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Sanfte Dressur

Sanfte Dressur

Mit „Nudging“, subtiler Manipulation, wird die Menschheit verführt, ohne zu murren in die digitale Knechtschaft zu marschieren.

Salonfähig machten diese Erkenntnisse der Ökonom Daniel Kahnemann, der für seine Arbeiten darüber, dass Menschen vor allem emotional entscheiden, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, sowie Richard Thaler und Cass Sunstein mit ihrem 2009 veröffentlichten Buch „Nudge — Wie man kluge Entscheidungen anstößt“. Dort heißt es, der Mensch könne nur mit einer Portion List dazu gebracht werden, vernünftig zu handeln. Ob es nun Nudging, Social Engineering oder — etwas positiver konnotiert — Empowerment heißt, es bleibt, was es ist: Manipulation. Wie gut diese Beeinflussung von Kindesbeinen an funktioniert, haben die jüngsten „Fridays for Future“-Demonstrationen gezeigt: Wie die Lämmer laufen wir hinter Ideen her, von denen wir glauben, sie wären unsere ureigensten. Gerade will man uns — unter dem Vorwand einer nachhaltigen Entwicklung und mehr Gerechtigkeit für alle Menschen — mit Riesenschritten in den Überwachungskapitalismus „nudgen“. Und wie es aussieht, wird auch das problemlos funktionieren.

Im September 2015 haben 193 Nationen auf dem Gipfel der Vereinten Nationen (UNO) die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung angenommen. Jedes einzelne Wort in diesem Dokument scheint bewusst gewählt, denn bei der Lektüre der 17 Ziele muss jeder Mensch, der nur einen Funken Moral besitzt, ganz unweigerlich nicken. Wer könnte schon gegen wirtschaftliches Wachstum, soziale Inklusion und mehr Umweltschutz sein? Richtig, niemand! Dass es sich hier um gelungenes „Nudging“ und weniger um die angepriesene bessere Welt für die Menschheit handelt, dafür spricht ein anderes Dokument, das aus der gleichen Feder stammt.

Die Rede ist vom aktuellen Statusbericht „The Sustainable Development Goals Report 2020“. Dieser zeigt, worum es eigentlich geht — um unsere Daten. Wörtlich heißt es:

„Die Bedeutung zeitnaher, qualitativ hochwertiger, offener und disaggregierter Daten und Statistiken war noch nie so deutlich wie während der COVID-19-Krise. Solche Daten sind auch unerlässlich für die Konzeption kurzfristiger Reaktionen und beschleunigter Maßnahmen, um die Länder wieder auf den Weg zur Erreichung der ‚Sustainable Development Goals‘ (SGDs) zu bringen.“

Weiter heißt es:

„Viele der Datenprobleme, die in den ersten fünf Jahren der Umsetzung der SDGs aufgetreten sind, schränken die COVID-19-Reaktionen stark ein. Dazu gehört der Mangel an grundlegenden Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftsdaten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Krise den Routinebetrieb im gesamten globalen Statistik- und Datensystem stört und Verzögerungen bei geplanten Zählungen, Erhebungen und anderen Datenprogrammen zur Folge hat.“

Als Reaktion darauf hätten die Mitglieder der statistischen Gemeinschaft rasch Mechanismen eingerichtet, um durch Anpassung und Innovation der Datenproduktionsmethoden und -prozesse die operative Kontinuität zu gewährleisten. Bewertungen statistischer Operationen auf der ganzen Welt zeigten, dass Investitionen und Unterstützung für Dateninnovationen dringend erforderlich sind.

Zumindest wenn es um Gesundheitsdaten geht, hat der UNO-Musterschüler Deutschland mit dem E-Health-Gesetz und dem Digitalen-Versorgungs-Gesetz — DVG bereits seine Hausaufgaben erledigt. Auch hier ist „Nudging“ im Spiel, wie der Text auf der Webseite des Bundesgesundheitsministeriums offenbart:

„Die Versicherten erwarten zu Recht, dass medizinische Daten immer dann zur Verfügung stehen, wenn sie für ihre Behandlung benötigt werden. Und das unter Beachtung von Datensicherheit und Datenschutz.“

Wer kann dazu schon seine Zustimmung verweigern? Wer aber ins Detail geht, erkennt das trojanische Pferd, denn es geht weniger um uns, sondern — um unsere Daten.

