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Rohe Vorweihnachtszeit

Rohe Vorweihnachtszeit

Auch in diesen Wochen voller Lichterglanz kann das Grauen jederzeit in Gestalt der Staatsgewalt hervorbrechen.

Dieser Text entstand anlässlich einer Adventsinitiative meiner demokratischen Kollegen. Türchen für Türchen sollen die Geschehnisse der Menschen mit eigenwilliger Haltung seit der temporär gelungenen, nun quasi virusartig in den kollektiven Ganglien persistierenden Etablierung der Neuen Normalität sichtbar gemacht werden. Mir stand der Sinn danach, mich der lichten Momente in all dem Dunkel-Grauen zu erinnern. Sie stechen ganz besonders hervor, wie man des Nachts leicht feststellen kann.

Außerdem, liebe Leserinnen und Leser, wurden wir in Wahrheit beschenkt. Dieses Geschenk kam nicht ohne Schmerzen daher. Doch neben unserer Illumination, die uns die Gesetzmäßigkeiten der Polarität auf Erden endlich bewusst machen konnte, blicken wir auf einen Fundus an Absurditäten, der uns in literarischer Sicht auf Jahre hinweg unvergleichliche Dienste leisten wird.

Wenig lieblich

Freilich, ich könnte abschweifen in Erinnerungen, die wenig lieblich daherkommen aus diesen letzten Jahren seit dem Frühjahr 2020. Von traurigen Erlebnissen im Kindergarten, die unser Kind, Kind dieser widerspenstigen Eltern, einsam zurückließen. Von entsetzlichen Erlebnissen an unserer doch mit Bedacht gewählten Montessorischule, als die Schulleitung die Masken fallenließ; indes nur in metaphorischem und wenig philanthropischem, schon gar nicht kinderseelenliebendem, ach, sagen wir wenigstens: kinderseelenschonendem Sinne. Von Erlebnissen auf dem Eisplatz, die das Wesen derjenigen Abart gesellschaftlicher Auswüchse markiert, die ich an anderer, weniger adventlicher Stelle in ihre kleinsten Einheiten sortiere. Von verstörender Gewalt, die wir erleben mussten, Gewalt bewaffneter Einsatzkräfte der Polizei an friedlichen Demonstranten.

Enden könnte ich bei der illustren Runde leidlich engagierter Staatsschutzbeamter in unserem Wohnzimmer, geschickt von deutlich stärker animierter Staatsanwaltschaft, die unserer eigentümlichen Weise, dem Morgen zu begegnen, beiwohnen durfte. Sie verzichtete ausdrücklich auf Tee, wollte sich — die erschöpfende Veranschaulichung der Szenerie verlangt die Erwähnung dieses Details — nicht ihres feuchten Schuhwerks entledigen — konnte mich nicht zur Maskerade gewinnen und stand sich über Stunden im räumlich auf weniger Staatsschutzbeamte ausgerichteten Wohnzimmer über die Maße im Wege. Rechnet man Kinder und Hasen inklusive Spielgerät dazu, ergibt sich leicht ein solches Bild, das üblicherweise mit Alltagsdingen oder wenigstens Tanz und Musik assoziiert ist, doch weniger mit Staatsbediensteten, gekleidet in kugelsicherer Schutzweste. Nicht zu unterschlagen, bereits für kommende Generationen: mit dieser Maskierung im Gesicht!

Tristesse im Innern der Runde hätte leicht auf uns überschwappen können. Über die Öde half ihnen zuletzt mein Regal mit Druckwerk, dem sie so manch anregenden Beitrag zur Pflege derartiger Gesellschaften entnehmen durften, die nach Demokratie trachten. All dies, liebe Leserinnen und Leser, ohne je einen Nazi bei uns dingfest machen zu können, denn da war keiner. Würde ich also diese Richtung einschlagen für meine adventliche Rückschau, stieße ich in Gründe vor, die meinen Trübsinn mehrten, statt meiner Freude.

