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Rettungsanker für Rebellen

Rettungsanker für Rebellen

Satirische Sendungen wie „Die Anstalt“ dienen mehr der Information als Nachrichten. Exklusivabdruck aus „Die Rache des Mainstreams an sich selbst“.

Westend: Viele Journalisten behaupten, es gäbe keine Einflussnahme — es seien mitunter vollkommen abstruse Vorstellungen, dass da solche Winke von oben kämen. Der ein oder andere auch sehr namhafte Journalist lässt dann aber schon auch mal in einem privaten Gespräch durchblicken, dass es durchaus heißt: „Du, schreib doch auch mal ein bisschen so und so!“ Sind das Ausnahmen?

Uthoff: Kann ich nicht beurteilen, da stecke ich nicht genug drin. Ich habe aber dieses wunderbare Buch über Journalisten von Herrn Meyer gelesen, dem emeritierten Professor aus Dortmund, „Die Unbelangbaren“. Wo er anhand des Falles Steinbrück und Wulff dezidiert geschrieben hat — und das ist, glaube ich, das Entscheidende —, dass es vielleicht gar nicht die direkte Beeinflussung und Aufforderung braucht, um etwas in eine ganz bestimmte Richtung zu schreiben. Vielleicht ist die Möglichkeit, Geldgeber zu sein und darüber zu entscheiden, was es überhaupt auf die Aufmerksamkeitsbühne schafft in diesem Land, schon Macht genug. Vielleicht reicht das einfach schon. Und die andere Ansicht wird halt einfach nicht gedruckt. Harald Schumann hat jahrelang versucht, im Spiegel Artikel unterzubringen …

Diese Windkraft-Geschichte?

Uthoff: Nicht nur die. Er hat gesagt, er durfte unter Aust zu wirtschaftspolitischen Themen im Spiegel de facto jahrelang nicht schreiben. Zu kritisch, zu unangepasst, zu links, sagt er. Aber das wurde nicht begründet, er bekam einfach, wenn er die Themen vorschlug, die Aufträge nicht. Ich glaube, das ist letztlich auch einfach Redaktionsbeschluss. Ich weiß gar nicht, ob es unbedingt direkte Beeinflussung gibt, aber vielleicht formt sich da unbewusst ein bisschen etwas über den Wunsch, erstens den Arbeitsplatz zu erhalten und zweitens auch Karriere zu machen.

von Wagner: Ich möchte auch kein konspiratives Raunen unterstützen, sondern sehe das ganz einfach so: Man hat eine Redaktion und die wird von einem Redaktionsleiter besetzt und dann muss man schauen, wie viele kritische Köpfe man sich ins Team holt. Wir merken das selber an unserer Arbeit — würden wir uns jetzt jedes Mal einen Fleischhauer hier reinsetzen in unsere Runde?

Uthoff: (lacht) Ja … vielleicht nicht den!

von Wagner: Es ist anstrengend, Dissens auszuhalten, wahnsinnig anstrengend! Das muss man wollen, zu sagen: „Ich will jetzt andere Meinungen im Team haben.“ Worüber in der Journalismus-Forschung immer gesprochen wird, ist aber diese verbreitete Neigung, Leute einzustellen, die einem nicht nur im Habitus, sondern auch in der politischen Einstellung ähneln, die vielleicht nicht genau die perfekt identische Meinung haben, aber sich im entsprechenden Meinungskorridor bewegen. Man weiß: „Mit dem kann ich gut arbeiten, mit dem muss ich mich nicht die ganze Zeit anlegen.“

Es gibt aber nicht nur Meinung oder Kommentar, sondern auch Analyse und Hintergrund, vielleicht kommen diese Dinge einfach zu kurz. Dietrich Krauß hat ja in seinem Buchbeitrag eine Studie aus den USA erwähnt — dass immer mehr Menschen ihr Wissen über Satiresendungen beziehen, weil sie sich über die tägliche Berichterstattung gar nicht mehr ausreichend über alle Aspekte von links nach rechts informiert fühlen. Ist das nicht auch ein wichtiger Punkt, den die Anstalt leistet? Wissen?

von Wagner: Ja. Satiresendungen wie Last Week Tonight von John Oliver oder die Daily Show oder vielleicht Die Anstalt führt man sich eben vielleicht eher zu Gemüte als einen komplexen 10-seitigen Hintergrundartikel. Wir sind da einfach konsumierbarer, zugänglicher. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum sich Satiresendungen so als Wissensvermittler profiliert haben, weil wir es den Leuten ermöglichen, niedrigschwellig in ein Thema einzusteigen. Ich kann einen wunderbaren Artikel über die Lage in der Pflege schreiben, mit sehr technokratischen und zutreffenden Begriffen — den dann kaum einer liest. Oder ich kann eine Sendung machen, wo man sich ulkige Perücken anzieht und als Angela und Horst in ein Pflegebett legt, und dann mit sehr lustigen und zutreffenden Begriffen die Pflegemisere beschreiben …