Auf der Webseite des Bundesgesundheitsministeriums heißt es wörtlich:

„Große Datenmengen sind die Voraussetzung für medizinischen Fortschritt. Wir sorgen dafür, dass in einem Forschungsdatenzentrum die bei den Krankenkassen vorliegenden Abrechnungsdaten pseudonymisiert zusammengefasst werden und der Forschung auf Antrag anonymisierte Ergebnisse übermittelt werden.“

Haben wir diesem Vorgehen zu irgendeiner Zeit zugestimmt? Zählt zur Forschung auch die forschende Pharmaindustrie? Wenn ja, dann wird aus unseren Daten Geld gemacht, während uns das Ganze als wissenschaftlicher Fortschritt verkauft wird, für den wir selbstverständlich auch wieder bezahlen.

Am gleichen Strang wie die UNO zieht auch Klaus Schwab. Der Gründer des World Economic Forums (WEF) hatte im Januar wie in jedem Jahr das „Who is who“ aus Regierungen und Wirtschaft ins Schweizerische Davos geladen, um noch einmal auf die schnelle Umsetzung der Agenda 2030 zu drängen. Schon im nächsten Jahr sollen Nägel mit Köpfen gemacht werden.

Schwab verklausuliert den geplanten „Datenklau“ mit „The Great Reset“, meint damit aber eigentlich dasselbe wie die UNO, die uns ihr schönes neues Wirtschafts- und Sozialsystem mit der paradiesischen Aussicht auf eine gerechtere, nachhaltigere und widerstandsfähigere Zukunft schmackhaft machen will. Eine treffendere Wortwahl wäre selbst den „Nudge-Experten“ Thaler und Sunstein nicht eingefallen.

Denn dass die Reichen und Mächtigen plötzlich die Dringlichkeit erkannt hätten, unsere Welt zum Wohle aller Menschen zu verbessern, ist nach einem Blick in die Vergangenheit eher unwahrscheinlich. Wer hat in den letzten Jahren — ohne Rücksicht auf Verluste — unser Nahrungsmittel und unseren Boden mit Pestiziden verseucht, wer hat unsere Meere mit Schwermetallen und Plastikmüll vergiftet, wer hat für massenhaft Billiglöhner und verarmte Rentner gesorgt, und wer beutet die Menschen in den Entwicklungsländern seit Jahren schamlos aus? Wie realistisch ist es also, dass exakt diese Menschen nun eine nachhaltige und faire Welt „FÜR ALLE“ schaffen wollen?

Schwabs Worte und die seiner Mitstreiter erinnern doch vielmehr an eine Aussage des Stabschefs Barack Obamas, Rahm Emanuel:

„Man soll eine ernste Krise niemals ungenutzt verpuffen lassen.“

Wie man Krisen für seine Zwecke nutzt, wusste auch der ehemalige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble, der auf dem Deutschen Wirtschaftsforum der Wochenzeitung Die Zeit im Jahr 2012 folgendes von sich gab:

„Weil, wenn die Krisen größer werden, werden auch die Fähigkeiten, Veränderungen durchzusetzen, größer!“

Wie gut, dass es Corona gibt!

Wie realistisch ist vor diesem Hintergrund wohl die Forderung des Internationalen Währungsfonds (IWF) nach dem Ausbau der Sozialprogramme für Entwicklungsländer zugunsten der dort lebenden Menschen? Glaubt man dem ehemaligen Weltbankmitarbeiter Peter König, der mehr als 20 Jahre mit Wasserprojekten für die dritte Welt beschäftigt war, dann ist das ziemlich unrealistisch. In einem Interview mit Ken Jebsen spricht König Klartext:

„Weltbank und IWF haben sich zu korrupten Werkzeugen der Finanz-Elite entwickelt. Sie sind Oligarchen-Tools und werden konsequent eingesetzt, um ganze Kontinente auszubeuten und zu versklaven.“

Sehen so Weltverbesserer und Menschenfreunde aus?

Ein wenig klarer wird der „Great Reset“ durch die Rede des Microsoft-Präsidenten Brad Smith, auch wenn er seine wahre Agenda in schönste „Nudging“-Sprache verpackt. Smith will dafür sorgen, dass alle Menschen an der schönen totalvernetzten Welt teilhaben können. Und damit „niemand zurückgelassen wird“ — eine „Nudging“-Phrase, die sich durch sämtliche UNO-Dokumente zieht — bräuchte es jetzt den schnellen Ausbau der Breitbandtechnologie, die Versorgung der Weltbevölkerung mit digitalen Geräten und einen Datenschutz, der den Menschen die Akzeptanz von künstlicher Intelligenz erleichtert.

