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Propaganda durchschauen!

Propaganda durchschauen!

Seit Jahrhunderten nutzen die Eliten ihr Wissen um die Manipulierbarkeit des menschlichen Geistes, um Feindbilder zu kreieren und Kriege zu führen. Teil 2/2.

Inhalt

  1. Eine Propagandaanalyse des Golfkrieges
  2. Eine Rhetorikanalyse jüngerer Zeit
  3. Ein Modell für die Propagandaanalyse von Bildmaterial
  4. Eine Propagandaanalyse jüngerer Zeit

1. Eine Propagandaanalyse des Golfkrieges

Der Golfkrieg (1) gibt uns Einblick, wie eine gute Propaganda funktioniert. Die Bevölkerung wurde wirklich glauben gemacht, dass aufgrund der illegalen Okkupation und der Menschenrechtsverletzungen interveniert wurde. Es wird übersehen, welche Folgen es hätte, würden diese Prinzipien wirklich auf die US-Politik angewandt. Das ist schon der erste beachtliche Erfolg der Propaganda.

Aber schauen wir uns einen anderen Aspekt an. Geht man die Berichterstattung über den Golfkrieg seit August 1990 durch, dann fällt auf, dass Stimmen fehlen. Zum Beispiel gibt es eine irakische Opposition, die tatsächlich sehr mutig und recht wesentlich ist. Natürlich arbeitet sie zum Teil im Exil, vorwiegend in Europa. Darunter gibt es Bankiers, Ingenieure, Architekten und ähnliche Leute. Sie artikulieren sich, melden sich zu Wort und reden.

Im Februar 1990, als Saddam Hussein noch ein guter Freund George Bushs war, kam eine Delegation der irakischen Opposition nach Washington mit der Bitte um Unterstützung ihrer Bestrebungen, eine parlamentarische Demokratie einzuführen. Sie wurden abgewiesen, die USA hatte keinerlei Interesse. Die Öffentlichkeit nahm keine Notiz davon.

Seit dem August 1990 wurde es schwieriger, ihre Existenz zu verleugnen. Nachdem die USA Saddam Hussein jahrelang unterstützt haben, schwenkt diese Haltung im August plötzlich um. Jetzt gab es eine demokratische irakische Opposition, die einige Vorstellungen zu dem Fall hatte. Sie würde glücklich darüber sein, wenn Saddam Hussein gevierteilt oder verjagt werden würde. Er ermordete ihre Brüder, folterte ihre Schwestern und vertrieb sie außer Landes. Sie haben gegen den Diktator gekämpft, als Ronald Reagan und George Bush ihn hätschelten. Wo waren ihre Erklärungen?

Schaut man sich die US-Presse von August bis März auf der Suche nach Stimmen der irakischen Opposition durch, findet man kein einziges Wort von ihnen. Nicht etwa, weil sie nichts gesagt hätten. Es gibt Erklärungen, Vorschläge und Fragen von ihnen. Wenn man sie anschaut, fällt auf, dass sich ihre Positionen nicht von denen der amerikanischen Friedensbewegung unterscheiden. Sie waren gegen Hussein und gegen den Krieg. Sie wollten nicht, dass ihr Land zerstört werde. Sie wollten eine friedliche Lösung und sie wussten, dass eine solche erreichbar war.

Das war die falsche Sichtweise und deshalb blieben sie außen vor. Man hörte kein Wort über die irakische Opposition. Falls man etwas über sie erfahren will, muss man in der deutschen und britischen Presse nachlesen. Sie berichteten nicht viel über sie, aber sie sind nicht so vollständig kontrolliert wie die amerikanischen und berichten wenigstens etwas.

Das war ein spektakulärer Erfolg der Propaganda. Einmal, dass die irakische Opposition außen vorgehalten wurde und zum zweiten, dass es niemand merkte. Das ist hochinteressant. Es bedarf dazu einer sehr indoktrinierten Bevölkerung, die das Nichtvorhandensein der irakischen Opposition übersieht, die nicht nach dem Grund fragt und die nicht auf die offensichtliche Antwort kommt, dass deshalb nicht berichtet wird, weil diese Opposition mit der internationalen Friedensbewegung übereinstimmt.

Doch kommen wir zu den Ursachen des Krieges. Einige Gründe wurden angeboten. Die Gründe waren: Aggressoren dürfen nicht belohnt werden und die Aggression muss zurückgewiesen werden. Das war der Grund für den Golfkrieg. Es gab keinen weiteren.

Kann dies wirklich der Grund gewesen sein? Folgt die US-Politik den Prinzipien, dass ein Aggressor nicht belohnt werden darf... Solche Argumente könnten innerhalb von zwei Minuten von jedem belesenen Teenager vom Tisch gefegt werden. Wie auch immer, sie wurden von niemandem vom Tisch gefegt.

Betrachtet man die Presse, so fällt auf, dass niemand von den Kommentatoren und Kritikern diese Frage gestellt hat, ob denn die US-Politik tatsächlich nach diesen Prinzipien handelt. Hat die USA ihre eigene Aggression in Panama zurückgewiesen und auf eine Bombardierung Washingtons gedrängt? Hat die USA, als 1969 die südafrikanische Invasion für illegal erklärt wurde, eine Wirtschaftsblockade, einschließlich Lebensmittel und Medikamente, durchgesetzt? Kam es zum Krieg? Bombardierten sie Kapstadt? Nein, sie betrieben 20 Jahre lang „stille Diplomatie“.

Die Situation in Namibia war alles andere als normal. Allein in den Jahren der Reagan-Regierung hat Südafrika 1,5 Millionen Menschen in den umliegenden Ländern getötet. Vergessen wir, was in Südafrika und Namibia geschah. Irgendwie hat es unsere empfindlichen Seelen nicht berührt. Man machte weiter mit der „stillen Diplomatie“ und es endete damit, dass der Aggressor gut belohnt wurde. Sie bekamen den größten Hafen Namibias und erhielten einige Sonderrechte, die ihre nationale Sicherheit betrafen. Wo blieben die Prinzipien? Es ist wieder einmal ein Kinderspiel aufzuzeigen, dass sie nicht die eigentlichen Kriegsgründe waren, sie existieren überhaupt nicht ...

