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Schuldlos unschuldig

Schuldlos unschuldig

Schon die Geschichte von König Ödipus zeigt, wie Angst das Verhängnis, das sie verhindern soll, erst erzeugt.

Vor circa 2.500 Jahre erscheint „König Ödipus“ auf der Bühne des antiken Athen (1). Dort grassiert gerade eine Seuche. In dem Drama — so meine These — konfrontiert Sophokles seine Landsleute gleichnishaft mit seiner politischen Analyse: Aus Angst habt ihr zugelassen, dass die Demokratie beseitigt wurde. Das ist nicht im Sinne einer höheren Ordnung. Diesen Frevel büßt ihr nun mit dieser Pest. Deshalb: Kehrt um! Besinnt euch auf die Prinzipien der Demokratie!

Zentrale Elemente des Stückes sind über Jahrhunderte unentdeckt geblieben. Das liegt an der Unfähigkeit vieler Menschen, mit Widersprüchen gut umzugehen. Zu einem „guten Umgang“ gehört, dass ein Widerspruch zunächst einmal als solcher überhaupt wahrgenommen und anerkannt wird. Danach stellt sich die Frage, wie er sich plausibel auflösen lässt. Das ist eigentlich eine Grundfrage der Demokratie: Wie gehen wir mit Widersprüchen um? Wie gehen wir damit um, wenn Menschen bestimmte Bedürfnisse oder Informationen haben, die aber den Bedürfnissen oder Informationen anderer Menschen widersprechen? Wie kann ein Gesellschaftssystem zwischen solchen widersprüchlichen Bedürfnissen oder Informationen vermitteln?

Nur dann, wenn die Widersprüche im „König Ödipus“ wahrgenommen und schlüssig gedeutet werden, begreift man auch die politische Botschaft und Tragweite des Stückes.

Aufstieg und Fall der Demokratie

510 vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.) wurden im alten Athen zwei Tyrannen abgesetzt. Eine Demokratie bildete sich heraus. Die selbstbewusst gewordene Bürgerschaft konnte kurz darauf zweimal dem übermächtigen Heer der Perser widerstehen und deren Rückzug erzwingen — in den Schlachten von Marathon und Salamis 490 und 480 v.u.Z. Ein entschlossener Haufen hatte der geballten Heeresmacht eines der größten Reiche seiner Zeit widerstanden. Das stärkte das Selbstbewusstsein der Bürger.

Weil die Athener eine solche Bedrohung nie wieder erleben wollten, gründeten sie den attischen Seebund — eine Art NATO der Antike. Aus der verbliebenen Furcht, gemischt mit größerer Macht, entwickelte sich bald Skrupellosigkeit: Hatten sich die Bedürfnisse einzelner Partner im Seebund geändert, wollten sie beispielsweise nicht mehr mitmachen, stand schnell die restliche Flotte „vor der Tür“ und „überzeugte“ die Ausstiegswilligen vom Gegenteil — ein ziemlich schlechter Umgang mit Widerspruch. Getrieben von der Angst, war man nicht zimperlich — Demokratie hin oder her.

Perikles und das Dilemma Athens

Lange Zeit hatte der besonnene Perikles maßgeblich das politische Ruder geführt. Ihm war ein Widerspruch bewusst, in den sich die Athener selbst im Laufe der Zeit zunehmend hineinmanövriert hatten: Sie wollten zwar eine Demokratie sein, konnten aber ihre Machtposition nicht mehr ohne weiteres aufgeben, weil sie sonst die Rache derjenigen fürchten mussten, die bisher unter ihnen gelitten hatten. Er plädierte — wohl vor diesem Hintergrund — für eine vorsichtige Versöhnung mit dem ewigen Widersacher Sparta.

Im beginnenden peloponnesischen Krieg mutete er den Athenern Einbußen zu, wenn er wiederholt deren Rückzug hinter die Stadtmauern und die Preisgabe der jenseitigen Ackerflächen anordnete. Das sollte womöglich ein Signal an die Kriegsgegner sein, um für Vertrauen, Respekt und Versöhnung zu werben. Viele Jahre hatte er als geachteter Politiker gewirkt, als er in Ungnade fiel und man ihn seines Amtes enthob. Er starb im Jahr 429 v.u.Z. an einer rätselhaften Pest, nachdem er kurz zuvor noch einmal rehabilitiert worden war. Mit seinem Tod und der Angst vor der Pest kamen zunehmend autoritäre Kräfte ans Ruder.

Das Stück „König Ödipus“

Als Sophokles in dieser Zeit den „König Ödipus“ auf die Bühne bringt, scheint er gleichnishaft seinen Landsleuten eine Warnung mitgeben zu wollen: An der Demokratie darf auch in der Krise nicht gerüttelt werden! Eine Verletzung dieser auf einem höheren Standpunkt beruhenden, auf das Wohl der Allgemeinheit bedachten — „gottgefälligen“ — Ordnung muss gesühnt werden!

Bis heute wird die zentrale Dynamik und die Bedeutung dieses Stückes verkannt. Eine ganze Disziplin von Wissenschaftlern sieht seit Jahrhunderten an wesentlichen Details der ganzen Geschichte vorbei — obwohl sie eindeutig zu durchschauen sind.

Die Pest

Der Beginn des Stückes zeigt die Stadt Theben, die für Athen steht. Dort ist gerade die Pest — die reale Pest in Athen beziehungsweise der Peloponnesische Krieg — ausgebrochen. Ödipus alias Perikles amtiert als beliebter, demokratisch gesinnter König. Bereits vor dem ersten Betreten der Bühne hat er Kreon, den Bruder seiner Gattin, zum Orakel von Delphi geschickt. In Delphi wurde der Gott Apollo verehrt, zuständig für Aufklärung und Heilung. Motto dieses Orakels: „Erkenne dich selbst!“ Ödipus erhofft sich von dort Anleitung, wie man das Wüten der Pest beenden kann (2).

Kreon

Kreon — er repräsentiert die autoritäre Herrschaft (3) — bringt zu Beginn des Stückes die mit Spannung erwartete Auskunft. Dabei bietet er Ödipus allen Ernstes an, die Prophezeiung mit ihm unter vier Augen im Palast zu erörtern.