Was Smith nicht erwähnt, ist das Microsoft-Patent „WO2020060606 — CRYPTOCURRENCY SYSTEM USING BODY ACTIVITY DATA“. Diese innovative Entwicklung passt nämlich ganz ausgezeichnet zur total vernetzten und ach so nachhaltigen Welt des „Great Reset“, dessen Währung wohl unser aller Daten sein soll.

Die Patentschrift ist aufschlussreich, zeigt sie doch, mit welchen kranken Ideen man sich bei Microsoft beschäftigt:

„Die Aktivität des menschlichen Körpers kann in Verbindung mit einer Aufgabe, die ein Server einem Benutzer zur Verfügung stellt, in einem Mining-Prozess eines Kryptowährungssystems verwendet werden. Ein Server stellt eine Aufgabe für ein Gerät eines Benutzers bereit, das kommunikativ mit dem Server gekoppelt ist.

Bild

Bild: Screenshot zum Microsoft-Patent von der Webseite WIPO: World Intellectual Property Organization

Ein Sensor, der mit dem Gerät des Benutzers kommunikativ gekoppelt oder in diesem enthalten ist, erfasst die Körperaktivität des Benutzers. Auf Grundlage der Körperaktivität des Benutzers werden dann Körperaktivitätsdaten erstellt und das mit dem Gerät des Benutzers kommunikativ gekoppelte Kryptowährungssystem überprüft, ob die Körperaktivitätsdaten eine oder mehrere vom Kryptowährungssystem festgelegte Bedingungen erfüllen. Ist dies der Fall, wird dem Benutzer eine bestimmte Menge an Kryptowährung zugeteilt.“

Das erinnert mich an den verstörenden Film „Timekeeper“, nur dass in diesem Horrorszenario anstelle von Kryptowährung Lebenszeit zugeteilt wurde. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.Eine gerechte und nachhaltige Welt für alle Menschen sieht für mich etwas anders aus.

Allerdings bekommt vor diesem Hintergrund Schwabs Mantra, die vierte industrielle Revolution werde nicht nur die Art verändern, wie wir arbeiten, sondern uns selbst, eine völlig neue Dimension.

Ein wichtiges Ziel der Agenda 2030 ist auch die Umgestaltung unserer Städte in sogenannte „smart cities“, in denen alle Menschen gleichberechtigt und nachhaltig leben sollen. Schaut man sich verschiedene Ideen zur Umsetzung solcher intelligenten Städte an, wird klar, auch hier ist „Nudging“ im Spiel, das alles in rosarot taucht. Einen realistischeren Einblick gibt uns der börsennotierte französische Rüstungs- und Sicherheitskonzern The Thales Group, der auch Niederlassungen in Deutschland hat und sich mit der Umgestaltung des öffentlichen Nahverkehrs beschäftigt hat — selbstverständlich unter der Voraussetzung einer anhaltenden Maskenpflicht.

Unter der Überschrift „SafeJourney“ lesen wir eine Dystopie, wie sie Orwell und Huxley nicht besser hätten beschreiben können. Nachfolgend ein Auszug aus dem Text, der englische Originaltext findet sich hier:

Sichere Reise

Die Covid-19-Krise stellt die Bahn- und U-Bahn-Betreiber vor große Herausforderungen. Neben dem Schutz der Gesundheit der Fahrgäste stehen die Betreiber vor der gewaltigen Aufgabe, die Einnahmen wiederaufzubauen und das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherzustellen. Könnte die Digitaltechnik helfen?

Soziale Distanzierung auf der Schiene ist die neue Normalität. Es ist eine gewaltige Veränderung — und sie bedeutet, dass die Eisenbahnen heute ganz anders funktionieren müssen als vor der Pandemie (…)

In einigen Netzen besteht die Notwendigkeit, die Einhaltung der Maskenpflicht zu überwachen und auch die Körpertemperatur zu kontrollieren (…)

Die große Herausforderung für die Betreiber ist die Überbelegung. Selbst bei geringeren Passagierzahlen können die Menschenmengen sehr schnell anwachsen. Sobald sich der Stau aufbaut, haben die Passagiere wenig Kontrolle, da ein Umkehren oft unmöglich ist (…)

All dies verstärkt die Angst.

Diese Probleme sind im Normalfall schon schwer zu bewältigen. Aber in der Ära Covid haben sie eine neue Dringlichkeit angenommen. Was können die Betreiber tun?

Bessere Daten bedeuten bessere Entscheidungen.

