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 Ruhe in Frieden, Bruttoinlandsprodukt!

Ruhe in Frieden, Bruttoinlandsprodukt!

Eine einzelne, unschuldig aussehende Kennzahl zerstört unser aller Wohlergehen, unser Glück und unser friedliches Miteinander. Das BIP gehört verboten. Und zwar sofort.

Wer zukünftig öffentlich die Fake News verbreitet, das sogenannte Bruttoinlandsprodukt BIP stelle einen Maßstab für unseren gesellschaftlichen Wohlstand oder unsere Lebensqualität dar, macht sich strafbar und wird im Wiederholungsfall mit Geldbußen nicht unter 3 Bruttomonatsgehältern belegt. Dieses Verbot ist überfällig, denn tatsächlich stellt das BIP lediglich einen phänomenalen Gradmesser für unsere kollektive Beschränktheit dar. Schon der Erfinder des BIP, US-Ökonom Simon Smith Kuznets, betonte 1934 öffentlich, seine schlichte Kennziffer sei als Indikator nur äußerst bedingt geeignet, Wohlstand oder gar Wohlergehen zu messen, Robert Kennedy beerdigte das Konzept 1968 mit den Worten:

„Das BIP misst weder unseren Verstand noch unseren Mut, weder unsere Weisheit, noch unser Mitgefühl […]. Es misst kurz gesagt, alles außer dem, was das Leben lebenswert macht“, und Meinhard Miegel konstatierte am eigentlich längst geschlossenen Grab der teuflischen Nummer, Wohlstand und Wachstum mittels des BIP ermitteln zu wollen entspreche dem Versuch „den Blutdruck mit Hilfe eines Thermometers zu bestimmen“.

Dennoch war das BIP jahrzehntelang nicht totzukriegen, und das, obwohl wir wussten, dass es nicht nur nutzlos war, sondern zunehmend verheerend wirkte. Aber da wir uns nicht auf den besten der zahlreichen weniger verheerenden alternativ entwickelten Indikatoren einigen konnten, bleiben wir einfach beim verheerendsten. Dieses tumbe Aussitzen und alternativlose Augenverschließen ist zwar weiterhin populär und wird insbesondere in Deutschland stabil wiedergewählt, ist aber hiermit in Sachen BIP zu den Akten gelegt.

Teufelszahl im Schafspelz (exorziert)

Werfen wir abschließend einen schaudernden Blick zurück – und einen optimistischen nach vorn: das Bruttoinlandsprodukt BIP gibt bekanntlich lediglich den Gesamtwert der binnen eines Jahres in einer Volkswirtschaft erzeugten Waren und Dienstleistungen an, die Veränderungsrate des BIP beschreibt mithin die Veränderung der volkswirtschaftlichen Aktivität, ein steigendes BIP drückt zunehmendes wirtschaftliches Wachstum aus. Mehr nicht.

Da uns tendenziell alles überfordert, was nicht in einen kurzen Hauptsatz passt oder in eine Zahl mit einem „+“ davor, ist unsere Betrachtung des BIP verkürzt auf eine einfache „gefühlte“ Wahrheit, verkündbar binnen weniger Sekunden im heute-Journal. Ein steigendes BIP bedeutet: Es geht es uns gut, ein stagnierendes oder sinkendes BIP bedeutet: Es geht es uns schlecht - und demnächst garantiert an den Kragen.

Diese unsere allzu schlichte Wahrnehmung des Indikators aber war schon seit langem gefährlicher Blödsinn gewesen, denn das BIP hatte sich schon vor Jahrzehnten zur positiven Zahl vor einer negativen Entwicklung entwickelt. Und zwar nicht nur, weil es keine Moral kennt und vieles schlicht „nicht auf dem Schirm hat“ (wie zum Beispiel unbezahlte Arbeit oder den Verbrauch von natürlichen Ressourcen), sondern auch, weil es aus einer längst vergangenen Zeit des Mangels stammt und spätestens mit dem Übergang in unsere Epoche der erfüllten Bedürfnisse auf verheerende Weise irreführend geworden war.