Das Schöne aus der Fratze

In diesem ganzen und ganz und gar groben Unrecht, dem wir leibhaftig ins Antlitz geblickt haben, sind nämlich auch ganz und gar wunderbare Dinge geschehen. An dieser Stelle nicht zu sprechen von der Summe an zuverlässigen Gefährten für alle Widrigkeiten des Lebens, denen man in dieser Zeit geradewegs in die Arme lief. Zu sprechen sei vielmehr von den unbeträchtlich daherkommenden, doch in Wahrheit bedeutenden Gegebenheiten. Sie wurden geschaffen durch eine Situation, die ihre Fratze offenbarte und damit das Schöne ungleich deutlicher herausstellte, als es in Friedenzeiten je möglich wäre. Denn diese Zeiten der Sättigung und Gleichförmigkeit führen dazu, dass sich in ihr gar so leicht die Beliebigkeit ausbreitet. Nie wieder sollte es kehren, dieses Unrecht, ginge es nach meinen Wünschen. Doch danken will ich dem Leben aus vollem Herzen für diese Erfahrung.

So erinnere ich mich heute besonders an eine Frau zierlicher Statur, eine Bedienstete der Polizei, die mir in Dachau begegnete. Eingeladen, auf einer Demonstration zu sprechen, betrat ich das Gelände damals wie für meine Verhältnisse üblich, bar jeder Maskierung. Weil mein unverrückbares „Nein“ zu Regelwerk, das jeder Notwendigkeit und Ethik entbehrte, jedem Wohle der Menschheit und nicht zuletzt meinem persönlichen Wohl zuwiderlief, mir in diesen Jahren sehr weit half, doch nicht zuverlässig in Gegenwart polizeilicher Amtspersonen, verwies ich auf mein Dokument, das ihnen zur Ansicht diente.

Ein Kreis mehrerer männlicher, hochgewachsener Polizeibeamter wies mich ab und versicherte mir, dass ich das Gelände bar jeder Gesichtsverhüllung nicht betreten könnte. Mein Dokument wollten sie nicht anerkennen. Unnötig an dieser Stelle auszuführen, dass sich keiner der Amtspersonen veranlasst sah, auch nur ein kleines Argument der Rechtskunde zu bemühen. Man sagte „Nein“ qua Subordinationsverhältnis.

Nun, das haben wir kennengelernt. Wir, die wir eine eigenwillige Sichtweise zu Demokratie und Menschenrecht zu äußern gedachten, eine eigenwilligere jedenfalls, als gesetzgebende, doch meist nur Verordnungen erlassende Regierungen sie Realität werden ließ. Ich selbst kannte dieses „Nein qua Subordinationsverhältnis“ aus Erzählungen, ungarische und rumänische Verhältnisse der vergangenen Jahrzehnte betreffend und unbedingt aus der Süddeutschen Zeitung. Was berichtete sie eingehend von totalitären Systemen. Ein Lob der Aufklärung!

Jetzt lernte ich dieses Nein kennen, bis es mir in Fleisch und Blut überging, wie das Bewegen im öffentlichen Raum ohne Zustimmung zur öffentlichen Parole. Dieses Nicht-Mitmachen-Wollen bei dem, was man uns geflissentlich als nicht zu hinterfragende Neue Normalität angedeihen ließ, erzeugte Reibung, doch manchmal gar warme. Nie werde ich wieder vergessen, wie es sich anfühlt, als Ketzer, der ohne Umschweife als Ketzer erkannt werden konnte, Gemüse zu kaufen, das Rathaus zu betreten, oder an den Überbleibseln sozialer Verflochtenheit teilzuhaben. Nie wieder vergesse ich, welcher Haltung es dafür bedarf, um zu bestehen.

Begehrlichkeiten bis zur Stille

Und so stand ich da, wenig beeindruckt ob der Abweisung an diesem Tag und doch ohne in mir das Verlangen wahrzunehmen, unverrichteter Dinge nach Hause zurückzukehren oder gar eine neu ersonnene Tagesbeschäftigung in Angriff zu nehmen. Ich bat also darum, mich zum Vorgesetzten zu geleiten. Dies versagte man mir ohne Umschweife, da ich bekanntermaßen nicht willens war, meine Zustimmung zu irgendeiner der Auswüchse dieser Neuen Normalität auszudrücken: Ohne Mal des Zustimmenden keine Begehr-Erfüllung. Eine eindeutige Sache. Ich bestand und bestand aber darauf und wie ich dabei war, auf meinem Begehr zu bestehen, wuchs bei meinem Gegenüber das Begehr, meinem Begehr zu widerstehen. Auf dem Gipfel unserer Begehrlichkeiten angekommen, hätte es sozusagen keiner weiterer Begehrlichkeiten bedurft. Die Atmosphäre war in demjenigen Sinne gesättigt, was Begehrlichkeiten anging. Für einen Moment verharrte alles still. Die Beamten, alle Anspruchsteller, sie wagten gerade ihr leises Atmen und selbst die Vögel …