Um diese Probleme zu lösen, hat Thales ein neues Produkt entwickelt, das die verteilte intelligente Videoanalyse nutzt. Dabei handelt es sich um eine KI-basierte Lösung auf Basis von Bildverarbeitungsalgorithmen zur Messung der Passagierdichte. Dieselbe digitale Technologie kann auch zur Überwachung des Maskentragens verwendet werden (…)

‚Verkehrsbetriebe können nicht überall sein, deshalb brauchen sie einen Überblick darüber, wo es überfüllt ist und wo nicht‘, erklärt Stéphanie Joudrier, Transportation Video and Security Product Line Manager bei Thales. ‚Unser Ansatz besteht darin, lokale Echtzeit-Informationen über die Passagierdichte (…) bereitzustellen, damit sich die Betreiber auf die Orte konzentrieren können, an denen es ein Problem mit der sozialen Distanzierung gibt.‘

Das Schöne an der Lösung von Thales ist, dass sie bestehende CCTV-Netzwerke nutzt, so dass keine zusätzlichen Kameras installiert werden müssen. Sie kann entweder als Cloud-Lösung oder über vollständig auf dem Gelände installierte Geräte bereitgestellt werden.

Die von Thales entwickelte Technologie ermöglicht nicht nur die Messung der Passagierdichte, sondern auch die Überwachung der Passagierströme. Die Lösung nutzt Tap-in-/Tap-out-Daten von Ticketing-Systemen, um die Fahrten der Passagiere zu rekonstruieren (…)

Diese Technologie wird bereits von Betreibern in Hongkong und Spanien eingesetzt.

Zusätzlich zu den beiden oben beschriebenen Lösungen kann Thales seinen Kunden Wärmebildtechnologie zur Überwachung der Körpertemperatur anbieten (…)

Die datengesteuerten Lösungen von Thales zeigen den Betreibern nicht nur, was vor sich geht, sondern helfen ihnen auch bei der Durchführung von Interventionen, um eine Überfüllung zu verhindern und die soziale Distanzierung aufrechtzuerhalten.

‚Informationen über die Passagierdichte in Echtzeit sind von enormem Wert‘, sagt Joudrier. ‚Man kann sie zum Beispiel mit Fahrgastinformationssystemen und Smartphone-Apps verknüpfen, um die Fahrgäste während ihrer gesamten Reise zu leiten.‘

‚Bahnhofsmanager können den Zugang zu Bahnsteigen dynamisch blockieren‘, erklärt Joudrier.

Die leistungsstarken digitalen Tools von Thales sind mit Dashboards ausgestattet, so dass die Betreiber leicht visualisieren können, was im gesamten Netzwerk geschieht. In der Zwischenzeit ermöglichen statistische Tools den Betreibern, Daten über die Einhaltung der Maskenpflicht zu sammeln.“

Bei dieser Horrorvision eines öffentlichen Nahverkehrs finden wir auch wieder die Zauberworte der vierten industriellen Revolution: Daten, künstliche Intelligenz, Überwachung, Kontrolle!

Was ich nicht finden konnte, sind die paradiesischen Zustände der Agenda 2030. Wen solche Szenarien nicht ängstigen, der hat nicht verstanden, worum es hier geht und wohin uns die schönen Versprechen auf eine bessere Welt tatsächlich führen: Vielleicht in einen digitalen Überwachungskapitalismus, wie ihn Shoshona Zuboff in ihrem Buch „The Age of Surveillance Capitalism: The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power“ beschreibt.

Eines ist klar: Dauerüberwachung und Kontrolle gibt es nur mit einer digitalen ID, weshalb auch diese „nudging-gerecht“ verpackt werden muss: Die Schlagworte sind wie so oft Inklusion, Teilhabe, Menschenrechte und Selbstbestimmung. Dass wir dadurch vollkommen gläsern werden und unsere Privatsphäre opfern, wird selbstverständlich mit keinem Wort erwähnt.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch das Dokument „The Future of Digital Identity“ von Dr. Robin Pharoah. Hier heißt es unter dem Punkt „Privacy“: Eine digitale ID würde den Datenschutz enorm verbessern, da jeder Nutzer die volle Kontrolle über seine Daten hätte und gänzlich frei entscheiden könnte, wem er Zugriff auf welche Daten gewähren wolle. Ist das wirklich so?

Mitnichten, denn unsere Daten werden schon heute weitgehend ohne unser Wissen aufs Schamloseste veruntreut. Ein durchgesickertes Facebook-Dokument aus dem Jahr 2018 beschreibt das maschinelle Lernsystem, das „jeden Tag Billionen von Datenpunkten aufnimmt“ und „mehr als sechs Millionen Vorhersagen pro Sekunde“ produziert, sagt Shoshana Zuboff. Diese Vorhersageprodukte würden die Digitalkonzerne schon heute an Geschäftskunden auf Märkten verkaufen, die mit menschlichen Termingeschäften handeln — sogenannten „Human Futures“.