Für Ödipus ist das indiskutabel: Natürlich muss die Angelegenheit vor dem aktuell versammelten Volk erörtert werden! Diese Pest geht alle an!

Dass Kreon überhaupt auf diese Idee kommt, charakterisiert ihn für das demokratie-gewöhnte attische Publikum sofort als zutiefst antidemokratischen Gesellen. Mit solch feinen Handlungsmitteilungen charakterisiert Sophokles die Figuren, die er auf die Bühne bringt: Ödipus ist wahrlich ein Demokrat, während Kreon stets als selbstgefälliger Autokrat agiert (4).

Das Heilmittel: Sühne für die Beseitigung des Laios

Das Orakel, so Kreon, fordere Sühne für den Tod des Vorgängers von Ödipus, König Laios, der für die alte, „ehemalige“ Herrschaft in Athen steht, die Demokratie. Von der Wortbedeutung her ist er so etwas wie ein Volkskönig (5). Die Verantwortlichen für die Beseitigung dieses Laios müssten büßen — mit „Ächtung oder Sühne, die Tod mit Tod vergilt“.

Ödipus kennt diesen Laios nicht. Sofort will er wissen, unter welchen Umständen denn der ehemalige Herrscher zu Tode gekommen sei. Die Auskunft: Eine Räuberbande habe Laios und seine vier Begleiter überfallen, als sie auf dem Weg zum Orakel von Delphi waren. Ein Mitglied dieser Truppe habe den Überfall überlebt und den Bandenüberfall bezeugt. Damals sei die Stadt jedoch von einem Ungeheuer bedroht gewesen, der Sphinx — also den Persern. Diese Bedrohung habe die Gemeinschaft davon abgehalten, die Hintergründe der Tat zu erforschen und den Tod des Laios zu sühnen (6).

Kluge Verschwörungshypothese

Ödipus gibt sich oft nicht mit irgendwelchen Erzählungen ab, sondern stellt Vermutungen über die eigentlichen Hintergründe an. Gerade seine Geschichte illustriert die Problematik offizieller „Narrative“ (7), die eine ganz andere Wirklichkeit verbergen können. An dieser Stelle schließt Ödipus, dass es sich bei der angeblichen Räuberbande um thebanische Verschwörer gehandelt haben müsse. Neigt Ödipus etwa zu Verschwörungshypothesen? Nun, diese Mutmaßung ist durchaus klug und wird von seinem Schwager sofort bestätigt: „So dachte jeder!“

Der Zugang zum Orakel von Delphi — als einem der heiligsten Orte der Antike — stand nämlich unter dem Schutz der Umwohner. Für logisch denkende Zeitgenossen war unvorstellbar, dass eine Räuberbande dort Orakelbesuchern auflauerte. Es musste ein erklärter Wille dahintergestanden haben, diesen Trupp zu überfallen und auszulöschen. Da Ödipus nie Mitglied einer Räuberbande und erst recht kein thebanischer Verschwörer war — zum Zeitpunkt des Todes von Laios lebte er noch gar nicht in Theben —, darf er sicher sein, mit diesem Tod nichts zu tun zu haben (8).

Ödipus, Sphinx und Mutter-Ehe

Im Verlauf des Stückes erfahren wir, dass vor einigen Jahren die bereits erwähnte Sphinx in Theben regelmäßig junge Männer zu Tode gebracht hatte. Sie stellte ihnen ein Rätsel, und wer es nicht lösen konnte, wurde in einen Abgrund gestürzt. Niemand hatte bislang überlebt. Ödipus war nun als Fremder zufällig nach Theben gelangt. Mutig und selbstlos hatte er sich dem Ungeheuer gestellt — und klug die passende Antwort gefunden. Daraufhin hatte sich das Monster selbst in den Abgrund gestürzt. Theben war befreit. Zum Dank wurde Ödipus mit der frisch verwitweten Königin Iokaste verheiratet. Mit Iokaste hatte Ödipus dann vier Kinder; eines davon ist Antigone (9).

Iokaste — sie ist den meisten von uns und dem attischen Publikum längst bekannt — wird sich am Ende des Stückes als die leibliche Mutter des Ödipus erweisen. Darin steckt Symbolik. In der Tradition antiker Traumdeutung bedeutet eine Mutter-Heirat: die Herrschaft über ein Gemeinwesen erlangen (10). Iokaste symbolisiert also so etwas wie das Gemeinwesen von Athen (11, 12).

Aufklärungs-Bemühungen und ein blinder Seher

Beim Ausbruch der Pest in Theben ist Ödipus also ein geachteter, vom Volk verehrter König. Nachdem er bereits die Sphinx überwinden konnte, stellt er sich nun erneut klug, selbstlos und mutig der Herausforderung. Er ist dabei aufrichtig besorgt um das Wohl Thebens und fordert alle Umstehenden dringend auf, zur Wahrheitsfindung beizutragen. Bei sofortiger Offenbarung sollen die schuldigen Verschwörer lediglich verbannt werden. Wenn aber diejenigen, die etwas wissen, weiterhin schweigen, dann sollen sie — weil sie ja durch ihr Schweigen das Elend der ganzen Gemeinschaft verlängern — radikal bestraft werden!

In dieser Situation betritt der blinde Seher Teiresias die Szene (13) und verhält sich merkwürdig. Er deutet an, etwas Wichtiges zu wissen, beharrt aber darauf, es nicht sagen zu wollen. Weil der blinde Seher fortgesetzt das ausdrückliche Redegebot von Ödipus offen missachtet, droht ihm der König Gewalt an. Daraufhin erhält er von Teiresias zur Antwort: „… dieses Landes heilloser Besudler bist du!“ — nebst weiteren massiven Beschuldigungen. Auch hier offenbart sich ein kniffliger Widerspruch: Aufgrund der bisherigen Recherchen beziehungsweise „Informationen“ darf sich Ödipus sicher sein, dass er unschuldig ist. Nun wird er jedoch mit solch einer Beschuldigung konfrontiert.

