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Rassistische Maskenträger

Rassistische Maskenträger

Eine Gruppe von Aktivisten kämpft gegen die Maskenpflicht, da sie „kulturelle Aneignung“ sei — ein satirischer Zeitungsbericht.

Leipzig, 27. April 2020.

Eine Gruppe von protestierenden Studierenden hat sich vor dem Terminal des Flughafens Leipzig/Halle gebildet. Der Grund ihres Protestes gleitet soeben in Form des riesigen Frachtflugzeuges „Antonow“ vom Himmel auf die Landebahn. Im Bauch des von der Bundeswehr gecharterten Riesenfliegers befinden sich 25 Millionen Schutzmasken, die sich bald über die Gesichter der Deutschen legen sollen. Dieser Studierendengruppe passt das gar nicht in den Kram. Sie bezeichnen sich als „woke Social Justice Warriors“ — überwiegend Studierende der Universität Leipzig — und üben heftige Kritik an der vor einer Woche eingeführten Maskenpflicht.

Masken zu tragen, sei — so eine Demo-Teilnehmerin — eine asiatische Gepflogenheit. In Ländern wie China, Japan und anderen Teilen Asiens sei es üblich, eine Maske zu tragen. Teils tue man dies aus Achtsamkeit gegenüber seinen Mitmenschen, teils aber auch wegen der hohen Smogbelastung in den Städten. Würden nun Weiße diese Norm übernehmen, sei dies eine Form der „kulturellen Aneignung“.

„Kulturelle Aneignung“ bezeichne einen Vorgang, bei welchem Weiße kulturelle Gepflogenheiten, Kleidungsstile, Frisuren oder Körperschmuck aus anderen Kulturen adaptieren. Dies könne Menschen aus dem jeweiligen Kulturkreis verletzen.

Schließlich würden diese aufgrund ihrer Merkmale, die Rückschlüsse auf ihre Herkunft geben, diskriminiert. Im Gegensatz zu Weißen könnten sie diese Merkmale nicht einfach so wieder ablegen, um somit der Diskriminierung zu entgehen. Von daher sei es von Weißen — die schließlich von Natur aus (unterbewusst) rassistisch seien — rassistisch, diese kulturellen Eigenheiten zu übernehmen.

Ein Mitstreiter pflichtet der Demonstrantin bei. In der Corona-Pandemie könne man sich problemlos ohne Masken bewegen. Das Virus sei deutlich kleiner als die Poren der Masken. „Damit hält man das nicht auf, das sagt sogar Drosten“, erklärt der Soziologie-Student mit ernster Miene. Die Menschen in Asien müssten die Maske tragen, sie könnten aufgrund des Smogs nicht anders. Die Weißen im Westen könnten dies ohne Probleme. Von daher — so der Studi — sollte man als Weißer mal „seine Privilegien checken“.

Eine weitere Demonstrantin mit einer „Fridays-for-Future“-Fahne mischt sich dazu. Sie ergänzt, dass es völlig falsch sei, wenn sich nun alte, weiße Männer Masken überstülpen, um sich vor Corona zu schützen. Denn schließlich — so erklärt sie unter einhellig zustimmendem Nicken — hätten die alten, weißen Männer mit ihrem Lebensstil die Klimaerwärmung vorangetrieben und damit zugleich diese Pandemie erst ermöglicht. Maskentragen würde nun bedeuten, sich der Konsequenzen des klimafeindlichen Handelns zu entziehen. „Und außerdem“, so wirft die Aktivistin noch ein, „könnte ich wohl kaum glaubwürdig gegen CO2 auf die Straße gehen und dabei selbst eine Maske tragen, unter der sich der CO2-Wert massiv erhöht.“

Ende der Satire. Ein Nachwort

Das Themenfeld der „kulturellen Aneignung“, welches hier satirisch behandelt wurde, ist in der Realität eine ernst zu nehmende Bedrohung für die freie und offene Gesellschaft. Mit diesem Satire-Zeitungsartikel möchte ich sichtbar machen, wie durch eine Form des Konstruktivismus die Welt vollkommen auf den Kopf gestellt und nach Gutdünken umgedeutet werden kann.

Der Konstruktivismus, wie er in diesem Themenfeld verstanden werden soll, beschreibt eine ideologische Strömung, die die selbsternannten Progressiven, die woken Social-Justice-Warriors an den Universitäten, aggressiv in die Welt hinaustragen und deren Ursprung teilweise in den Gender-Studies liegt. Im Konkreten beschreibt dieser Konstruktivismus eine antiaufklärerische, teils Orwellsche Perspektive auf die Welt, wonach so ziemlich alles sozial konstruiert sei: Geschlechter, gesellschaftliche Rollen, Ethnien, ja, selbst physikalische und mathematische Gesetze. Daraus folgend wird derzeit beispielsweise allen Ernstes darüber diskutiert, ob die Annahme „1+1=2“ rassistisch sei. Alles, was wir in der — vermeintlich — patriarchalen, eurozentrischen, von alten, weißen Männern geprägten Welt für gegeben erachten, müsse dekonstruiert werden, um patriarchale Strukturen zu überwinden (1).

