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Qualitätsjournalismus im Giftgas-Einsatz

Qualitätsjournalismus im Giftgas-Einsatz

Bis heute gilt es in westlichen Kreisen als erwiesen, dass der Einsatz des Gases am 21. August 2013 in Ghouta auf Befehl von Assad erfolgte.

Die sogenannten Qualitätsmedien unserer Tage qualifizieren sich in der Regel durch ein außerordentlich flaches Potpourri aus Verlautbarungen und Erregungsereignissen. Prämoderne Narrative der Sorte „die Guten und die Bösen“ oder „wir und der Rest der Welt“ fügen sodann Agenturmeldungen zu einer „sinnhaften Welt“. Unter bis vor Kurzem noch für unmöglich gehaltener Missachtung elementarster journalistischer Regeln ergreifen diese Medien dabei Partei und schüren mit aller Macht Konflikte, die analytisch zu durchdringen ihre vornehme Aufgabe wäre. Mit anderen Worten, die Qualitäten dieses Qualitätsjournalismus erschöpfen sich in handwerklich plattester Propaganda.

Nur ein Beispiel: Die Berichterstattung im heute-journal vom 5. April über „Giftgas in Syrien“. Jeder kybernetisch informierte Automat älterer Bauart könnte bereits aus der Ankündigung im Vorspann den Beitrag sampeln, der folgen wird - „aktuell“, doch wenig überraschend, bliebe dann nur, welches Köpfchen man unter welcher Sprechblase sehen wird: „Giftgas in Syrien: Die hilflose Weltgemeinschaft“. Wir alle wissen auf Anhieb, dass Präsident Assad mal wieder neue Maßstäbe der Niedertracht gesetzt hat und dass die Weltgemeinschaft natürlich keine ist, sondern ein Teil der Welt den anderen bezichtigt.

Erstaunlich allerdings, dass Marietta Slomka gleich im ersten Satz ihrer Moderation von einem „mutmaßlichen Giftgasangriff“ spricht. Was sie aber nicht daran hindert, im selben Satz bereits einen Täter zu präsentieren, der – man ahnt warum - die Aufklärung verhindert: Russland selbstverständlich. Später im Bericht hören wir mit deutlicher Missbilligung, dass Russland eine Sanktion und Resolution gegen Syrien blockiert hat. Was einerseits angesichts eines bloß „mutmaßlichen“ Giftgaseinsatzes einigermaßen stringent erscheint, andererseits hat das mit der Verhinderung von Aufklärung nichts zu tun, sondern ermöglicht allenfalls überhaupt erst Aufklärung. „Mutmaßlich“ heißt es, später: „nichts ist bewiesen“ und „wir wissen nicht, was wirklich passiert ist“ – doch entschlossen präsentiert uns das ZDF Frame für Frame die Bösen. Die Leidenschaft der Guten – journalistisch gesehen Frame für Frame pure Desinformation.

Ach ja, Aufklärung – damit wären wir beim journalistischen Kerngeschäft. Wie fast alle anderen Qualitätsmedien unterlässt das ZDF jeden Versuch, auch nur andeutungsweise das Ereignis selbst zu schildern, geschweige denn: aufzuklären. Was ist eigentlich geschehen? Genaues weiß man nicht. Irgendwas mit Giftgas muss genügen. Den Rest erledigen die herrschenden Sprachregelungen.

Der ganze Vorfall existiert in der Wahrnehmung dieser Journalisten nur in der Wahrnehmung empörter westlicher Politiker. Und was für welche! Die Crème de la Crème jener Kräfte und Mächte, die seit Jahren und Jahrzehnten das syrische Blutbad mit aller Macht befeuert haben. Wer empörte französische, britische oder amerikanische Präsidenten und Außenpolitiker zu Richtern macht, der begeht keinen Irrtum, der ist schuldhaft Teil der Barbarei.

