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Poetischer Protest

Poetischer Protest

Der Dichter Peter Fahr beschreibt in seinem Essayband „Der Atem der Worte“ authentische Kultur als Gegenbild zur allgegenwärtigen Zerstörung.

Artikel schreiben kann doch „jeder“! An Kurzprosa beschreibender, reflektierender oder analytischer Art herrscht wahrlich kein Mangel. Wer also eine Sammlung seiner Essays als Buch veröffentlichen und dafür ein Publikum finden will, muss gute Gründe dafür und den zahllosen anderen Journalisten und Essayisten etwas voraus haben.

Die Aufsätze eines solchen Schriftstellers dürften zwar die Tagespolitik als Aufhänger nehmen, sich aber nicht im Klein-Klein aktueller Aufgeregtheiten verlieren. Sie müssen etwas Zeitloses haben, das über die Phase des Schreibprozesses hinaus Gültigkeit hat. Sie müssen von weit überdurchschnittlicher Qualität sein und beim mehrmaligen Lesen immer neue Bedeutungsebenen erschließen — eher „Slowfood“ für Anspruchsvolle. Was nicht gleichzusetzen ist mit konstruierten Verständniswiderständen, die den Leserkreis auf „Intellektuelle“ zu begrenzen versuchen, um den Autor selbst als einen solchen auszuweisen.

Nach innen über sich hinaus

Ein idealer Essayband muss das Zeitgeschehen mit langem Atem analysieren, ohne langatmig zu sein. Er muss Vorgänge beleuchten, ohne die Rezipienten blenden zu wollen. Für Peter Fahrs Sammlung „Der Atem der Worte“ trifft dies zweifellos zu. Als Lyriker, als Dichter setzt er seine Worte dichter als andere. Seine Essays enthalten nur Wesentliches. Sie sparen Worte und Zeilen und behandeln den Leser nichtsdestotrotz sehr großzügig. Denn ein Band Fahr ist mitunter so gehaltvoll wie fünf oder zehn „ganz normale“ Bücher.

„Der Weg nach innen führt über uns hinaus“ schrieb Fahr in seinem Gedichtband „Selten nur“, in dem er einen Großteil seines lyrischen Schaffens bis 2018 zusammengefasst hatte. Diesen Satz kann man als Essenz von Peter Fahrs Geisteshaltung begreifen.

Die Innenschau — die Vertiefung und Versenkung ins eigene Wesen — ist, so scheint es, nicht gleichbedeutend mit unfruchtbarer „Nabelschau“. „Über uns hinaus“ — das kann auf die Gesellschaft abzielen, auf gemeinschaftliches Sein und Handeln jenseits des kleinen Egos und seiner abgekapselten Privatheit; es kann aber auch auf ein spirituelles Ganzes, auf ein transzendentes „Darüber hinaus“ verweisen.

Reime nähren schlecht

Leicht haben es Lyriker auf dem Buchmarkt noch immer nicht. Davon zeugen zwei Gedichtverse des Autors: „Die berufung ist fatal, / reime nähren denkbar schlecht.“ Dennoch hat es Peter Fahr mit authentischen Versen zu einiger Popularität und zu nicht wenigen Veröffentlichungen gebracht, was dafür spricht, dass der Literaturbetrieb Schlupflöcher der Qualität durchaus noch manchmal öffnet.

Fahr, 1958 in Bern geboren, hat nicht nur Gedichte geschrieben, die mehr als 300 Seiten benötigen, um in einen Sammelband zu passen; er verfasste auch Hörspiele, Erzählungen, Essays und — zusammen mit Illustratorinnen und Illustratoren — Kinderbücher.

Fahr wollte als Jugendlicher Priester werden. Auch eine Berufung als Kunstmaler hat er eine Weile für sich erwogen, bevor die Literatur die Oberhand gewann. Seine umfangreiche Tätigkeit brachte ihm eine ganze Reihe von Preisen und Würdigungen ein, etwa den Poesiepreis des Berner Schriftsteller-Vereins und der RBS-Direktion (1991). Für „Der Atem der Worte“ erklärte sich immerhin der renommierte Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg („Aberleben“) bereit, einen Begleittext zu schreiben.