Völlige Umkehrung von Bewährtem

Unter dem Deckmantel der Emanzipation unzähliger Minderheiten, die eine wie auch immer geartete soziale Ungerechtigkeit erfahren, wird das rationale Fundament unserer Weltanschauung aufgelockert. Dies ist nicht zu verwechseln mit dem begrüßenswerten Bestreben, festgefahrene, destruktive Denkmuster zu überwinden, neue, freiere Gesellschaftskonzepte zu entwickeln und soziale Ungerechtigkeiten auszubalancieren. Der Ansatz der Social Justice Warriors hingegen ist ein Frontalangriff auf unser geistiges Immunsystem, die Etablierung eines Orwellschen Doppeldenks.

Wenn alle Grundannahmen pulverisiert werden, mit der Begründung, sie seinen sozial konstruiert, kann die Welt nach Belieben umgedeutet werden. Einen Vorgeschmack haben wir mit Corona erlebt, als es zu einer völligen Umkehrung des bisher Bewährten und für sicher Gehaltenem gekommen ist.

Das Phänomen der künstlichen Skandal-Kategorie „kulturelle Aneignung“ entspringt der „Critical Whiteness Theory“, die derzeit aus den USA nach Europa überschwappt. Bei dieser Ideologie handelt es sich kurz gesagt um Rassismus im Gewand des Antirassismus. Demnach seien Weiße per se und ohne Ausnahme von Geburt an rassistisch und so sehr in ihrer Matrix der (post-)kolonialistischen „White Supremacy“ eingebettet, dass sie ihren inhärenten Rassismus selbst gar nicht mehr bemerken würden. Schlussfolgernd sollen Weiße lernen, ihre Privilegien zu reflektieren und sich für ihre Hautfarbe zu schämen.

Wenn ein Weißer behauptet, er denke nicht in Hautfarben, sei dies erst recht rassistisch, weil er damit die Ungleichbehandlung derjenigen mit anderer Hautfarbe leugne.

Selbst wenn Weiße sich über (Alltags-)Rassismus betroffen zeigen, sei dies rassistisch. Aus den Augen der Weißen kämen nur „white tears“, ein Ausdruck der „weißen Psyche“. Will heißen, dass Weiße sich angesichts von Rassismus nur selbst bemitleiden würden. Kurzum: Die Weißen können tun und lassen was sie wollen, am Ende bleiben sie qua ihrer Hautfarbe Rassisten (2).

Und leider ist diese Ideologie längst kein Randphänomen mehr. Im Gegenteil: Kurse wie etwa der unsägliche Blue Eyed Workshop, den das Kompetenznetzwerk deutsch plus e.V. für Schulen, Universitäten und Unternehmen anbietet, werden vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit hohen Summen unterstützt (3).

Beim Blue Eyed Workshop bekommen weiße, blauäugige Teilnehmer zwecks der Sichtbarmachung ihres Erscheinungsmerkmals eine Binde um den Hals gewickelt und werden im gesamten Verlauf des Kurses von jenen Teilnehmern anderer Hautfarbe sowie den Seminar-Leitern diskriminierend und herabwürdigend behandelt. Was Rassismus bedeutet, soll dadurch erlernt werden, indem man selbst in die Rolle der Rassismus-Opfer schlüpft.

Die „kulturelle Aneignung“ ist hierbei ein Teilbereich, der ebenso wie der „echte“ Antirassismus als Überbau ein ursprünglich legitimes Anliegen hatte, ehe er pervertiert wurde. Die französische Filmemacherin Caroline Fourest schrieb dazu in ihrem Buch „Generation beleidigt“:

„Der Vorwurf der Aneignung behält seinen Sinn, wenn man sich an die genaue Definition des Oxford-Wörterbuchs hält, nämlich die Absicht, auszubeuten oder zu beherrschen. Dies ist der Fall bei Werken, die während der Kolonialzeit geraubt wurden (…). Die Debatte wird jedoch abwegig, wenn man eine solche Aneignung überall zu erkennen meint, selbst wenn die Absicht schlicht darin besteht, die kulturelle Vielfalt zu preisen. Das geht so weit, dass man Anleihen oder Mischformen in der Musik, in der Küche oder in der Mode ablehnt, den Wettstreit der Ideen erstarren lässt und das künstlerische Schaffen schikaniert“ (4).

Wehe dem, der es wagt, sich kulinarischer Speisen, Kleidung oder anderer Kulturgüter wohlwollend zu bedienen, um damit die eigene Sympathie für diese Kultur zum Ausdruck zu bringen. Das kann mittlerweile jeden treffen — ob Unbekannte, Institutionen oder Personen des öffentlichen Lebens. So etwa Katy Perry, als sie „Cornrow-Zöpfe“ trug, oder Kendrick Lamar, wenn bei seinen Performances Kung-Fu-Adepten auftreten.