Er bittet den Seher um nähere Erläuterung, erhält jedoch keine klarere Aussage. Die vorläufige Auflösung dieses Widerspruchs durch Ödipus lautet: Dieser vermeintlich hellsichtige Greis will ihn diffamieren, um ihn aus dem Amt zu jagen. Später wird er erkennen: Tatsächlich ist er selbst derjenige, der den Laios getötet hat. Allerdings liegt die Verantwortung dafür woanders — er ist also nicht irgendein „Besudler“.

Konflikt zwischen Ödipus und Kreon

Ödipus entwickelt hieraus erneut eine Verschwörungshypothese. Sein Verdacht ist zwar falsch, aber keineswegs unplausibel: Teiresias sei bereits in das Komplott gegen Laios verstrickt gewesen und habe sich jetzt mit anderen auch gegen ihn, den amtierenden Herrscher, verschworen. Teiresias war auf Kreons Rat hin gerufen worden. Von dessen Beschuldigung des Ödipus — gedeutet als Intrige, um ihn aus seinem Amt zu jagen — würde Kreon als Nachfolger profitieren.

Nach einem langen Streitgespräch mit seinem Schwager will Ödipus diesen zum Tod verurteilen. Er lässt sich jedoch von den Argumenten eines Bürgers — also einem „Widerspruch“ im wörtlichen Sinn — abhalten. Einmal mehr belegt er hier in der Handlung eindrucksvoll seine demokratische Haltung. Er fordert Kreon lediglich zum Gehen auf, was dieser auch befolgt (14).

Laios, ein Seherspruch und die Reise nach Delphi

Iokaste will nun wissen, warum es zum Konflikt zwischen ihrem Bruder und Ödipus gekommen ist. Ödipus erzählt ihr von der Beschuldigung durch Teiresias und dessen mutmaßlichem Komplott mit Kreon. Iokaste entgegnet, dass man Seher doch nicht etwa ernst nehmen dürfe. Dem Laios selbst sei einmal prophezeit worden, er würde durch seinen noch ungeborenen Sohn sterben. Laios habe deshalb drei Tage nach der Geburt des einzigen Sohnes dem Säugling die Fersen durchstochen, zusammengebunden und so einem Diener zur Aussetzung in der Wildnis übergeben.

In diesem Zusammenhang erwähnt Iokaste, dass Laios an der Kreuzung dreier Wagenwege zu Tode gekommen sei. Das lässt Ödipus aufhorchen. Er drängt Iokaste, ihm präzise die Umstände beim Tod des Laios zu schildern. Laios, so Iokaste, habe dem Ödipus — bis auf die weißen Haare — im Aussehen vollkommen geglichen. Er sei in einem Trupp von insgesamt fünf Mann auf dem Weg nach Delphi gewesen. Laios sei auf einem Wagen gefahren. An der Stelle, an der sich die drei Wagenwege von Phokis, Daulia und Delphi treffen, sei er dann erschlagen worden. Das sei kurz vor der Ankunft des Ödipus in Theben geschehen.

Ödipus — korinthischer Königssohn in Notwehr

Ödipus wird es bei den Erzählungen von Iokaste zunehmend unwohl. Er berichtet seiner Frau, wie er am Königshof von Korinth aufgewachsen sei. Als junger Mann habe ihm einmal ein Zechgenosse gesagt, er sei gar nicht das Kind seiner Eltern. Das von ihm sofort befragte Königspaar habe glaubhaft das Gegenteil beteuert. Um Klarheit über sich und seine Zukunft zu bekommen, hatte er das — ungefähr 200 Kilometer entfernte — Orakel von Delphi aufgesucht. Dort erhielt er die Prophezeiung, er würde seine Mutter heiraten und seinen Vater töten. Spontan habe er beschlossen, nie wieder nach Korinth zurückzukehren. Seine geliebten Eltern sollten auf jeden Fall vor diesem schrecklichen Schicksal bewahrt bleiben.

Auf seinem Weg in die entgegengesetzte Richtung war er dann an der von Iokaste erwähnten Stelle zu ungefähr der von ihr genannten Zeit mit einem Trupp von fünf Mann in ein Handgemenge geraten: Ein vorausgehender Herold wollte ihn mit Gewalt aus dem Weg treiben. Gegen diese unberechtigte Attacke hatte er sich erfolgreich zur Wehr gesetzt. Als er nun an dem Wagen vorbeigehen wollte, schlug ihm der darauf reisende Alte — „wie du ihn beschreibst“ — mit seiner Peitsche auf den Kopf. Im Zorn habe er ihn aus dem Wagen geworfen und in Notwehr auch alle anderen erschlagen. Nun beschleicht ihn eine fürchterliche Ahnung: Sollte der Greis auf dem Wagen Laios gewesen sein? Wäre er damit also doch für dessen Tod verantwortlich?

Der Zeuge des Überfalls

In dieser Situation will Ödipus nun sofort herausfinden, ob tatsächlich — allen bisherigen Ermittlungsergebnissen zuwider — er selbst als derjenige in Frage kommt, der die Tötung des Laios zu verantworten hat. Hierzu muss er jetzt dringend den Zeugen sprechen, der den Überfall überlebt hatte. Wenn dieser jetzt statt von einer Bande nur noch von einem Mann spricht, der den Tross erschlagen hatte, dann würde Ödipus sofort selbst die Verantwortung für den Tod des Laios übernehmen. Der Zeuge müsste ihn noch nicht einmal persönlich identifizieren können.

Ödipus will zum Heil Thebens unbedingt die Wahrheit ergründen, auch wenn sie für ihn unangenehme Konsequenzen — Verbannung — zur Folge haben könnte. Hier erleben wir einen weiteren überaus eindrucksvollen Beleg für die selbstlose Aufrichtigkeit des Ödipus (15).

Iokastes Ablenkungsmanöver

Iokaste versucht sofort, Ödipus die Anhörung dieses Zeugen auszureden — mit beachtenswert unlogischer Argumentation: Dessen Aussage hätten ja doch damals alle gehört. Und selbst, wenn er jetzt von seiner früheren Aussage ein wenig abweichen würde, dann Blablabla ... Dabei weiß sie doch, dass das Erkennen und das Aufklären der Wahrheit für Theben von existenzieller Bedeutung sind. Ödipus lässt sich jedenfalls von ihr nicht beirren und besteht mit Nachdruck darauf, dass der Zeuge erscheint.

