welche Erfahrungen und Fakten stützt sich ihr Urteil? Sie sind, lässt das ZDF dich wissen, von der „Forschungsgruppe Wahlen“ ausgeguckt worden. Das Institut beruft sich auf sozialwissenschaftlich korrekte Methodik bei seiner Empirie, nicht anders als „infratest dimap“. Genau der Laden, der seine „Demoskopie“ genannte Volksverdummung im Auftrag der ARD betreibt und die Tagesschau mit Zahlenmaterial beliefert.

Klärt das alles?

„In unseren Top Ten der zehn wichtigsten Politiker gibt es in dieser Woche nur einen Gewinner, dafür aber viele Verlierer.“

Nimm sofort die Finger weg vom Sprach-Bonbon „unsere Top Ten der zehn wichtigsten“, ja? Wir bitten dich! Es gibt nichts zu lachen, wenn die Rede von Politprofis ist, deren Namen in den Medien besonders oft genannt und jetzt erneut hervorgehoben werden.

„Fangen wir von hinten an auf einer Skala von plus 5 bis minus 5. Schlusslicht bleibt Horst Seehofer: 0,1. [...] Wieder dabei ist die neue Fraktionsvorsitzende der SPD, Andrea Nahles: 0,3. Davor Ursula von der Leyen, konstant: 0,4 [...] Auf Platz 3 Christian Lindner, auch er mit leichten Verlusten: 1,3. Platz 2 für Angela Merkel mit deutlich schlechteren 1,6. Und vorn der designierte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, kann leicht zulegen: 2,0.“

Ja ja, gemeint war, die Merkel habe deutlich weniger, aber immer noch überdurchschnittlich gute 1,6 Punkte. Wir wollten hier aber doch keine Sahne-Bonbons auswickeln!

Demoskopisch unterlegte Prophetie, wie mit dem „Politbarometer“ (ZDF) und dem „Deutschlandtrend“ (ARD) betrieben, dient nun mal einem System erhaltenden Zweck, das ist dir doch klar? Namen und Gesichter ausgewählter Figuren werden in deinem Gedächtnisspeicher eingelagert. Etikettiert mit Sympathiewerten, die ihnen von unbekannten Zeitgenossen angeklebt wurden. Von Leuten, über die sich mindestens eins mit größtmöglicher Berechtigung sagen lässt: Sie haben keine Ahnung vom Sujet. Ihre Bewertungen kommen aus dem Bauch, stützen sich nicht auf konkretes Wissen, nicht auf persönliches Kennen. Nicht mal auf einen Hauch von Informiertheit über das tatsächliche Denken und Agieren der fraglichen Politiker. Bestenfalls haben sie von denen einmal ein paar O-Töne im Rundfunk gehört oder einige ihrer Sätze in der Zeitung gelesen. Bestenfalls.

„Wenn am nächsten Sonntag wirklich Bundestagswahl wäre, bekämen CDU/CSU 31 Prozent (minus 1), SPD 21 Prozent, AfD 12 Prozent, FDP 11 (plus 1) Prozent, Linke 10 Prozent, Grüne 11 Prozent und Sonstige 4 Prozent.“

In Berlin nichts Neues, grundsätzlich alles wie gehabt. Jetzt wirst du auf den Zweck der demoskopischen Veranstaltung aufmerksam? Sie hat aber auch bei dir schon Wirkung entfaltet. Für die Malerei auf der demokratischen Fassade sollst du eben nicht irgendwelche Farben auswählen, die deinen individuellen Wünschen und Interessen entsprechen. Und den Topf „Sonstige“ sollst du am besten überhaupt nicht beachten.

Nun unternehmen wir mal einen Exkurs, ja? Schalte dazu die Wunderlampe aus. Mach die Augen zu. Stell dir vor, es gäbe gar kein Fernsehen, kein Radio, keine Zeitungen. Nachbarn, mit denen du dich austauschen könntest, hast du nur wenige. Politik wird zwar auch in dieser hypothetischen Welt gemacht, aber von Menschen, die du nie gesehen hast und von denen du nichts außer den Namen weißt. Alle paar Jahre sollst du nun aber unter denen eine Auswahl treffen. Nach welchen Kriterien gehst du vor?

Natürlich ausschließlich nach solchen aus deiner Lebensrealität. Würdest du also ausgerechnet den Finanzminister zum beliebtesten und wichtigsten Politiker küren, obwohl er dir ständig saftige Steuern aus den Rippen schneidet?