Bloß keine Vermischung

Doch auch Privatpersonen sind davor nicht gefeit. So gestaltete eine arglose Mutter aus den USA die Kindergeburtstagsfeier ihrer Tochter im japanischen Stil; die Kinder schminkten sich wie Geishas, Tee wurde in mit japanischen Zeichen verzierten Tassen serviert. Das Ereignis teilte die betreffende Mutter auf Social-Media, woraufhin sie einen Shitstorm erntete, weil sie „Yellowfacing“ betreiben würde. Die Entrüstung kam überwiegend von nicht-japanischen Amerikanern.

Die Social Justice Warriors werden auf der spitzfindigen Suche nach Rassismus sogar auf Pilatesmatten und Speisetellern fündig. So wurde ein kostenloser Yoga-Kurs für Studenten mit Behinderungen in Ottawa eingestellt, da man fürchtete, dass das Praktizieren dieser Yoga-Techniken eine Form der kulturellen Aneignung darstelle. Man würde damit die indische Bevölkerung verletzen, die unter dem westlichen Kolonialismus gelitten habe. Und am Oberlin College in Ohio musste ein Sushi-Gericht von der Speisekarte verschwinden, ebenfalls wegen „kultureller Aneignung“.

Es sieht ganz danach aus, als solle eine scharf unterteilte „protektionistische“ Kulturlandschaft entstehen. Protektionistisch deswegen, da gemäß der Logik der kulturellen Aneignung nur noch die Angehörigen einer Kultur sich deren Merkmale bedienen dürften.

Eine Art multikulturelles „Sampeln“, ein transkulturelles Bedienen aus unterschiedlichsten Kulturen, und sei die Intention gegenüber der adaptierten Kultur noch so wertschätzend, wird tabuisiert.

Judith Sevinç Basad brachte es treffend auf den Punkt:

„Damit (mit der kulturellen Aneignung) wird eine Form der Rassentrennung betrieben, die man eigentlich von der extremen Rechten kennt: der ‚Ethnopluralismus‘. Keine Kultur ist mehr wert als die andere, lautet hier die Agenda, aber jede Kultur hat ihren eigenen angestammten Platz, an dem sie besser bleiben soll. Denn es darf zwischen den Kulturen keine Vermischung geben.

Dieser Reinheitsgedanke stammt aus dem Dritten Reich. Die Nationalsozialisten wollten nicht nur das deutsche ‚Blut‘ ‚rein‘ halten, (…), (sie) wendeten ihre ‚Säuberung‘ auch auf die Kultur an (…). Es ist unfassbar, wie dieser Wille zur kulturellen Säuberung fast 100 Jahre nach Hitlers ‚Mein Kampf‘ wieder en vogue wird — aber diesmal bei Aktivisten, die von der breiten Gesellschaft als ‚progressiv‘ gefeiert werden“ (5).

Es ist derzeit noch schwer einzuordnen, welche konkrete Absicht hinter dieser Dynamik steckt. Naheliegend und partiell bewiesen ist, dass Ziele, Werte und Wunschvorstellungen, die im Kern begrüßenswert sind, okkupiert, pervertiert und sinnentleert werden. Treibende Kraft sind hierbei die von Machteliten finanzierten Netzwerke aus Think Tanks, „philanthropischen“ NGOs und supranationalen beziehungsweise internationalen Organisationen. Ich beschrieb diese Trojaner-Taktik, die Werte in Geiselhaft nimmt, bereits im Mai 2021 in diesem Beitrag.

Es zeichnet sich eine Achse okkupierter Werte ab. An die Stelle von Umweltschutz tritt Klimaschutz, an die Stelle von Gesundheit die Virenbekämpfung beziehungsweise Krankheitsprävention, und ehrlicher Antirassismus wird ersetzt durch Auswüchse wie die Critical Whiteness Theory.

So wird bereits im öffentlichen Diskurs der Klimawandel mit Pandemien und die Pandemie wiederum mit dem Kampf gegen Rassismus verknüpft.

Das Ganze nimmt bereits deutliche Orwellsche Züge an. Man sollte in diesem Zusammenhang noch einmal „1984“ lesen. Auch wenn das Buch aus der Feder eines „alten weißen Mannes“ stammt.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Unger, Raymond: „Vom Verlust der Freiheit: Klimakrise, Migrationskrise, Coronakrise“, München, 2021, S.231 ff.
(2) Ebd. S. 240 ff., 247 ff.
Basad, Judith Sevinç: „Schäm dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist“, Frankfurt am Main, 2021, S. 117 ff.
(3) https://www.bmfsfj.de/resource/blob/163918/47d5ff4772d24554d0187e3cb34ea6df/abschlussbericht-demokratie-leben-erste-foerderperiode-2015-2019-data.pdf S. 116.
(4) Siehe Fourest, Caroline: „Generation beleidigt: Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei: Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer“, Berlin, 2020, S. 19.
(5) siehe Basad, Judith Sevinç: „Schäm dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist“, Frankfurt am Main, 2021, S. 82.

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