Sich das an einem fast beliebigen Beispiel klarzumachen, ist vergleichsweise simpel. Fahren Sie morgens in ihrem privaten PKW unfallfrei zur Arbeit, erzeugt diese Fahrt keinen nennenswerten Zuwachs des BIP – abgesehen von ein paar Euro für Ihre Tankfüllung, ein paar Cent anteiliger Inspektionsrechnung und ggf. dem Preis einer Frühstückssemmel an der Tanke. Verursachen Sie hingegen auf Ihrer Fahrt eine Massenkarambolage auf der Autobahn, erzeugen Sie einen gewaltigen positiven BIP-Zuwachs an Dienstleistungen und Warenproduktion, denn statt der unfallfreien 6,50 € für Sprit und Semmel sorgen Sie für einen Zuwachs von zirka 500.006,50 € in Form von Dienstleistungen (Krankenwagen, Notfallärzte, Sanitäter, Hubschraubereinsatz, Reparaturwerkstätten, Schrottpressen, personeller Aufwand bei Versicherungen, Anwälten, Gerichten, Sachverständigen, Bestattungsinstitut, Krematorium) sowie bei der Warenproduktion: die aufgrund von mehreren Totalschäden erforderliche Fertigung mehrerer Neuwagen veranlasst das BIP zu einem gewaltigen Freudensprung.

Der Vorfall ist zwar fraglos eine Katastrophe und unter keinerlei Umständen positiv zu bewerten, aber genau das „tut“ das BIP. Beziehungsweise tun wir, indem wir das BIP falsch lesen.

Das Beispiel lässt sich problemlos überall hin übertragen. Die EHEC-Katastrophe war fürs BIP ein Segen, gesund bleibende Sprossenesser sind es nicht.

Jedes gesundheitsgefährdende Medikament treibt das BIP hinauf, gesunde Menschen sind komplette Wachstumsbremsen, ein Besuch beim Psychiater ist besser als ein Gespräch unter Freunden, und jeder Einsatz der Mordkommission schafft einen BIP-Zuwachs, während allgemeiner Frieden gefährliche Stagnation bedeutet.

Aber damit nicht genug. Fehlgeleitet von den allgegenwärtigen Hohepriestern des bedingungslosen Wachstums sind wir noch ein paar Schritte weiter gegangen. Denn wo partout keine weiteren Unfälle oder Katastrophen unserer Beruhigungszahl auf die Sprünge helfen wollen, helfen wir uns selbst, indem wir wenn schon nicht lebensgefährliche, so doch möglichst viele sinnlose Transaktionen finden und befördern – beispielsweise, da unbezahlte Arbeit ins BIP grundsätzlich nicht einfließt, indem wir zwei nebeneinander wohnende Mütter von jeweils drei Kindern animierten, als Tagesmütter berufstätig zu werden und die insgesamt 6 Kinder einfach morgens über den Gartenzaun zu tauschen. Das gefällt zwar weder den Kindern noch den Müttern, wohl aber dem BIP, denn beide Mütter tragen qua Tausch als Dienstleistende zu dessen Steigerung bei. Gleiches gilt für alles bezahlte Zettelsortieren, Formulareerfinden sowie Gesetze-und-Verordnungen-Erfinden also die Hin- und Herverwaltung von Dingen, für deren Hin- und Herverwaltung es keinen vernünftigen Grund gibt – nur, eben, das BIP.

Wir könnten uns auch den ganzen Tag honorarpflichtig gegenseitig blau anmalen und danach gegenseitig kärchern. Oder, besser noch für´s BIP: Konsumieren ohne Konsumenten. Denn das BIP interessiert ja nur die wirtschaftliche Aktivität, nicht der Akteur, geschweige denn dessen Befinden.