Ich blickte in ein dunkelrotes Gesicht, konnte meines nicht betrachten, stand ich ja in Dachau auf einem weiten Gelände ohne spiegelnde Fläche und sah zu, wie mein Ansprechpartner sich endlich abwandte. Er verschwand in dem Bauwerk, in dem ich den Vorgesetzten vermutete und kehrte nach kürzesten Augenblicken wieder mit seiner Nachricht, der Vorgesetzte lehne mein Begehr ab. Ich widersprach in der Verlautbarung, man solle den geschätzten Vorgesetzten anstelle meines Zutritts herausbitten. Ich hätte nämlich ein Quantum rechtlicher Argumente vorzutragen und alle Angelegenheiten an diesem Tage und für die kommende Zeit verlängerten sich, weil ich in der Sache nicht vorhätte, von meinem Begehr abzurücken.

Lieber Leserin, lieber Leser, meine Fahrt war weit nach Dachau, eine Rückfahrt unverrichteter Dinge hätte bereits das ökologische Missverhältnis vergrößert, was geradewegs in Sachen moderner Anliegen ein Desaster für sich darstellte und außerdem ging es um eine Abwägung dringlicher Güterinteressen und ich hielt an meiner Sicht der Dinge fest. Gänzlich frei von Überraschung vernahm ich die Einlassung meines Anspruchsempfängers, er beabsichtige auch an dieser Stelle, mein Begehr nicht zu erfüllen.

In diesem Moment fiel mein Blick auf die Kollegenschaft des Herren. Ich betrachtete beeindruckt, wie unwohl dieser in der Zwischenzeit geworden war. Einer der Bediensteten übte sich in Regulierung seines Unwohlseins, in dem er begann von anderen bedeutenden Einsätzen in seiner Biographie als Bediensteter zu erzählen. Jene Frau zierlicher Gestalt, gekleidet in Dienstuniform, die ich einige Minuten zuvor erwähnte, schaute unruhig von ihrem Kollegen zu mir und in sich hinein.

Und plötzlich spurtet sie los

Ich trat kurzerhand an sie heran und bat, mir in der Sache weiterzuhelfen. Sie tat indes einen Schritt zurück und erklärte, sie könne nichts tun und ich fragte nach und Sie wissen schon — ich insistierte. Umgehend wandte sich der sich selbst zum Anspruchsgegner der Stunde erhobene Beamte an sie. Schroff wies er sie darauf hin, sie solle die Anspruchserfüllung mitnichten in Erwägung ziehen.

Daraufhin sprach ich zu dieser Frau und er tat es auch. Ein Gesprächskonzert in zwei Stimmen, auf die Ohren dieser Dame zielend. Ich mag mir kaum auszumalen, welche Kakophonie diese Klänge erzeugt haben mögen, erkannte jedenfalls, wie sie losspurtete, hinein in dieses Haus, in dem ich noch längstens den Vorgesetzten vermutete. Hinterher ihr Kollege, jener, roten Gesichtes, die Hand nahe ihrer Schulter. Sie war flink, schneller, als ich zu hoffen vermochte, und entkam diesem Kollegen, der sich verantwortlich fühlte, mein Begehr abzuweisen, mehr noch, als jeder andere Kollege an diesem Tage.

Ich wartete und lauschte indes dem fortwährend von der Arbeit an seiner inneren Balancierung in Anspruch genommenen Bediensteten, der ganz erstaunliche Einsätze erlebt hatte in seiner immerhin noch jungen Vita. Einsätze mit ganz erstaunlich widerspenstigen Bürgern in demokratischem Begehr und ich fragte nach, hie und da und er machte ein mürrisches Gesicht.