Niemand machte sich die Mühe, die daraus resultierende Schlussfolgerung zu ziehen: Es gab keinen Grund für diesen Krieg. Nicht einen... Es muss uns beängstigen, dass die amerikanische Bevölkerung dermaßen totalitär ist, dass sie ohne Angabe eines Grundes in den Krieg geführt werden kann, und keiner merkt es oder schert sich darum. Das ist niederschmetternd.

Kurz vor den Bombardierungen, Mitte Januar, hat ein Mitarbeiter der Washington Post und von ABC etwas sehr Aufschlussreiches herausgefunden. Folgende Frage wurde gestellt: "Wären Sie für eine Berücksichtigung des israelisch-arabischen Konfliktes, wenn der Irak sich unter dieser Bedingung aus Kuwait zurückziehen würde?" Zwei Drittel der Bevölkerung befürworteten dies. Und dies traf auf zwei Drittel der Bevölkerung der ganzen Welt und auf die irakische Opposition zu.

Washingtons Order besagte, dass eine Verbindung dieser Konflikte nicht zugelassen wird, und jeder lief im Gleichschritt hinterher und war gegen eine diplomatische Lösung. Einzig allein Alex Cockburn in der Los Angeles Times hielt die Meinung der zwei Drittel für eine gute Idee. Die Menschen, die diese Frage beantworteten, dachten, „wir sind allein, aber so denken wir eben“.

Angenommen, sie wussten, dass sie nicht alleine waren, dass noch andere — wie die irakische Opposition — der gleichen Meinung waren; angenommen, sie wussten, dass dies keine hypothetische Frage war und der Irak diesen Vorschlag gemacht hatte, dass die US-Diplomaten ihn acht oder zehn Tage zuvor erhalten hatten. Am 2. Januar bekamen sie diesen Vorschlag, dass die Iraker bei Berücksichtigung des israelischen-arabischen Konflikts und der Massenvernichtungswaffen unverzüglich aus Kuwait abziehen würden. Die USA haben dies abgelehnt.

Angenommen, die Leute wussten, dass dieser Vorschlag auf dem Tisch war und dass er viel Unterstützung fand — und dass es genau die Haltung eines jeden Menschen ist, der an der Erhaltung des Friedens interessiert ist... Angenommen, das wäre bekannt gewesen. Es mag sich jeder seine eigenen Gedanken machen, aber ich glaube, dass die zwei Drittel auf 98 Prozent der Bevölkerung angestiegen wäre. Hier erkennt man die Erfolge der Propaganda. Sicherlich hat niemand etwas von dem, was ich jetzt erwähnt habe, gewusst. Die Leute, die es wussten, dachten, sie seien alleine. Dadurch wurde es möglich, die Kriegspolitik ohne Opposition fortzuführen.

Die Diskussion, ob nun die Sanktionen überhaupt wirken würden, wurde hingegen recht ausführlich geführt. Man kann sich ja den Chef des CIA heranholen und diskutieren, ob Sanktionen wirken würden. Es gab keine sinnlosere Diskussion als diese. Dafür gab es keine Diskussion über eine viel offensichtlichere Frage: Hatten die Sanktionen schon gewirkt? Die Antwort ist: Ja, sie hatten Wirkung — vielleicht Ende August, bestimmt jedoch im Dezember. Es fällt schwer, sich einen anderen Grund für die Rückzugsvorschläge des Irak vorzustellen, die den US-Diplomaten übergeben wurden und die sie als seriös und verhandlungsfähig bezeichneten.

Die Frage ist: Gab es noch einen Ausweg? Gab es noch einen sofortigen Ausweg, der von der Bevölkerung, der ganzen Welt und der irakischen Opposition akzeptiert werden konnte? Diese Fragen wurden nicht erörtert, und das ist bezeichnend für eine gut funktionierende Propaganda.

Dies macht es dem Vorsitzenden der Republikaner möglich zu sagen, dass Kuwait heute nicht befreit wäre, wenn ein Demokrat im Amt gewesen wäre. Er konnte dies sagen, ohne dass ein Demokrat aufsteht und sagt, wenn er Präsident gewesen wäre, wäre Kuwait nicht erst heute, sondern schon vor sechs Monaten befreit gewesen, weil es genügend Gelegenheiten dazu gab, ohne dass zehntausende Menschen gestorben wären, ohne dass eine ökologische Katastrophe heraufbeschworen worden wäre. Kein Demokrat sagt es, weil keiner diese Position vertritt. Henry Gonzales und Barbara Boxer vertraten diese Position. Aber die Zahl dieser Leute ist dermaßen gering, dass sie quasi nicht ins Gewicht fällt. So kann ein Clayton Yeutter behaupten, was er will.

Als die Scud-Raketen in Israel einschlugen, applaudierte niemand. Das ist kennzeichnend für den Propaganda-Apparat. Wir könnten fragen, warum eigentlich nicht? Nehmen wir den Libanon. Saddam Hussein behauptete, dass er diese Annexion nicht akzeptieren könne. Er könne es nicht zulassen, dass Israel die Golan-Höhen und Ost-Jerusalem annektiert, entgegen den Abmachungen im Sicherheitsrat. Er könne diese Annexion und Aggression nicht tolerieren... Sanktionen treten nicht in Kraft, aufgrund der amerikanischen Vetos. Er habe jahrelang darauf gewartet, dass sich etwas tut. Im Fall des Süd-Libanons 13 Jahre, im Fall der West-Bank 20 Jahre ... Diese Argumentation ist bekannt.

Der einzige Unterschied ist, dass Saddam Hussein tatsächlich sagen kann, dass Sanktionen und Verhandlungen zwecklos sind, da die USA sie abgeblockt haben. Aber George Bush kann dies nicht behaupten, weil die Sanktionen gewirkt haben und große Aussichten bestanden, dass über Verhandlungen dieses Problem gelöst werden konnte, es sei denn, man stellt sich hin und sagt, es gibt keine Verhandlungen. Hat jemand mitbekommen, dass all dies von irgendjemandem in der Presse ausgebreitet wurde? Niemand machte es, in keinem Kommentar, in keinem Editorial. Das ist ein Zeichen einer gut funktionierenden totalitären Kultur. Es zeigt, dass die Konsensproduktion funktioniert.