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Digitalisierung, sprich politische Blogs? Es gibt ja inzwischen viele, die, ganz ehrlich und ohne irgendwelchen größeren Einfluss nehmen zu wollen, im Internet Nachrichten und Wissen verbreiten. Ich meine hier natürlich nicht rechte Plattformen, die einfach nur Krawall machen, sondern Medien wie beispielsweise Ken Jebsens KenFm. Werden die etablierten Medien, um den Ausdruck Mainstream hier nicht zu benutzen, durch diesen neuartigen Journalismus etwas nervös? Können Plattformen wie die NachDenkSeiten oder Telepolis eine Lücke füllen oder ist deren Reichweite dann doch zu klein, als dass das offizielle Narrativ prinzipiell in Frage gestellt werden könnte?

Uthoff: Ich glaube nicht, dass sie wegen dieser Zersplitterung nervös werden, sondern nervös macht sie — mal brutal ausgedrückt — zunächst der Anzeigenverlust, wenn jemand in ihren Gefilden wildert. Und das bezieht sich ja aufs Netz als Konkurrenz an sich und deswegen finden dort die Verteilungskämpfe statt. Ich glaube, dass sie nicht nervös werden, so lange niemand eine ganz bestimmte Wahrnehmungsschwelle überschreitet …

von Wagner: Nervös nicht, aber ich glaube, die Deutungshoheit der Journalisten ist kleiner geworden — und das spüren sie. Bei der Frankfurter Allgemeinen, bei der Süddeutschen, bei ARD und ZDF, da hattest du einfach, wenn du dort gearbeitet und an einer hervorgehobenen Position deine Meinung vertreten hast, lange Zeit eine gewisse Deutungshoheit. Das ist jetzt anders geworden. Und ich glaube schon, dass es Edelfedern gibt, die damit hadern. Insgesamt, muss man aber sagen, ist die Bandbreite an Informationen, die man derzeit abrufen kann, durch das Netz breiter geworden, ich denke da jetzt zum Beispiel an den Blog über Sozialpolitik von Stefan Sell, einem Sozialwissenschaftler. Der Blog ist hochinformativ, es gibt lange Artikel und keine Redaktion, die etwas kürzen will oder muss, und du hast als Medienkonsument ein wunderbares Angebot mit großartigen Analysen — du musst es halt nur finden …

Wenn man sich jetzt zum Beispiel die Tagesschau betrachtet, dann ist es doch ganz klar, dass sie einen Bedeutungsverlust erlitten hat — vielleicht verdrängen das die Kollegen in Hamburg, aber wenn von vierzehneinhalb Minuten Sendung schon mal fünf Minuten für Sport draufgehen, dann stimmt doch was nicht. Als ob es von höherem Interesse sei, dass irgendeine Biathlon-Staffel in Norwegen Silber geholt hat, während im Mittelmeer jeden Tag die Leute absaufen. Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn die Bedeutung schwindet.

Uthoff: Ich glaube schon, dass ein kleiner Ansehensverlust durch die Boulevardisierung dieser Medien spürbar ist. Früher — Gott, ich will jetzt gar nicht sagen, dass früher alles besser war, das müsste ich mir erst genauer anschauen — hatte ich doch das Gefühl, dass, wenn Karl-Heinz Köpcke über den Nahen Osten gesprochen hat, mit Interviews, Reportern vor Ort, Einblendungen, dass da die Themen zeitlich länger und ausführlicher behandelt wurden — dass das ein gewisses Gewicht hatte …

von Wagner: Es wird ja durchaus auch in der Tagesschau berichtet davon, dass Leute im Mittelmeer ertrinken, nur eben nicht jeden Tag, weil es — das ist das Schlimme — nicht jeden Tag „neu“ ist. In der Medienlogik heißt es dann: „Haben wir schon berichtet, heute rennen aber in Norwegen die und die Leute um Gold, also machen wir das heute nicht“, und dann rutschen die humanitären Katastrophen gerne mal nach hinten. Dass sie sich nicht von dieser Medienlogik lösen wollen, ist aber ein Vorwurf, den man auf jeden Fall vorbringen kann.


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Dietrich Krauss: „Die Rache des Mainstreams an sich selbst — 5 Jahre ‚Die Anstalt‘“, mit Max Uthoff, Claus von Wagner, Mely Kiyak, Norbert Blüm, HG Butzko, Gabriele Krone-Schmalz und vielen anderen, Westend Verlag 2019.

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