Fanfarenklänge

Heraus kam dann, und es fehlten die Klänge der Fanfaren nicht arg, denn ich hörte sie deutlich in meinem Ohr, ohne deren Einspielung seitens Fanfarenbläser in Dachau selbst: der Vorgesetzte, wie ich ihn mir ersonnen hatte. Ein kleingewachsener Mann rundlichen Typus, pausbäckig würde man ihn bezeichnen, handelte es sich um einen kleinen Jungen, doch stattlich nenne ich ihn angesichts gewisser Wesenszüge, die ich in ihm ausmachte. Er zeigte eine Haltung, die ich am treffendsten als antiquarisch bezeichne, doch zugleich eine Gewandtheit, was das praktische Leben betraf. In angemessener Manier wandte er sich mir zu. Dann lehnte er, nicht, ohne sein Bedauern ausgedrückt zu haben, mein bereits inhäusig, vermutlich durch die Frau zierlicher Gestalt vorgetragenes, Begehr ab. Da könne „man“ nichts tun, die Genehmigung meines Zutritts zu diesem Gelände stünde nicht unter seinem Einflussbereich, sondern vielmehr bei einer anderen Einrichtung öffentlich-rechtlicher Natur. Diese sei Anspruchsgegner, als es die geltende Verordnung erlassen habe, die ich nun bestreite. Widerspruch und Klage damit an deren Adresse zu richten. Verbindlich blickte er mich aus freundlichen Augen an, nickte mir zu und wollte sich zum Gehen wenden.

Noch immer fühlte ich in mir freilich keine Zufriedenheit über den vermeintlichen Ausgang meines Anliegens, in Dachau meinen Beitrag zur Kundgebung zu leisten. Ich wollte ja unbedingt mehrere Grundrechte persönlicher, wie kollektiver Natur zur Entfaltung bringen. Aus diesem Grund hob ich an, an die oben skizzierten Qualitäten im praktischen Felde dieses Vorgesetzten zu appellieren.

Ich schlug also vor, er könne mich — ob selbst, ob unter Zuhilfenahme seiner hilfsbereiten Kollegen —freilich mit weitaus gebührenderem Abstand, als er ihn just einhielt, in einem gigantischen, über-protektiven Abstand zu jedem Menschen auf diesem großen Platze zum Podium geleiten. Dort könnte ich, nackten Antlitzes also, mit weiter Distanz zum zu schützenden Publikum sprechen. Daraufhin könne er mich nach meinem Vortrag, wieder in selbigem Abstande und unter Übererfüllung gesundheitlicher Schutzvorkehrungen, zu meinem Ausgangsort vor dem Gelände, neben diesem Bauwerk, in dem der Vorgesetzte in der Tat sein Werk vollbrachte, zurückgeleiten.

Und es geschah

Liebe Leserin, lieber Leser: So geschah es. Es geschah, dass dieser Vorgesetzte, verständig und zugewandt, wie er war, sich einverstanden zeigte. Es sei eine bloße Randnotiz, dass er die praktische Umsetzung meines Vorschlags, der das zu jener Zeit medizinisch-juristische Niveau übererfüllte, nicht vollzog. Ich lief also völlig unbegleitet, ich möchte fast sagen, herrenlos, dabei doch meine sittlichen Ansprüche wahrend — denn versprochen ist versprochen — das medizinisch-juristische Niveau also keinesfalls unterschreitend, zu und vom Podium. Durch diese Entwicklung, die meinen Vortrag ermöglichte, war ich in der Lage, schließlich auch das drohende ökologische Missverhältnis abzuwenden.

Und so hoffe ich, liebe Leserin und lieber Leser, dass Ihnen ein Bild entstehen konnte. Ein Bild, nicht nur von diesem Vorgesetzten mit seinem unversehrten Kerne, sondern auch von dieser mutigen Frau. Sie war der temporären Unversehrtheit unserer Verfassung, mir — und dem ökologischen Missverhältnis — auf archetypisch ganz weibliche Art zugetan. Es war ihr Beitrag, der notwendig war, dem Recht einerseits, doch der Menschlichkeit in Wahrheit, zur Entfaltung zu verhelfen.

Advent lauert überall

Diese Menschen, liebe Leserin und lieber Leser, sie sind überall. Sie mögen sich nicht immer hervortun aus einer dicken Decke moralischer Kühnheit. Sie mögen nur zögerlich heraustreten aus einer Menge von Menschen, die dasjenige mit Klauen verteidigen, dem sie sich unter Zähneknirschen selbst zur Gefolgschaft verpflichten. Sie sind also nicht immer die Lautesten und vielleicht nicht immer die Wendigsten. Doch wer sein Auge offen hält und das Herz weit, dem werden sie begegnen. Schon in diesem Advent, schon hier und jetzt können wir Menschen in Fragen der Güte und des Wohlwollens immer weiter zusammenwachsen, weil wir erkennen, dass wir alle diese Erde miteinander teilen, dass wir alle der einen Quelle entstammen, dass wir alle: „Schwestern und Brüder“ sind.

Ich wünsche einen frohen Advent.

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