Die Nachricht vom Tod des Polybos

Nun kommt ein Bote vom korinthischen Königshof zu Iokaste: König Polybos sei in hohem Alter verstorben. Ödipus möge das Amt übernehmen. Die Königin ist hoch erfreut: Das Orakel habe sich also für Ödipus bezüglich der Vatertötung nicht erfüllt! Sie ruft ihren Gatten hinzu. Der ist hier im Zwiespalt: Einerseits ist er erleichtert, weil das Orakel des Vatermordes gebannt zu sein scheint.

Im Vordergrund steht jedoch bei ihm die Trauer um den Tod des — vermeintlichen — Vaters. Auch hier zieht er sogar die eigene Verantwortung in Betracht: Vielleicht war ja der alte König aus Gram darüber gestorben, dass Ödipus nicht mehr nach Hause zurückgekehrt war. Ihm, der sich auf jeden Fall weiter um die prophezeite Mutterehe sorgt, will Iokaste unbeeindruckt ihre Heiterkeit aufdrängen: „Ein großer Lichtblick ist dann doch des Vaters Grab!“

Erschütterte Identität — wer ließ Ödipus aussetzen?

Der Bote aus Korinth, der die Bedenken des Ödipus um die Mutterehe mitbekommt, glaubt, dass er entlasten kann: Er selbst sei derjenige, dem ein Hirte des Laios Ödipus als Säugling übergeben hatte. Er habe ihn dann an Polybos und Merope zur Adoption weitergegeben. Mit der Königin von Korinth könne sich also eine prophezeite Mutterehe gar nicht erfüllen.

Diese gut gemeinte Mitteilung erschüttert Ödipus komplett in seinem Identitätsgefühl: Er ist also nicht das Kind des korinthischen Königspaares! Wer ist er dann? Und von wem stammt der Anlass zu seiner Namensgebung — „Ödipus“ bedeutet „Schwellfuß“ —, seine frühkindliche Misshandlung, seine durchstochenen Fersen? Vom Vater oder von der Mutter? Wer ließ ihn so aussetzen?

Iokastes zweiter Versuch, die Aufklärung zu verhindern

Jetzt stehen die Umstände bei der Aussetzung des Ödipus ganz im Fokus der Aufmerksamkeit. Der Hirte, der dem Boten damals das verletzte Kind übergeben hatte, kann hierzu Auskunft geben. Ödipus fragt drängend, ob jemand diesen Hirten kennt. Ein Umstehender klärt ihn auf: Zufällig ist es genau der Mann, nach dem schon gerufen wurde, der überlebende Zeuge des Überfalls auf Laios. Ödipus will sich bei Iokaste vergewissern: „Frau, hörst Du? Jenen Mann, den wir eben hierher bestellt — meint er diesen?“

Iokaste antwortet jedoch mit keiner Silbe auf diese präzise Frage. Dabei muss sie wissen, wie wichtig diese Aussage des Zeugen für das Aufklären der Wahrheit ist — und damit für das Wohl des Gemeinwesens. Und trotzdem trägt sie nichts zur Wahrheitsfindung bei. Vielmehr will sie ausdrücklich Ödipus davon abhalten: „Grüble nicht über das Gesagte sinnlos nach! (…) Wirklich! Ich mein es gut und rate dir das Beste.“ Damit verlässt sie die Szene.

Der Kronzeuge entlarvt eine Lüge

Der überlebende Zeuge betritt nun die Bühne. Zum Überfall auf Laios wird er erst gar nicht mehr befragt. Es interessiert nur noch, was er über die Umstände bei der Aussetzung des Ödipus zu berichten hat. Und seine Aussage birgt eine spektakuläre Überraschung: Es war Mutter Iokaste, die ihm den Auftrag gegeben hatte, Ödipus in der Wildnis zum Sterben auszusetzen.

Iokaste hatte zuvor — siehe oben — ihren Gatten Laios beschuldigt, die Aussetzung des Ödipus mit zusammengebundenen Fersen veranlasst zu haben. Der neutrale Kronzeuge, der ja die noch amtierende Königin bei seiner Aussage durchaus zu fürchten hat, ist jedoch eindeutig glaubwürdiger. Als Publikum haben wir — darüber hinaus — bereits zweimal Iokastes Bemühen miterlebt, aktiv die Aufklärung der Wahrheit zu verhindern. Aus diesen Umständen ergibt sich zweifelsfrei, dass Iokastes Beschuldigung des Laios eine Lüge ist (16).

Ödipus begreift: Durch das Weggeben ihres Säuglings hatte Iokaste eine Entfremdung des Kindes von seinen Eltern bewirkt. Nur aufgrund dieser Entfremdung konnte es später dazu kommen, dass er seinen Vater, den er nicht als solchen zu erkennen vermochte, in Notwehr tötete (17).

Die Blindheit für Iokastes Lüge

Sophokles lässt zur Aussetzung des Ödipus zwei widersprüchliche Aussagen machen. Dieser Widerspruch muss wahrgenommen und plausibel aufgelöst werden. Bereits circa fünfhundert Jahre nach Sophokles gibt der alte Seneca in seiner lateinischen Fassung des Stückes — wohl mit Absicht — Iokastes Lüge als Wahrheit aus.

Senecas Version prägt dann vermutlich die Darstellung in einer mythologischen Sammlung von Apollodor aus dem zweiten Jahrhundert, der in einer Zusammenfassung der Ödipus-Geschichte ebenso Iokastes Lüge als Wahrheit ausgibt. Und diese Version wurde dann bis heute in allen möglichen Fachkommentaren, Mythologien, Lexika-Einträgen, Schullektüre-Kommentaren und Zusammenfassungen übernommen. In einer Arbeit von 2005 habe ich zweiundzwanzig Beispiele zitiert (18).