Ein paar letzte Anmerkungen dazu: Es gibt unzählige Beispiele. Nehmen wir das Bild, Saddam Hussein sei ein Monster, das die Welt erobern will — es ist in den USA weitverbreitet und dies nicht von ungefähr. Es wurde den Leuten eingebläut. Er nimmt alles. Wir müssen ihn jetzt aufhalten. Wie kommt er zu dieser Macht? Der Irak ist ein Drittweltland ohne industrielle Basis. Acht Jahre lang hat er gegen den Iran gekämpft. Das Offizierskorps ist dezimiert, die militärische Schlagkraft geschwächt. Der Irak wurde im Krieg gegen den Iran von der Sowjetunion, den USA, von Europa, den großen arabischen Staaten sowie den arabischen ölproduzierenden Ländern unterstützt und konnte den Iran trotzdem nicht schlagen. Aber er ist in der Lage, die Welt zu erobern.

Ist das jemandem aufgefallen? Fakt ist, dass der lrak ein Drittweltland mit einer Bauernarmee ist. Im Nachhinein wird eingeräumt, dass es eine Unmenge von Fehlinformationen über Befestigungen, chemische Waffen et cetera gab. Das ist typisch.

Genau dasselbe wie bei Manuel Noriega. Noriega ist im Vergleich zu George Bushs „Freund“ Saddam Hussein oder zu seinen „Freunden“ in Peking oder gar zu George Bush selbst der kleinere Gangster. Ein übler Kerl, aber kein Schwergewicht. Er wurde aufgeblasen, dass er uns als Kopf der Drogenhändler zerstören könne. Wir mussten schnell reagieren, ihn wegschaffen, hunderte oder tausende Menschen töten und eine kleine weiße Minorität an die Macht bringen; US-Militäroffiziere in die Schlüsselpositionen bringen, um das politische System zu kontrollieren. Wir haben reagieren müssen, um uns selbst zu verteidigen, ansonsten wären wir von diesem Monster zerstört worden. Ein Jahr später geschah das gleiche mit Saddam Hussein. Wurde darüber jemals gesprochen? Man muss schon sehr lange suchen, um solches zu finden.

2. Eine Rhetorikanalyse jüngerer Zeit

„In Afghanistan sehen wir Al-Qaidas Vision der Welt. (…) Man kann für den Besitz eines Fernsehers ins Gefängnis kommen“ (3).

Rhetorik. Für das Lexikon ist dies die „Redekunst“. Sie ist „schönrednerisch, phrasenhaft und schwülstig“, diente bis zum Heiligen Römischen Reich als „Waffe im politischen Kampf“ — verlor hiernach jedoch, schenkt man dem Lexikon weiter Glauben, mehr und mehr ihre primär-diesbezügliche Funktion. Lauscht man allerdings den politischen Reden, welche den Attentaten in den USA am 11. September 2001 folgten, findet man rasch zu dieser ursprünglichen Bedeutung des Wortes Rhetorik zur Zeit der Römer zurück. Denn längst ist die „Redekunst“ wieder „Waffe im politischen Kampf“ geworden.

Eben jene Waffe, welche schwülstig und phrasenhaft den unlängst realen, nicht nur politischen Kampf schön zu reden versucht, ihn rechtfertigt und legitimiert. Das, was uns das Ziel eines anderen als das eigene verkaufen, uns im Geiste keine andere Wahl lassen mag, als eben das zu glauben und zu fühlen, was man uns fühlen und glauben machen will. Sie spricht uns an, uns persönlich, einen jeden von uns, immer und immer wieder, zieht, indem sie für jede Rand- oder Personengruppe, einzeln, mehrfach, wiederholt eine passende Angst oder Argumentation mit beibringt, einen jeden in ihre vermeintliche Logik mit hinein und sorgt für Identifikation. Verkauft uns anschließend, nach Schilderung eines Problems, die einzig mögliche Lösung — oftmals auch gleich als die eigene Idee.

Anhand der folgenden Beispiele werde ich versuchen, ein paar Mechanismen dieser „Rhetorik“, des möglichen Versuches einer Manipulation, offen zu legen, um Objektivität bemüht, lediglich wagen, Gesagtes wiederzugeben und zu hinterfragen. Die gewählte Rede bietet sich hierbei insbesondere an, da der Präsident der Vereinigten Staaten in ihr — wie das Lexikon dies prophezeit — besonders zu Schönrednerei und Schwülstigkeit neigt; man in der so recht offensichtlich entstehenden Differenz zwischen Groß- und Kleinrednerei, Betonung und Nichtigmachung sehr gut zu hinterfragen und vielleicht ein Stückweit die eigentliche Intention auszumachen vermag.

Bushs einleitende Worte am 20. September waren:

„Heute Abend sind wir ein Land, das sich der Gefahr bewusst geworden und aufgerufen ist, die Freiheit zu verteidigen. Unser Schmerz wurde zu Wut, und Wut zu Entschlossenheit. Ob wir unsere Feinde zur Rechenschaft ziehen oder die Gerechtigkeit zu unseren Feinden bringen, der Gerechtigkeit wird Genüge getan werden.“

Zwei Dinge stehen hiermit von Anfang an, gleich zu Beginn der weiteren Rede, fest. Ein jeder ist angesprochen, denn ein jeder ist bedroht. Die Freiheit steht auf dem Spiel — und wenn man bedenkt, dass das Gegenteil von Freiheit wohl Gefangenschaft ist, scheint dies eine emotional nicht zu übersehende Bedrohung zu sein. Fakt zwei — und dieser wird wiederholend betont: Was auch immer geschieht, es wird ein gerechtes Geschehen sein.

(Möglicherweise aufkommende Fragen nach den Ursprüngen und Bedeutungen der Worte „Freiheit“ und „Gerechtigkeit“ sowie ihrer Legitimation stelle ich hier nicht; denn auch die rhetorisch später gelieferten Antworten des amerikanischen Präsidenten erbrächten alles andere als konkrete Antworten hierzu.)

Dies wird später weiter und immer wieder betont und legitimiert werden, spricht man doch fürderhin, nicht nur in dieser Rede, oftmals von einem Kampf „Gut gegen Böse“ und einem Krieg im Namen von Gott. Was einen als Menschen letztlich dazu zwingen mag, Stellung, selbstredend die gute, zu beziehen; und als gläubigen Menschen eben auch Position, nämlich jene des Herrn.

