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Propaganda gegen China

Propaganda gegen China

Pekings „Neue Seidenstraße“ ist ein Friedensprojekt.

Der Mythos vom neo-imperialistischen China
von Pepe Escobar

Die „Neue Seidenstraße“ könnte den Frieden und Wohlstand nach Eurasien zurückbringen. Im nach wie vor jungen 21. Jahrhundert fokussiert sich die Geopolitik auf den Indischen Ozean, das Interesse reicht vom Persischen Golf bis zum Südchinesischen Meer und schließt den Südwesten Asiens ebenso ein wie Zentralasien und China. Auch die Infrastrukturprojekte der „Neuen Seidenstraße“ oder der „Belt and Road Initiative“ (BRI) rücken diese Region, sowohl die Land- als auch die Seewege, ins Blickfeld.

Dass sich die globale Macht in Richtung Osten verlagert, sorgt in einigen Teilen der amerikanischen Politik für Schweißausbrüche – die Rede ist von der „imperialen Überdehnung“ Chinas oder von „Alpträumen“, die Xi Jinpings Pläne hervorrufen würden.

Als Hauptargument wird angeführt, Kaiser Xi strebe nach weltweiter Dominanz und nutze zu diesem Zweck den Mythos der Neuen Seidenstraße.

Bei der BRI geht es zweifellos um Chinas enorme Devisenreserven; um das bauliche Know-how; die Überkapazitäten bei Stahl, Aluminium und Betonproduktion; öffentliche und private Finanzierungspartnerschaften; die Internationalisierung des Yuan; und die umfassende Vernetzung von Infrastruktur und Informationsflüssen.

Die BRI hat allerdings nichts mit geopolitischer Kontrolle in Verbindung mit militärischer Macht zu tun; es geht darum, durch Vernetzung von Handel und Investment geopolitische Leitplanken festzulegen.

Die BRI bedeutet eine solch enorme Veränderung, dass die Quad-Staaten – Japan, Indien, die USA und Australien – sich gezwungen sahen, ihre eigene „Alternative“, erheblich reduzierte Mini-BRIs, zu präsentieren – deren gemeinsamer Nenner im Wesentlichen darin besteht, der BRI „Revisionismus“ vorzuwerfen und zu betonen, dass man sich gegen Chinas globale Dominanz wehren müsse.

Die freie und offene indo-pazifische Strategie der Trump-Administration, vorgelegt im Oktober 2017, basiert darauf, China als existenzielle Bedrohung zu definieren. In der National Security Strategy (NSS) und der National Defense Strategy (NDS) wird diese Bedrohung in den Rang einer neuen Doktrin gehoben.

In der National Security Strategy (NSS) heißt es: „China und Russland gefährden Amerikas Macht, Einfluss und Interessen, und versuchen Amerikas Sicherheit und Wohlstand zu untergraben.“ Die NSS wirft China und Russland vor, „eine den amerikanischen Werten und Interessen entgegensetzte Welt formen“ zu wollen. Der Vorwurf lautet außerdem, Peking „versuche, die Vereinigten Staaten aus der indo-pazifischen Region zu verdrängen“ und „seine Macht auf Kosten der Souveränität anderer Länder auszudehnen.“

In der NSS heißt es, Peking „strebe kurzfristig die regionale Hegemonie und Verdrängung der USA im Indopazifik an, um in Zukunft eine globale Vormachtstellung zu erreichen.“
Darin besteht in der amerikanischen Medienlandschaft, die mit dem militärisch-industriellen Überwachungsstaat eng verwoben ist, die allgemein akzeptierte Haltung. Eine abweichende Haltung ist schlicht nicht erlaubt.

Zeit, um mit Kublai Khan zu sprechen

Die „revisionistischen“ Mächte China und Russland werden als große Doppelbedrohung wahrgenommen. Das wird deutlich, sobald man sich mit der direkten Verbindung zwischen der BRI und der von Russland geführten Eurasia Economic Union (EAEU) befasst. Die EAEU steht im Übrigen kurz vor der strategischen Partnerschaft zwischen Russland und China, die 2012 angekündigt wurde, nachdem Xi ein Jahr zuvor in Astana und Jakarta die BRI verkündet hatte.

Auf dem BRI-Forum in Peking im Mai 2017 hat der russische Präsident Wladimir Putin die Idee einer „engeren eurasischen Partnerschaft“ in den Vordergrund gestellt. Die russische „Wende nach Asien“ begann sogar vor den Maidan-Vorfällen in Kiew und dem Krim-Referendum mit den darauffolgenden Sanktionen des Westens. Sie war das Ergebnis eines lange andauernden Prozesses zahlreicher Sitzungen innerhalb der Shanghai Cooperation Organization (SCO), der BRICS-Staaten und der G20-Staaten.