Dabei offenbart die im Prinzip einzig relevante Vorlage von Sophokles etwas ganz anderes. Dieses Beispiel zeigt, wie hartnäckig sich Lügen oder falsche „Narrative“ halten, wie lange Intrigen Bestand haben können.

Muttermord — und seine Handlungslogik

Mit seiner gerade gewonnenen und ausdrücklich in Worte gefassten Erkenntnis — „Die Mutter bracht es über sich?“ — rennt Ödipus in den Palast, verlangt nach seinem Schwert und will wissen, wo er Iokaste finde. Man kann leicht erraten, dass er seine Mutter und Gattin umbringen will. Dabei gilt Muttermord in allen Kulturen als eines der schlimmsten Verbrechen. Wie kommt dieser Ödipus, der so selbstlos bemüht war, die prophezeite Vatertötung zu vermeiden, nun dazu, seine Mutter umbringen zu wollen? Ein erneuter Widerspruch, der aufgelöst sein will.

Nun, die griechische Mythologie kennt Fälle, in denen Söhne — Orest und Alkmaion — den Tod ihrer jeweiligen Väter rächen, die durch ihre Gattinnen zu Tode gekommen waren. Die jungen Männer, die zuvor beinahe selbst durch ihre Mütter zu Tode gekommen wären, werden für ihren Muttermord jeweils vom Gott Apollo moralisch entlastet.

Dieselbe Handlungslogik findet sich auch im „König Ödipus“: Das Orakel von Delphi — Sprachrohr des Gottes Apollo — fordert Ödipus dazu auf, den Tod von König Laios, seinem Vorgänger und Vater, aufzuklären. Im äußersten Fall soll hierfür Sühne geleistet werden, „die Tod mit Tod vergilt“. Ödipus erkennt am Ende, dass seine Mutter Iokaste ihn dem Vater entfremdet hatte. Nur so hatte es zu der tödlichen Notwehr-Situation kommen können.

Ödipus will an Iokaste die geforderte Sühne vollziehen. Sie hatte offenbar längst um die Zusammenhänge gewusst, jedoch weiter beharrlich geschwiegen und sogar die Wahrheitsfindung aktiv behindert. Als er mit seinem Schwert in der Hand den Palast nach ihr durchsucht, findet er sie nur noch erhängt vor. Seine massive Wut kann er nun nicht mehr bei der Schuldigen loswerden.

Psychologie schwerer kindlicher Misshandlung

Ödipus richtet seine Aggression in dieser Situation emotionaler Überwältigung gegen sich selbst: Er sticht sich die Augen aus. Und er zeigt falsche Schuldgefühle. Sophokles hat damit eine Dynamik beschrieben, die auch heute noch bei den Opfern schwerer Misshandlung in der Kindheit oft genug zu beobachten ist: Selbstverletzungen und falsche Schuldgefühle. Aufgabe einer Therapie ist, die Betroffenen die Wahrheit erkennen und falsche Glaubenssätze überwinden zu lassen (19): Statt eines „Ich bin schuldig!“ ein klares „Ich bin unschuldig!“

Nach Sophokles — in dem gut zwanzig Jahre später entstandenen Stück „Ödipus auf Kolonos“ (20) — sieht Ödipus selbst bereits kurz nach seiner Amtsenthebung klar, dass er unschuldig gewesen ist in Bezug auf Vatertötung und Mutterheirat. Seine Selbstverletzung sei eine unangemessene Selbstbestrafung gewesen. Diese Einschätzungen lassen sich bereits aus „König Ödipus“ deutlich herauslesen (21).

Kreons Machtergreifung

Kreon übernimmt nun selbstherrlich das Ruder. Ödipus — in falschem Schuldgefühl — bittet sogar darum, getötet beziehungsweise in die Verbannung geschickt zu werden. Kreon lehnt diese Bitten barsch ab. Er wolle Weisungen aus Delphi abwarten. Dabei liegt auf der Hand, dass Ödipus dem Orakelspruch voll und ganz Genüge getan hat.

Im „Ödipus auf Kolonos“ ist ausdrücklich unterstrichen, dass aus Sicht von Delphi Ödipus ein Heilsbringer ist. Er wird — am Ende seines Lebens angelangt — wie ein Heiliger leibhaftig in die Unterwelt aufgenommen. Kreon hingegen zeigt — besonders in diesem Stück — weiterhin keinerlei Respekt vor dem göttlichen Orakel. Er versucht lediglich, diese Instanz für seine eigensüchtigen Ziele zu instrumentalisieren.

Analogie

Sophokles hält seinen Landsleuten gleichnishaft vor, dass sie selbst aus lauter Angst vor den Persern demokratische Prinzipien über Bord geworfen hatten. Den aufrichtigen Perikles hatten sie in die Rolle des Ausführenden gedrängt. Dieser hatte am Ende allerdings die Problematik erkannt und ausgesprochen. Auf dieser Basis war er bemüht, in seiner Politik Sühne zu leisten. Das wiederum wollte dem Gemeinwesen nicht so recht schmecken. Eine feindselige Stimmung gegen ihn wurde wohl von autoritären Kreisen geschürt und ausgenutzt. Das Gemeinwesen — in Panik vor der Seuche — unterwarf sich ihnen. Das war der Beginn vom Ende der Demokratie im alten Athen.

Auch wir haben in unserem modernen Gemeinwesen aus einer ganzen Kette von Ängsten heraus Ähnliches zugelassen. Zwar gab es am Ende der beiden Weltkriege jeweils einen hoffnungsvollen Neubeginn mit einer Stärkung demokratischer Rechte, doch wurden uns die mühsam erstrittenen Freiheiten rasch wieder abgenommen. Immer mehr haben wir uns — aus irgendwelchen Ängsten, durch falsche „Narrative“ geschürt und propagiert — den Händen ganz weniger Mächtiger auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Militär und Geheimdienst

Die Angst „vor dem Ostblock“ hat uns die Wiederbewaffnung beschert. Überwunden geglaubte SS-Schergen wurden — aus Angst vor „dem Kommunismus“ — in Zeiten der Bundesrepublik für Geheimdienste und Geheimarmeen rekrutiert (22). Aus einem „Nie wieder Krieg!“ ist erstaunlich rasch wieder eine Begeisterung für „Beteiligung an Auslandseinsätzen“ geworden.