Ein weiteres Beispiel vom Ende der Rede:

„Der Verlauf dieses Konfliktes ist ungewiss, aber sein Ergebnis ist sicher: Freiheit und Furcht, Gerechtigkeit und Grausamkeit liegen schon immer im Kampf, und wir wissen, dass Gott nicht neutral zwischen ihnen steht.“

Interessant zu beobachten ist hierbei bereits, wie sehr die Rhetorik jeden einzelnen zu erreichen und zu manipulieren versucht, dies möglicherweise schafft, andererseits jedoch aufgrund ihres Wunsches, möglichst jeden zu umgarnen, so phrasenhaft, polemisch und pauschalisierend wird, dass all ihre Argumente, einzeln betrachtet, längst keine mehr sind; so wenig Konkretes bedeuten, dass sie ebenso die andere Seite gewinnbringend nutzt. Denn ebenso wie Bush von einem gerechten Krieg im Namen des Herren spricht, spricht Osama bin Laden von einem Krieg im Namen Allahs, dem Heiligen Krieg — und stellt Amerika und seine Lebensweise als das Böse, sich und den Islam als das Gute und Gerechte, den Heilsbringer dar.

Bush fährt in seiner Rede fort und liefert alsbald auch den Namen des Problems nach:

„Amerikaner haben in Kriegen Verluste erlitten. Aber nicht im Zentrum einer großen Stadt an einem friedlichen Morgen.“

Die Bedrohung heißt also — ebenso wie die Antwort auf dieses Problem: Krieg. Was das Wort „friedlich“ in diesem Kontext bedeutet, wird jedoch nicht so recht klar. Scheinbar beinhaltete das Wort „Krieg“ in Amerika bis dato die Selbstverständlichkeit: Wir greifen an. Und war Krieg von daher eher als „friedlich“, weil nie auf eigenem Boden oder selbst miterlebt, definiert. Ein friedlicher Krieg also, so scheint es, bis jetzt — und ein mörderischer nun.

Um den Amerikanern zu bedeuten, wie ernst die Sache ist, folgt kurz hierauf erneut eine Schilderung der Bedrohung jedes einzelnen von ihnen, die sich in sich mehrfach wiederholt, um eine Identifikation der Betroffenen auf möglichst vielen Ebenen herbeiführen zu können: Alter, Geschlecht, Glauben, Nationalität et cetera:

„Die Terroristen haben Weisung, Christen und Juden zu töten, alle Amerikaner zu töten und keine Unterscheidung zu machen zwischen Militär und Zivilisten, einschließlich Frauen und Kindern.“

Interessant hierbei ist vielleicht ein Artikel, welcher mir von der Titelseite eines mir im Zuge gegenübersitzenden Zeitungslesers kurz nach Weihnachten ins Auge fiel. In den „Nürnberger Nachrichten“ war zu lesen:

„Über 3.700 Opfer in Afghanistan; zivile Opfer mutwillig in Kauf genommen, wie Recherchen ergaben.“

Bushs Rhetorik packt und zieht uns an unserer Moral und Ethik, greift an unserem Missverständnis dem Fakt gegenüber, man könne Frauen und Kinder töten, an — und packt uns auch bei unserer Angst. Primär jedoch, scheint es, geht es immer eindringlicher um Schwarzweißmalerei, darum, die Menschen emotional stets weiter an die rhetorische Logik zu binden, Ängste als auch die Erkenntnis darüber zu liefern, wer gut und wer böse sei. Und Kindermörder sind dies wohlweislich nicht.

Letztlich, so beweist auch der Nürnberger Artikel, sind Kriegstreibenden — so auch den USA selbst, doch diese schwarze Wahrheit bietet Bushs Rhetorik hier nicht — auf der ganzen Welt zivile Verluste wohl meistens eher egal.

Interessant auch eine weitere Äußerung Bushs:

„Diese Terroristen töten nicht nur, um Menschenleben auszulöschen, sondern um eine ganze Lebensweise zu sabotieren. Mit jeder Gräueltat hoffen sie, in Amerika Furcht zu schüren, und dass Amerika sich dann aus der Welt zurückzieht und unsere Freunde im Stich lässt. Sie stellen sich gegen uns, weil wir ihnen im Weg stehen.“

Es scheint, als sei gar nicht Amerika das eigentliche Ziel des Terrors gewesen, stand es doch nur „im terroristischen Weg“. Ganz vehement ist also auch der Rest der Welt bedroht, haben sich die bisherigen Motive verstärkt. Nicht nur alle Amerikaner, auch alle anderen Erdenbürger sind unlängst, womöglich sogar ursächlicher als die USA selbst, bedroht. Die Bedrohung ist also noch größer als gedacht — und Amerika handelt im Sinne der ganzen Welt.

Später wird dies noch deutlicher werden:

„Dies ist nicht nur ein Kampf Amerikas. Und es geht hier nicht nur um die Freiheit Amerikas. Dies ist der Kampf der gesamten Welt. Dies ist der Kampf der gesamten Zivilisation. Es ist der Kampf aller, die an Fortschritt und Pluralismus, Toleranz und Freiheit glauben.“

Die pathetische Phrasenhaftigkeit der Rhetorik, so kristallisiert sich Stück für Stück heraus, dient ihrem Zweck: Sagte man Konkretes, grenzte man seine Zielgruppe ein, ließe andere außen vor. Und dies will man selbstredend nicht. Ganz im Gegenteil.

Bezüglich Konkretem sind zwei weitere Äußerungen Bushs besonders interessant:

„Der Kongress handelte, indem er 40 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau seiner Gemeinden und die Bedürfnisse des Militärs ausgab.“

Sowie:

„Dieser Krieg wird nicht so sein wie der Krieg gegen den Irak vor zehn Jahren, mit seiner gezielten Befreiung eines Gebietes und seinem schnellen Ende. Er wird nicht so aussehen wie der Luftkrieg im Kosovo vor zwei Jahren, wo keine Bodentruppen eingesetzt wurden und nicht ein einziger Amerikaner im Kampf fiel.“

Interessant deshalb, weil sich irgendwo in diesen Sätzen auch eine — jeweils wohl maßgebliche — Aussage verbirgt. So im ersten wohl die, dass eine schier riesige Summe dem Militär — und eben nicht, was an erster Stelle genannt und somit wohl viel eher zur Kenntnis genommen wird, zum Wiederaufbau der Gemeinden — zur Verfügung gestellt wurde.