Es ist nicht erst seit dieser Bundestagswahl, aber dank ihr wieder einmal klar: In unserem wirklichen Leben bestimmt das vereinigte deutsche Medienkartell, wer in Parlament und Regierung sitzt. Gemäß festen Regeln.

Wir kommen gleich drauf.

Erst nehmen wir uns mal den Farbtopf „Sonstige“ vor. Er steht so auffallend weit abseits. Du findest darin beispielsweise die ÖDP. Diese Miniatur ist zwar seit Langem im Angebot, interessiert aber keinen. Obwohl sie ein dermaßen friedliebendes, vernünftiges, bürgerliches, altbacken-braves Programm anbietet, dass jeder heimatlos gewordene Wertkonservative, jeder ausnahmsweise nüchterne Sozi, jeder gesellschaftlich abgehängte Prekäre sie protestwählen könnte, wenn er/sie „die da oben“ mal richtig heftig ärgern wollte. Er/sie zöge auch mit einem Kreuz hinter ÖDP nur die Konsequenz aus dem kompletten Versagen der etablierten Parteien. Aber die ÖDP bleibt weiter außen vor. Wir wissen nicht mal ihren vollen Namen. Nämlich, weil der Mainstream-Journalismus sie nicht erwähnt. Wie viele andere Mitbewerber auch.

Eine dieser Anderen hatte fünf Sofortmaßnahmen im Wahlprogramm:

Nichts dagegen zu sagen? Stimmt. Gerade deswegen wurde im Mainstream ja nichts über sie gesagt. Nur der Stempel „verfassungsfeindlich“ ist bei ihr draufgedrückt. DKP. Igitt.

In Deutschland herrscht nun mal Rechtsverkehr, auch politisch. Das System funktioniert nach festem Regelwerk. Ein freundlicher Kommentator hat es uns notiert:

Regel 1: Eine Partei muss dauernd medial großflächig erwähnt werden. Parteiwerbung im Anzeigenteil allein reicht bei Weitem nicht. Wird die Partei nicht ständig im Mainstream erwähnt, ist Scheitern ihre einzige Option.

Erinnerst du dich, dass die FDP seit Jahresbeginn bei ARD-aktuell 30 Prozent mehr Raum in den Nachrichten bekam als die Linkspartei, obwohl die Liberalen gar nicht im Bundestag vertreten waren? Ach so, das hatten wir schon mal durchgenommen? Na gut, dann schauen wir jetzt auf die AfD. Die wurde auch weit überproportional bedacht. Und aufgemerkt: Zusammen haben AfD und FDP nun 25 Prozent der Sitze im Parlament. Es hat geklappt, nicht?

Regel 2: Eine Partei kommt nur dann in den Mainstream-Medien vor, wenn sie die zugelassenen Diskurse belebt. Nur die zugelassenen! Je mehr Schwung du im Diesel-Skandal zeigst und je blödsinniger du die Flüchtlingsfrage stellst, desto besser. Und je mehr Stuss du über die de facto nicht existente soziale Gerechtigkeit in den Äther sabberst, desto mehr Tele-Punkte bekommst du.

Das half, wie wir gesehen haben, der SPD. Obwohl die längst keine Volkspartei mehr ist, sondern Trojanisches Pferd des Neoliberalismus. Ihr TV-Gesülze über soziale Gerechtigkeit hat die SPD davor bewahrt, mit noch weniger als 20 Prozent abzuschmieren. Das Narkotikum Schulz-Nahles-Heil ließ das Wahlvolk vergessen, dass die Sozn in den vergangenen 20 Jahren mit nur knapp vier Jahren Unterbrechung das Ministerium für Arbeit und Soziales innehatten. Verantwortlich fürs Hartz-IV-Regime sind und für die Zertrümmerung des Rentensystems.

Regel 3: Weg vom Fenster bist du, wenn du die wirklich entscheidenden Themen auch nur träumst. Zweifle nicht an der kreditabhängigen, marktradikalen Wirtschaftsordnung und am selbstmörderischen Geld- und Bankensystem. Zweifle nie an der Rechtmäßigkeit kapitalistischer Milliardenvermögen und am bedingungslosen Grundeinkommen ihrer gigantisch reichen, teilweise sensationell unnützen Erben. Zweifle nie an der NATO und ihrem Russland-Feldzug. Zweifle nicht am tiefen Staat der USA, dem zwar nicht Trump, wohl aber Obama und Clinton angehören, und dessen Entscheider keine rechtsstaatlich legitimierten Personen des öffentlichen Lebens sind. Dieser Club hat die Welt im Griff. Weil er die Mainstream-Medien beherrscht. Auch ARD-aktuell liegt an seiner transatlantischen Leine.