Das BIP freut sich also, wenn Sie Ihr komplettes bedingungsloses Grundeinkommen bargeldlos für Gas, Strom, Dauerauftrag-amazon-Bestellungen und Pizzadienste ausgeben, das BIP freut sich auch, wenn die ganzen Pakete und Pizzen, die unberührt vor ihrer Tür stehen, alle 2 Wochen vom Müllroboter abgeholt und entsorgt werden. Denn dass Sie seit 2 Jahren tot in ihrer Wohnung liegen, ist dem BIP ja herzlich egal.

Weil, eben, das BIP alles für uns Wesentliche bei seiner sinnfreien Zählerei nicht berücksichtigt – was nicht zuletzt daran liegt, dass wir allem Wesentlichen keinen Preis zugeordnet haben. Das BIP erfasst also den Abbau von Ressourcen oder Menschenleben lediglich positiv als Wirtschaftstransaktionen, nicht aber gleichzeitig (mit negativem Vorzeichen) als Verlust an Vorräten, als Vernichtung von Lebensgrundlagen oder von Leben selbst. Auf der anderen Seite der Bilanz erfasst das BIP erfasst konsequent weder ehrenamtliche Tätigkeiten noch Hausarbeit, Kinderbetreuung oder häusliche Pflege, noch Freiwilligkeit oder Mitmenschlichkeit, geschweige denn Dinge wie Glück und Zufriedenheit. Das BIP kennt nur Preise, keine Werte, was nichts kostet, ist folglich auch nichts wert.

Das BIP-Denken hat uns geistig wie materiell verarmt. Verloren haben wir Lebensqualität, Sinn und – siehe Massenkarambolage, Sprossen oder andere Katastrophen – eine Menge Leben.

Und gerät das BIP wegen konjunktureller Dellen (absehbar) doch mal wieder ins Straucheln, sind wir gut vorbereitet. Denn für diesen Notfall können wir auf ein bewährtes Dopingmittel für unseren Indikator zurückgreifen und ihn fast aus dem Stand auf sagenhafte 10%-Wachstumsraten hochschnellen lassen. Das Mittel heißt „Wiederaufbau“. Dazu fehlt uns ja eigentlich nur noch der ultimative BIP-Booster, das historisch bewährte Wachstums-Vorprogramm: Krieg.

Spätestens hiermit wissen wir a) weshalb um uns herum so viel getrommelt wird für einen neuerlichen Ausflug über die Rollbahn nach Osten, aber auch b) dass das, was uns da im heute-journal jahrzehntelang allabendlich so sanft Richtung Schlummer beruhigt hatte, tatsächlich schon immer ein Grund für haufenweise schlaflose Nächte gewesen war.

Aber jetzt sind wir ja wach. Und das BIP ist verboten.

Eine Zahlenbande mit Moral

Ersetzt wird das BIP durch eine Zahl mit Moral. Beziehungsweise, übergangsweise, durch ein Zahlen-Trio oder -Quartett mit Moral, denn wir werden nicht wieder die Flinte ins Korn werfen und das BIP im Amt lassen oder reanimieren, nur weil uns wieder nicht die eine geeignete Kennziffer einfällt. Den Zirkus hatten wie ja schon, jahrzehntelang, auf die Spitze getrieben 2009, als Nicolas Sarkozy die Stiglitz-Kommission einsetzte - und diese schon damals zum Ergebnis kam, die Politik müsse „schnellstens“ handeln, ohne jedoch einen konsensfähigen Vorschlag vorlegen zu können - obwohl Einigkeit bestand, dass das BIP nichts taugte. Diese Einschätzung teilte auch die „schnellstens“ vom deutschen Bundestag 2013 eingesetzte Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ – ohne daraus irgendwie dringend etwas Nützliches entwickelt zu haben. Eben: Weil man sich zwar einig war, dass man einen anderen Gradmesser brauchte, aber uneins, welchen. NWI? HDI? HPI? HSDI? GINI?