Und im zweiten wohl jene, wie dieser Krieg aussehen wird. Dies jedoch, ohne es eigentlich zu sagen. Die Taktik des Ganzen, etwas mit seinem jeweils angenehmeren negierten Gegenteil zu umschreiben, in der Imagination so nichts Unangenehmes zu erzwingen, erhöht die Akzeptanz beim Zuhörer ungemein und beruht darüber hinaus auf der psychologischen Erkenntnis, dass unser Unterbewusstsein Negationen eher negiert.

Denn aus der Neurolinguistischen Programmierung bekannt, erreichen Negativbotschaften das Unterbewusstsein kaum und setzen sich dort auch nicht fest. Bei einer Atemübung sagt man so beispielsweise stets: „Mir geht es gut“, statt zu sagen, „Mir geht es nicht schlecht", denn dies brächte nichts ein.

Die drei wichtigsten Mechanismen der Rhetorik stellten sich bis hier bereits dar: Sie offenbart ein Problem (eine Bedrohung), sucht hiermit gezielt — auch international — die Identifikation der Masse und immer und immer wieder eine Legitimation. Darüber hinaus verschleiert sie auch — sagt die Wahrheiten, welche sie sagen muss, betont jedoch emotional die ihr zuträglichen so sehr, dass sie die unangenehmeren einfach kleinstreden kann.

Sie versucht, uns des Denkens zu entledigen, denkt bereits für uns vor (zur Bedrohung: Wenn Amerikaner, Kinder und Zivilisten bedroht sind, so ist dies doch eine ernste Bedrohung für mich als amerikanisches weißes und nicht militantes Kind? Zur Identifikation: Wenn dies ein Kampf Gut gegen Böse und im Namen Gottes ist, wie könnte ich denken, auf der anderen Seite, auf der des Bösen oder Teufels zu sein?

Und zur Legitimation: Wenn wir Gerechtigkeit bringen und um die Freiheit, dies so edle Gut, ringen, so sind all unsere Taten doch legitimiert?). Und so es ihr, was nicht selten der Fall zu sein scheint, gelingt, uns „vorzudenken“, uns etwas glauben zu lassen, das vorher nicht unser Glauben war, scheint die Rhetorik tatsächlich wie im alten Rom „eine Waffe“ — und als solche längst mächtiger als das Schwert geworden zu sein. Schließt sie doch in ihrer Argumentation einem anders als durch sie befürworteten Denken jedwede Möglichkeit zur Gegenwehr bereits aus.

3. Ein Modell für die Propagandaanalyse von Bildmaterial

„Fotos üben heute die Macht über unsere Einbildungskraft aus, die gestern das gedruckte und vorher das gesprochene Wort besaß. Fotos scheinen absolut wahr zu sein. Wir glauben nämlich, dass sie ohne menschliches Dazwischentreten geradewegs zu uns gelangen, und sie sind die geistige Nahrung, die uns am wenigsten anstrengt. Jede Wortschilderung oder sogar jedes leblose Bild erfordert eine Gedächtnisleistung, ehe das Bild in unserer Erinnerung haftet. Im Film dagegen ist der ganze Vorgang des Beobachtens, Beschreibens, Berichtens und dann des Sichvorstellens für den Zuschauer bereits geleistet. Ohne weitere Anstrengungen, außer der des Wachbleibens, rollt im Film das Ergebnis ab, nach dem die Phantasie immer strebt“ (4).

Fotos wirken also deshalb auf uns als „besonders wahr“, weil sie in unserer Vorstellung des menschlichen Urhebers, der durch sie zu lügen vermögen würde, beraubt sind. Wer mit uns spricht, vermag uns zu täuschen. Wer uns schreibt, ebenso. Der Film hingegen produziert Ereignisse, leistet die Arbeit des Sichvorstellens und Beschreibens für uns bereits, was auch ihn weniger glaubwürdig als ein Foto erscheinen lässt.

Doch wie steht es tatsächlich um diese von uns angenommene Authentizität — welche Einflussfaktoren, Abhängigkeiten und Manipulationsmöglichkeiten bestimmen sie?

Ich habe versucht, die bisherigen Daten und Theorien:

  1. die Menschliche Wahrnehmung (nach Walter Lippmann),
  2. die Propaganda als existentiellen Teil der Demokratie (nach Walter Lippmann und Noam Chomsky) und jene, dass
  3. die Medien primär sich selbst und somit mehr der Quote und dem Geld, denn der Wahrheit dienen (nach Noam Chomsky und Philipp Knightley)

wieder auf die „Wahrnehmung“, hier die Wahrnehmung von Bildern, also Fotos, herunterzubrechen. Mein Modell soll verdeutlichen, welche Faktoren unsere Wahrnehmung eines Fotos (unbewusst oder bewusst) beeinflussen — und in welchen kausalen Abhängigkeiten diese zueinander stehen. Beispiele aus Kriegs- und Krisenzeiten untermalen mein Modell.

Bild

Abbildung 1: Faktoren, die die Wahrnehmung eines Fotos beeinflussen

Grob gesagt: Unsere Wahrnehmung eines Bildes ist zu allererst von der Apparatur, die dazu verwendet wurde, das Bild zu erzeugen, abhängig. Dann — wiederum in Abhängigkeit der zuvor genannten Apparatur — von dem Foto selbst. Dieses kann — die Abhängigkeiten von der ersten Apparatur und des Fotos selbst mit berücksichtigend — durch eine zweite Apparatur nachbearbeitet werden. Und am Ende dieser Kette von Kausalzusammenhängen steht letztlich: der Mensch. Denn nach der Abhängigkeit von Apparatur, Foto selbst und wieder Apparatur ist unsere Wahrnehmung eines Bildes zuallerletzt wieder (nach der Abhängigkeit von allen anderen Faktoren) abhängig von uns selbst — und unserer stereotypen Wahrnehmung der Welt. Im Folgenden sollen die entsprechenden Einflussmöglichkeiten anhand von Beispielen aufgezeigt werden.

Apparatur

Welche Apparatur?
Welche Art Foto?
Welches Material?
Welche Lichtverhältnisse?

  • ein Schwarzweiß-Foto sieht anders aus als ein Farbfoto,
  • ein Bild auf altem Papier wirkt alt,
  • ein im Zwielicht aufgenommenes Foto wirkt eher gespenstisch als eine Aufnahme im strahlenden Sonnenschein.

Foto

(aufbauend auf der Apparatur)

Welche Perspektive?
Welches Subjekt?