Nun schau hinter die demokratische Fassade. Vergiss den Einheitsmatsch im Parlament (auf die belanglosen Ausnahme-Roten kommen wir noch kurz zu sprechen). Erst mal halten wir fest, dass es vollkommen wurscht ist, ob die FDP-Abgeordneten nun zwischen AfD und Unionsfraktion sitzen oder zwischen Union und SPD. Dieses Thema bewog lediglich ARD-aktuell zu ausgiebiger Berichterstattung. Sitzfleisch-Journalismus.

Eingerührt hat uns den parlamentarischen Farbmatsch der teils öffentlich-rechtliche, teils kommerzielle Malerkonzern mit seinen Sparten ARD, ZDF, DLF und Facebook. Die Rezeptur bezog er aus dem zitierten Regelwerk. Auch die nächste Regierung – „Jamaika Kabinett“ fällt uns als Name für sie ein, auch wir können blöd – diese nächste Regierung (schlimmstenfalls bleibt sie Schwarz-Rot, wenn es mit Schwarz-Gelb-Grün am Ende doch nicht funktioniert) und weite Teile der Opposition werden sich wieder sauwohl fühlen als frisch bestätigtes politisches Funktionspersonal der Westlichen Wertegemeinschaft, WWG.

Nichts wird diese Nietensammlung grundlegend ändern. Diese Dienstboten unserer Parteien-Oligarchie sind dem Wunsch des Geldadels gemäß pro-NATO, anti-Russland, pro-BW-Auslandseinsätze und anti-VRChina. Sie sind pro-Marktradikalismus und anti-Darlegung bezüglich ihrer Nebeneinkünfte. Korrupt dem Fraktionszwang, dem Privilegiengenuss (Diplomatenpass, kostenlose Bahn-Netzkarte 1. Klasse, Rundum-Service der Bundestagsverwaltung, steuer- und belegzwangfreie Spesenpauschalen, satter Pensionsanspruch) verpflichtet, vulgo: dem reinen Abgeordnetengewissen. Auch das neue Parlament macht nur die Reichen reicher und die Armen ärmer – und lediglich Menschen mit einem IQ unterhalb der Raumtemperatur werden den Debatten im „Dem Deutschen Volke“ gewidmeten Clubhaus etwas Unterhaltungswert beimessen.

Schon mal einen Tag lang per Parlamentsfernsehen im Internet eine Plenarsitzung des Bundestages verfolgt? Ja? Öha. Da ist einer leidensfähig.

Aber du fragst immerhin: „Haben wir nicht „Die Linke“ völlig vergessen?“ Nee. Wir doch nicht. Die macht gerade wieder sehr systemgerecht von sich reden. Sie zerlegt sich selbst. Kommt dementsprechend in den Medien vor, rutschte (s. Regel 1) noch ins Parlament, aber nur als Vorletzter, und schützt da als faule Ausrede vor Demokratie-Kritik. Hauptmotiv für die Wieder-Zulassung war offensichtlich das Versprechen der intellektuell und moralisch überforderten Vorsitzenden Kipping und Riexinger, das links verbliebene Zugpferd Wagenknecht auszuspannen. Die Sahra ist in unserem System wirklich fehl am Platz.

Du fragst noch „warum“?

Zu intelligent. Zu kenntnisreich. Rhetorisch zu begabt. Zu geradeaus und zu gut aussehend, auch das noch. Bildschirmtauglich. Setzt sich über die Regeln hinweg. Redet einfach und überzeugend über Sachen, die für den gesellschaftlichen Diskurs gar nicht zugelassen sind.
Das muss gewürdigt und aktiv unterstützt werden, meinst du? Gemach, alter Freund! „No net hudle,“ sagt der Schwabe. Jetzt erst mal die vier großen F!

„???“

Feierabend/Filzlatschen/Flaschenbier/Fernsehen. Dem deutschen Volke das Übliche.

O-Ton Wunderlampe: „Hier ist das Erste deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.“ Studio-Sprecher im On: „Guten Abend, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur Tagesschau.“

Erbarmen. Die merken ja nicht mal, dass sie sich schon mit der Begrüßung wiederholen.


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