Die Entfremdung der Empfindung

Mein Kontakt zu Peter Fahr begann, als er 2019 — damals vermittelt durch Konstantin Wecker — einen Essay bei dem Webmagazin „Hinter den Schlagzeilen“ einreichte, das ich betreute: „Die Entfremdung der Empfindung“, in dem er die Gleichgültigkeit vieler Zeitgenossen in Anbetracht der Umweltzerstörung beklagte. Hier schon waren Innen und Außen zu einer multiperspektivischen Betrachtung verflochten, die die menschliche Seele nicht als eine völlig vom gesellschaftlichen Geschehen abgetrennte Größe analysierte.

„Der digitale Mensch ist der Sklave der Maschine. Die seelenlose Maschine beherrscht und beschädigt die Seele des Menschen. Computer machen ihn asozial und im speziellen Fall autistisch. Ihre Algorithmen machen ihn abhängig und im speziellen Fall süchtig. Die Computer beherrschen den Menschen. Der entfremdet sich seiner Empfindung und verliert den Bezug zur (sozialen) Wirklichkeit. In der virtuellen Isolation verliert der Mensch sich selbst und wird zum Homo suizidens, zum Menschen, der sich selbst zerstört.“

Der Lyriker, dessen „Selten nur“ mich sehr bewegt hatte, wagte sich auf das Terrain des Essays, und ich fand diese erste Kostprobe sehr ansprechend — aus Gründen, die ich am Anfang dieses Artikels genannt hatte. Diesem ersten Essay folgten über 30 weitere, die — thematisch sehr divers — einen bestimmten, sehr konzentrierten und intellektuell wie emotional ansprechenden Stil etablierten. Die meisten dieser Artikel sind mittlerweile auch im Rubikon erschienen.

Gleich zu Beginn der Sammlung reflektiert Fahr über den Prozess des Dichtens selbst. Inwieweit ist Lyrik angesichts der brutalen, sehr konkreten Verwerfungen des realen Lebens überhaupt legitim? Ist sie nicht vielmehr Eskapismus, Weltfluchthilfe?

„Ich gestehe, die magische Grenze nicht überwunden zu haben, die soziales Engagement von poetischer Schöpfung trennt: Diesseits Kampf und Plage, jenseits ein Schweben im Kosmischen. Es ist mir noch nicht gelungen, diese Hürde zu nehmen, den Sprung von hier nach drüben zu schaffen. Meine Poesie versickert im Kleinkrieg für Menschlichkeit wie Wasser im Wüstensand.“

Kleinkrieg für Menschlichkeit

Diese Selbstkritik erscheint natürlich überstreng, denn Fahr ist beileibe nicht der Einzige, dessen Werke keine unmittelbaren oder gar nachweislichen Folgen für die politische Gesamtsituation auf unserem Globus haben.

Gute Lyrik verändert nicht unbedingt die Welt, jedoch inspiriert sie Einzelmenschen, die zur Hefe und zum Würzmittel einer zu schaffenden besseren Gesellschaft werden können.

Viele, die sich im „Kleinkrieg für Menschlichkeit“ mit journalistischen und künstlerischen Mitteln mitunter aufreiben, werden diese Selbstbeschreibung des Lyrikers nachvollziehen können: „Ich greife an und will trotzdem geliebt werden. Manche Leser verwechseln die Kritik mit Unmut und Traurigkeit. Sie stellen sich den Autor der angriffigen Texte wütend vor. Sie ahnen nicht, dass ich mir Kritik nur leisten kann, wenn Zuversicht mein Lebensgefühl bestimmt. Geht es mir schlecht, schweige ich. Bin ich traurig, mache ich Witze.“ Zum Glück, möchte man hinzufügen, ging es Fahr offenbar relativ oft gut.

Poesie gegen die technokratische Barbarei

Poesie ist für Fahr nicht einfach eine Verzierung auf eine ohnehin schon schmackhafte Torte, sie ist eine Notwendigkeit — die entscheidende Gegenkraft zum Kälteschock der technisierten Welt.