Genauer: Was wird gezeigt und was nicht, welche Wahrheiten vermag das Foto also einzig zu transportieren? Die ganze Zeichenlehre (Semiotik) wirkt hier hinein.

Bild

Abbildung 2: Wie die Menschen den Golfkrieg sahen

Bild

Abbildung 3: Wie der Golfkrieg wirklich war

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Abbildung 4: Foto, mit dem CNN am 23. März 2002 das Einreißen palästinensischer Wohnhäuser durch Israelis kommentierte

Bild

Abbildung 5: Das Original-Foto, das belegt: Das von AP verwendete Foto wurde nachbearbeitet und „enthumanisiert“ (5).

Apparatur

(aufbauend auf der Apparatur und anschließend dem Foto selbst)

Welcher Kontext?

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Abbildung 6: Robert Capas Foto „Death of a Loyalist Militioman” im Life Magazin von 1936

Bis heute ist unklar, ob und inwieweit diese Foto echt ist. Unter Kontextualisierung eines Bildes wollen wir hier zunächst zwei der vorhandenen Möglichkeiten verstehen: 1. Der Kontext im und 2. der Kontext außerhalb des Bildes. Soll heißen: Der Kontext behauptet, der Soldat „sterbe“ — dies muss nicht der Fall sein. Ebenso wird das Bild der Lokalität Spanien und dem Kriegsgeschehen des Spanischen Bürgerkrieges zugeordnet. Das mag in diesem Fall stimmen, stellt jedoch eine weitere Art der Kontextualisierung dar.

Ob die Bilder der ölverseuchten Kormorane im Golfkrieg tatsächlich aus diesem stammen, ist bis heute ungeklärt.

Bild

Abbildung 7: Fotos aus einem „Konzentrationslager“ in Bosnien, 1992, die in Wirklichkeit (mutwillig in falschen Kontext gebracht) Fotos aus einem „Flüchtlingslager“ sind – und doch den Kriegseintritt der Alliierten heraufbeschworen

Bild

Abbildung 8: Foto aus der New York Times vom 30. September 2000

Am 30. September 2000 erscheint in der New York Times ein Bild eines AP-Fotografen mit der Unterschrift „Ein israelischer Polizist und ein Palästinenser auf dem Tempelberg“. Der rekonstruierte Kontext, der auf den Tempelberg hinweist, ist jedoch äußerst zweifelhaft. Eine Tankstelle mit hebräischer Werbetafel ist auf dem Tempelberg weder zu finden, noch ist dies nach jüdischem Religionsgesetz zulässig. In einem Leserbrief stellt ein Aaron Grossman später klar, dass es sich bei dem angeblichen Palästinenser um seinen Sohn, den jüdischen Studenten Tuvia Grossman aus Chicago handele. Der israelische Soldat habe eine Gruppe von Palästinensern vertrieben, die seinen Sohn überfallen und schwer verwundet hatten. Interner wie externer Kontext waren falsch (6).

Welche Nachbearbeitung?

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Abbildung 9: Ein angebliches Foto vom Attentat auf das World Trade Center am 11. September 2001

Dieses Foto, das einige Tage durch die Medien geisterte, trägt den Titel „A photo from a camera with pictures that had been taken on the trade building of a tourist and the plane is heading behind him to hit the building. The camera was found by rescue workers and developed.“ Wie sich Tage später herausstellte, handelt es sich jedoch um eine Fälschung.

Mensch

(aufbauend auf der Apparatur, anschließend dem Foto selbst und anschließend der Apparatur)

Stereotype Wahrnehmung?

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Abbildung 10: Die Verwendung von Stereotypen

Diese Menschen würde man aller Voraussicht nach — den rechten noch mit einem Baseballschläger versehen — für „gefährlich“ und nicht bspw. für Sozialarbeiter, die gerade einen Nazitreff räumen oder einen leukämiekranken Baseballspieler halten.

Hier nicht vorhandene Indizien, die die unwahrscheinlichere Wahrnehmung eher bestätigen würden, werden gar nicht erst wahrgenommen: Man selektiert.

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Abbildung 11: Die Verwendung von Stereotypen als Mittel der Kriegspropaganda

Auch ohne die direkte Kontextualisierung assoziieren wir aufgrund unserer Erfahrungen, bringen anderes Erfahrene und Gefühle mit in die Betrachtung ein. In den Beispielen oben: Saddam Hussein als Stalin oder Adolf Hitler. Sowie: Peter Arnett von CNN während des Golfkrieges, wie er in die Kamera spricht — obwohl diese von ihm abgewandt ist. Diese Beispiele verdeutlichen außerdem ideal das Zusammenspiel von Stereotypen und der Kultur, die uns umgibt und diese mit definiert.

Medien und Kultur

(auf alles auswirkend)

Konditionierung unserer Wahrnehmung
als auch Beeinflussung des Stereotypenmodells?

  • Bilder im „goldenen Schnitt“ wirken für uns ästhetischer.
  • Ohne das Wissen darum, wie es aussieht, wenn eine Kamera filmt, hätten wir (siehe oben) nicht vermuten können, Peter Arnett spreche in die Kamera.
  • Unsere Wahrnehmung ist vom Hollywood-Kino her konditioniert. Filme mit langen Einstellungen, langen Schwenks und sonst wenigen Bewegungen wie beispielsweise der iranische Film „Quer durch den Olivenhain“ erscheinen uns zumeist träge und langweilig.
  • Wenn Kriege stets ohne Tote medial dargestellt würden, dächten die Menschen irgendwann, Kriege wären so. Wenn über Jahre hinweg jemand als der Böse hingestellt wird, glauben die Leute daran. Was immer wieder, auch visuell, wiederholt wird, glauben wir, da ins Gedächtnis eingebrannt, auch irgendwann. So funktioniert Propaganda.

4. Eine Propagandaanalyse jüngerer Zeit

Wir kämpfen mit Antworten auf Fragen, die noch nicht gestellt worden sind.

Nach den schrecklichen Anschlägen des 11. September waren die Schuldigen bald gefunden und benannt. Dass die Kriegspläne gegen Afghanistan, Irak und 58 weitere Staaten jedoch bereits seit Jahren in den Schränken des Pentagon lagerten, nun eben genau die Staaten die an diesen Anschlägen Schuldigen waren, gegen die man sowieso hatte Krieg führen wollen, dieser „praktische Zufall“ also wunderte kaum jemanden. Und tut es auch im Nachhinein nicht.