Die Angst vor — teils inszeniertem — „Terrorismus“ hat zu lückenloser Überwachung geführt. Derartige Weichenstellungen wurden nicht etwa offen ausgehandelt, sondern — wie es Kreon beliebt — unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Hinterzimmern ausgemauschelt.

Demokratische Aufsicht wurde ausgehebelt. Zaghafte Kontrollversuche haben bestenfalls zum heimlichen Schreddern verräterischer Akten oder zum Löschen von Handy-Daten geführt. Die Saboteure der Aufklärung wurden nicht etwa — wie Iokaste — mit drakonischen Strafen belegt, sondern durften im Amt bleiben oder wurden gar befördert. Wir selbst hingegen werden lückenlos überwacht. Diejenigen, die uns über die Enteignung unseres Telefon- und Mail-Geheimnisses aufklären, müssen um ihr Leben fürchten und als Geächtete durch ihre Verstecke geistern, sofern sie nicht schon eingekerkert sind.

Bildung, Arbeit und Medien

Ein sich zunächst erfreulich liberal entwickelndes Bildungswesen wurde im Laufe der Zeit erfolgreich ruiniert. Ungehemmte Medienproduktion und entsprechender Konsum führt zu Verblödung immer größerer Teile unserer Bevölkerung. Die Entwicklungsmöglichkeiten kindlicher Gehirne werden dadurch systematisch eingeschränkt. Die Angst vor der „Rezession“ lässt ArbeitnehmerInnen sich zunehmend der „neoliberalen“ Verwertung unterwerfen. Die mit unseren Zwangsgeldern finanzierten „öffentlich-rechtlichen“ Medien sowie die sonstigen „Qualitäts-Medien“ produzieren unverhohlen einseitige Propaganda. In sogenannten Fakten-Checks oder Correctiv-Plattformen wird die Einseitigkeit der Sichtweise durch als „investigativ“ veredelte Diffamierung abweichender Meinungen weiter abgesichert.

Gesundheit

Und nun hat die Ent-Demokratisierung einen neuen Höhepunkt erreicht: Die Angst um unsere „Gesundheit“ — von zukunftswissenden Virologen geschürt — hat dazu geführt, dass sich die Kreons dieser Welt herausnehmen, eine autoritäre Herrschaft in einem Ausmaß ins Werk zu setzen, das wir seit Jahrzehnten nicht mehr gekannt haben.

Die von propagandistischen Medien in Angst versetzte Bevölkerung hält weitgehend still, wenn ihre Freiheiten rigoros zusammengestrichen werden. Den meisten Menschen ist offenbar gründlich abtrainiert, sich bei der Beurteilung von Fakten auch kritischer Quellen und des eigenen Verstandes zu bedienen. Obwohl zahlreiche Wissenschaftler eindeutig widersprochen haben, hat das Wort derjenigen weitaus mehr Gewicht, die sich über die „öffentlich-rechtlichen“ Sender bildgewaltig und unwidersprochen in Szene setzen dürfen.

Aus Mist Dünger machen? — Der Rat des Sophokles

Kann aus dem Corona-Mist eventuell noch Dünger werden? Entsteht — wie in Theben — aus der Seuchen-Krise womöglich doch noch Aufklärung? Macht uns der nicht mehr zu übersehende Hygiene-Totalitarismus auf eine — seit langem bestehende — tiefsitzende Störung unserer politischen Ordnung aufmerksam? Können wir — wie Ödipus — deren Hintergründe aufklären und die systematische Demontage demokratischer Prinzipien sühnen?

Mir scheint wünschenswert, dass wir begreifen, dass ein solcher Prozess der Ent-Demokratisierung das gesamte Gemeinwesen, also uns alle angeht. Bemühen wir uns um eine redliche Sichtung der Fakten. Seien wir bereit — wie Ödipus — stets alte Auffassungen in Frage zu stellen (23), wenn neue Erkenntnisse eine andere Sichtweise nahelegen. Gehen wir gelassen mit vermeintlichen Widersprüchen um und halten inne, um sie aufzuklären, anstatt sie autoritär weg zu definieren.

Es gehört wohl geradezu zwangsläufig zum Wesen von Gesellschaften, dass dort widersprüchliche Bedürfnisse, Informationen oder Glaubensvorstellungen existieren. Das Aushalten von solchen Widersprüchen und auch das Vermitteln zwischen ihnen scheint mir im Kern das Wesen der Demokratie auszumachen.

Und die Qualität einer Demokratie zeigt sich wohl daran, dass all diese Widersprüche aufgelöst werden in einer Art, die wir alle ausdrücklich mittragen können. Erst dann ist das Prinzip, wonach Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden ist, umgesetzt. Dieser Satz, vor langer Zeit von einer klugen Frau ausgesprochen, klingt zwar einfach, hat es aber in sich.

Durchschauen wir die Manöver, die uns das Ende der demokratischen Ordnung als „großen Lichtblick“ verkaufen wollen. Lassen wir uns nicht einreden, dass mit dem Abbau unserer Freiheiten nur „unser Bestes“ — unser Überleben, unsere Gesundheit, unser Wohlergehen — angestrebt sei. Und machen wir — wie Perikles — ernst mit dem demokratischen Prinzip in der Weltpolitik, das einer konsequenten Friedenspolitik entspricht: Erteilen wir endlich allen Angriffshandlungen — „Auslandseinsätzen“, Drohnenmorden — eine klare Absage.

WIDERSTAND2020

Behäbigkeit im Denken ist ein altes, allgemein verbreitetes Problem. Immanuel Kant hat uns bereits im Jahr 1784 eine bekannte Anregung mit auf den Weg gegeben (24). Das Fehlen des Mutes, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wie es bei einem großen Teil der Menschheit aktuell zu beobachten ist, schafft die Grundlage für die gravierendste Bedrohung der Demokratie, der wir in den letzten Jahrzehnten gegenübergestanden haben. Hier ist nun dringend friedliche, demokratische, geistreiche Aufklärung gefordert. Einen Ansatz hierfür könnte WIDERSTAND2020 bieten.