„Die westliche Welt der Postmoderne — unsere globalisierte Gesellschaft — zerstört die Poesie. Es braucht eine ungeheure Anstrengung, sich den poetischen Blick zu bewahren. Es ist nicht die Zeit für Gedichte. Doch was diese Zeit am dringendsten benötigt, um nicht in die technokratische Barbarei zu driften, sind gerade Gedichte. Ihre Poesie widersetzt sich der wertfreien Rationalität des neoliberalen Menschen. Ihre Magie widerlegt eine irregeleitete Wissenschaft, die nicht Halt macht vor der Ausbeutung und Zerstörung von Mensch und Natur.“

Das wurde, wohlgemerkt, einige Jahre „vor Corona“ geschrieben. Denn die Vorwände für die fortgesetzten Angriffe auf die Integrität der menschlichen Seele wechseln, das Grundprinzip dagegen bleibt gleich: einseitige Rationalität und Zweckdenken, die den Menschen in seiner ganzheitlichen Wesensart verfehlen. Fahr glaubt „an die Moral der Dichtung — eine Kraft, die Menschen ergreifen und gesellschaftliche Prozesse auslösen kann.“ Deshalb behauptet er, in Umkehrung eines bekannten Satzes von Theodor W. Adorno:

„Nach Auschwitz, Korea, Vietnam, Ruanda, Bosnien, Afghanistan, Tschetschenien, dem Irak und Syrien keine Gedichte zu schreiben, wäre barbarisch.“

Militärische Volksdressur

Wichtig bleibt aber auch die Form des Essays, eine Möglichkeit für den Schriftsteller, sich unmissverständlich auszudrücken und trotzdem tiefer zu gehen, als es Durchschnittsprosa meist erlaubt. Besonders aktuell sind Peter Fahrs kritische Anmerkungen zum „Kriegshandwerk“. Nicht nur der eine oder andere militärische Angriff wird von ihm verurteilt, sondern das Militär selbst als Mittel der Volksdressur — nicht so sehr gegen äußere „Feinde“ gerichtet, als gegen die Menschen im eigenen Land, sofern sie das Pech haben, in die Mühlen militärischer „Ausbildung“ zu geraten.

„Die Schweizer Armee dient dem Schutz der Herrschenden, die in Finanz, Wirtschaft und Politik an den Schalthebeln sitzen. Sie ist, wie die Schule, ein Abbild der neoliberalen Wirtschaft, wo nur Leistung etwas zählt, der Ranghöhere den Rangniederen bedroht und schikaniert, der Stärkere den Schwächeren besiegt, und nichts als der Wille zur Macht das persönliche Vorgehen bestimmt.“

Das Militär bringt in gesteigerter Form jene „Werte“ zum Ausdruck, die die Gesellschaft als Ganzes konstituieren. Armee heißt auch Zurichtung von zuvor noch ungeschliffenem Menschenmaterial für die Wirtschaft und andere Funktionszusammenhänge.

„In der Rekrutenschule, der Krönung der bürgerlichen Erziehung, wird die Initiation des Mannes vollzogen. Der Einzelmensch wird gleichgeschaltet und kriegt ein neues Ich verpasst. Auf Kosten der menschlichen Werte und der individuellen Verantwortung wird der Rekrut eingegliedert in die pyramidenförmige Rangordnung, hat Gehorsam zu üben und sein persönliches Gewissen gegen die Verpflichtung gegenüber dem Offiziersstab einzutauschen. Er lernt, vor dem Vorgesetzten zu Kreuze zu kriechen und die angestaute Aggression nach unten abzulassen.“

Die maskierte Gesellschaft

„Der Atem der Worte“ ist grundsätzlich kein tagespolitisch orientierter Essayband. Eher zeichnet er die großen Entwicklungslinien nach, liefert Analysen, Gefühle, Impressionen zum vordergründigen Geschehen. So bleibt der Autor auch von der Corona-Krise nicht unberührt, nähert sich dem Thema aber, indem er sich zunächst auf eine stärkere Distanz begibt, die das Geschehen fremdartig und grotesk erscheinen lässt.