Zuboff ist nicht irgendwer, sie saß vor ihrer Emeritierung auf dem Charles Edward Wilson Lehrstuhl an der Harvard Business School und war Fakultätsmitglied am Berkman Klein Center for Internet and Society an der Harvard Law School.

Daten sind das Gold der Zukunft und dürften im Rahmen von Industrie 4.0 noch weitreichender ausgebeutet werden.

Denn die Daten, die wir im Netz hinterlassen, reichen den Datenkraken schon lange nicht mehr, sie wollen unseren Spaziergang im Park, unsere gesamte Kommunikation, unsere Jagd nach einem Parkplatz, unser Gesicht und unsere Stimme am Frühstückstisch, sagt Zuboff. Denn der Überwachungskapitalismus braucht unsere Daten künftig nicht mehr nur für die Verbesserung von Produkten und Dienstleistungen, er will im großen Stil unser Verhalten vorhersagen.

Der Überwachungskapitalismus begann ganz still und leise bei Google, wanderte zu Facebook, Microsoft und Amazon und wurde so langsam zur Standardoption des Technologiesektors, erklärt Zuboff. Doch mit Industrie 4.0 ist er nun in der gesamten Wirtschaft auf dem Vormarsch: Vom Versicherungswesen über den Einzelhandel, das Finanzwesen und das Gesundheitswesen bis hin zum Bildungswesen.

Das passt auch zur Forderung von Schwab: Beim „Great Reset“ müssten alle Länder und sämtliche Industrien — ohne Ausnahmen — dabei sein. Denn eine KI wird umso besser, je mehr Daten sie verarbeiten kann. Unser Surfverhalten alleine reicht hierzu nicht aus, benötigt wird unser gesamtes Leben — von der Wiege bis zur Bahre. Nur so kann unser Verhalten auch „gestaltet“ werden, nur so lässt sich der automatisierte Menschen kreieren, dessen Verhalten endlich auch garantierte Vorhersagen ermöglicht.

Perfide ist das Ganze, weil diese Systeme so konzipiert sind, dass sie sich unserem Bewusstsein entziehen. Damit untergraben sie unser Handeln, eliminieren unsere Entscheidungsrechte und schränken unsere Autonomie ein. Dies führt zu einer extremen Konzentration von Wissen und Macht bei einigen wenigen und zu Ohnmacht bei den vielen.

Überwachungskapitalisten haben die Digitalisierung für ihre Zwecke gekapert und sie sind reich und mächtig, sagt Zuboff, aber sie sind nicht unverwundbar. Besonders fürchteten sie sich vor Bürgern, die auf einen anderen Weg bestehen und vor möglichen Gesetzen, die ihre illegale Datennutzung ächten. Einfach ist der Kampf gegen sie aber nicht, denn die Summen, die ihr Geschäftsmodell generiert, sind gigantisch. Visual Capitalist prognostiziert alleine für Smart City Produkte und Services bis 2025 ein Marktvolumen von 2,57 Billionen Dollar und ein jährliches Wachstum von 18,4 Prozent. Und das renommierte Anlegermagazin Barron’s widmete am 4. Januar 2019 einen ganzen Artikel den neuen „sustainable funds“.

Wenn wir also etwas ändern wollen, müssen wir ihre „Nudging“-Strategien durchschauen, Fragen stellen und Gesetze fordern, die uns und unsere Rechte vor Überwachung und Kontrolle schützen. Andernfalls dürften wir über kurz oder lang das verlieren, wofür so viele gekämpft haben: unsere Selbstbestimmung und unsere Demokratie.


Quellen und Anmerkungen:

Lektüre zum Thema Nudging:

https://medium.com/@mary.maclennan/applying-behavioural-insights-at-the-united-nations-a-year-in-review-5ee50ca05ab9
https://www.undp.org/content/undp/en/home/librarypage/development-impact/behavioural-insights-at-the-united-nations--achieving-agenda-203.html
https://nudging4sustainability.com
https://www.stockholmresilience.org/education/educational-news/2015-08-25-nudging-sustainable-behaviour.html
https://www.environmental-finance.com/content/the-green-bond-hub/green-and-social-together-nudging-sustainability-bonds-in-the-right-direction.html
https://mobility.mit.edu/nudging

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