In einem weiteren Beitrag — in Vorbereitung — möchte ich erläutern, wie Sophokles in Athen, als dort die Demokratie noch in ihrer schönsten Blüte stand, seine Landsleute mit einem anderen Gleichnis — der „Antigone“ — bestärkt hatte: Wehrt euch gegen Tyrannen! Schützt die Demokratie! Indirekt gratuliert er ihnen dabei zu der Einrichtung des Scherbengerichts. Politikern, die sich undemokratischer Anwandlungen verdächtig machten, konnte für zehn Jahre jede politische Betätigung verboten werden. Auch hier sollten wir uns von den alten Griechen inspirieren lassen. Und auch bei diesem Stück ist erstaunlich, dass zentrale Widersprüche über Jahrhunderte nicht plausibel aufgelöst wurden.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Sophokles: „König Ödipus“. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Kurt Steinmann. Reclam, Stuttgart, 1995.
(2) In der aktuellen Corona-Zeit werden eher voreingenommene Virologen und Tierärzte konsultiert. Eine wirkliche Aufklärung scheint eher nicht erwünscht zu sein — abweichende Meinungen werden von der Debatte eher ausgeschlossen.
(3) Dies kommt unübersehbar zum Ausdruck in „Antigone“ und „Ödipus auf Kolonos“ von Sophokles und in „Die Bittflehenden“ und „Die Phönikerinnen“ von Euripides.
(4) In heutiger Zeit werden Beschlüsse, die uns alle angehen, in immer kleineren Kreisen gefasst.
(5) Franz Borkenau in: „Zwei Abhandlungen zur griechischen Mythologie“ Psyche 1, S. 1-27, 1957. Er schreibt über die Wortbedeutung des Namens Laios (S. 11): „Laios ist also der ‚Zum Volke gehörige‘, und da es sich um einen König handelt, eben der Volkskönig“.
(6) Die ganzen Ängste, die uns seit den zwei Weltkriegen immer mehr davon abgeschreckt haben, demokratische Prinzipien ernst zu nehmen und umzusetzen, sind weiter unten erwähnt.
(7) Narrativ = Erzählung.
(8) Ob es wirklich falsch wäre, hinter den zunehmenden Einschränkungen der Demokratie in heutiger Zeit gezielte Kräfte zu vermuten — beispielsweise Geheimdienste, Bilderberger, Rockefeller-Foundation, NGO‘s, Think-Tanks, … — sei vorerst einmal dahingestellt.
(9) Sophokles: „Antigone“. Übersetzt von Wilhelm Kuchenmüller. Reclam, Stuttgart, 1994. Mit Antigone, einer mustergültigen Demokratin, beschäftige ich mich in einem anderen Beitrag.
(10) Herodot, ein Zeitgenosse von Sophokles, berichtet in den „Historien“ im Abschnitt 107 des 6. Buches von Hippias, einem der zwei letzten Tyrannen Athens, der 510 v.u.Z. aus der Herrschaft vertrieben worden war. Bei der Schlacht von Marathon habe er auf der Seite der Perser gestanden und gehofft, durch sie die Herrschaft in Athen wieder zu erlangen. Vor dieser Schlacht hatte Hippias geträumt, er würde mit seiner Mutter schlafen. Er selbst hatte seinen Traum so gedeutet, dass er seine Mutter = Mutter Erde = seine Heimat unterwerfen würde. Als er bei der Landung in der Bucht von Marathon einen Zahn verlor und nicht wiederfinden konnte, sah er die Prophezeiung damit als erfüllt an — und gab die Hoffnung auf weitergehende Zufriedenstellung auf.
(11) Dass Iokaste in dem Stück offenbar schon längst weiß, dass es ihr Sohn ist, den sie geheiratet hat, während Ödipus keinerlei Chance hatte, seine Mutter als solche zu erkennen, bedeutet dann: Perikles wurde von dem attischen Gemeinwesen in die Rolle des machtvollen Herrschers gedrängt — es lag jedoch seinen eigenen Absichten fern.
(12) Letztlich müssen wir wohl auch für die letzten hundert Jahre sagen, dass wir selbst diejenigen waren, die den Politikern relativ unbedarft die Weichenstellungen überlassen haben. Es gab allerdings auch kaum charismatische Persönlichkeiten, die — wie Ödipus — die schrittweise Beseitigung demokratischer Prinzipien redlich sühnen wollten.
(13) Die Paradoxie eines „blinden Sehers“ ist in der Antike offenbar mit Bedacht gewählt. Bei seinen diversen Auftritten in der antiken Literatur zeigt sich Teiresias stets in gewisser Weise als hellsichtig, andererseits jedoch auch für andere Aspekte gehörig blind. Er steht damit vielleicht für das Auf-einem-Auge-blind-Sein.
(14) Die Athener konnten über ein „Scherbengericht“ diejenigen, die sich verdächtig machten, ein autoritäres Regime errichten zu wollen, für zehn Jahre in die Verbannung schicken. Der Anführer der Demokraten, Perikles, hatte dies bewirkt in einem Verfahren gegen seinen Widersacher aus dem Lager der Adels-Partei, Thukydides. Das Stück „Antigone“ entsteht in diesem Zusammenhang.
(15) Heutige PolitikerInnen, konfrontiert mit lästigen Geschichten aus der Vergangenheit, beteuern dann eher, dass sie einen Blackout haben und sich nicht mehr so genau erinnern können.
(16) Der Autor Sophokles hat diese Entlarvung von Iokastes Lüge natürlich bewusst in Szene gesetzt. Er hätte ja problemlos dem Hirten die Worte in den Mund legen können, dass Vater Laios ihn mit der Aussetzung beauftragt hatte. Das macht Sophokles jedoch nicht. Zu denjenigen, die die Lüge der Iokaste verkennen, gehören an Fachkommentaren beispielsweise: Karl Reinhardt (1933/1976), Heinrich Weinstock (1937), Bernhard M. W. Knox (1957), Jan C. Kamerbeek (1967), Jean Bollack (1994) und Egon Flaig (1996).