„Was ich sehe, sind makabre Gestalten. Die Papier- und Stoffmasken, die sie tragen, haben ihre Farbe verloren und sind ergraut, sie scheinen festgewachsen wie eine zweite Haut, offensichtlich übergegangen in Fleisch und Blut. Das sind keine Gesichter mit Masken, sondern aschfahle Fratzen mit leerem Blick, die mich, den Maskenlosen, stumm verhöhnen. Erschrocken flüchte ich über das Kopfsteinpflaster. In den Autos, die mir entgegenkommen, sitzen dieselben fleischlich Maskierten, wie in Trance steuern sie geradeaus.“

Ist das noch Realitätsschilderung oder schon eine Horrorfantasie? Es hängt wohl vom Grad der Sensibilität eines Betrachters ab, ob er das Fremdartige und Bedrohliche im „Normalen“ wahrzunehmen vermag.

Im Übrigen ist „Der Atem der Worte“ aber kein Corona- oder Kriegsbuch, sondern ein Werk über Gott und die Welt. Über die Schweiz und Europa, Kultur und Kulturschaffende, Freiheit und Despotismus, Sein und Bewusstsein, die Liebe und den Tod — ja selbst ein Beitrag über Autos findet seinen Platz. Und auch stilistisch weichen die Texte stark voneinander ab. Vom „normalen“ Artikel, der Sachverhalte etwas ausführlicher beschreibt, über die Aphorismen-Sammlung, die fast ohne roten Faden einen Formulierungshöhepunkt an den anderen reiht, bis hin zu Beiträgen, die eher als Kurzgeschichten bezeichnet werden können, wie das Flüchtlings-Kurzdrama „Herr Vogel“.

Schon benennen heißt trösten

Das Buch lässt sich jedoch über seine Themen weniger gut beschreiben als durch den Hinweis, dass Fahr jedem Stoff, dem er sich widmet, etwas Faszinierendes abzugewinnen weiß. Nicht wenige Formulierungen sind Stolpersteine, die man mehrfach lesen und über die man wiederholt nachdenken kann. So etwa in einem Essay über die Liebe:

„Liebe als Sühne für eine Schuld ohne Ende. Und gleichzeitig macht jede Liebe sich schuldig am Ganzen, da sie sich an Einzelnes verschenkt. Die Trauer der Liebenden rührt daher, dass Liebe zum Ganzen unmöglich, weil religiös, ist. Da, wo sie trotzdem vorgibt, umfassend zu sein, wird sie zum Gebet. Aber Gebet ist nicht Leidenschaft. Und Liebe ohne Leidenschaft ist ein Vergehen.“

Trotz aller Skepsis, was die reale Möglichkeit der vollkommenen Liebe betrifft, evoziert Peter Fahr immer wieder heilsame Gegenbilder zur allgegenwärtigen gesellschaftlichen Deformation: Frieden, Toleranz, Zärtlichkeit.

Der Band übt insgesamt keine niederschmetternde Wirkung auf den Leser aus. Eher wirkt er, um einen englischen Begriff zu verwenden, „uplifting“.

Ein Lyriker hat hier seine Stimme erhoben, um den Gewalten und der Dummheit zu widerstehen. Er greift mit den Mitteln poetischer Prosa an, was dabei ist, jede Poesie zu zerstören.

Auf die Zumutungen unserer Zeit solche verdichteten Antworten vorzufinden, ist für sich schon Trost, auch wenn die Benennung des Problems noch nicht gleichbedeutend ist mit seiner Lösung. Um nicht zu resignieren, beschwört Fahr vor allem eine Seelenqualität:

„Die Königstugend des Dichters? Geduld. Wichtig sind das Erleben, die Liebe, der Gedanke, die Poesie — das Werk ist zweitrangig.“

Als Essaysammlung ist „Der Atem der Worte“ aber vor allem eines: erstrangig.


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