Aber, so höre ich unsere öffentlich-rechtlichen Pharisäer schnurren, aber sollte man diese Statements etwa nicht senden? Oh doch. Allerdings nicht als Kronzeugen von Kriegsverbrechen, sondern als Politiker dieses Krieges und als seine Propagandisten. Dass in den letzten 2000 Jahren kaum ein Krieg stattgefunden haben dürfte, dessen Gründe nicht mehr oder weniger sorgfältig gefälscht waren, und dass in Zeiten des Krieges die meisten „Nachrichten“ über ihn als Mittel der Eskalation und der eigenen Legitimation dienen, sollte sich selbst unter Journalisten herumgesprochen haben.

Doch offenbar möchten sie die Erregung des Schreckens nicht mit grau genauer Recherche mildern. Und so sprechen sie tapfer weiter von „der syrischen Opposition“ oder „Rebellen“. Gemeint sind ca. 3500 marodierende Söldnerbanden nebst einigen durchgeknallten islamistischen Todesschwadronen systematisch aufgerüstet von denen, die sich jetzt vor Empörung über „mutmaßliche Giftgasangriffe“ kaum auf den Beinen halten können. Jeder, der halbwegs bei Sinnen ist, ahnt Zusammenhänge, Qualitätsjournalisten verschweigen sie.

So könnte man sich etwa fragen, warum ausgerechnet der Einsatz von Giftgas aus dem Marathon des syrischen Grauens herausragt? Weil die entsprechende Eskalationsrhetorik auf ihren Einsatz lauert? Weil diese Waffen geächtet sind? Und wenn dem so ist, warum sollte dann Assad Giftgas einsetzen?

Die Antwort auf die Frage, die keiner stellt, gibt Marietta Slomka prototypisch. Demnach könnte es sich um eine Art Experiment Assads gehandelt haben, in dem er erkundet, „ob die neue US-Regierung ihn [Assad] tatsächlich frei gewähren lässt.“ Eine Vermutung, die durch einen dramatischen Mangel an Intelligenz nicht zu entschuldigen ist und auch nicht dadurch, dass der französische Außenminister sie tags zuvor bereits geäußert hatte.

Qualitätsjournalismus, der diesen Titel verdient, würde sich fragen, wieso die geballte politische Elite Europas auf einer Syrien-Konferenz in Brüssel ausgerechnet ein ungeklärtes Ereignis zum Anlass für eine Schweigeminute nimmt, während die Vernichtung ganzer syrischer Städte sie allein beunruhigt wegen der zu erwartenden „Flüchtlingsströme“. Die kleinste Verlautbarung Putins wird routinemäßig und meist ohne Beleg als Beweis seiner aggressiven Absichten entlarvt, hingegen verzichtet man noch bei den verlogensten Hasspredigten westlicher Politiker auf jede „Einordnung“, die doch laut Staatsvertrag zum Auftrag der öffentlich-rechtlichen Medien gehört.

Es dürfte keinen Zweifel geben, dass die USA weder über ein politisches Mandat noch über Spurenelemente moralischer Eignung verfügen als menschenrechtliche demokratieverbreitende Schutzmacht in Syrien oder sonst wo aufzutreten.

Doch genau diese angemaßte Rolle klagen unsere Qualitätsjournalisten nicht an, sie fordern sie ein. Das ist ihr hässliches Recht als machtbewusste Zeitgenossen. Doch Journalismus, der so operiert, macht sich allein um totbringende Propaganda verdient. Oder um es mit Peter Scholl-Latour zu sagen:

„Wir erliegen spätestens seit dem zweiten Irak-Feldzug einer umfassenden Desinformation, die in den USA, Großbritannien und Israel durch perfekt organisierte Institutionen betrieben wird und im Grunde ebenso ernst zu nehmen ist wie die allgegenwärtige Überwachung durch die NSA.“

Der Mann war mal ein bedeutender ZDF-Reporter.

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