(17) Dass Ödipus durch die Aussetzung auch Iokaste nicht als seine Mutter erkennen und sie nur aufgrund dieser Ahnungslosigkeit heiraten konnte, spielt für seinen Bestrafungsimpuls keine Rolle.
(18) Klaus Schlagmann: „Ödipus — komplex betrachtet.“ Eigenverlag, Saarbrücken, 2005.
(19) Gerade die Geschichte von „König Ödipus“ belegt insgesamt, wie problematisch „Narrative“ sein können, weil sie das Handeln der Akteure — zum Teil dramatisch — beeinflussen. Da gibt es einerseits falsche Aussagen und Lügen: „Natürlich bist du unser Kind!“ — das korinthische Königspaar zu Ödipus. „Es war eine Räuberbande!“ — angebliche Aussage des Zeugen des Überfalls. „Es war eine Verschwörerbande!“ — Ödipus zu Kreon, der das bestätigt. „Des Landes heilloser Besudler bist du!“ — Teiresias zu Ödipus. „Ihr habt euch gegen mich verschworen!“ — Ödipus zu Teiresias und Kreon. „Vater Laios hat das Kind aussetzen lassen!“ — Iokaste zu Ödipus. „Ich trage die Schuld am Tod von König Laios und an der Ehe mit meiner Mutter!“ — Ödipus. „Ich muss erst die Weisung des Orakels abwarten!“ — Kreon, als er Ödipus in Haft nimmt. Die meisten dieser Sachverhalte werden immerhin noch im Stück selbst durch den überragend klugen und selbstlosen Ödipus hinterfragt und aufgelöst.
Und es gibt richtige Aussagen, die jedoch höchst unvollständig bleiben: „Das Kind wird seinen Vater töten!“ — Prophezeiung kurz vor der Geburt des Ödipus. „Du wirst deinen Vater töten und deine Mutter heiraten!“ — Orakelspruch aus Delphi an Ödipus. Hätten diejenigen, die — offenbar in größerer Hellsichtigkeit — diese Weisheiten in die Welt gesetzt haben, sie noch ein wenig näher erläutert, dann hätte Schlimmes verhindert werden können. Die Prophezeiung an die Eltern hätte mit der Empfehlung verbunden sein können, das Kind besonders liebevoll zu erziehen und auf keinen Fall irgendwie auszusetzen. Die Prophezeiung an Ödipus hätte mit dem Hinweis verbunden werden können, dass er den Vatermord und die Mutterheirat jedenfalls nicht in Korinth zu befürchten hätte. So aber entfalten auch diese Halbwahrheiten ihre fatale Wirkung.
(20) Sophokles: „Ödipus auf Kolonos“. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Kurt Steinmann. Reclam, Stuttgart, 1996.
(21) Die kurzfristige Verwirrung des Ödipus hat jedoch der autoritäre Kreon ausgenutzt und seinen selbstlosen, klugen, aufrichtigen Vorgänger des Amtes enthoben und in Haft genommen.
(22) Vgl. Daniele Ganser: „NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung.“ orell füssli Verlag, Zürich, 2008.
(23) Dass Iokastes Lüge über Jahrhunderte nicht durchschaut wurde, liegt wohl mit daran, dass in den früheren Jahrhunderten die Wissenschaft — also auch die Altphilologie — den Mächtigen diente. Und für diese war ein demokratischer Geist, von dem alle Werke des Sophokles tief durchdrungen sind, natürlich keine Option. Korrekte Interpretationen waren also nicht gefragt. Die alten Deutungen, die der Obrigkeit genehm waren, wurden dann blind übernommen. So bilden sich Mainstream-Auffassungen heraus, die „selbstverständlich“ sind, von denen man nicht so leicht ungestraft abweicht.
Obwohl ich seit 1996 — also seit bald einem Vierteljahrhundert — auf die Lüge der Iokaste in verschiedenen Publikationen hingewiesen habe, war die Resonanz bislang höchst bescheiden. Es hat den Anschein, als warteten selbst sogenannte „Fachleute“ darauf, dass eine wie auch immer geartete „Freigabe“ von „höherer Stelle“ erfolgt, dass die falsche Auffassung von der Aussetzung des Ödipus korrigiert würde. Bis dahin halten sich Altphilologen, Kommentatoren von Schullektüren, Regisseure und so weiter lieber bedeckt, wenn sie auf die Thematik angesprochen werden.
Das ist jedenfalls meine Erfahrung aus vielfachen Diskussionsversuchen der letzten Jahrzehnte.
Einer der ersten Fachleute, mit denen ich diskutiert hatte, war der Professor für alte Geschichte, Egon Flaig. Im Frühjahr 1996, kurz vor meiner ersten Publikation zum Thema, hatte er in meiner Heimatstadt Saarbrücken vorgetragen, dass Laios das Kind ausgesetzt habe. Ich hatte ihn um sein Manuskript gebeten und im Tausch meine ersten Publikationen zum Thema von 1996 und 1997 zugesandt. Er bestätigte mir brieflich, dass die Sache mit der „Lüge der Iokaste“ eine großartige Entdeckung sei — eine „Trouvaille“. 1998 sprach er dann seinerseits in „Ödipus — tragischer Vatermord im klassischen Athen“, C.H.Beck Verlag, davon, dass Iokaste lügt — mit einer absurden Begründung. In diesem Buch hat Flaig weder in den Anmerkungen noch im Literaturverzeichnis erwähnt, wem er den Hinweis auf diese Lüge der Iokaste verdankt. Brieflich zur Rede gestellt, hatte er sich dafür zunächst entschuldigt. Als ich von ihm eine offizielle Richtigstellung forderte, berief er sich — unplausibel — auf eine andere Quelle der Inspiration. Hellmut Flashar hat in „Sophokles. Dichter im demokratischen Athen“, 2000, die These von Iokastes Lüge — wohl von Flaig — übernommen.
(24) Immanuel Kant: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ In: Berlinische Monatsschrift. 1784. Zwölftes Stük. December.

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