Mh. Tricky. Schwer zu sagen. Welcher darf´s denn sein? Der irritierende Happy-Planet-Index? Der Dänemark mal im Keller sieht (2015), mal auf Platz 2 (2017)? Und Deutschland in „gefühlt guten Jahren“ auf Platz 47 (2012), in Krisenjahren auf 16 (2017)? Immerhin: der launische HPI müht sich wenigstens, Zufriedenheit und Nachhaltigkeit gleichzeitig zu berücksichtigen, ebenso wie der Human Development Index (HDI), der ökologischen Fußabdruck und Lebenserwartung, Bruttonationaleinkommen pro Kopf sowie Bildungsindikatoren kennt, nur leider keinen gemeinsamen Nenner findet, da all diese Komponenten dummerweise in ganz unterschiedlichen Einheiten vorliegen. Mangels Genies debattieren wir uns also fröhlich weiter einen Wolf von NWI bis HDI, von bis HPI bis HSDI bis GCI, von Gini bis Bhutan-Glücksfaktor - und stören unterdessen das BIP nicht bei seiner zerstörerischen Arbeit, sehr zu Freude seiner Lobbyisten.

Und genau hier - oder lag - unser Denkfehler. Das BIP entspricht einem tyrannischen Vollidioten im gewählten Präsidentensessel, mit 10% Zustimmung. Seine 12 Gegenkandidaten, allesamt mehr oder weniger vernünftige Zeitgenossen, kommen jeweils auf Zustimmungswerte zwischen 7,5% und 9,5%, haben daher zusammengenommen und unterm Strich 90% von uns auf ihrer Seite.

Aber wir haben das tyrannische BIP mit seinen 10% Fans im im Amt gelassen, weil wir uns nicht auf die eine schlauere Präsidialzahl einigen konnten. Präsentierte man uns eine solche Lösung im wirklichen Regierungsleben, fiele wohl jedem von uns auf, dass man hier gefälligst koaliert - und den minderbemittelten 10%-Vollidioten in die Opposition schickt.

Und genau das machen wir jetzt. Das BIP ist mit sofortiger Wirkung ersetzt durch ein Trio oder ein Quartett. Es wird uns nämlich nicht überfordern, temporär 3 oder 4 Ziffern mental zu verarbeiten, die das heute-Journal uns gelegentlich serviert. Die auszuwählenden 3 oder 4 verbindet dabei jedenfalls Wesentliches: Relevanz. Denn alle bewerten die im Beobachtungszeitraum stattgefundenen wirtschaftlichen Transaktionen im Sinn unserer gemeinsamen Ziele als „wünschenswert“ (+) oder „nicht wünschenswert“ (-) und erzeugen so eine Kennzahl, die tatsächlich Aussagekraft hat. Und es ist ganz und gar nicht tragisch, sollte uns nicht direkt übermorgen etwas wirklich Geniales im Sinn von „wahren Werten“ einfallen – solange bewerten wir halt das, was uns wichtig ist, weiter mittels der bewährten Methode, indem wir es mit Preisschildern versehen. Vor allem die Natur (resp. den Verbrauch an Natur) sowie, tatsächlich „Wohlergehen“. Das ist zwar unbezahlbar, aber solange es sich nicht anders fassen lässt, bekommt es eben ein Preisschild als Krücke (und hängt damit das neue iPhone vermutlich spielend ab). Monetär angemessen erfasst werden in diesem Übergangsmodell – selbstredend – auch und gerade Tätigkeiten, die wir gemeinsam als wertvoll hochschätzen, wie die von Müttern oder Pflegern oder Lehrern. Um das mittels Eselskrücke abzubilden, müssen wir ja nur Mütter, Pfleger und Lehrer gescheit hoch bezahlen – und Manager, Wirtschaftsexperten oder sinnlose Zettelsortierer eben gescheit schlecht.

Das Auffinden der einen endgültig alle seligmachenden Kennzahl debattieren wir dann entspannt weiter, auf dem Weg. Am Ende wird sich schon was finden, was HPI, HDI und NWI gescheit zusammenfasst. Und wenn nicht, bleibt´s halt beim Trio oder beim Quartett.

Das BIP aber ist hiermit verboten und krachend dorthin geschickt, wo´s hingehört, nämlich als bizarre Verirrung in die Propaganda-Geschichtsbücher.

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