Zum damaligen Zeitpunkt, einige Wochen nach dem 11. September 2001, war es für mich überraschend, wie schnell sich (auch in Deutschland und in meinem Freundeskreis) viele Menschen mit der Notwendigkeit eines Krieges, dem Einmarsch Alliierter Truppen in Afghanistan, abzufinden schienen. Doch kämpfte man ja gegen die Terrororganisation Al-Qaida und für die Rechte der Menschen, die dort zu Tausenden unterdrückt und gequält, ja sogar gesteinigt wurden.

Diese kriegslegitimierenden Argumente hörte man in einem fort. Sie saßen in den Köpfen der Menschen fest. Und es war so gut wie unmöglich, gegen sie zu argumentieren, denn wie konnte man für eine Terrororganisation oder gegen die Menschenrechte sein; wie hätte man dies gekonnt?

Lässt man außer Acht, dass Fragen nach einer völkerrechtlichen Legitimation dieses Krieges der Amerikaner und Alliierten, dass Fragen danach, ob die Toten des World Trade Centers dutzende Male mehr Tote, hierunter vornehmlich Zivilisten, in Afghanistan zu rechtfertigen vermögen, ja, ob es für Morden und Kriege, für christliche Zivilisierungsfeldzüge gegen andere Kulturen jemals eine Begründung geben kann, nie gestellt oder bis heute nicht beantwortet worden sind, lässt man dies alles auch außer Acht, hinterbleibt trotzdem ein erheblicher Rest an noch immer möglichen und wohl notwendigen Fragen.

So habe ich mich in der Zeit nach dem 11. September beständig gefragt, woher denn das Wissen um die Al-Qaida und die Steinigungen der Afghanischen Frauen, das Leiden der Afghanischen Bevölkerung generell, so plötzlich kam. Wie dieses Wissen es so überraschend schnell legitim erscheinen lassen konnte, im Kampf gegen das Leiden eines Volkes zu töten. Und auch, wie es dafür sorgte, so vieles andere gänzlich unbeachtet zu lassen: Die Leiden so vieler anderer Menschen, das Sterben halber Völker, den Hungertod tausender Kinder an so vielen anderen Stellen auf der Welt, jeden Tag. Und das Leiden und Sterben eben auch der afghanischen Bevölkerung durch diesen Krieg.

Ich habe mich gefragt, wie die Meinung eines Freundes, es wäre „sowieso einmal an der Zeit, dass man Afghanistan bebombt, so wie die mit den Frauen umgehen da; egal, ob man Bin Laden dabei nun trifft oder nicht", überhaupt eine Meinung zu sein vermochte; betrachtete sie doch nicht die Welt oder den angestrebten Krieg, sondern nur deren winzige Miniaturen, und diese ohne jede Konsequenzen und jeden Kontextbezug.

Ich möchte meine diesbezüglichen Feststellungen und Fragen an dieser Stelle im Raum stehen lassen, jedoch an zwei der scheinbar wichtigsten Stellen die Kriegspropaganda nach dem 11. September zu hinterfragen wagen. Es sind diese Stellen — wie gehabt — die Fragen danach, gegen was man kämpfte: Al-Qaida. Und wofür: Die Menschenrechte der Afghanen.

Wir kämpfen gegen die Terrororganisation Al-Qaida.

Die Gesellschaft für Allgemeine und Integrative Psychotherapie — Deutschland (8) schreibt: „Seit den militärischen Erfolgen der Anti-Taliban-Allianz haben die Medien zunehmend unkritischer (…) (berichtet). So wird nahezu unproblematisiert von der „Terror-Organisation Al-Qaida“ des Terrorchefs Osama Bin Laden gesprochen. Es wird Wirklichkeit nicht mehr erforscht, begründet und belegt, es werden CNN- und Pentagon-Quellen nicht mehr hinterfragt, sondern (es wird) kriegspropaganda-geleitetet oder einfach nur dumm und unkritisch nachgeplappert.“

Das Online-Magazin Heise (9) formuliert am 30. November 2001 darüber hinaus:

„Dr. Saad Al-Faghi jedenfalls, in England lebender Mediziner und saudischer Dissident, muss ‚wirklich lachen‘, wenn er im Fernsehen von Al-Qaida als dem Terrornetzwerk Bin Ladens hört. Er war als Arzt in Afghanistan und kennt die Szenerie des Jihad ebenso gut wie die Situation in Saudi-Arabien. Bin Laden hatte Mitte der 80er Jahre im pakistanischen Peschawar ein Rekrutierungsbüro für junge Araber eröffnet, die am Afghanistankrieg teilnehmen wollten. Anfangs liefen diese Rekrutierungen ohne jede schriftliche Aufzeichnung. Da sich aber immer häufiger besorgte Familien nach dem Verbleib ihrer Söhne erkundigten und Bin Laden keine Auskunft geben konnte, ließ er in Peschawar dann Eingangs- und Ausgangslisten führen, auf denen Name und Datum vermerkt waren. Dr. Al-Faghi dazu in einem Interview mit Frontline:

‚Ich muss wirklich lachen, wenn ich das FBI über Al-Qaida als Organisation von Bin Ladin reden höre. Es ist eine ganz simple Geschichte: Wenn Bin Ladin Leute aus Saudi-Arabien oder Kuwait empfing, tat er dies im Gästehaus in Peschawar. Von dort zogen sie auf die Schlachtfelder und kehrten zurück, ohne Dokumentation. Es gab nur einen freundlichen Empfang, und dann gehst du dahin und nimmst am Krieg teil — eine sehr einfache Organisation. Dann wurde er bedrängt von besorgten Familien, die nach ihren Söhnen fragten — und er wusste es nicht, weil es keine Aufzeichnungen gab. Also ließ er seine Leute in Peschawar Listen über jeden Araber führen, der unter seine Schirmherrschaft kam. Es wurde der Ankunftstag aufgezeichnet und wie lange sie blieben — manche nur für zwei oder drei Wochen, um dann wieder zu verschwinden.