Das verbindende Element zwischen BRI, EAEU und Shanghai Cooperation ist Kasachstan. Auf dem Landweg sind Russland und Kasachstan der eine Teil des Vernetzungskorridors zwischen Ostasien und Europa – der andere verläuft durch den Iran und die Türkei.

Im Schienenverkehr benötigt man über Russland und Kasachstan gegenwärtig 14 Stunden von Xinjang nach Osteuropa, bald werden es nur noch 10 Stunden sein. Das verleiht dem Handel mit Waren, die sich durch hohe Wertschöpfung auszeichnen, enormen Auftrieb – und ebnet den Weg für eine Hochgeschwindigkeitsschienenverbindung, die in Zukunft mit den kostengünstigen Transportmöglichkeiten über den Seeweg mithalten kann.

Moskaus Interesse, Teil der ökonomischen Vernetzung zwischen BRI und EAEU zu sein, ist lediglich ein Puzzlestück der russischen Außenpolitik. Ein anderes, ebenso wichtiges, ist die Stärkung der deutsch-russischen Handelsbeziehungen, die auch ein zentrales Anliegen der deutschen Industrie darstellt.

China wiederum ist mittlerweile der führende ausländische Investor in allen fünf zentralasiatischen „-stans“ (Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan). Und man sollte sich in Erinnerung rufen, dass Zentralasien nicht nur aus diesen fünf Ländern besteht, sondern auch aus der Mongolei, Xinjang und Afghanistan. Deshalb versucht die SCO die Tragödie in Afghanistan zu beenden, unter direkter Beteiligung der zentralen Akteure China, Russland, Indien, Pakistan und Iran.

Die BRI-Strategie, ein pan-eurasisches logistisches Versorgungsnetz auf die Beine zu stellen, wirft selbstverständlich die Frage auf, wie Peking dieses zeitlich unbegrenzte Projekt handhaben wird. Die BRI befindet sich noch nicht einmal in der Einführungsphase, deren Beginn offiziell für das nächste Jahr geplant ist.

Es ist hilfreich, die „Revisionismus“-Vorwürfe im Lichte der chinesischen Geschichte zu betrachten. Als Marco Polo im späten 13. Jahrhundert den Hof der Yuan-Dynastie erreichte, hatte er ein multikulturelles Reich vor sich, das auf Handel basierte.

Es waren die Handelsrouten der Seidenstraße und nicht die Zurschaustellung militärischer Stärke, die zum Mongolischen Frieden geführt haben. Im 21. Jahrhundert ist die Pax Sinica die digitale Version des damaligen Friedens. Ist Xi ein neuer Kaiser oder die postmoderne Ausgabe von Kublai Khan (bedeutender mongolischer Herrscher des 13. Jahrhunderts, Anmerkung der Übersetzerin)?

Die Yuan Dynastie „kontrollierte“ Persien, Russland oder Indien nicht. Die damalige Weltmacht Persien verhalf China zum Handel mit der Nilregion, Mesopotamien und der Indusregion. Außerdem konnte China während der Tang-Dynastie im 8. und 9. Jahrhundert Einfluss auf Zentralasien bis hin zum Nordosten Irans nehmen. Und das erklärt auch, weshalb der Iran für die BRI einen derart wichtigen Knotenpunkt darstellt und weshalb Teheran reges Interesse daran zeigt, das Projekt der „Neuen Seidenstraße“ voranzutreiben. Eine Allianz zwischen China, Russland und dem Iran muss Washington zwangsläufig in Aufruhr versetzen; deshalb bezeichnet das Pentagon all diese Akteure als geopolitische „Bedrohung“.

Historisch betrachtet waren China und Persien jahrhundertelang wohlhabende und sesshafte landwirtschaftlich geprägte Zivilisationen, die sich gelegentlich mit Wüstenkriegern auseinandersetzen mussten – die meiste Zeit jedoch pflegten sie wegen der Seidenstraße freundschaftliche Beziehungen zueinander. Die Zusammenarbeit zwischen China und dem Iran beruht auf einer soliden gemeinsamen Vergangenheit.

Und das führt uns zum Kern der fortwährenden Ablehnung und Dämonisierung der BRI.
Es geht ausschließlich darum, die Entstehung nicht nur eines „gleichwertigen Konkurrenten“ zu verhindern, sondern schlimmer: eines Zusammenschlusses von China, Russland, dem Iran und der Türkei, der durch die Handelsmöglichkeiten der „Neuen Seidenstraße“ entstehen und ebenso mächtig im Osten werden könnte, wie es die USA in der „westlichen Hemisphäre“ nach wie vor sind.

Das hat nichts mit chinesischem Neoimperialismus zu tun. Wer das bezweifelt, sollte an Kublai Khan zurückdenken.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „The Myth of a neo-imperial China". Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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