Diese Aufzeichnung, diese Dokumentation, wurde ‚Al-Qaida‘ genannt. Das ist Al-Qaida, überhaupt nichts Geheimnisvolles, keine Organisation wie eine Terroristenorganisation oder eine Untergrundgruppe. Für seine eigene Gruppe hat er meines Wissens nie diesen Namen benutzt. Wenn man sie benennen sollte, würde man ‚Bin Ladin Gruppe‘ sagen — Al-Qaida ist nur die Liste all der Leute, die irgendwann in das Gästehaus in Peschawar kamen. Insgesamt bestimmt 20.000 bis 30.000 Leute, die man unmöglich verfolgen kann. Das meiste dazu ist ohnehin in den Händen der saudischen Regierung, denn die Leute benutzten saudische Airlines, zu einem stark verbilligten Preis. Nur 25 Prozent des normalen Preises nach Islamabad ...‘“

Al-Qaida bedeutet frei übersetzt „Basis“ (10).

Spätestens dies wirft kritische Fragen bezüglich Al-Qaida auf:

  1. Welche Beweise wurden vorgelegt, dass es die Organisation Al-Qaida überhaupt gibt?
  2. Welche Beweise wurden vorgelegt, falls es die Organisation Al-Qaida geben sollte, dass ihre Mitglieder tatsächlich alle Terroristen sind?
  3. Welche Beweise wurden vorgelegt, falls es die Organisation Al-Qaida geben sollte und ihre Mitglieder tatsächlich alle Terroristen sind, dass diese eine direkte Bedrohung für irgendwen sind?
  4. Wie werden Al-Qaida-Mitglieder von Taliban-Kämpfern unterschieden?
  5. Was bedeutet es, wenn vermeintliche Al-Qaida-Terroristen vom CIA „verhört“ werden?
  6. Was heißt es, dass das US-Militär keine Al-Qaida-Gefangenen, also kein Ergeben und Aufgeben, haben will?
  7. Was bedeutet es, wenn die US-Militärs dagegen sind, dass die vermeintlichen Al-Qaida-Kämpfer der UN unterstellt werden?
  8. Was bedeutet es, dass in immer mehr Ländern auf der Welt plötzlich zunehmend Jagd auf „Terroristen“ gemacht wird, diese dann entweder ermordet oder ihrer Grundrechte (11) beraubt inhaftiert und teilweise sogar gefoltert werden?

Wir kämpfen für die Menschenrechte in Afghanistan.

Die Bild-Zeitung vom 18. Juni 2002 titelt auf ihrer Titelseite: „Schock für Afghanistans Frauen! Scharia wieder Gesetz. Kabul — Ist Afghanistan wieder auf dem Weg ins Mittelalter. Schockiert hörten die Frauen auf der Ratsversammlung Loja Dschirga in Kabul, was Präsident Hamid Karsai verkündete: Das Land führt Scharia wieder ein. Die islamische Rechtssprechung schreibt zum Beispiel den Tod durch Steinigung bei Gotteslästerung oder Ehebruch vor.“

Bild

Abbildung 12: Die BILD vom 18. Juni 2002

Wir kämpfen mit jedem Mittel der Sprache um Kriegs-Legitimation.

Gegen wen also haben wir, hat man gekämpft, mit welcher Legitimation — und wofür? Was, ausser dass durch Afghanistan bald eine Eröl-Pipeline (12) laufen wird, hat sich geändert dort?

Russland plant für 2002 eine Öl-Pipeline mit der siebenfachen Kapazität aller bisherigen Pipelines (Tageskapazität 700.000 Barrel) und droht somit, die USA vom zweiten Platz in der Ölförderung zu verdrängen (13).

Als nächstes Land ist nun wieder der Irak Ziel der amerikanischen Kriegspolitik. Denn auch dort gäbe es, so George W. Bush, „das Böse“. Mit Al-Quaida hat das dann nichts mehr zu tun; doch „das Böse“ sei halt auch dort. Und es bereite einen terroristischen Angriff auf den Rest der Welt vor. Selbstredend müsse man sich verteidigen. Und zwar, indem man den Irak zuerst angreift; damit er dies — zuerst angreifen — selbst nicht vermag.


Redaktionelle Anmerkung: Bei diesem Beitrag handelt es sich um den Anhang eines Forschungsprojekts aus Studienzeiten von Rubikon-Herausgeber Jens Wernicke, das im Jahr 2003 entstand.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Noam Chomsky: Schwarzer Faden 4/91, Trotzdem Verlag, übersetzt von Andi Ries
(2) Jens Wernicke: Seminararbeit „Die politische Rhetorik — Mäntel, Hüllen, Intentionen. Eine Analyse der Redekunst nach dem 11. September 2001“ für das Seminar „Terrorismus und Weisheit“ bei Herrn Prof. Dr. Olaf Weber
(3) US-Präsident Bush: Rede „Krieg gegen den Terror“ gehalten am 20. September 2001 vor dem Kongress
(4) Walter Lippmann: Die öffentliche Meinung, München 1964, Seite 70
(5) Articles about lies, concealments and Deceptions; im Internet unter http://www.what
reallyhappened.com/articleslies.html, Stand: 30.11.2002
(6) Bardo Herzig: Medienehtische Kompetenzen; im Internet unter http://dimel.uni-
paderborn.de/dimel/grundlagen/medienethik.pdf, Stand: 30.11.2002
(7) Jens Wernicke: „Fragen wagen. Über den Krieg gegen den Terror — und darüber, dass das Böse immer und überall ist“; im Internet unter http://www.streiflicht-online.de/172002.htm, Stand: 30.11.2002

(8) Rudolf Sponsel: Was beweist das Video? Zur Frage der Urheberschaft des kriegerischen Terroranschlages vom 11.9.2001; im Internet unter http://www.sgipt.org/politpsy/usa/
beweis4.htm, Stand: 30.11.2002

(9) Mathias Bröckers: Die al-qaidisch-ladinistische Weltverschwörung; im Internet unter http://www.heise.de/tp/deutsch/special/wtc/11242/1.html, Stand: 30.11.2002
(10) Begriffserklärungen und Hintergründe zum 11. September 2001; im Internet unter http://www.sellpage.de/1109/glossar.html, Stand: 30.11.2002

(11) Ermittlungen gegen Nuklear-Terroristen. Die Zweifel mehren sich; im Internet unter http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,200507,00.html, Stand: 30.11.2002

(12) Im Internet unter http://www.kein-blut-fuer-oel.de/mitte/oelk.html, Stand: 30.11.2002
(13) Ebd.

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